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26. Februar 2008, 10:14 Uhr
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Grabenkämpfe bei Unicef

Bislang hielt sie sich zurück, doch in der Talkshow "Beckmann" hat Heide Simonis, Ex-Vorsitzende von Unicef, erstmals über die dubiosen Vorgänge beim Kinderhilfswerk gesprochen: über feige Vorstände, Grabenkämpfe und ihren Rücktritt. Sie selbst sei wie eine "Donnerhexe" bei Unicef aufgetreten. Von Niels Kruse

Heide Simonis sprach im Fernsehen über ihre Zeit bei Unicef© Marcus Brandt/DDP

Knapp 20 Minuten warf Heide Simonis ihre Statements ab wie Bonbons in die Menge: über die SPD, deren Chef Kurt Beck, das Verhältnis zur Linkspartei und mögliche Koalitionen in Hessen und Hamburg – routiniert, kurz, beinahe lustlos. Erst als Gastgeber Reinhold Beckmann das Gespräch auf Gerhard Schröder, nicht unbedingt ihr bester Freund, und seine Agenda 2010 lenkte, fuhr Temperament in die ehemalige Ministerpräsidentin. So sehr, dass der Moderator freudig fragte, ob es sie denn nicht jucken würde, wieder mitzumachen. Jetzt, wo sie doch wieder frei sei.

Nein, antwortete Simonis trocken: "Ich bin raus, das sollen andere machen". Und wie raus sie ist. Als Regierungschefin Schleswig-Holsteins schon lange, als Unicef-Vorstand seit einigen Wochen. Ihr Besuch in der ARD-Talkshow war der erste öffentliche Auftritt, bei dem sie über die Ungereimtheiten beim Kinderhilfswerk sprach. Über Fundraiser, die ohne nachvollziehbare Gründe dicke Honorare bekommen haben sollen, über angebliche Handschlaggeschäfte, über die es nichts Schriftliches gibt, kurz: über dubiose Vorgänge, die den Ruf der Organisation seit Monaten mächtig zusetzen. Und den ihren auch nicht gerade förderten.

"Ein anonymer Brief ist nicht unproblematisch"

Heide Simonis stand der deutschen Sektion seit Anfang 2006 vor. Die Machenschaften, um die es geht, sollen vor ihrer Amtszeit begonnen haben. 2005 um genau zu sein. Seit dieser Zeit, so das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das das Spendensiegel für gemeinnützige Organisationen vergibt, habe Unicef "wahrheitswidrig behauptet, keine Provisionen für die Vermittlung von Spenden bezahlt zu haben". Es war die "Frankfurter Rundschau" die im November 2007 erstmalig darüber berichtete, lange bevor das DZI dem Kinderhilfswerk das Spendensiegel entzog und damit das Vertrauen von Hunderttausenden von Geldgebern.

Dem Blatt wurde damals ein anonymer Brief zugespielt, in dem geschrieben stand, das Hilfswerk würde Spendengelder missbrauchen, so etwa auch für den Umbau der Kölner Zentrale. Heide Simonis kannte diesen Brief schon länger. Dasselbe Schreiben habe sie bereits im Mai zugeschickt bekommen, sagte sie nun. Warum es bis zum Spätherbst gedauert hat, bis die Sache bekannt wurde, erklärt die Ex-Politikerin bei Beckmann so: "Ein anonymer Brief ist nicht unproblematisch. Also haben wir die Anschuldigungen in kleiner Runde geprüft. Schließlich gilt die Unschuldsvermutung."

Es gibt für einige Beraterhonorare keine Verträge

In vier Sitzungen will sie zusammen mit dem Schatzmeister und ihren beiden Stellvertretern nachgeforscht haben. Doch, und das ist unstrittig eines der Probleme, mit denen sich das UN-Kinderhilfswerk nun beschäftigen muss: Es gibt für einige Beraterhonorare keine Verträge. Zumindest keine schriftlichen. Deshalb sei es kaum möglich gewesen, nachzuvollziehen, wohin welches Geld geflossen sei, ob also die Anschuldigungen überhaupt stimmen würden. Simonis sagt, sie wollte die Öffentlichkeit informieren, aber es habe Leute im Vorstand gegeben, die der Meinung gewesen seien, so etwas mache man vielleicht in der Politik, aber nicht bei einer Organisation wie Unicef.

Allerdings vermutet sie, dass der anonyme Brief aus Reihen des Unicef-Vorstands gekommen sein könnte. Also ein Insider ein Interesse daran hatte, das das Geschäftsgebaren der Spendensammler publik wird. Plötzlich jedenfalls lag das Schreiben bei der "Rundschau" und viele prominente Unterstützer mussten aus der Zeitung erfahren, was da los ist in Köln. Simonis habe sich darüber geärgert, sie sagt: "Es war mein Fehler, dass ich gedacht habe, der Brief würde erst dann an eine Zeitung gehen, wenn wir nichts unternehmen. Aber nicht, wenn wir etwas tun."

Angekommen wie eine Donnerhexe

Nun steht auch sie selbst in der Kritik. Anfang Februar sprach Reinhard Schlagintweit, ihr Vorgänger und Interimsnachfolger als Unicef-Chef sogar von einem "Problem Simonis". "Sie war zwei Jahre lang Vorsitzende; sie hat nie etwas zu beanstanden gehabt". Außerdem warf er ihr vor, nicht in der Krise zur Seite zu stehen und spielte damit auf ihren Rücktritt im Dezember an. Auch Unicef-Botschafterin Sabine Christiansen sprang ihm zur Seite und gab sich "enttäuscht", dass die Krise nicht gemeinsam bewältigt wurde.

Dabei scheinen nicht wenige durchaus glücklich über ihren Abgang gewesen zu sein. "Ich bin da damals angekommen wie eine Donnerhexe und habe halt genervt", sagt sie. Rausgeschmissen worden aber sei sie nicht, auf diese Feststellung legt Simonis Wert. Aber abgeschnitten habe man sie. "Es hat soviel Kraft gekostet, uns gegenseitig zu bekämpfen, da bin ich dann freiwillig gegangen." Und außerdem wolle sie nicht den Kopf für etwas hinhalten, was sei nicht gemacht habe.

Aber irgendjemand wird etwas gemacht haben. Nur wer? Der alte und neue Vorsitzende Schlagintweit, der seine Vorgängerin öffentlich abwatscht, könnte Teil des Problems sein. Zumindest fallen die Ungereimtheiten noch in seine Amtszeit. Außerdem wird ihm ein gutes Verhältnis zum mittlerweile ebenfalls zurückgetretenen Geschäftsführer Dietrich Garlichs nachgesagt. Ganz im Gegensatz zu Simonis, die sich offen mit ihm zerstritten hatte. Und für viele, auch für die Mitarbeiter, steht der Hauptschuldige an der Misswirtschaft ohnehin bereits fest: Dietrich Garlichs. Wie für Heide Simonis: Auf die Frage, wer denn die Verantwortung tragen würde, antwortete sie ohne Umschweife: "Der Geschäftsführer".

Von Niels Kruse
KOMMENTARE (10 von 10)
 
EspritCritique (26.02.2008, 13:48 Uhr)
@Ludwig2008
Es ist ziemlich zweifelhaft, dass es hier keine Verträge gab. Was leider immer wieder vergessen wird, ist die Tatsache, dass auch mündliche Verträge (mit ein paar Ausnahmen) volle Rechtsgeltung haben.
Entscheidend ist also nicht, ob der Vertrag mündlich oder schriftlich abgeschlossen wurde, sondern ob die Gegenleistung ganz offensichtlich das Geld nicht wert war. Dann kommt eine Untreue in Betracht. Denkbar ist auch ein Betrug, aber das ist alles eine Sache der genauen Faktenlage, die man erst einmal herausfinden muss, bevor man wie ein Rohrspatz schimpft. Geschwafel wie das von ecomoc4u ist darum auch völlig neben der Spur. Der Vorwurf gegen Unicef ist weniger ein strafrechtlicher (obgleich ich das natürlich nicht abschließend beurteilen kann), sondern eher ein ethischer. Allein auf dieser Basis von Verbrechen etc. zu faseln, ist schon ziemlicher Unsinn.
Allerdings ist es auch bemerkenswert, mit welch schalen Platitüden Frau Simonis meint, den Vorwurf nicht ausreichender Kontrolle entkräften zu können (s. dazu mein vorheriger Beitrag). Indes wäre es absurd zu verlangen, dass sie dafür ins Gefängnis wanderte.
Ludwig2008 (26.02.2008, 13:06 Uhr)
Geldfluß ohne Verträge?
Hallo! Ich glaube mich an Fälle bei anderen Firmen erinneren zu können in den letzten Jahren, bei denen Geldflüße ohne Vertäge den Verantwortlichen Bewährungsstrafen eingebracht haben, also entschieden wurde, dass dies sehr oft strafbar war.
.
Kennt sich hier jemand damit aus? Ist das strafbar?
ecomoc4u (26.02.2008, 12:25 Uhr)
schäm dich deutschland
das ist wohl das beschämenste was unicef je widerfahren ist. hier werden in grossem stil schwarzkonten angelegt, gelder gewaschen, verbrecher bereichert. (simonis trifft keine schuld, sie hat ja versucht den kriminellen vorstand zur rede zu stellen, und zog die konsequenzen).
meine frage lautet eigentlich nur:
wann werden diese verbrecher bestraft. wie lange werden die haftstrafen dauern. werden konsequent alle zukünftigen bezüge, rente, abfindung, etc.. gestrichen werden.
wenn da wieder nix passiert, macht euch auf eine welle von (links) gefasst.
sophisticated (26.02.2008, 12:05 Uhr)
Ausrangierte Politiker/innen
gibt es viel zu wenige, das stimmt! Meistens werden sie noch im hohen Alter in politischen Stiftungen, oder mit irgendwelchen Beraterhonoraren und/oder Vermitttlungs- bzw. Kommentarfunktiönchen bestens versorgt. Ich bin nun wirklich kein Fan von Frau Simoni (vielleicht sogar eher das Gegenteil), aber sie zieht sich immerhin zurück.
EspritCritique (26.02.2008, 10:45 Uhr)
Selbstgerechtigkeit
Natürlich, Frau Simonis, wie könnte es jemals sein, dass Sie auch nur den Hauch eines Fehlers begangen hätten. Das ist ja völlig ausgeschlossen.
Also bitte: Wenn ich im Mai einen Brief mit derartigen Vorwürfen bekomme, dann wird das spätestens auf der nächsten Vorstandssitzung besprochen und die findet ja wohl hoffentlich alle zwei oder vier Wochen statt. Dann hat man im Juni Klarheit. Und Frau Simonis beschwert sich darüber, dass man ihr vorwirft, nichts getan zu haben? Ja genau, Frau Simonis! Offensichtlich fünf Monate lang. Diese Inkarnation der Selbstgerechtigkeit ist unerträglich. Nur gut, dass sie sich zurückziehen möchte. Das sollte sie dann aber auch bitte bald und gründlich tun. Man muss ja förmlich noch dankbar sein, dass es damals diesen Nichtwähler in ihrer Fraktion gegeben hat und sie darum nicht mehr MP von SH ist.
rynaldo (26.02.2008, 10:39 Uhr)
Ausrangierte Politiker/innen
@sophisticated
...ja, Altherrenriege kommt immer gut. Nur was hat Frau Simonis die ganze Zeit gemacht - Fingernägel gekaut? Offenbar erwarten wir von ausgedienten Politerker/innen überhaupt nichts mehr.
sophisticated (26.02.2008, 10:22 Uhr)
Besser informiert
war man über diese Angelegenheit, wenn man in den letzten Wochen regelmäßiger Leser der FR war. Von daher ist dieser Artikel leider ein schlechter Abstract des Unicef-Skandals. Man kann zu Frau Simonis stehen wie man will, viel hat sie nicht falsch gemacht. Die Alt-Herren-Riege (Schlagintweit und v.a. Garlichs) haben mit unglaublicher Arroganz in Gutsherrenmanier über Spendengelder "verfügt" (um nichts Schlimmeres zu behaupten) und sind aus Schludrigkeit oder devotem Gewährenlassen (Sabine Christiansen) damit lange durchgekommen.
Wer den Ruf von Unicef-Deutschland nutzen will sorgt für umfassende Aufklärung - und dazu gehört der Rücktritt der gesamten Führung (inclusive der "Botschafter") und für eine Interimszeit die Einsetzung eines professionellen Führungsteams. Erst danach kann man wieder anfangen, vorsichtig neue Strukturen aufzubauen, mit demokratischen Kontrollmechanismen - und glaubhaften Unicef-Botschaftern.
rynaldo (26.02.2008, 09:58 Uhr)
Heilige Johanna
... wie immer bei Heide Simonis sie ist der Inbegriff des "guten Menschen" - die heilige Johanna der Schlachthöfe. Auf dieser Masche reitet Sie schon Jahrzehnte.
ak95630 (26.02.2008, 08:52 Uhr)
Dubios
Frau Simonis war Chefin von UNICEF Deutschland. Wie ist es da möglich, dass sie gar keine Verantwortung für die dubiosen Vorgänge trägt? Das geht wohl nur bei (ex-) Politikern!
undjetztnochder (26.02.2008, 08:01 Uhr)
Richtig gemacht
Dass Heide Simonis sich einst für unicef engagierte war richtig. Dass sie versucht hat, die Affäre nach dem anonymen Hinweis zunächst intern zu klären, war ebenfalls richtig. Und richtig war es auch, öffentlichkeitswirksam zurück zu treten, als der Vorstand sich bei der Aufklärung des Sachverhaltes bockig stellte und Fr. Simonis hier nicht vorbehaltlos unterstützte - nur so wurde die Tür aufgestossen für eine (schmerzhafte) Reinigung. Der noch im Amt verbleibende Vorstand unicef Deutschland hat m.E. erheblichen Schaden für die Organisation zu verantworten und hat mehrere Chancen zur Schadensbegrenzung ungenützt verstreichen lassen. Die Spender sind in Scharen davon gelaufen, die Ehrenamtlichen und die Botschafter wenden sich ebenfalls mit Schaudern ab. Das ist sehr schade und sehr traurig, wenn man bedenkt, wofür unicef weltweit eigentlich antritt. Nun muss endlich gehandelt werden: Ross und Reiter beim Namen nennen und juristische Schritte gegen die Schuldigen einleiten. Transparenz herstellen. Die Verwaltungskosten auf ein erträgliches Maß herunterschrauben. Ein neuer Vorstand mit unverbrauchten Persönlichkeiten. Eine glaubhafte öffentliche Entschuldigung. Nur dann besteht die Option, dass Vertrauen wieder hergestellt wird. Und die Zeit drängt: es gibt genügend andere Hilfsorganisationen, die das z.T. alles viel besser machen. Und die vielen Spender, die - wie ich - sich momentan von unicef abgewandt haben werden warten - aber nicht ewig. Spätestens zum Jahresende wird das Dauerspendengeld neue Häfen gefunden haben, und wenn unicef nicht aufpasst, ist diese Organisation dann nicht dabei. Und dann wird es viele Jahre dauern, um auf das alte Niveau zurück zu kehren. Schade - vor allem für die vielen bedürftigen Kinder dieser Welt.
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