Die Formel 1 startet am Sonntag auf dem runderneuerten Nürburgring. Der Umbau zum Erlebnispark sollte mit privatem Geld gestemmt werden. Doch die Finanzierung des Projekts ist dubios, wie stern.de im Februar aufdeckte. Rheinland-Pfalz verliert Millionen Euro - und der Finanzminister seinen Job. Von Bertram Job und Jens Tartler

Ein Baustellenschild am Nürburgring verweist auf den größten Finanzier des Projekts: die landeseigene Nürburgring GmbH© Juergen Schwarz/DDP
Der Gesang der Baumaschinen ist zum Dauerhit geworden zwischen den grünen Hügeln in der Eifel, die an Motorenlärm gewöhnt sind. Pünktlich zum ersten Training des Formel-1-Laufs am Donnerstagvormittag wird an den Baustellen am Nürburgring nochmals Vollgas gegeben. Es soll ein fulminantes Wochenende werden. Der junge Pilot Sebastian Vettel will vor deutscher Kulisse "in die Punkte fahren". Felix Sturm, Boxchampion aus Leverkusen, tritt am Samstag in der nagelneuen Indoor-Arena an, um seinen WM-Titel im Mittelgewicht zu verteidigen. Und als Highlight wird schon am Donnerstag die 250 Millionen Euro teure Erlebniswelt direkt neben der Rennstrecke offiziell eröffnet. Die Werbung verspricht "einen 15.000 Quadratmeter großen Freizeitpark rund um Mythos, Motorsport und Mobilität". Doch die Euphorie hat diese Woche einen kräftigen Dämpfer bekommen: Jetzt gibt es Crime statt Kirmes.
Unter den 1200 Ehrengästen, die am Donnerstag zur Einweihung des nagelneuen Event-Centers erwartet werden, wird einer fehlen: Ingolf Deubel. Zwei Tage nach seinem Rücktritt als rheinland-pfälzischer Finanzminister hat er sich von der Laudatorenliste streichen lassen. Statt zu feiern, muss Deubel sich nun seiner Rolle in der "Nürburgring-Affäre" stellen. Seine Aufgabe war es, für das Projekt private Investoren zu finden, um den Landeshaushalt zu entlasten. Deubel ließ sich auf windige Geldgeber ein und einen Schweizer Makler, über den der SPD-Politiker sagt, er könne nicht ausschließen, dass dieser "strafrechtlich relevant gehandelt" habe. Jetzt ist die Privatisierung geplatzt, Steuergeld in Millionenhöhe futsch und Deubel seinen Posten los. Der gibt sich zerknirscht. "Natürlich war das ein politischer Fehler. Wahrscheinlich habe ich auch unterschätzt, welche Bedeutung das hier in Mainz bekommen würde."
Ausgangspunkt des ganzen Unheils ist die Bekanntschaft Deubels mit zwei Männern aus Wiesbaden vor gut einem Jahr. Die betreiben die Firma Pinebeck mit Sitz in Luxemburg. "Sie hatten ein Modell zur Immobilienfinanzierung. Das war zwar erklärungsbedürftig, aber ich habe es verstanden", sagt der Ex-Minister. Nach diesem Modell ist das Projekt "Nürburgring 2009" um 50 Millionen Euro günstiger zu realisieren als mit einer reinen Staatsfinanzierung. Finanzexperte Deubel ist fasziniert von dieser Perspektive.
"Die taten dann Barandun auf." Urs Barandun - das ist der Schurke in dem ganzen Stück. Der 49-jährige Schweizer nennt sich Kreditvermittler. Er soll für Deubel die Investoren beschaffen. "Die Banken haben den geprüft", sagt der Politiker heute. "Mehr als internationale Banken kann auch ein kleines Bundesland nicht tun." Später allerdings sitzt Barandun angeblich drei Wochen in Dubai in Untersuchungshaft. Vorgeworfen wird ihm, er habe in dem Emirat am Persischen Golf mit einem ungedeckten Scheck in Höhe von 1,4 Millionen Schweizer Franken bezahlen wollen.
Deubel hat zunächst einen guten Eindruck von dem Mann, der sehr eloquent auftritt. Weil aber die Konditionen des geplanten Sale-and-Leaseback-Geschäfts am Nürburgring auffallend günstig sind, gehen auch bei Deubel "alle Alarmglocken an". Deshalb beauftragt er die renommierten Anwaltskanzleien Redeker und Clifford Chance, die das Modell prüfen sollen. Ergebnis nach Deubels Aussage: "Keinerlei Risiko für die landeseigene Nürburgring GmbH."
Zum politischen Sprengsatz wird aber, dass Barandun vom Land fordert, 95 Millionen Euro auf ein Bardepot in der Schweiz zu überweisen. Das Geld brauche er, um die Geschäfte abwickeln zu können. Das Konto läuft zwar auf die Nürburgring GmbH, und Barandun kann allein nicht darüber verfügen, doch im Mainzer Landtag kommt das Konstrukt ganz schlecht an. Nicht nur CDU und FDP jagen Deubel jede Woche im Haushaltsausschuss. Auch die Sozialdemokraten fürchten ein Risiko für das Land.
Hinzu kommt: Die Investorensuche läuft schleppend. Immer wieder überschreitet Barandun Fristen. Dann heißt es plötzlich, er habe einen ganz dicken Fisch an der Angel: Pierre S. DuPont V. ("der Fünfte") soll der Geldgeber sein, ein Nachkomme der amerikanischen Chemiedynastie. "Die Identität des Geldgebers konnte aber nie zweifelsfrei festgestellt werden", gibt Deubel zu. Da passt es ganz gut, dass auch Barandun abstreitet, Barandun zu sein, als er einmal in Zürich von einem deutschen Fernsehteam gestellt wird. Auch das versprochene Geld aus den USA kommt nie. Bis zur letzten Frist am Montagabend gibt es zwar Schecks. Aber es lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob diese "werthaltig" sind, wie Deubel sagt.
In diesem Moment wird ihm und Ministerpräsident Kurt Beck "klar, dass wir die Reißleine ziehen müssen". Die Entscheidung für den Rücktritt fällt in der Nacht von Montag auf Dienstag. Deubel sagt, es wäre ihm unmöglich gewesen, in seinem Job weiterzumachen wie bisher: "Wenn ich mal wieder eine Idee gehabt hätte, hätten sich alle angeschaut und gedacht: Ja, ja, wieder so was wie beim Nürburgring."