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Die Hunde des Krieges

Olaf, Dirk und Norman verdienen ihr Geld beim Einsatz Im Irak. Sie eskortieren Ingenieure oder schieben Wache zum Schutz der Armee. Sie fahren wie die Teufel und schießen auch so - drei Deutsche im Dienst des Pentagons.

Bevor es losgeht, hat Dirk sich Handschuhe angezogen, Olaf ein Kaugummi und Norman einen Lolli in den Mund geschoben. Wenn sie fahren, dann möglichst mit 150 km/h und dauerndem Spurwechsel. Wer vor ihnen im Weg ist, wird einmal angehupt. Wer nicht schnell genug von der Straße kommt, wird gerammt, dann beschossen. Sie mögen Autos ohne kugelsichere Scheiben, denn "da kann man besser durchschießen". Nach draußen.

Seit über einem Jahr verdienen Dirk G., Olaf B. und Norman B. ihr Geld im Irak. Als Söldner. Drei von mehr als 20 000, die das Pentagon zur Fortsetzung des Krieges mit privaten Truppen bezahlt. Meistens gehen ihre Fahrten gut. Manchmal nicht.

Wie an jenem Mittag des 25. August 2004, als ein Team mit Olaf und Norman in Bagdad zwei Wasserbauingenieure zu ihrer Baustelle eskortierte. Als sie ankamen, sah Norman einen der Bauarbeiter hektisch in sein Mobiltelefon sprechen: "Da hat er uns wohl angekündigt." Kaum waren die Sicherheitsleute mit ihren "Schutzpersonen" auf dem Rückweg, tauchte auf einer Brücke 150 Meter vor ihnen eine Gruppe Bewaffneter auf. Olaf gab es gerade per Funk durch, da schossen die Iraker schon. Und die Deutschen schossen zurück, durch die Scheiben. "Die Iraker hatten mit gepanzerten Fahrzeugen gerechnet", freut sich Norman. "Aber die sind zu unbeweglich, und man kann nicht durchs Fenster rausschießen. Bei unseren leichten Jeeps schon."

Ihr Konvoi wurde von der Brücke beschossen, aus Häusern zur Rechten, aus Fahrzeugen, die von beiden Seiten auf sie zufuhren. Sie erwiderten das Feuer bei voller Fahrt, während die Männer am Brückengeländer Handgranaten warfen und jemand versuchte, eine Panzerfaust in Position zu bringen.
Norman: "Den haben wir als Ersten erledigt und dann die Fahrzeuge neutralisiert."

Der einzige gepanzerte Wagen

mit den beiden Ingenieuren bekam zwei Treffer in den Kühler ab und war nicht mehr fahrfähig. "Den habe ich bei 130 Stundenkilometern gerammt und anderthalb Kilometer weit geschoben, raus aus der "kill zone". Die Amerikaner haben uns dann diesen Namen gegeben: "The Wall of Steel", weil es das ist, was wir hinter uns gelassen haben: eine Menge zerstörter Fahrzeuge. Eine Menge verletzter, toter Rebellen. Man sprach so von 25 Angreifern, wobei bestätigt 16 umkamen."

Olaf: "16, bestätigt von der US-Armee." Norman: "Bis dato war das der größte Anschlag auf zivile Beschäftigte. Aber jetzt ist die Zahl auch schon getoppt." Für ihn sei es nicht der erste Angriff gewesen, "aber der beeindruckendste, was die Leistung unseres Teams angeht! Jeder wusste, was er zu tun hatte!" Datum und Ort des Angriffs haben sie sich auf die eine Seite der Brust tätowieren lassen. Auf der anderen steht die Blutgruppe.

Es sind ihre letzten Tage im frühherbstlichen Deutschland. Sechs Wochen Urlaub, drei Monate Irak, das ist der Rhythmus von Olaf, Norman und Dirk. Bald wird es wieder losgehen: mit dem Zug über Frankfurt zur US-Luftwaffenbasis Ramstein, mit dem Transportflugzeug nach Kuwait, weiter zum Camp Anaconda nördlich von Bagdad, zwischendurch tagelanges Warten, schließlich mit dem Helikopter nach Kasik: in ein gigantisches Armeelager in der Steppe nordwestlich von Mosul. 5000 Soldaten der "New Iraqi Army" sollen hier den Krieg lernen. Aber vorsichtshalber werden sie bewacht von 300 kurdischen Peshmerga und 20 internationalen Söldnern im Dienste des Pentagon - darunter Südafrikaner, ein Neuseeländer und die Deutschen. Bezahlt wird ab dem ersten Tag im "theatre", wozu bereits Kuwait gehört. Rund 18 000 US-Dollar verdient Norman in einem Monat. Sofern er ihn überlebt. "Waffen stellt die Firma. Anbauteile bringen wir mit", sprich Zielfernrohre, Ersatzmagazine, Sturmwesten.

Auch in Deutschland

üben sie immer wieder auf einem Schießstand. Vor allem um ihre Bewegungen abzuspulen, ohne nachdenken zu müssen. Sie positionieren sich auf einer Bahn mit versetzten Deckungswänden und stürzen los. Norman ruft: "Bumm, bumm, bumm." Olaf ruft: "Bumm, bumm." Einer läuft vor zur nächsten Deckung, der andere gibt ihm Feuerschutz. Norman: "Bumm, bumm, bumm." Olaf: "Train hard, fight easy! Man muss das automatisieren, Waffenwechsel, Magazine wechseln, immer wieder."

Auf dem Boden liegen Patronenhülsen.
Norman: "Wenn man beschossen wird, zieht sich alles zusammen. Das Blut geht aus den Händen ins Körperinnere. Das Adrenalin wird literweise reingepumpt, das Gehör ist weg. Unter absolutem Stress muss alles automatisch gehen, auch der Magazinwechsel mit klammen Fingern. Das funktioniert nur, wenn man das geübt hat ohne Ende."

Habt ihr Menschen getötet? Norman: "Wahrscheinlich ja." Olaf: "Genau weiß ich das nicht." Norman: "Doch, sicherlich." Olaf: "Du ja." Dirk: "Man hält in Bagdad nicht an und guckt, was passiert ist. Wo die Kugel ankommt, das ist teilweise nicht nachvollziehbar. Darüber nachdenken kann man hinterher." Als Söldner möchte er trotzdem nicht gelten: "Für mich ist das Selbstverteidigung, das ist nicht mein Krieg. Aber wenn wir einen Konvoi bewachen und angegriffen werden, schießen wir eben zurück".

Norman sieht das etwas anders: "Wenn Söldner zu sein bedeutet, dass ich Geld für das bekomme, was ich tue, okay, dann bin ich ein Söldner. Aber ich bin bei einer ganz normalen Firma angestellt. Nur ist mein Arbeitsplatz halt im Irak." Ein Arbeitsplatz, für den sie sich per E-Mail beworben haben. Lebenslauf, ein paar Referenzen, "aber das Wichtigste sind natürlich Empfehlungen von unseren Kollegen", sagt Norman. Die Firma wollte wissen, wo man schon gearbeitet, gekämpft und geschossen hat. Es gab eine Überprüfung, aber nicht einmal ein Einstellungsgespräch. Sondern nach der Einstellung den Marschbefehl via E-Mail. Man kenne sich halt untereinander.

Während die anderen beiden auf Umwegen in den Krieg kamen, war für Norman schon als Kind klar: "Ich will Soldat werden. Nicht Feuerwehrmann oder Lokomotivführer, sondern Soldat." Nach der Realschule ging er bald zur Bundeswehr, anschließend zu einer US-Eliteeinheit. Dort blieb er ein paar Jahre: als Scharfschütze in Kolumbien gegen Guerrilleros, beim Dschungelkampf-Training in Französisch-Guayana mit der französischen Fremdenlegion, bei Geheimoperationen in Bosnien - wo sich einmal, nach dem Abseilen aus dem Hubschrauber in komplett schwarzer Montur, seine Kontrahenten ohne einen Schuss ergaben, "weil wir aussahen wie vom Mars".

Auf und über der Anrichte im heimatlichen Wohnzimmer nehmen US-Orden, Abzeichen und Zeugnisse eine halbe Wand ein. Es gebe da einen Film, fällt ihm ein, "Eine Frage der Ehre", wo "ein Soldat der Marines sagt: Das ist die Art, wie wir leben wollen! Und so will ich auch leben: klare Regeln, denen ich gern folge. Der Spruch der Marines ,semper fidelis", immer treu - dazu stehe ich".

Bei der Bundeswehr

waren alle drei. Aber während Olaf, der Jüngste, für Jahre dort blieb und Dirk später als Bodyguard auf Ralf Schumacher und andere Formel-1-Fahrer sowie Delegationen der israelischen Botschaft in Berlin aufpasste ("die hatten meine Nummer aus dem Branchenfernsprechbuch"), ist Norman seit 1989 von Krieg zu Krieg gezogen.

Für die Branche machte die US-Invasion den Irak zum gelobten Land: Kaum war Bagdad erobert, erkannten die Amerikaner, dass sie viel zu wenig Soldaten hatten. Erst kamen Hunderte, dann Tausende Söldner. Mittlerweile stellen die privaten Kämpfer Dutzender Firmen mit rund 20 000 Mann das zweitgrößte Truppenkontingent, noch vor den Briten. Die großen Firmen heißen "Custer Battles" oder "Blackwater" und haben über 1000 Kämpfer nebst Hubschraubern vor Ort.

Seit den napoleonischen Kriegen

sind Söldner kaum mehr so wichtig gewesen. Der Krieg wird privatisiert - und entgleitet der Kontrolle: Noch immer gilt im Irak jenes Übergangsgesetz, das Paul Bremer, US-Statthalter in Bagdad bis Juni 2004, erlassen hatte. Es erklärt alle "Private Military Contractors" im Dienste der Amerikaner für immun gegenüber der irakischen Justiz. Wer eine Gefahr erkennt, darf sich verteidigen. Aber was ist eine Gefahr? "Wir sind ja nicht dazu verdammt, erst auf uns schießen zu lassen", sagt Norman. Und: "Es gibt ja eh noch keine Gerichtsbarkeit."

Vor Jahren schon hatten sich die drei bei einem Schutzeinsatz in Bosnien kennen gelernt. Über einen Ex-Kollegen von damals kam Mitte 2004 der goldene Anruf: Ob sie nicht in den Irak kommen wollten? Konvois beschützen. Sie kamen. Nach Taji, in ein US-Lager 30 Kilometer nördlich von Bagdad. Zuständig dafür, ihre "Schutzpersonen" lebend von A nach B zu bringen, wobei sie oft mehrmals am Tag beschossen wurden. Einmal raste ein Iraker auf sie zu, hielt nicht, wurde beschossen, rammte eine Betonsperre, kletterte blutüberströmt aus seinem Wrack und sagte nur: "No brakes." Sein Auto hatte keine funktionierenden Bremsen. Ob er überlebt hat, weiß Dirk nicht.

Eigentlich sei er "ein sehr friedvoller Mensch. Aber was die Verteidigung von mir, meiner Schutzperson oder meinen Kollegen angeht, damit habe ich noch nie einen Gewissenskonflikt gehabt". Angst schon eher, weiße Knöchel von der Anspannung am Steuer des ersten Wagens im Konvoi, dessen Fahrer entscheiden muss: "Ramme ich das Auto vor mir? Wechsle ich, wenn sich der Verkehr staut, auf die Gegenfahrbahn? Halte ich gar an?" Eine Angst, die gläubig mache. Nicht gerade an Gott, aber an kleine Rituale: "Ich habe immer als Erstes meine Handschuhe angezogen, feucht gemacht, dann das Lenkrad geknetet, um den Griff zum Auto zu fühlen." Olaf: "Ich bin nie ohne Kaugummi losgefahren."

Norman: "Und ich nie ohne Lolli!"
Olaf: "Das ist so: Man fährt das erste Mal raus, Kaugummi im Mund, und alles geht gut. Ab dann fährt man immer mit Kaugummi." Man glaube, findet Norman, ans Schicksal. "Ich jedenfalls denke schon daran, dass es irgendwo eine Kugel gibt mit meinem Namen darauf. Wenn es so weit ist, dann ist es so weit. Aber meist sagt man sich: Heute ist kein Tag zum Sterben. Heute wird nichts passieren. Und so ist es dann auch. Man glaubt - an das Team!" Semper fidelis, immer treu.

Das Team, da sind sie sich einig, "ist alles für uns, wie Familie, abgesehen von Frau und Kindern, die sind eher heilig. Aber das Team ist die Familie." Dass man sich blind aufeinander verlassen könne, dass einem niemand in den Rücken falle! "Im Ernstfall stirbt das Individuum", sagt Norman, "das Team überlebt!" Mit der zivilen Welt "habe ich so meine Probleme, definitiv! Zivilisten sehen alles in Grautönen, ich sehe schwarz-weiß. Diese Oberflächlichkeit, und jeder ist nur auf seinen Vorteil aus, furchtbar! Bei uns hat Freundschaft noch einen Wert!"

Es ist die Suche nach

einer heilen Welt. Um die zu finden, ziehen sie in den Krieg. Wenn sie dann heimkommen, "muss ich ihn manchmal auffangen und unterstützen", erzählt Normans Freundin Daniela. "Er ist sehr unsicher im zivilen Leben. Ich denke mal, Männer wie er brauchen eine starke Frau an ihrer Seite." Eine Krankenschwester, so wie sie und viele der Frauen seiner Kollegen. Im ausgebauten Bauernhaus steht ein weißes Sofa auf dem Parkettboden, Danielas Sattel hängt über dem Geländer, ein Schaukelpferd für die zweieinhalbjährige Tocher steht neben einem Plüschlöwen, daneben lehnt die schusssichere Weste. Auf der Anrichte steht ein Foto: Norman mit seiner Tochter im Arm.

"Er ist schon ein Kuschelbär", sagt Daniela. "Es heißt ja immer: harte Schale, weicher Kern. Aber bei ihm ist das wirklich so, ich habe mich von Anfang an absolut geborgen gefühlt." Was er mache, sei halt "sein Job. Viele verstehen das nicht, aber für mich wäre es leichter, ihn im Kampf zu verlieren, als wenn er irgendwo vom Auto umgefahren würde. Im Kampf zu sterben ist halt ehrenhaft. Das wäre für mich leichter zu ertragen".

Anfangs verwirrte der Wechsel von der Front ins Privatleben die Söldner. Als Norman einmal aus Bosnien heimkam und durch einen U-Bahnhof ging, ratterte ein Presslufthammer los: "Da bin ich zu Boden gehechtet." Als Olaf aus Bagdad heimkehrte, hätte er den vor ihnen einscherenden Lieferwagen von der Straße gerammt, "wenn ich am Steuer gesessen hätte".

Mittlerweile sei es leichter. "Wenn wir deutschen Boden betreten, ist der Krieg vorbei." Was sie nicht davon abhält, auch in Schleswig-Holstein mit geladener Waffe unterwegs zu sein. Man wisse ja nie. Urlaub in der Ferne hält Norman für "viel zu gefährlich. Ich kenne die Welt. Die Welt ist schlecht! Urlaub ist für mich, wenn ich zu Hause bin, bei Frau und meiner Tochter". Auf dem Tisch liegt ein Bierdeckel: "God will judge our enemies. We'll arrange the meeting." Gott wird über unsere Feinde richten. Wir organisieren das Treffen.

"Söldner", begeistert sich Norman, "das ist eine Wachstumsbranche! Alle Armeen der Welt betreiben "Outsourcing" und brauchen uns!" Weil aber selbst im Pentagon langsam die Mittel knapp werden, dürften sich Tausende hochbezahlte Mietkämpfer im Irak demnächst nach neuen Betätigungsfeldern umsehen: etwa in Afrika, um beim einen oder anderen Putsch tatkräftig mitzuhelfen.

"Aber so was machen wir nicht",

da sind die drei sich einig. Stattdessen haben sie, quasi als Alterssicherung, zusammen mit einem Kollegen in Lübeck eine "Bodyguard Akademie" gegründet, um ihresgleichen auszubilden. Norman allerdings würde es reizen, wieder nach Kolumbien zu gehen: "Großartiges Land! Wunderschön dort, auch mit den Menschen komme ich besser aus. Außerdem gibt es in manchen Gegenden eine 100-prozentige Chance, angegriffen zu werden! Im Irak steht es immer 50 zu 50." Wieso sind die 100 Prozent besser?

"Weil es klarer ist, überschaubarer. Im Irak muss ich mir jedes Mal anhören: Du hast schon wieder auf Zivilisten geschossen! Aber woher soll ich das wissen? Stand doch nicht drauf! Die von der FARC in Kolumbien tragen Uniformen, die sind eine richtige Armee. Wir sind da natürlich auf der guten Seite, die auf der schlechten!" Eine kurze Pause entsteht. "Aber letztlich machen die ihren Job und ich meinen. Wenn man großartige Moralvorstellungen hat, sollte man sich von diesem Job fernhalten!"

Christoph Reuter/print
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