Olaf, Dirk und Norman verdienen ihr Geld beim Einsatz Im Irak. Sie eskortieren Ingenieure oder schieben Wache zum Schutz der Armee. Sie fahren wie die Teufel und schießen auch so - drei Deutsche im Dienst des Pentagons.

In voller Kampfmontur lassen sich Dirk, 35, (links), Norman, 32, (Mitte) und Olaf, 31, zusammen mit ihren Dolmetschern im Camp Kasik im Nordirak fotografieren. Ihre Sturmgewehre bekommen die Männer aus Schleswig-Holstein vom Auftraggeber gestellt© stern
Bevor es losgeht, hat Dirk sich Handschuhe angezogen, Olaf ein Kaugummi und Norman einen Lolli in den Mund geschoben. Wenn sie fahren, dann möglichst mit 150 km/h und dauerndem Spurwechsel. Wer vor ihnen im Weg ist, wird einmal angehupt. Wer nicht schnell genug von der Straße kommt, wird gerammt, dann beschossen. Sie mögen Autos ohne kugelsichere Scheiben, denn "da kann man besser durchschießen". Nach draußen.
Seit über einem Jahr verdienen Dirk G., Olaf B. und Norman B. ihr Geld im Irak. Als Söldner. Drei von mehr als 20 000, die das Pentagon zur Fortsetzung des Krieges mit privaten Truppen bezahlt. Meistens gehen ihre Fahrten gut. Manchmal nicht.
Wie an jenem Mittag des 25. August 2004, als ein Team mit Olaf und Norman in Bagdad zwei Wasserbauingenieure zu ihrer Baustelle eskortierte. Als sie ankamen, sah Norman einen der Bauarbeiter hektisch in sein Mobiltelefon sprechen: "Da hat er uns wohl angekündigt." Kaum waren die Sicherheitsleute mit ihren "Schutzpersonen" auf dem Rückweg, tauchte auf einer Brücke 150 Meter vor ihnen eine Gruppe Bewaffneter auf. Olaf gab es gerade per Funk durch, da schossen die Iraker schon. Und die Deutschen schossen zurück, durch die Scheiben. "Die Iraker hatten mit gepanzerten Fahrzeugen gerechnet", freut sich Norman. "Aber die sind zu unbeweglich, und man kann nicht durchs Fenster rausschießen. Bei unseren leichten Jeeps schon."
Ihr Konvoi wurde von der Brücke beschossen, aus Häusern zur Rechten, aus Fahrzeugen, die von beiden Seiten auf sie zufuhren. Sie erwiderten das Feuer bei voller Fahrt, während die Männer am Brückengeländer Handgranaten warfen und jemand versuchte, eine Panzerfaust in Position zu bringen.
Norman: "Den haben wir als Ersten erledigt und dann die Fahrzeuge neutralisiert."
Der einzige gepanzerte Wagen mit den beiden Ingenieuren bekam zwei Treffer in den Kühler ab und war nicht mehr fahrfähig. "Den habe ich bei 130 Stundenkilometern gerammt und anderthalb Kilometer weit geschoben, raus aus der "kill zone". Die Amerikaner haben uns dann diesen Namen gegeben: "The Wall of Steel", weil es das ist, was wir hinter uns gelassen haben: eine Menge zerstörter Fahrzeuge. Eine Menge verletzter, toter Rebellen. Man sprach so von 25 Angreifern, wobei bestätigt 16 umkamen."
Olaf: "16, bestätigt von der US-Armee." Norman: "Bis dato war das der größte Anschlag auf zivile Beschäftigte. Aber jetzt ist die Zahl auch schon getoppt." Für ihn sei es nicht der erste Angriff gewesen, "aber der beeindruckendste, was die Leistung unseres Teams angeht! Jeder wusste, was er zu tun hatte!" Datum und Ort des Angriffs haben sie sich auf die eine Seite der Brust tätowieren lassen. Auf der anderen steht die Blutgruppe.
Es sind ihre letzten Tage im frühherbstlichen Deutschland. Sechs Wochen Urlaub, drei Monate Irak, das ist der Rhythmus von Olaf, Norman und Dirk. Bald wird es wieder losgehen: mit dem Zug über Frankfurt zur US-Luftwaffenbasis Ramstein, mit dem Transportflugzeug nach Kuwait, weiter zum Camp Anaconda nördlich von Bagdad, zwischendurch tagelanges Warten, schließlich mit dem Helikopter nach Kasik: in ein gigantisches Armeelager in der Steppe nordwestlich von Mosul. 5000 Soldaten der "New Iraqi Army" sollen hier den Krieg lernen. Aber vorsichtshalber werden sie bewacht von 300 kurdischen Peshmerga und 20 internationalen Söldnern im Dienste des Pentagon - darunter Südafrikaner, ein Neuseeländer und die Deutschen. Bezahlt wird ab dem ersten Tag im "theatre", wozu bereits Kuwait gehört. Rund 18 000 US-Dollar verdient Norman in einem Monat. Sofern er ihn überlebt. "Waffen stellt die Firma. Anbauteile bringen wir mit", sprich Zielfernrohre, Ersatzmagazine, Sturmwesten.
Auch in Deutschland üben sie immer wieder auf einem Schießstand. Vor allem um ihre Bewegungen abzuspulen, ohne nachdenken zu müssen. Sie positionieren sich auf einer Bahn mit versetzten Deckungswänden und stürzen los. Norman ruft: "Bumm, bumm, bumm." Olaf ruft: "Bumm, bumm." Einer läuft vor zur nächsten Deckung, der andere gibt ihm Feuerschutz. Norman: "Bumm, bumm, bumm." Olaf: "Train hard, fight easy! Man muss das automatisieren, Waffenwechsel, Magazine wechseln, immer wieder."
Auf dem Boden liegen Patronenhülsen.
Norman: "Wenn man beschossen wird, zieht sich alles zusammen. Das Blut geht aus den Händen ins Körperinnere. Das Adrenalin wird literweise reingepumpt, das Gehör ist weg. Unter absolutem Stress muss alles automatisch gehen, auch der Magazinwechsel mit klammen Fingern. Das funktioniert nur, wenn man das geübt hat ohne Ende."
Habt ihr Menschen getötet? Norman: "Wahrscheinlich ja." Olaf: "Genau weiß ich das nicht." Norman: "Doch, sicherlich." Olaf: "Du ja." Dirk: "Man hält in Bagdad nicht an und guckt, was passiert ist. Wo die Kugel ankommt, das ist teilweise nicht nachvollziehbar. Darüber nachdenken kann man hinterher." Als Söldner möchte er trotzdem nicht gelten: "Für mich ist das Selbstverteidigung, das ist nicht mein Krieg. Aber wenn wir einen Konvoi bewachen und angegriffen werden, schießen wir eben zurück".
Norman sieht das etwas anders: "Wenn Söldner zu sein bedeutet, dass ich Geld für das bekomme, was ich tue, okay, dann bin ich ein Söldner. Aber ich bin bei einer ganz normalen Firma angestellt. Nur ist mein Arbeitsplatz halt im Irak." Ein Arbeitsplatz, für den sie sich per E-Mail beworben haben. Lebenslauf, ein paar Referenzen, "aber das Wichtigste sind natürlich Empfehlungen von unseren Kollegen", sagt Norman. Die Firma wollte wissen, wo man schon gearbeitet, gekämpft und geschossen hat. Es gab eine Überprüfung, aber nicht einmal ein Einstellungsgespräch. Sondern nach der Einstellung den Marschbefehl via E-Mail. Man kenne sich halt untereinander.
Während die anderen beiden auf Umwegen in den Krieg kamen, war für Norman schon als Kind klar: "Ich will Soldat werden. Nicht Feuerwehrmann oder Lokomotivführer, sondern Soldat." Nach der Realschule ging er bald zur Bundeswehr, anschließend zu einer US-Eliteeinheit. Dort blieb er ein paar Jahre: als Scharfschütze in Kolumbien gegen Guerrilleros, beim Dschungelkampf-Training in Französisch-Guayana mit der französischen Fremdenlegion, bei Geheimoperationen in Bosnien - wo sich einmal, nach dem Abseilen aus dem Hubschrauber in komplett schwarzer Montur, seine Kontrahenten ohne einen Schuss ergaben, "weil wir aussahen wie vom Mars".
Auf und über der Anrichte im heimatlichen Wohnzimmer nehmen US-Orden, Abzeichen und Zeugnisse eine halbe Wand ein. Es gebe da einen Film, fällt ihm ein, "Eine Frage der Ehre", wo "ein Soldat der Marines sagt: Das ist die Art, wie wir leben wollen! Und so will ich auch leben: klare Regeln, denen ich gern folge. Der Spruch der Marines ,semper fidelis", immer treu - dazu stehe ich".
Bei der Bundeswehr waren alle drei. Aber während Olaf, der Jüngste, für Jahre dort blieb und Dirk später als Bodyguard auf Ralf Schumacher und andere Formel-1-Fahrer sowie Delegationen der israelischen Botschaft in Berlin aufpasste ("die hatten meine Nummer aus dem Branchenfernsprechbuch"), ist Norman seit 1989 von Krieg zu Krieg gezogen.
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