Sie hatte keine Nieren, hätte mit schwersten Behinderungen leben müssen. In der 24. Woche wurde Alina bei der Spätabtreibung getötet. Kein Einzelfall. Der Bundestag will deshalb am Donnerstag über die ethischen Bedenken und rechtlichen Möglichkeiten der umstrittenen Spät-Schwangerschaftsabbrüche debattieren. Von Ingrid Eissele

Das Grab der kleinen Alina ist mit weißen Rosen und Porzellanengeln geschmückt. Der sechs Monate alte schwerkranke Fötus starb während der Geburt, die vorzeitig eingeleitet worden war© Monika Bender
Als das Kind nach fast 22 Stunden endlich auf der Welt war, wickelte die Hebamme es vorsichtig in ein Tuch. Sie legte das Mädchen in ein Körbchen und gab es dem Vater. Alina hatte einen Flaum schwarzer Haare, und ihr Näschen sah aus wie das ihrer großen Schwester. Ihre Füße waren winzig, kaum drei Zentimeter lang. Heiko W. betrachtete seine Tochter, die in seinen beiden großen Händen Platz hatte. Die Hebamme notierte das Gewicht, 658 Gramm, und die Geburtsstunde: 14.45 Uhr. Dann nahm sie ein Stempelkissen und machte Abdrücke von Alinas Händen und Füßen. Sie klebte sie in eine Erinnerungskarte und schrieb dazu: "Ein Engel kam - und kehrte um."
Alina war tot. Sie starb während der Geburt und unter ärztlicher Aufsicht in einer süddeutschen Frauenklinik, nachdem ihre Mutter ein Wehen auslösendes Medikament bekommen hatte. Alina war in der 24. Woche, ein Alter, in dem Frühchen dank modernster Medizintechnik überleben könnten. Aber Alina wurde abgetrieben.
Ein leeres Bettchen im Schlafzimmer, ein gerahmtes Foto im Esszimmer erinnern in einem Reihenhaus an das tote Kind. Alinas Mutter wirkt erschöpft. Erst zwei Wochen ist es her, seit ihr Baby starb, drei Wochen, seit Nicole und Heiko W. die niederschmetternde Diagnose bekamen: Ihr Kind hat keine Nieren. Und dann die quälende Frage der Ärzte: Wollen Sie Ihr Kind behalten, oder wollen Sie es abtreiben lassen?
Das Statistische Bundesamt zählte im vergangenen Jahr knapp 3000 Abtreibungen nach "medizinischer Indikation". Das bedeutet, dass bei den Ungeborenen ein offener Rücken, eine schwere Missbildung des Herzens oder ein Wasserkopf festgestellt worden war. Die meisten fanden vor der 23. Woche statt, jener magischen Grenze, bei der ein Kind zumindest theoretisch auch außerhalb des Mutterleibs überleben kann. 230 Kinder wurden zu einem Zeitpunkt abgetrieben, als sie bereits im lebensfähigen Alter waren.
In der Statistik ist das eine vergleichsweise kleine Zahl. Aber sie steht für ein Dilemma, das mit der technischen Aufrüstung in den Frauenarztpraxen immer größer wird: je leistungsfähiger die Überwachung vor der Geburt, desto größer die Chance, dass schwere Krankheiten und Fehlbildungen schon im Mutterleib entdeckt werden. Manche dieser Föten werden vom Körper im frühen Stadium ausgestoßen. Doch einige erweisen sich als widerstandsfähig. Und damit wächst den Eltern eine furchtbare Rolle zu: Sie müssen über Leben und Tod ihres Kindes entscheiden.
Der Münchner CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer, familienpolitischer Sprecher der Union, will die Rechte ungeborener Kinder stärken. Künftig, so sein Antrag, der von der Bundesärztekammer unterstützt wird und kommende Woche vom Regierungspartner SPD beraten werden soll, sollen Ärzte bei einer Spätabtreibung verpflichtet sein, Eltern eine Beratungsstelle zu empfehlen. Diese soll sie auch über die möglichen positiven Seiten eines Lebens mit einem behinderten Kind aufklären. Zudem sollten zwischen Diagnose und Abtreibung mindestens drei Tage Bedenkzeit liegen, um Panikentscheidungen zu vermeiden.
Mehr beraten, länger nachdenken - niemand wird sich ernsthaft dagegen sträuben. Doch die schlimme Entscheidung, was tun mit unserem kranken Kind, die wird keiner den Eltern abnehmen können.
Nicole W. war 34, als sie das zweite Mal schwanger wurde. Sie und ihr Mann Heiko, 38, wünschten sich ein Geschwisterchen für die zweijährige Luna. Bei Luna war in der Schwangerschaft alles glattgelaufen. Entsprechend optimistisch waren die Rechtsanwaltsgehilfin und ihr Mann, ein gelernter Schweißer. Nicole W. achtete auf gesunde Ernährung, rauchte nicht, trank keinen Alkohol. Sie ging zu allen Vorsorgeuntersuchungen, machte auf eigene Kosten die Nackenfaltenmessung in der 14. Woche, die Hinweise auf ein Downsyndrom oder einen Herzfehler liefert. Beim Ultraschall war auch der technikbegeisterte Vater dabei. "Alles okay, Sie können beruhigt brüten", versicherte der Frauenarzt.
Doch in der 20. Woche wurde er stutzig. Nicole W. hatte zu wenig Fruchtwasser in der Gebärmutter. Er schickte sie zu mehreren Spezialisten. Der erste fand keine Auffälligkeiten, der zweite jedoch eröffnete dem Paar, dass ihrem Kind die Nieren fehlten. Ein Fehler bei der Zellteilung, "eine Laune der Natur", sagt Heiko W. Es gebe nur zwei Möglichkeiten, so der Gynäkologe: die Schwangerschaft so schnell wie möglich abzubrechen, "damit ersparen Sie sich und dem Kind viel Leid". Oder sich auf einen "langen Leidensweg" einzurichten.
"Das war wie ein Brett vor den Kopf ", erinnert sich Heiko W. Und seine Frau sagt, sie habe "erst gar nicht verstanden, dass man ohne Nieren nicht leben kann". Alina könne nach der Geburt nur weiterleben, wenn sie rund um die Uhr an ein Dialysegerät angeschlossen werde. Oder eine Spenderniere von einem verstorbenen Neugeborenen bekomme. Dieser Fall sei aber äußerst selten.
Nicole und Heiko W. fragten sich, warum die fehlenden Nieren nicht schon früher entdeckt worden waren, "das kann man doch heute schon in der 14. Woche!" In dieser frühen Phase wäre ihnen die Entscheidung leichtergefallen als jetzt. "Das war doch schon ein richtiger Mensch", sagt der Vater. Sie sollten sich Zeit nehmen, hatte der Arzt geraten. Am Anfang der folgenden Woche sollte noch eine Blutprobe aus der Nabelschnur entnommen werden, eine winzige Hoffnung.
Doch die Entscheidung fällten die Eltern bereits übers Wochenende: ein Abbruch. "Hätten wir eine Perspektive gesehen, dass wir irgendwann eine Niere bekommen, in einem Jahr vielleicht, dann hätte ich gesagt, das schaffen wir. Aber so?", sagt Nicole W. und drückt das Stoffkrokodil ihrer Tochter Luna gegen die Brust. "Es wurde uns keine Hoffnung gemacht, dass Alina gut leben könnte." Auch nicht in der Frauenklinik. Dort eröffneten die Ärzte dem Paar die nächste Hiobsbotschaft: Es könne sein, dass auch die Lungen nicht richtig ausreiften. "Die Vorstellung, da liegt dann so ein kleines Wesen, verkabelt mit Schläuchen, hat uns die Entscheidung leichter gemacht", sagt Heiko W. Ein Leben mit Alina, das hatten ihnen die Ärzte klargemacht, würde ein Leben im Krankenhaus bedeuten, falls ihre Lungen nicht schon direkt nach der Geburt versagten.
"Sofort abtreiben - am besten noch heute", diesen Satz hört Joachim Dudenhausen, Geburtsmediziner an der Berliner Charité, nach solch niederschmetternden Diagnosen oft von Müttern. "Sie reagieren fast reflexartig mit Abwehr. Sie befinden sich in einer Ausnahmesituation." Selbst bei Kindern mit Downsyndrom sprechen sich 90 von 100 Eltern für Abtreibung aus, obwohl viele dieser Kinder als sonnig und lebensfroh gelten.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 42/2008