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29. September 2009, 14:21 Uhr

Von der Spaßpartei zur Sparpartei

FDP-Chef Westerwelle wehrt sich nach der Wahl gegen das Bild des Kahlschlags-Vizekanzlers – vor der Wahl winkte er mit dem liberalen Sparbuch. Wen haben die Wähler da eigentlich gewählt? Von Johannes Schneider

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Erste Absage für FDP-Sparpläne: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Guido Westerwelle im Bundeskanzleramt© Wolfgang Rattay/DPA

Vor einer Woche war’s - da geriet der sonst so souveräne Guido Westerwelle in der Bundespressekonferenz kurzzeitig ins Lavieren. Angesprochen auf die Gegenfinanzierung der geplanten Steuersenkungen hob der Kandidat zunächst fototauglich das "Liberale Sparbuch" in die Höhe, das seine Partei seit 2005 jedes Jahr herausgibt und das stichpunktartig Sparanträge der FDP zum Bundeshaushalt versammelt. Eine Nachfrage zu Einsparungsplänen im Bereich der Behindertenförderung zwang Westerwelle dann kurzzeitig in die Knie: Das könne durchaus sein, habe aber bestimmt seine Berechtigung: "Das ist von unseren Haushältern zusammengestellt."

Einsparungsforderungen an Schwarz-Rot-Grün

Natürlich muss Westerwelle nicht jede kleine Position - es ging um weniger als 300.000 Euro - im "Liberalen Sparbuch" kennen. Doch wer mit einem 429-seitigen Konvolut wedelt, hat mit Nachfragen zu rechnen. Nachfragen, die auch die politische Konkurrenz im Wahlkampf durchaus lauter hätte stellen können: Neben allerlei haushaltspolitischem Kleinkram und den vielzitierten Forderungen nach Einstellung der Entwicklungshilfe an Länder wie China oder Indien enthält das neoliberale Oppositionspamphlet auch allerlei Einsparungsforderungen an schwarz-rot-grüne Regierungsleistungen.

Unter anderem wird das Elterngeld für ALG II-Empfänger als systemwidrig bezeichnet und seine Abschaffung gefordert - laut FDP 400 Millionen Euro Einsparung. In der Bildungspolitik werden "Strategien zur Durchsetzung für Frauen in Bildung und Forschung" und Zuschüsse für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung zusammengestrichen (minus zehn bzw. minus 32 Millionen Euro), dafür soll fünf Millionen mehr für die "Förderung der Weiterbildung begabter junger Berufstätiger" geben. Das Programm ist klar, in Kürzungs- wie in Aufstockungsvorschlägen wenden sich die Liberalen den Leistungsträgern zu - und von sozialstaatlichen Zielen ab.

Investitionen für Umweltpolitik reduzieren

Drastisch erscheinen die Einsparungsvorschläge in der Umweltpolitik: Die FDP will auf nahezu allen Ebenen den Aufwuchs im Rahmen des "Integrierten Energie- und Klimaprogramms" (IEKP) des BmU zurücknehmen - mit erheblichem Sparpotential: "Investitionen zur Verminderung von Umweltbelastungen" sollen - geht es nach den Liberalen - um über 60 Prozent auf zehn Millionen Euro gesenkt werden, die "Investitionen zum Schutz des Klimas und der Biodiversität im Ausland" gleich ganz wegfallen - ein Plus von 120 Millionen im Bundeshaushalt.

Bei der Subventionierung erneuerbarer Energien sollen gleich 308 Millionen Euro eingespart, zudem "keine Mittel mehr im Hinblick auf den Ausstieg aus der Atomenergie zur Verfügung" gestellt werden. "Einsparungen dienen der Absenkung der Stromsteuer", steht hier nüchtern hinter beinahe jedem Passus. Um den damit zu erwartenden Anstieg des Stromverbrauchs strukturell abzusichern, ist die FDP im energiepolitischen Bereich auch punktuell zu Mehrausgaben bereit: 78,7 Millionen Euro hätten nach FDP-Willen im vergangenen Jahr in das "Projekt Gorleben" zur endgültigen Erschließung des Salzstocks als Atommüllendlager gepumpt werden sollen.

Absage für Mindestlohn und Kündigungsschutz

Selbstverständlich ist es unfair, die FDP allein an ihren Sparvorschlägen zu messen. Ein Blick auf sie lohnt trotzdem, um zu wissen: Hier geht es nicht allein um größere bürokratische Effizienz, wie die liberalen Wahlkämpfer es in den vergangenen Wochen gerne darzustellen suchten, sondern um politische Schwerpunktsetzungen. Wenn Angela Merkel in dieser Woche mit den Koalitionsverhandlungen beginnt, wird sie es mit einem Partner zu tun haben, dessen Interesse - das alles ist ablesbar - an der Alterssicherung sozial Schwacher, an der Basiskulturförderung und neben dem Klima- auch am Naturschutz nicht sonderlich ausgeprägt ist.

Bei den Themen "Mindestlohn" und "Kündigungsschutz" hat die Kanzlerin der FDP bereits eine medienwirksame Absage erteilt, zu deren Kürzungswahn hat sie sich noch nicht näher geäußert. Ein "vernünftiges" Argument hätte sie bereits sicher: Das "Einsparvolumen in Höhe von 10,5 Milliarden Euro", auf das die FDP ihre Vorschlagssammlung für 2009 hochrechnet, ist angesichts der immensen Neuverschuldung ein Tropfen auf den heißen Stein. Dafür wichtige Zweige staatlicher Zukunftsförderung zu opfern, erscheint zumindest zweifelhaft.

Von Johannes Schneider
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
h.o.n.k. (30.09.2009, 17:41 Uhr)
@Tristar: Klingt nicht schlecht?
Ich muß sagen, ich habe mich tierisch erschrocken. Ich fühlte mich fast an die Zeit nach der Weimarer Republik erinnert! Ein unsäglicher "Ausrutscher" - falls es denn einer war!
h.o.n.k. (30.09.2009, 17:39 Uhr)
Das kommt davon,
wenn man dem "Wahlomat" vertraut - oder den Aussagen irgendeiner der Parteien vor der Wahl glaubt. Wie schon Schröder einstens sagte: Eine Frechheit, Politiker an ihr gegebenes Wort zu erinnern. Reingefallen, Deutschland, wieder mal - und wieder mal selbst schuld.
Lunte (30.09.2009, 16:10 Uhr)
schwarz gelb - katastrophe
wer im vorfeld nicht hinter die wahlkampf-parolen geschaut hat und nun staunt, gehört belächelt. all das war von vornherein klar.
natürlich setzen parteien auf die blauäugigkeit derjenigen, die nur das hören, was sie hören wollen. und genauso haben sie es gemacht. aber wer wirbt schon für sein' produkt', indem er die unzulänglichkeiten desselben anpreist? über politik lässt sich immer streiten, über das wahlergebnis vom 27. 09. 2009 ganz sicher nicht und über die folgen noch weniger. freuen wir uns auf vier jahre im zeichen der tigerenten. have fun!
Administrator (30.09.2009, 14:37 Uhr)
@Mule
Ihr Beitrag wurde gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
tri.star (30.09.2009, 14:06 Uhr)
Klingt doch gar nicht schlecht...
ich weiß jetzt gar nicht mehr, was ich immer gegen Westerwelles FDP gehabt habe. Er sagt im TV, er wolle in Deutschland nicht auf Englisch englische Fragen von Journalisten beantworten, richtig so - nur hätte es souveräner rüberkommen müssen. Sein Gestotter wirkte nicht wirklich überzeugend. Irgendwo im Grundgesetz steht so weit ich weiß, das die Sprache in Deutschland die deutsche Sprache sei, nicht englisch oder russisch oder Kisuaheli. Warum schämen sich so viele Deutsche, im Ausland in ihrer Sprache nach dem Weg zu fragen? Zuerst frag ich immer auf deutsch, erst dann auf englisch, nicht weil ich es nicht gut genug kann - im Gegenteil - aber in UK und USA redet man tatsächlich auch nur englisch - es sei denn man ist Inder in London oder Mexikaner in Kalifornien oder Kubaner in Florida.

Ich hoffe die "Tigerenten" streiten sich jetzt ordentlich, wie es sich bei Koalitionsverhandlungn gehört. Die FDP wird sich nicht so unterbuttern lassen wie vor 4 Jahren die SPD. Guido Westerwelle ist auch niemand, der als Außenminister im Abseits stehen wird, wenn Frau Merkel wieder einen auf großer Staatsmann mimt. Das ist sie einfach nicht und so was wird sie auch nie werden. Ich wurde auch nicht als Kanzlerin geboren, ich wuchs nicht mal im Osten auf und Parteivorsitzende werde ich auch nie werden - aber das ist auch gut so.

Wäre die Presse vor einigen Wochen genauso kritisch wie jetzt gegenüber der FDP gewesen, dann hätten wir jetzt nicht dieses traurige Wahlergebnis - aber nun ist es erst mal für 4 Jahre zu spät zum jammern.
Suschia (30.09.2009, 13:32 Uhr)
Schwarz - Gelber Schwindel
Das war doch von Anfang an klar?
Wer Steuersenkungen verspricht, und eine daraus folgener Verlust von 80 - 100 Mrd. für Statt, der bräuchte dafür ein Wirtschaftsaufschwung von über 9 %, und dafür müssten wir uns schon in der Nachkriegszeit befinden!

Die Politiker lügen immer schlechter...!
Das das Volk eine solche Regierung wählt ist für mich nicht verständlich.
Habakuck (30.09.2009, 13:22 Uhr)
Endlich aufgewacht
leider kommt der Artikel midestens eine Woche zu spät. 14% für die "Spaßpartei" zeugt von der Dummheit dieser Wähler, ein dummes Volk bekommt eben so eine Regierung. Viel Spaß
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