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Interview

"Wer Merkel unterstützen will, muss SPD wählen"

Frank Stauss von der Agentur "Butter Berlin" berät SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer im rheinland-pfälzischen Wahlkampf. Ein Gespräch über das TV-Duell, die AfD, das Phänomen Kretschmann und ein Rennrad. 

CDU-Herausforderin Julia Klöckner und SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer

"Kuriose Situation": CDU-Herausforderin Julia Klöckner und SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer

Herr Stauss, Sie sind SPD-Berater und begleiten Malu Dreyer im Wahlkampf in Rheinland-Pfalz. Fürchten Sie sich vor dem 13. März - oder freuen Sie sich darauf?

Seit ein paar Tagen freue ich mich richtig drauf. Das TV-Duell gegen Julia Klöckner lief für Malu Dreyer wirklich super.Wir haben ein klares Momentum. Vor ein paar Wochen lag die SPD noch sieben bis acht Prozentpunkte hinter der CDU. Wir sind jetzt fast gleich auf. Alles deutet darauf hin, dass wir am 13. März einen Grund zum Feiern haben.

Gleichzeitig sieht es so aus, als würde die SPD in Baden-Württemberg auf vielleicht 13 Prozent absinken - ein historischer Tiefstand - und womöglich hinter der AfD landet. Das muss Ihnen als SPD-Mitglied den Magen rumdrehen.

SPD-Wahlkampfberater Frank Stauss von der Agentur Butter Berlin

Frank Stauss, 51, hat in 20 Jahren nach eigenen Angaben 25 Wahlkämpfe begleitet. Sein erster "eigener" Kandidat war Klaus Wowereit im Jahr 2001. Über seine Arbeit hat Stauss das Buch "Höllenritt Wahlkampf" veröffentlicht, außerdem bloggt er regelmäßig auf seiner privaten Homepage. Zuletzt hat er dort für einen gelasseneren Umgang mit der AfD plädiert. Stauss ist SPD-Mitglied und berät derzeit die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer im Wahlkampf.

Ach, diese Nummer "Wer landet hinter wem" ist mir im Prinzip wurscht. Mich bewegt eher das strategische Dilemma, das die SPD in Baden-Württemberg hat. Sie ist unter die Räder des Zweikampfes Winfried Kretschmann gegen Guido Wolf geraten. Und es ist ganz eindeutig, dass Wolf so unbeliebt ist, dass selbst in diesem strukturkonservativen Bundesland die Leute eher Grüne als CDU wählen. Ich komme ja selbst aus Baden-Württemberg und glauben Sie mir: Das war bislang undenkbar.

Schaffen es die Grünen, das Modell Baden-Württemberg aufs ganze Land zu übertragen und so etwas wie die moderne CDU zu werden?

Wir beobachten extrem unterschiedliche Entwicklungen. In Rheinland-Pfalz geht es mit den Grünen in den Umfragen eher runter, in Sachsen-Anhalt schrammen sie an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Leute entscheiden sehr autark, Auswirkungen auf die Bundesebene kann ich da nicht sehen.

Die Verschiebungen im Parteienspektrum haben auch mit dem rasanten Aufstieg der AfD zu tun. Sie könnte zweistellig in drei Landesparlamente einziehen. Erleben wir nach dem 13. März eine veränderte Republik?

Nein. Das wäre eine völlige Überschätzung von Landtagswahlen. Dass wir rechtspopulistische oder rechtsradikale Parteien in den Länderparlamenten sehen, ist nicht neu. Ich erinnere an die Republikaner, die in Baden-Württemberg mal 11 Prozent geholt hatten. Die NPD war in Sachsen stark. Es gab die DVU, die Schill-Partei und Gottweißwen. Ich empfehle, den Betrachtungswinkel richtig einzustellen: 85 Prozent der Wähler bekennen sich zu den demokratischen Parteien.

Heißt: Wir überschätzen die AfD?

Wir werten sie auf. Indem wir das typische Pferderennen veranstalten: Landen die nun vor oder hinter irgendeiner Partei? Wie gesagt, das ist dem Wähler völlig egal. Es gibt für solche Parteien ein Potential von acht bis zehn Prozent, das ist zweifellos zu viel, aber es ist auch nicht der Weltuntergang. Im Verhältnis bekommen sie einfach zu viel Aufmerksamkeit.

Formulieren Sie das auch an die Adresse des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, der zuletzt davor gewarnt hat, die Flüchtlingskrise spalte die Bevölkerung?

Ich kann nicht feststellen, dass Gabriel sehr aufgeregt reagieren würde. Wir haben gerade eine Kampagne gestartet, die heißt: Meine Stimme für Vernunft. Ich glaube, das ist ganz wichtig, den Leuten zu sagen: Trete mal ein Stück zur Seite und überlege, was eine Partei wie die AfD überhaupt leisten kann. Ob sie nicht nur Zwietracht und Hass säht.

In einer Kolumne haben Sie nur halb scherzhaft über die Angst der alten Männer geschrieben. Ist es das, was eine Partei wie die AfD groß macht?

Ja (lacht): Ich habe geschrieben, dahinter verberge sich Todesangst. Fakt ist: Ältere Männer neigen zu einem stärkeren Konservatismus. Gleichzeitig haben sie immer weniger Möglichkeiten, ihr Leben zu ändern. Das erzeugt eine gewisse Unzufriedenheit. Das hat weniger mit Politik zu tun als mit der eigenen Endlichkeit. Und es wird nicht besser dadurch, dass die Leute immer älter werden - sondern sie sind dann eben immer länger schlecht gelaunt.

Klingt, als hätte die AfD eine Stimmengarantie.

Vieles wird davon abhängen, wie sich die Flüchtlingskrise entwickelt. In der Hochphase der Eurokrise war die AfD schon einmal bei sieben bis acht Prozent. Danach war sie weg, praktisch tot. Sie ist erst durch ihre Neuerfindung am rechten Rand wieder erstarkt.

Sehen Sie die Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt als eine Abstimmung über Angela Merkels Flüchtlingspolitik?

Das ist sicher ein extrem dominantes Thema, das die Leute unterschiedlich berührt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es gibt eine breite Bevölkerungsschicht, die will, dass wir mit Flüchtlingen anständig umgehen und Integration gelingt. Jetzt muss man sehen, wen diese Menschen wählen. In Rheinland-Pfalz orientieren sie sich auf Malu Dreyer, weil sie das Gefühl haben, sie kann den Zusammenhalt besser organisieren. In Baden-Württemberg konzentrieren sie sich auf Kretschmann. Das ist eine kuriose Situation. Die Zerstrittenheit der Union führt dazu, dass die Leute das Gefühl haben: Wenn ich Merkel unterstützen will, muss ich SPD oder Grüne wählen.

Das würde für die Bundestagswahl bedeuten: Dann können die Menschen das Original wählen, nämlich Merkel. Und dann haben SPD und Grüne nichts mehr zu melden.

Das ist mir jetzt ein bisschen zu weit voraus gedacht. Niemand weiß heute, ob sie überhaupt antreten wird.

Abschließend noch mal zu Rheinland-Pfalz: Die Kandidatinnen Dreyer und Klöckner gehen offenbar sehr fair miteinander um. Andererseits gab es die Kritik, dass Klöckner ihre Vitalität stark betont, um die Behinderung Dreyers zu verdeutlichen, die ja an Multipler Sklerose leidet. So hat sich Klöckner zum Beispiel gerne auf dem Rennrad fotografieren lassen. War das ein Thema, das sie intern besprochen haben?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Kandidatin so durchtrieben ist, um solche Dinge zu machen. Oder?

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