Um kurz nach zehn Uhr am Montagvormittag klingelt das Telefon von Andrea Ypsilanti: Genossin Carmen Everts teilt mit, dass vier Fraktionsmitglieder Ypsilantis Wahl zur Ministerpräsidentin nicht unterstützen würden. Dann folgte die politische Kernschmelze der hessischen SPD. Ein Tag in Wiesbaden. Von Lutz Kinkel

Andrea Ypsilanti stellte sich erst am Abend der Presse - beantwortete allerdings keine Fragen© Arne Dedert/DPA
Dies war kein Tag stiller Diplomatie. "Das ist für mich ein politisches Schwein!" brüllt Hermann Schauss, Abgeordneter der Linken, im Hotel Dorint. Sein Gesicht ist rot vor Zorn und Schauss brüllt immer weiter, während eine seiner Parteigenossinnen versucht, ein Fernsehinterview zu geben. Transparente haben sie mitgebracht, "Mein Gott Walter: Lügner-Verräter-Spalter" steht darauf. Und "SPD-Rechte stützt Stahlhelm-Fraktion der CDU". Einige Minuten später öffnet sich ein paar Meter hinter Schauss eine Milchglastür. Heraus treten Jürgen Walter, Parteivize der hessischen SPD, Carmen Everts und Silke Tesch, SPD-Landtagsabgeordnete, sowie Dagmar Metzger, Miss "No" aus Darmstadt. Sie stellen sich zum Gruppenbild zusammen. Walter, Everts und Tesch mit finsteren Mienen und Jack-Nicholson-Blick. Metzger ganz entspannt. So also sehen Verschwörer aus.
An den Linken vorbei bahnen sich die Vier ihren Weg in einen großen Konferenzraum. Dort verliest Everts eine Erklärung. Ihre Gruppe habe sich, nach schmerzlicher Gewissensprüfung, dazu entschlossen, Andrea Ypsilanti nicht zur neuen Ministerpräsidentin zu wählen. Dann sagt sie einen Satz, der im Publikum höhnisches Gelächter auslöst: "Wir werden unser Landtagsmandat behalten und bieten unserer Fraktion weiterhin die Mitarbeit an". Es ist etwa 13 Uhr. 24 Stunden später wollte sich Ypsilanti wählen lassen. Acht Monate hatte sie darauf hingearbeitet, Regionalkonferenzen und Parteitage abgehalten, Vier-Augen-Gespräche geführt und Probeabstimmungen durchexerziert, einen Koalitionsvertrag mit den Grünen abgeschlossen und ihn vom Parteivorstand absegnen lassen. Mit Ausnahme von Metzger ist ihr diese Gruppe offiziell gefolgt. Und nun atomisieren sie Ypsilantis politische Vision.
Walter sagt, dies sei die schwierigste Entscheidung seines politischen Lebens gewesen. Tesch sagt, sie habe ihre Bedenken in der Fraktion vorgetragen, sie seien aber "regelmäßig ignoriert und ausgeblendet worden". Everts sagt, die Linkspartei sei in Teilen linksextrem, ihr Ziel sei es, der Sozialdemokratie zu schaden. Mit diesen Leuten könne man nicht zusammenarbeiten. Nachts habe sie vom bevorstehenden Wahltag geträumt. "Du gehst mit Rückgrat in die Wahlkabine und kommst ohne Rückgrat wieder raus." Alle sprechen von ihren Gewissensqualen, von ihrer Zerissenheit. Die Verabredung, sich gemeinsam gegen Ypsilanti zu stellen, sei erst nach dem SPD-Sonderparteitag am Samstag in Fulda getroffen worden. Walter sagt, Tesch und Everts seien auf ihn zugekommen. Da habe er sich entschieden. Zu spät, gewiss. Aber nun sei er "ganz mit sich im Reinen." Dagmar Metzger sitzt daneben und atmet aus jeder Pore tiefe Befriedigung.
16 Uhr. Roland Koch (CDU) Hessens geschäftsführender Ministerpräsident gibt seine Pressekonferenz nicht, wie die anderen Parteichefs, im bizarren Labyrinth des hessischen Landtags. Und schon gar nicht, wie die Verschwörer, in irgendeinem Hotel. Koch lässt die Journalisten in die prächtige Staatskanzlei kommen, in das Zentrum der Macht. Dies sei nicht der Tag der Häme und auch kein Tag für einen Freudentaumel, sagt Koch. Neben ihm steht sein Alter Ego Dirk Metz, der ebenso wie Koch das konservative Ordensabzeichen, ein hessisches Staatswappen, am Revers trägt. Er werde jetzt mit den demokratischen Parteien im Landtag über eine Regierungsbildung sprechen, sagt Koch. Dies könne aber kein Prozess von Monaten sein, sondern nur von Tagen. Ansonsten müsste es Neuwahlen geben.