Wie stürzte Kurt Beck als Parteichef der SPD? Was passierte in den Tagen davor? Und was geschah wirklich beim Drama am brandenburgischen Schwielowsee? Eine Geschichte über Intrigen und Entmachtungen in der SPD. Von Jens König

Demontiert und abserviert: Kurt Beck am Schwielowsee© Fabrizio Bensch/Reuters
Das letzte Kapitel des Dramas um Kurt Beck beginnt am Sonntagabend des 24. August 2008 in der rheinland-pfälzischen Landesvertretung in Berlin. Bei einem Vier-Augen-Gespräch trägt Beck Außenminister Frank-Walter Steinmeier offiziell die Kanzlerkandidatur an. Er sagt, dass er ihn für den aussichtsreicheren Bewerber halte. Und dass er selbst Parteichef bleiben werde. Die Kür Steinmeiers durch Beck soll als Signal des Aufbruchs und der innerparteilichen Geschlossenheit inszeniert werden.
Endlich Klarheit. Bis dahin hatten die regelmäßig stattfindenden Treffen und Telefonate der beiden immer ein wenig einem ausgeklügelten Versteckspiel geglichen. Ende vorigen Jahres sagte Beck zu Steinmeier: "Ich weiß, was ich in der K-Frage will." - "Was denn?", fragte Steinmeier. - "Das sage ich nicht einmal Dir", antwortete Beck.
Nun bittet Steinmeier um eine Woche Vorbereitungszeit. Sie vereinbaren, den Kandidaten am 1. September, einem Montag, der Öffentlichkeit zu präsentieren. Nach dem Vier-Augen-Gespräch kommt es zum ersten Zusammentreffen der engeren SPD-Führung nach der Sommerpause: Beck, Steinmeier, die Stellvertreter Peer Steinbrück und Andrea Nahles sowie Bundesgeschäftsführer Martin Gorholt; Generalsekretär Hubertus Heil ist noch in den USA und beobachtet den amerikanischen Wahlkampf. Die Runde bespricht alles Mögliche - nur nicht die Frage der Kanzlerkandidatur. Beck und Steinmeier hatten strengste Vertraulichkeit vereinbart.
Ein paar Tage nach dem Treffen bittet Steinmeier um eine Verschiebung. Am 1. September müsse er wegen der Kaukasus-Krise zu einem kurzfristig anberaumten EU-Sondergipfel nach Brüssel. Beck will die Kür des Kanzlerkandidaten auf den 2. oder 3. September verschieben. Steinmeier lehnt ab, er schlägt Sonntag, den 7. September vor - den Tag der SPD-Klausur im brandenburgischen Werder. Beck hat zunächst Bedenken; auf der Klausur sollen die inhaltlichen Eckpunkte des Bundestagswahlkampfes 2009 im Mittelpunkt stehen. Schließlich stimmt er zu. Doch im Beck-Lager macht sich das Gefühl breit, Steinmeier spiele auf Zeit. Worauf wartet der Kanzlerkandidat? Auf Franz Müntefering?
Der feiert am Abend des 3. September mit einem Wahlkampfauftritt in München sein politisches Comeback. Offiziell ist er als Wahlkampfhelfer der bayerischen SPD unterwegs. Und inoffiziell? Als Mann mit eigenen Ambitionen?
Schweißtriefend steht Müntefering an diesem Mittwochabend auf der kleinen Bühne des Münchner Hofbräukellers. Er hält eine Rede, wie nur er sie kann: sozialdemokratisch, selbstbewusst, stolz. Verteidigt die Agenda 2010 und entwirft auf diesem Fundament ein sozialdemokratisches Zukunftsprojekt. Seinen Rat an die verzagten Genossen kleidet er in einen einzigen Münte-Satz: "Lieber heißes Herz und klare Kante als Hose voll." Parteichef Kurt Beck erwähnt er mit keinem Wort. Zeigt sich hier nur eine sozialdemokratische Autorität ohne Anspruch auf Amt und Würden? Oder baut hier einer Brücken in die SPD, wenn er gleich zweimal davon spricht, dass "nicht alles, was wir getan haben, gut ist"? Der "Franz" wird frenetisch gefeiert. Die Berichte in den Zeitungen am Tag danach lesen sich so, als habe die SPD wieder einen Messias in ihren Reihen.
Dabei ist die Wirkung dieses außerordentlichen Mannes viel besser zu beobachten, wenn die grellen Scheinwerfer der Medien nicht auf ihn gerichtet sind. Donnerstag, 4. September, 18.00 Uhr, die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. Müntefering eröffnet die Ausstellung "Nein zu Hitler!", die sich mit der Verfolgung von Sozialdemokraten und Gewerkschaften zwischen 1933 und 1945 beschäftigt. Über 300 Leute sind gekommen, der Saal ist überfüllt, einige stehen im Flur. Journalisten? Fehlanzeige. Die Medienmeute schläft zu Hause noch den Hofbräukellerrausch aus.
Heute schwitzt Müntefering nicht, er behält sein graues Sakko an, dazu trägt er ein weißes Hemd und eine hellblaue Krawatte. Er hält eine ruhige, kluge, unterhaltsame Rede. Ihr zentraler Punkt: Die Verteidigung der sozialdemokratischen Idee als Kern einer freien Gesellschaft. "Dahrendorf hat ja vor Jahren behauptet, die Sozialdemokratie sei an ihr Ende gekommen", sagt Müntefering. "Wir hätten den Acht-Stunden-Tag samt Kaffeepause erkämpft, jetzt bliebe uns nichts mehr zu tun. Der Mann irrt. Dahrendorf ist später übrigens nach Großbritannien ausgewandert und dort geadelt worden. Das geschieht ihm recht."
Die Zuhörer lachen. Müntefering packt sie. Er führt sie bewegend durch 145 Jahre sozialdemokratischer Geschichte. Als hätte er jedes einzelne dieser Jahre persönlich miterlebt. Jeder Satz sitzt. Auch der: "Macht gibt´s immer, wo Menschen sich bewegen. Aber Macht muss Regeln haben."
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