Der Transplantationsskandal schadet der Spendenbereitschaft der Deutschen - und setzt die Politik unter Druck. SPD-Experte Lauterbach über Wartelisten, kriminelle Energien und müde Staatsanwälte.
Ja. Ich habe selbst an einer Studie über Dialysepatienten, die auf ein Organ gewartet haben, mitgearbeitet und bin in der Szene sehr gut vernetzt. Die Vorgänge in Göttingen und Regensburg hätte ich für undenkbar gehalten. Aber ich glaube, dass es sich um krasse Einzelfälle handelt.
Es handelt sich in Göttingen und Regensburg ja um denselben Täter - und der ist mit massiver krimineller Energie und Risikobereitschaft vorgegangen. Das ist ein Ausnahmephänomen, das mit den klassischen Methoden der Kontrolle nicht beherrschbar ist. Da hilft nur das Strafrecht.
Ja, da gibt es ein Problem. Einerseits stehen hinter dem "beschleunigten Verfahren" noble Motive: Es verhindert, dass Organe nicht genutzt werden und gibt dem Arzt die Möglichkeit, etwas für seine Patienten zu tun. Andererseits mischt sich das mit weniger noblen Motiven. Dann geht es darum, möglichst viele Transplantationen zu machen, um sich finanzielle und wissenschaftliche Vorteile zu verschaffen. Dieser Lage wird man nur Herr, wenn das Verfahren völlig transparent und eng kontrolliert wird.
Wenn wir das nicht parteiübergreifend in den Griff bekommen und das Vertrauen der Bevölkerung wiederherstellen - und zwar so schnell wie möglich, also unmittelbar nach der Sommerpause-, wird die Spendenbereitschaft einen bleibenden Schaden davontragen. Das steht außer Frage. Es gibt zwar keine Anhaltspunkte, dass im beschleunigten Verfahren Listen manipuliert worden sind, aber das spielt eine untergeordnete Rolle. Entscheidend ist der Eindruck in der Bevölkerung. Wir müssen die Verfahren so verbessern, dass die Transplantationsmedizin zum Aushängeschild für Transparenz und Zuverlässigkeit wird.
Da hat Montgomery Recht. Die Vorgänge in Regensburg beispielsweise sind weder vom Justizministerium noch von der zuständigen Staatsanwaltschaft aggressiv genug verfolgt worden.
Naja - wir hatten bisher keine Hinweise darauf, dass manipuliert wird. Ich will auch nicht darüber spekulieren, ob das außerhalb von Regensburg und Göttingen der Fall war.
Der Patient weiß nicht präzise, auf welcher Position er im Vergleich zu anderen steht. Das ist richtig. Aber man muss da auch vorsichtig sein: Die Kenntnis über die eigene Position ist nicht in jedem Fall förderlich für die eigene Lebensqualität.
Ohne den Verhandlungen vorgreifen zu wollen: Wir benötigen sicherlich eine bessere Kooperation zwischen ärztlicher Selbstverwaltung, Behörden und Politik. Das "Mehraugen-Prinzip" wird alleine nicht ausreichen, es sollten auch unangemeldete Stichproben und Kontrollen stattfinden. Und wir brauchen eine Schwerpunktstaatsanwaltschaft. Ich kenne zum Teil die relevanten Unterlagen aus Regensburg - und wenn Sie wissen, wie selten es ist, dass sich Ärzte gegenseitig anzeigen, dann ist es schon verwunderlich, dass die Staatsanwaltschaft ihren rechtlichen Rahmen nicht besser ausgeschöpft hat. Also: Es gibt eine Reihe von Verbesserungsmöglichkeiten im bestehenden System. Ich bin zuversichtlich, dass wir zu Lösungen kommen.
Mehr staatliche Aufsicht: ja. Aber eine Organvergabe durch den Staat halte ich für abwegig. An der Transplantation eines Organs arbeiten bis zu 30 Spezialisten mit, vom Chirurgen bis zum Laborarzt. Der Staat hat weder die Kompetenzen noch die Leute, um diese Spezialisten zu ersetzen. Staatsmedizin ist keine Lösung.