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Beck stoibert übers Land

Diskussionsveranstaltungen in der Provinz, Auftritt bei "Beckmann": Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck will der Welt zeigen, dass er allen Debakeln zum Trotz der Königstiger ist. Das hat Edmund Stoiber auch mal gedacht. Eine Beobachtung.

Von Inga Niermann und Lutz Kinkel

Faszinierend. Die Chefredakteurin der "taz" sagt, die SPD sei eine masochistische Partei. Die Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" sagt, sie habe Kurt Becks Manöver, die Öffnung zur Linkspartei zur Unzeit kundzutun, bis heute nicht verstanden. Und der Chefredakteur der "Bild am Sonntag" legt ihm schlankweg den Rücktritt nahe. Kurt Beck sieht diese drei Kommentatoren auf einem Bildschirm im Studio der ARD-Talkshow "Beckmann". Er sieht sie und lächelt. Dann macht er weiter im Text. Graue Haare, wuchtiger Schädel, durchdringender Blick. "Ich stehe, ich bleibe", wird er später sagen. Der Parteivorsitz sei Pflicht und Ehre.

Es sind besenharte Tage für Kurt Beck. Am vergangenen Wochenende hat Fraktionschef Peter Struck die Minister Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück als mögliche Kanzlerkandidaten der SPD ins Spiel gebracht. Am Dienstag veröffentlicht der stern die jüngsten Umfrageergebnisse des Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Sie sind noch katastrophaler als eine Woche zuvor. Demnach fällt die SPD auf 22 Prozent, nur noch 12 Prozent der Bürger würden Beck direkt zum Kanzler wählen. Zwei Negativrekorde. Der Pfälzer steht unter einem Druck, der seine Karriere zermalmen könnte. Fühlt er ihn nicht?

Das Come-Beck

Beck versucht nach all' den Debakeln - dem plötzlichen "Wortbruch", der bitteren Beschwerde des Hamburger Wahlkämpfers Michael Naumann, dem Scheitern der hessischen Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, den anhaltenden Debatten über seine Qualitäten als SPD-Chef - wieder in die Offensive zu gehen. Deshalb lässt er sich in Reinhold Beckmanns Talkshow einladen. Deshalb zieht er mit der Kampagne "Nah bei den Menschen" über das Land. Am Montag hatte er seine ersten Auftritte in Schleswig-Holstein.

Montagmittag, Pressekonferenz im noblen Schloss Plön: Beck hat auf jede Frage eine Antwort, mag sie noch so kritisch sein. Die Öffnung zur Linkspartei sei richtig gewesen. Die Bekanntgabe kurz vor der Hamburg-Wahl ein Fehler. Einen Wortbruch habe es nie gegeben. Und dass Struck die Herren Steinmeier und Steinbrück aufruft? "Struck hat zwei Kandidaten genannt und allein daran, dass sie meine Stellvertreter sind, erkennen Sie, dass sie dazugehören", sagt Beck. Struck habe aber auch deutlich gemacht, dass er als Parteivorsitzender den ersten Zugriff habe.

Der Feind steht links

Seine Antworten haben den Charakter von Textbausteinen. Beck ruft sie auf, spricht sie aus und wartet auf die nächste Frage. Er ist nicht unsicher. Höchstens genervt. Vielleicht, weil er auch hier registrieren muss, dass manche Funktionäre ihren Unmut nur gequält unterdrücken. Ralf Stegner, der SPD-Landesvorsitzende in Schleswig Holstein, wünscht sich vor der versammelten Presse "Rückenwind aus Berlin". Im Umkehrschluss heißt das: Gegenwind haben wir genug gehabt. Im Mai sind Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein.

Montagabend, Rendsburg, Diskussionsveranstaltung im Kulturzentrum: Der Saal ist brechend voll, mehr als 300 Menschen sind gekommen, vor allem SPD-Anhänger. Im Gegensatz zur Pressekonferenz ist die Stimmung überwiegend wohlwollend. Beck entspannt sich. Und gibt dem Parteiaffen Zucker. "Die Linke ist für die SPD eine gegnerische Partei", ruft Beck in den Saal. Kräftiger Applaus. "Mit Leuten, die mit dem Begriff Fremdarbeiter operieren, um auch Stimmen rechts außen abzuschöpfen“ könne sich die SPD nicht anfreunden. Ebenso wenig wie mit Oskar Lafontaines Ehefrau, die die Krippenbetreuung mit der Genitalverstümmlung von afrikanischen Mädchen verglichen habe. Das kommt an in Rendsburg. Der Feind steht links! War das nicht eben noch der mögliche Kooperationspartner?

Ein robuster Magen

Beck wärmt das Herz der Basis. Er spricht vom heroischen Kampf der SPD gegen die Nationalsozialisten. Von Mindestlohn und Krippenplätzen. Von Ganztagsschulen und kostenlosem Universitätsstudium. Von Haushaltssanierung und Rentenerhöhung. Die Menschen hängen an seinen Lippen. In Rendsburg ist die Welt auch mit Beck wieder in Ordnung. 45 weitere Veranstaltungen in allen Bundesländern sollen folgen. Die Ergebnisse der Diskussionsveranstaltungen sollen in das Programm der SPD für die Bundestagswahl 2009 einfließen. Wer auch immer dann Kandidat sein wird. Eine Genossin fragt Beck, warum die Streitereien nicht wie früher hinter verschlossenen Türen ausgetragen würden. Beck antwortet, er würde sich auch wünschen, dass seine "lieben Freundinnen und Freunde" nicht so viel reden würden. Aber er könne vieles herunterschlucken. "Was soll´s: Mein Magen hält's aus."

Diese Denkfigur wiederholt Beck auch bei "Beckmann" mehrfach. Die ganzen Debatten, die ganzen Schlagzeilen, die ganzen Gefechte: Er hält's aus. Beck erträgt Beck, heißt das. Er ist gewillt, die Last seiner eigenen Missgeschicke zu schultern. Durchhalten lautet die Parole. Beschwichtigen. Wieder Land gewinnen. Genau das hatte Edmund Stoiber auch mal probiert. Solange, bis ihn seine Parteifreunde stoppten.

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