Beck stoibert übers Land

18. März 2008, 02:25 Uhr

Diskussionsveranstaltungen in der Provinz, Auftritt bei "Beckmann": Der SPD-Vorsitzende Kurt Beck will der Welt zeigen, dass er allen Debakeln zum Trotz der Königstiger ist. Das hat Edmund Stoiber auch mal gedacht. Eine Beobachtung. Von Inga Niermann und Lutz Kinkel

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"Ich stehe": der SPD-Vorsitzende Kurt Beck©

Faszinierend. Die Chefredakteurin der "taz" sagt, die SPD sei eine masochistische Partei. Die Korrespondentin der "Süddeutschen Zeitung" sagt, sie habe Kurt Becks Manöver, die Öffnung zur Linkspartei zur Unzeit kundzutun, bis heute nicht verstanden. Und der Chefredakteur der "Bild am Sonntag" legt ihm schlankweg den Rücktritt nahe. Kurt Beck sieht diese drei Kommentatoren auf einem Bildschirm im Studio der ARD-Talkshow "Beckmann". Er sieht sie und lächelt. Dann macht er weiter im Text. Graue Haare, wuchtiger Schädel, durchdringender Blick. "Ich stehe, ich bleibe", wird er später sagen. Der Parteivorsitz sei Pflicht und Ehre.

Es sind besenharte Tage für Kurt Beck. Am vergangenen Wochenende hat Fraktionschef Peter Struck die Minister Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück als mögliche Kanzlerkandidaten der SPD ins Spiel gebracht. Am Dienstag veröffentlicht der stern die jüngsten Umfrageergebnisse des Meinungsforschungsinstitutes Forsa. Sie sind noch katastrophaler als eine Woche zuvor. Demnach fällt die SPD auf 22 Prozent, nur noch 12 Prozent der Bürger würden Beck direkt zum Kanzler wählen. Zwei Negativrekorde. Der Pfälzer steht unter einem Druck, der seine Karriere zermalmen könnte. Fühlt er ihn nicht?

Das Come-Beck

Beck versucht nach all' den Debakeln - dem plötzlichen "Wortbruch", der bitteren Beschwerde des Hamburger Wahlkämpfers Michael Naumann, dem Scheitern der hessischen Spitzenkandidatin Andrea Ypsilanti, den anhaltenden Debatten über seine Qualitäten als SPD-Chef - wieder in die Offensive zu gehen. Deshalb lässt er sich in Reinhold Beckmanns Talkshow einladen. Deshalb zieht er mit der Kampagne "Nah bei den Menschen" über das Land. Am Montag hatte er seine ersten Auftritte in Schleswig-Holstein.

Montagmittag, Pressekonferenz im noblen Schloss Plön: Beck hat auf jede Frage eine Antwort, mag sie noch so kritisch sein. Die Öffnung zur Linkspartei sei richtig gewesen. Die Bekanntgabe kurz vor der Hamburg-Wahl ein Fehler. Einen Wortbruch habe es nie gegeben. Und dass Struck die Herren Steinmeier und Steinbrück aufruft? "Struck hat zwei Kandidaten genannt und allein daran, dass sie meine Stellvertreter sind, erkennen Sie, dass sie dazugehören", sagt Beck. Struck habe aber auch deutlich gemacht, dass er als Parteivorsitzender den ersten Zugriff habe.

Der Feind steht links

Seine Antworten haben den Charakter von Textbausteinen. Beck ruft sie auf, spricht sie aus und wartet auf die nächste Frage. Er ist nicht unsicher. Höchstens genervt. Vielleicht, weil er auch hier registrieren muss, dass manche Funktionäre ihren Unmut nur gequält unterdrücken. Ralf Stegner, der SPD-Landesvorsitzende in Schleswig Holstein, wünscht sich vor der versammelten Presse "Rückenwind aus Berlin". Im Umkehrschluss heißt das: Gegenwind haben wir genug gehabt. Im Mai sind Kommunalwahlen in Schleswig-Holstein.

Montagabend, Rendsburg, Diskussionsveranstaltung im Kulturzentrum: Der Saal ist brechend voll, mehr als 300 Menschen sind gekommen, vor allem SPD-Anhänger. Im Gegensatz zur Pressekonferenz ist die Stimmung überwiegend wohlwollend. Beck entspannt sich. Und gibt dem Parteiaffen Zucker. "Die Linke ist für die SPD eine gegnerische Partei", ruft Beck in den Saal. Kräftiger Applaus. "Mit Leuten, die mit dem Begriff Fremdarbeiter operieren, um auch Stimmen rechts außen abzuschöpfen“ könne sich die SPD nicht anfreunden. Ebenso wenig wie mit Oskar Lafontaines Ehefrau, die die Krippenbetreuung mit der Genitalverstümmlung von afrikanischen Mädchen verglichen habe. Das kommt an in Rendsburg. Der Feind steht links! War das nicht eben noch der mögliche Kooperationspartner?

Ein robuster Magen

Beck wärmt das Herz der Basis. Er spricht vom heroischen Kampf der SPD gegen die Nationalsozialisten. Von Mindestlohn und Krippenplätzen. Von Ganztagsschulen und kostenlosem Universitätsstudium. Von Haushaltssanierung und Rentenerhöhung. Die Menschen hängen an seinen Lippen. In Rendsburg ist die Welt auch mit Beck wieder in Ordnung. 45 weitere Veranstaltungen in allen Bundesländern sollen folgen. Die Ergebnisse der Diskussionsveranstaltungen sollen in das Programm der SPD für die Bundestagswahl 2009 einfließen. Wer auch immer dann Kandidat sein wird. Eine Genossin fragt Beck, warum die Streitereien nicht wie früher hinter verschlossenen Türen ausgetragen würden. Beck antwortet, er würde sich auch wünschen, dass seine "lieben Freundinnen und Freunde" nicht so viel reden würden. Aber er könne vieles herunterschlucken. "Was soll´s: Mein Magen hält's aus."

Diese Denkfigur wiederholt Beck auch bei "Beckmann" mehrfach. Die ganzen Debatten, die ganzen Schlagzeilen, die ganzen Gefechte: Er hält's aus. Beck erträgt Beck, heißt das. Er ist gewillt, die Last seiner eigenen Missgeschicke zu schultern. Durchhalten lautet die Parole. Beschwichtigen. Wieder Land gewinnen. Genau das hatte Edmund Stoiber auch mal probiert. Solange, bis ihn seine Parteifreunde stoppten.

 
 
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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Nursery (20.03.2008, 13:05 Uhr)
Wenig Einsicht

Aber so ist der Pfälzer halt ausstehen,ducken und in die Kamera Lächeln.Aber daß reicht einfach nicht
um die SPD aus der Vertrauenskrise zu bringen.In Interviews hat Herr Beck dieses "kleine Mißgeschick"als ausgestanden abgekanzelt.Und die Vertretung während seiner "angeblichen Grippe" kann man sicherlich als Alptraum bezeichnen.Sie kann oder will sich nicht dieser Debatte stellen wie die "Linke Politik" einschließlich SPD und Linke aussehen könnte.Vorher wird die CDu mit den Grünen zusammengehen.Aber dann ist es für eine Allianz zu spät.
Pijey (20.03.2008, 12:42 Uhr)
@Universal1909
ich kann mit ihrer allgemeinen Antwort wenig anfangen. Zudem übe ich auch keinen sozialen Beruf aus. Ich lebe in der Realität und nehme auch die Verantwortung für meinen Nachwuchs wahr. Alleine aus diesem Grund ist die SPD mit LINKE für unser Land eine Katastrophe. Wer soll denn die Zeche zahlen? Die Kinder und Kindes Kinder? Sie reden über Gaben die es zu verteilen gibt und klären niemand auf was es kostet und wer es bezahlen soll. Das ist gelinde gesagt "dümmliche Politik". Sie haben auch in keinster weise ein Wort ergriffen für die Argumente von meiner Seite, weshalb? Stellen sie etwa fest das es Tatsachen sind?
Für mich ist dieser "Fähnchen in den Wind" Poltiker Beck einfach absolut untauglich. Es ist schwer vorstellbar das dieser Chaot dieses Land führen sollte. Auweia, das gäbe eine Katastrophe und wir könnten uns bald über 7, 8 oder 10 Mio Arbeitslose unterhalten.
Es ist nicht alles richtig was z.Z. in der Politik und in der Wirtschaft läuft. da gibt es Handlungsbedarf. Seii bei Managern, sei es bei Konzernen, und sein es bei dem ein oder anderen Politiker,(auch Koch). Aber, deshalb die schlechteste Variante zu wählen, nämlich SPD und LINKS treibt unser Land ins verderben. Was die linke Kaste anrichtet haben wir vor 19 Jahren erlebt )vorher war es noch schlimmer). Die Mauer ist gefallen weil der Kommunismus absolut PLEITE war, nur deshalb. Sie gaukeln den Menschen etwas vor und stopfen sich selbst die Taschen voll. Weshalb hört man bei der Krise um Lichtenstein nichts von den LINKEN? die doch bei dem Kapitalismus immer so aufschreien. Wo sind die verschwundenen DDR Miiliarden? Da wird doch wohl nicht?!?!?!?!?...
Aber ich bin guter Hoffnung das der Großteil der Bevölkerung immer noch 1 und 1 zusammen zählen kann.
marcuscrassus (18.03.2008, 16:04 Uhr)
Stoibert
Kann Hr. Beck nicht auch zur EU wechseln, ich als Pfälzer war froh drüber!
universal1909 (18.03.2008, 12:38 Uhr)
zu "Pijey":
nur soviel: Um etwas verändern zu wollen, braucht ein Manager, Unternehmer und auch ein Politiker u.a. MACHT (Machtinstinkt).Ich sehe das auch gar nicht negativ, im Gegenteil zu Ihnen. Es ist doch jedem(jeder) selbst überlassen, welche Tätigkeit er/sie im Leben ausführen möchte. Aber bei Ihnen haben anscheinend die Presseberichte der letzten Wochen schon ihre grandiose Wirkung hinterlassen. Sollten Sie allerdings einen sozialen Beruf ausüben, dann kann ich zumindest zum Teil Ihrer ausführlichen Kommentierung verstehen.
Pijey (18.03.2008, 12:18 Uhr)
@universal1909
ich frage mich allen Ernstes wo der Weitblick bei dem Kurti geblieben ist....
Beck ist Machtgeil, wie Ypsilanti und der Rest der SPD. Wer sich so verhält hat in der Politik nichts mehr verloren. Auch wenn Koch (noch) im Amt verweilt wird es wohl um Neuwahlen nicht herum kommen. Außerdem steht im Grundgesetz immer noch geschrieben, dass die Partei die die meisten Wählerstimmen auf sich ziehen konnte mit der Regierungsbildung beauftragt wird. Das ist in Hessen immer noch die CDU. Für mich existiert das ein echter Realitätsverlust aus Machtgeilheit bei der SPD. Niemand hat Ypsilanti den Auftrag erteilt eine Regierung zu bilden in Hessen. Auch wenn die CDU viele Wähler verloren hat (im ürigen die SPD auch)hat si aber immer noch mehr Stimmen als die SPD. Also wenn die SPD hier von Wahlsieg redet stimmt etwas in der Wahrnehmung nicht. Aber das kennen wir ja schon von Schröder.
Ich frage mich ebenso allen ernstes wohin die SPD steuern will? Krenz gibt den Schießbefehl zu, die alten Komunisten sitzen in der Partei und haben ein Land gegen die Wand gefahren, eine SED/PDS/LINKE Abgeordnete gibt offen zu was sich hinter dieser Partei verbirgt, nämlich Korruption, Komunismus und demogratiefeindliche Haltungen. Beck läßt die Linke in seinem Land Rhein Pf. von dem Verfassungsschutz beobachten und 5KM nebenan in Wiesbaden gibt er grünes Licht zu einer Koalition?!?!?!?!?!
Er schlägt ein NPS Verbot vor und will mit der anderen Extremen LINKEN koalieren?!?!?!?! Wie dumm muß man sein das man von einem Fettnäpfchen ins andere tritt. Beide extremen Seiten (rechts u. links) haben mit der Demokratie wenig am Hut. Wer dennoch bei der SPD bleiben will soll auch bereit sein die Zeche dafür zu zahlen, weil es ein teurer Spaß wird. Was LINKE von der Menschheit halten sieht man z.Z. in China mit dem Tibet.
Linke würden gerne Geld verteilen, nur sagen sie nicht wo es herkommen soll. Die beste Sozialpolitik ist immer noch die Menschen in Arbeit zu bringen das möglichst viele Bürger in den Sozialstaat einzehlen. Die SPD und die Linke treiben da aber eine kontra produktive Politik. Sie treiben den Mittelstand in den Ruin und vertreiben die Konzerne. Die SPD ist z.Z. fürchterlich zerstritten und das nicht nur wegen Beck, der Niedergang fing schon mit Schröder an. Wer dieser Partei heute noch eine Regierung aufträgt ist entweder tierisch Fanatisch und will die Realität nicht erkennen. Sie können dieses Land nicht mehr regieren, weil sie unfähig sind. In sofern hat Clement recht. Er ist z.Z. der Einzige neben Münte der der Wahrheit ins Auge sieht und es auch offen ausspricht. Aber solche Mitglieder kann man in dieser Partei nicht brauchen, die eine Politik mit Weitsicht betreiben. Es stört die Machtgeilheit. Lassen wir es in Hessen zu Neuwahlen kommen, danach wird man feststellen was Beck eigentlich wirklich angerichtet hat, für die die es immer noch nicht wahrhaben wollen.
nightmare_online (18.03.2008, 11:48 Uhr)
@mupfeline
Ehm ... würde mich mal interessieren wo Sie denn die letzten 25 Jahre gelebt haben. In diesem Land gabs in dieser Zeit die FDP, wie während der Legislaturperiode die Pferde wechselte, Barschels Ehrenwort, Kohls blühende Landschaften, Blüms sichere Renten, die Merkelsteuer, etc. pp.
Die Politiker in diesem Land lügen. Na was für eine Neuigkeit. Und warum lügen sie? Weils der Bürger so will. Der Bürger will nicht die Wahrheit hören. Der Bürger will Friede, Freude, Eierkuchen. Und wer dies am überzeugendsten verkauft, gewinnt Wahlen.
nur hat die aktuelle Aufregung damit schlicht gar nichts zu tun. Die Aufregung hat ihre Ursache im dem dauerhaften Machtverlust, der den Konservativen und Neoliberalen in diesem Land droht, falls die SPD mit den Linken zusammenarbeitet.
universal1909 (18.03.2008, 10:57 Uhr)
zu "mupfeline"...
... wie fühlt man sich so als Co-Kommentator(in)des Sterns? Wohl keine eigene Meinung? Wenn alle anderen Online-Portale demselben Trend unterliegen, muss er aber nicht unbedingt richtig sein. Annodazumal sind auch alle (außer Sozialdemokraten und Kommunisten) dem Trend gefolgt, allerdings ins tragische Elend mit zig Millionen Toten. Stark ist, wer sich dem Trend widersetzt mit der Gabe des Weitblickes, und den hat nun mal unser Kurti. Auch Willy Brandt hatte lange kämpfen müssen, bis seine Ostpolitk zum Tragen kam. Und die Gabe von Visionen hat unsere ANGI und deren Partei überhaupt nicht. Konservativ ist immer auf Gegenwart bzw. eher rückwärtsgewandt gerichtet.
peternicki (18.03.2008, 10:57 Uhr)
Beck
Der Auftritt von Beck bei Beckmann war an "Armseeligkeit" nicht zu überbieten.
Schlimm - schlimmer - Beck!!!
tagora-sagittara (18.03.2008, 10:48 Uhr)
Langsam geht mir der Stern,...
mit seiner gegen Beck und SPD Polemik höllisch auf den Senkel... könnt ihr euch nicht temporär ein anderes Opfer suchen?,... nur so, damit die Leser den Anschein gewahrt sehen Ihr würdet ernsthaften Journalismuss betreiben.
arniston (18.03.2008, 10:36 Uhr)
VOLKSVERRÄTER
wer wählt den schon eine volksverräter-partei ? herr clement bei adeco im vorstand ? schröder in der schweiz u.s.w bevor ich es vergesse , die post wird aufgelöst und die demokratische spd schaut zu, was ist den das ? herr gabriel, so ein verbr. fliegt um die welt und erzählt dem volk nur unsinn,dieser omas wonneproppen.
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