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Steinbrück engagiert Anti-Steinbrück

Das sind die ersten drei Köpfe des Steinbrück-Kompetenzteams: Medienprofessorin Joost, Innenpolitiker Oppermann und Gewerkschafter Wiesehügel - bekannt als beinharter Kritiker der Agenda 2010.

Von Lutz Kinkel und Hans Peter Schütz

So richtig rund läuft die Kampagne des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück wohl nie. Freimütig räumte er am Montag in der Berliner Parteizentrale ein, er hätte die ersten drei Personalien seines Kompetenzteams eigentlich erst am Dienstag vorstellen wollen. Aber deren Namen wurden schon am Wochenende in der Presse gehandelt. Also musste er einen Tag früher mit seinen Buddys auf die Bühne. Sie sollen ihn im Wahlkampf flankieren, Wählergruppen binden - und vielleicht auch ein bisschen von seinen Patzern ablenken.

Immerhin: Steinbrück wiederholte nicht den Fehler von Frank-Walter Steinmeier, der 2009, als er Kanzlerkandidat war, bei einem Sammeltermin gefühlt 50 Frauen und Männer auflaufen ließ. Das erweckte nicht den Eindruck von Kompetenz, sondern von Getümmel, zumal der Großteil des Teams weitgehend unbekannt war. Steinbrück hat daraus gelernt und präsentiert seine Leute häppchenweise. In zwei Wochen soll sich der nächste Schwung vorstellen, insgesamt werden es wohl zehn werden.

Joost drohte mit Vorlesung

Wohl jeder politische Beobachter hätte eine Flasche Pinot Grigio im Wert von 5 Euro plus X darauf gewettet, dass Thomas Oppermann, 59, der ebenso gewiefte wie charmante Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, früher oder später dabei sein würde. Oppermann hatte nun schon an diesem Montag die Ehre, aber das war, wie gesagt, keine Überraschung. Auffallend war schon eher die junge Medienprofessorin Gesche Joost, 38, die die Pressekonferenz beinahe mit einer epischen Vorlesung über das Internet und die Gesellschaft gesprengt hätte. Noch auffälliger indes die Berufung von Klaus Wiesehügel, 60, einem altgedienten Gewerkschafter, der Kanzler Gerhard Schröder wegen seiner Agenda-Politik einen "asozialen Desperado" genannt hatte.

Wie das alles zusammengeht? Eigentlich gar nicht. Aber das nennt sich in Berlin "Strategie". Die drei Neuen im Überblick.

Gesche Joost, Professorin an der Berliner Universität der Künste

Nachdem sich Gesche Joost den Journalisten mit einer Rede vorgestellt hat, soll der SPD-Kanzlerkandidat sie benoten. Leicht genervt bellt Peer Steinbrück: "Natürlich 1 plus!" Das war eine offen zur Schau gestellte Notlüge, denn während Joost sprach, hatten die Herren etwas besorgt dreingeschaut und waren unruhig von einem Fuß auf den anderen gestiegen - schließlich hätte sie beinahe eine abendfüllende Vorlesung zum Thema "Internet und Gesellschaft" gehalten.

38 Jahre ist sie alt, Professorin an der Berliner Universität der Künste in Berlin für das Fachgebiet Designforschung, blond, attraktiv - und erkennbar noch nicht durch den Berliner Politbetrieb abgeschliffen. Steinbrück und Joost kennen sich seit 2006, sie gehörte ebenso wie Bayern-Präsident Ulli Hoeneß zu seinem Beraterkreis. Nun soll sie das Gesicht der SPD werden für die Neuen Medien, ein Feld, dass sie "kompetenter abdeckt, als ich es könnte", wie Steinbrück sagt. Wer ihn kennt, weiß, dass er zu keinem größeren Kompliment fähig ist.

Joost versteht Netzpolitik als Gesellschaftspolitik, sie spricht davon, dass wir ein Bild davon entwickeln müssten, wie wir im Internetzeitalter zusammen leben wollen. Zu den Themen, die konkret auf ihrer Agenda stehen, gehören der Ausbau der Netzinfrastruktur ("Es darf keine Täler der Ahnungslosen geben"), ein Gesetz zur Sicherung der Netzneutralität sowie der Aufbau von Medienkompetenz an Schulen.

Im Team von Steinbrück ist die sympathisch und frisch wirkende Joost eine echte Überraschung. Welche Rolle sie spielen soll, ist klar. Der SPD-Kanzlerkandidat sprach in seiner Eingangsrede davon, dass seine Partei die Arbeitnehmerschaft ebenso ansprechen müsse wie das bürgerlich-liberale Milieu - und obendrein "intellektuelle Impulsgeber" brauche.

Thomas Oppermann, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion

Es gibt sehr wenige Politiker bei der SPD, die als gesetzt gelten, also ein Ministeramt so gut wie in der Tasche haben, sollten die Sozialdemokraten mal wieder regieren: Thomas Oppermann ist einer davon. Der Niedersachse, Vater von vier Kindern, dem oft der Schalk im Nacken sitzt, ist rhetorisch gewandt, kennt als Parlamentarischer Geschäftsführer sämtliche Fallstricke des Berliner Betriebs und ist als konservativer Sozialdemokrat ohnehin ein Herzbube des Kanzlerkandidaten. Oppermann, der auch die Talkshows bespielt, selbst vor Stefan Raabs "Absoluter Mehrheit" keine Scheu hat, macht seinen Job schon jetzt so gut, dass er in der öffentlichen Wirkung oft SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles aussticht.

Von der Ausbildung her ist Oppermann Jurist, er war auch mal Richter, bevor er in die Politik ging - und es ist kein Geheimnis, dass er sich seit Jahren auf das Amt des Innenministers vorbereitet. So hat ihn Steinbrück nun auch in seinem Kompetenzteam besetzt. Entsprechend routiniert und unfallfrei spulte Oppermann am Montag seine Agenda ab. In der kommenden Legislaturperiode müssten die Sicherheitsbehörden umgebaut werden, eine Konsequenz der NSU-Morde. Zudem wolle er das Zuwanderungsrecht modernisieren, die internationale Verfolgung von Steuersündern verbessern, das Informationsfreiheitsgesetz ausbauen und die Demokratie mit mehr Volksabstimmungen beleben.

Ein Programm, das jeder Sozialdemokrat unterschreiben kann. Ein Mann, der in Steinbrücks Team einfach funktionieren wird. Damit ist er, gemessen an der bisherigen Fettnäpfchen-Serie, schon eine Bank.

Klaus Wiesehügel, Vorsitzender der IG Bauen-Agrar-Umwelt

Klaus Wiesehügel ist der Sohn eines Betonbauers und gelernt hat er diesen Job auch. Ein Kerl wie ein Baum. Sieht als 60jähriger noch so aus, als könnte er mit Betonplatten Basketball spielen. Ein Gewerkschaftsmann, Chef der IG Bau, einer der im politischen Geschäft keine Umwege kennt. Oder wie Peer Steinbrück bei der Vorstellung sagt: Ein Typ "aus Schrot und Korn." Einer der vors Publikum tritt und ohne jedes Schnörkelchen sagt, besser hinausdonnert: Ja, ich möchte unter dem Kanzler Steinbrück Bundesminister für Arbeit und Soziales werden. Und damit Steinbrück nötigt, ihm genau dieses Amt öffentlich zuzusagen. Dafür will Wiesehügel seinen Gewerkschaftsposten an den Nagel hängen.

Wie selbstbewusst der Mann ist, merkt man schon bei seinen ersten Worten. Ob er Danke sagen solle, dass Steinbrück ihn ins Kompetenzteam geholt hat? Er sagt es nicht. Wiesehügel hatte die Agenda 2010 in früheren Jahren extrem scharf kritisiert, Kanzler Gerhard Schröder einen "asozialen Deperado" genannt hat. Nun will er den Stoff an einflussreicher Stelle nochmal durchkneten, den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn durchsetzen, Übergangsregelungen für Menschen schaffen, die nicht bis 67 arbeiten können, damit sie nicht "verhartzt" werden, den Niedriglohnsektor eindämmen. Er ärgere sich massiv über Unternehmer, die "die Notlage von Menschen ausnutzen", poltert er in der SPD-Zentrale, "man muss von seiner Hände Arbeit leben können".

Dass die Linkspartei aufgejault hat, als Wiesehügels Berufung am Wochenende durchsickerte, findet Steinbrück "kein schlechtes Zeichen". Seine Strategie ist klar und er bekennt sich dazu öffentlich: Allein mit den Gewerkschaften könne die SPD keine Wahl gewinnen - aber ohne die Gewerkschaften würden die Sozialdemokraten sicher verlieren. Wiesehügel ist also das der Mann, der die Stimmen des Gewerkschaftslagers sichern soll. Der die von der SPD enttäuschten Wähler zurückholen muss. Der die Linkspartei überflüssig machen soll.

Ein Anti-Steinbrück im Steinbrück-Team? Der Kanzlerkandidat, eigentlich ein Mann der Wirtschaft, spricht nur wolkig von "Meinungsverschiedenheiten", die völlig in Ordnung seien. Mal schauen, ob diese Kombination funktioniert. Oder ob sich Steinbrück und Wiesehügel gegenseitig das Leben schwer machen werden. Wie lautet doch gleich der SPD-Slogan: "Das WIR entscheidet".

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