Gertrud - Steinbrücks Weichzeichner

16. Juni 2013, 17:29 Uhr

Nichts läuft für Steinbrück rund, weder mit der Partei noch mit den potentiellen Wählern. Deswegen musste seine Gattin Gertrud ran. Es war bewegend - und die Botschaft klar: Der Stone hat ein Herz. Von Lutz Kinkel

Die Frage, die sich im Wettbewerb zwischen Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD) stellt, ist, auf der persönlichen Ebene, ganz einfach: Mit wem würden Sie, die Wählerin und der Wähler, lieber einen Abend auf dem Balkon verbringen? Und die Antwort ist es auch, da sind die Umfragen eindeutig: Merkel. Die Kanzlerin wirkt sympathisch, bescheiden, ja, auch amüsant. Steinbrück hingegen zu häufig wie ein offenes Rasiermesser. Kalt, schneidend, arrogant, ein besserwisserischer Technokrat. Und das hat Folgen: Insbesondere unter Frauen, vor allem jüngeren, ist der SPD-Kandidat alles andere als beliebt. Diesen Zustand muss er korrigieren, will er seine ohnehin nur schmalen Chancen auf einen Wahlerfolg wahren.

Und wer muss, greift auch mal zum Äußersten: Entgegen seiner Ankündigung, die Familie weitgehend aus dem Wahlkampf herauszuhalten, holte Steinbrück auf dem SPD-Konvent an diesem Sonntag seine Gattin Gertrud auf die Bühne. Ihr oblag es, auf einem roten Ledersessel sitzend und vor den Objektiven ungezählter Fotografen und Kameraleute, eine Botschaft auszusenden: Er ist mein Mann, er ist ein guter Mensch, er tut das Richtige - Steinbrück im Weichzeichner. Ein Stone mit Herz. Und Gertrud Steinbrück machte ihre Sache sehr, sehr gut.

Verunglückte Kampagne

In einer bewegenden Szene des Gesprächs, das WDR-Journalistin Bettina Böttinger moderierte, stockte Steinbrück der Atem. Er musste schlucken, seine Augen füllten sich mit Tränen. Es war der Moment, in dem Böttinger fragte, warum er sich das antue, den Wahlkampf, die Belastung, den ständigen Kleinkrieg um verrutschte Interviewaussagen und missglückte Auftritte. "Ich halte es nicht aus, wenn ich sehe, dass eigentlich nur das herausgefiltert werden soll aus ihm, was negative Gefühle auslöst", antwortete Gertrud Steinbrück. So wie ihr Mann öffentlich beschrieben werde, kenne sie ihn nicht. "Das finde ich schwer zu ertragen."

Diese Sätze waren ein emotionales Bekenntnis, eine Liebeserklärung. Und sie kamen in dieser Sekunde so authentisch rüber, dass sich das Publikum im Saal erhob und klatschte, während der SPD-Kanzlerkandidat mit den Tränen kämpfte. Jedem wurde klar, dass Steinbrück, der gerne breitbeinig auftritt, unter massivem Druck steht. Dass die bislang weitgehend verunglückte Kampagne ihm schwer zusetzt. Und dass auch er Momente der Schwäche hat. Gertrud Steinbrück, dreifache Mutter und Gymnasiallehrerin in Bonn, suchte nach diesem Gefühlsausbruch die Hand ihres Mannes, er wehrte etwas ungelenk ab. Zu viel hilfesuchende Nähe wollte er dann doch nicht erkennen lassen.

"Gertrud rettet diesen Tag"

Auch in den anderen Passagen des Gesprächs wusste die ebenso selbstbewusste wie eloquente Gertrud Steinbrück zu punkten. Unbekümmert schilderte sie, wie sie sich kennen- und lieben gelernt hatten, dass sie nie eine Michelle Obama werde und was der Wahlkampf für das Privatleben bedeutet: "Diese Woche haben wir zwei Mal miteinander telefoniert: einmal fünf Minuten und einmal zwei." Sie ließ keinen Zweifel daran, dass sie seine Entscheidung zur Kanzlerkandidatur, von der sie aus den Medien erfahren habe, nicht nur gut findet; erklärte sich andererseits aber auch solidarisch mit ihrem Mann: "Jetzt wird das Ding auch durchgezogen."

Der Auftritt Gertrud Steinbrücks - die eine solche Diskussionsveranstaltung schon einmal gemacht hatte, nämlich 2005, als ihr Mann noch Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war - war so stark, dass die Parteispitze ins Schwärmen geriet. "Gertrud Steinbrück rockt den Konvent" hieß es auf dem Twitter-Account des SPD-Vorstands. Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, schrieb: "Gertrud rettet diesen Tag." Und der Abgeordnete Lars Klingbeil kommentierte, in Anspielung auf ein altes Bonmot zu Gerhard Schröders Zeiten: "Ich wähle Gertrud ihren Mann seine Partei!"

Konflikte in der Troika

Der Enthusiasmus war auch deshalb so groß, weil sich just in dieser Woche abermals schwere Verwerfungen innerhalb der Führung gezeigt hatten. Auf der Fraktionssitzung am vergangenen Dienstag hatte SPD-Parteichef Sigmar Gabriel den lahmen Wahlkampf und die staatstragende Haltung Steinbrücks in der Euro-Politik kritisiert. Der SPD-Kanzlerkandidat konterte öffentlich und ließ im Spiegel verlauten: "Situationen wie am Dienstag in der Fraktion dürfen sich nicht wiederholen." Und: "Ich erwarte [...], dass sich alle - auch der Parteivorsitzende - in den nächsten hundert Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzenkandidaten und die Kampagne stellen."

Deutlicher konnte Steinbrück nicht darauf hinweisen, dass die Spitze derzeit nicht funktioniert. Beobachter mutmaßen, dass die Troika - Steinbrück, Gabriel und Frank-Walter Steinmeier - schon jetzt in einen Machtkampf verstrickt ist, bei dem es um Posten, Einfluss und Kompetenzen nach der Bundestagswahl geht. Der Eindruck der Zerstrittenheit ist jedoch Gift für den Wahlkampf. Da verschaffte Gertrud Steinbrück der Partei mit ihrem beherzten Auftreten an diesem Sonntag zumindest eines - ein kurzes Verschnaufen.

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