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1. November 2008, 17:22 Uhr

Walter lehnt Koalitionsvertrag ab

Der hessische SPD-Rechte Jürgen Walter hat auf dem Sonderparteitag in Fulda erklärt, dass er den rot-grünen Koalitionsvertrag ablehne. Bereitet sich Walter auf den "Heidemord" bei der Ypsilanti-Wahl am kommenden Dienstag vor? Die Mehrheit der Delegierten segnete hingegen den Vertrag ab. Von Lutz Kinkel, Fulda

Zoom

Der parteiinterne Widersacher von Parteichefin Andrea Ypsilanti, Jürgen Walter, während des Sonderparteitags in Fulda© Martin Oeser/ddp

Als Jürgen Walter an das Mikrophon in der Versammlungshalle in Fulda tritt, wird es mucksmäuschenstill. Denn die Delegierten wissen: Jetzt wird es für Andrea Ypsilanti ungemütlich. Am Dienstag will sie sich zur hessischen Ministerpräsidentin wählen lassen, sie braucht dafür jede Stimme ihrer SPD-Fraktion. Der konservative Sozialdemokrat Walter, ihr härtester innerparteilicher Rivale, hat immer erklärt, er werde sie trotz aller Kritik mitwählen. Nun aber verschärft Walter seine Kritik noch einmal fundamental: Er erklärt, dass er dem zwischen SPD und Grünen ausgehandelten Koalitionsvertrag nicht zustimmen werde. Damit hat dieser Sonderparteitag, der als kollektiver Endspurt zur Wiesbadener Staatskanzlei geplant war, seinen ersten Eklat.

Walter begründet seine Ablehnung des Koalitionsvertrages wirtschaftspolitisch. "Mein Eindruck ist, dass mit diesem Koalitionsvertrag nicht die Grundlage für die Schaffung neuer Arbeitsplätze gelegt wird, sondern dass Arbeitsplätze gefährdet werden", sagt der 38-Jährige. Konkret nennt Walter die umstrittenen Vereinbarungen zu den Flughäfen Kassel-Calden und Frankfurt am Main. Bei Kassel-Calden soll geprüft werden, ob die bestehenden Gebäude modernisiert oder neu gebaut werden, in Frankfurt soll der Flughafen-Betreiber ein ausstehendes Gerichtsurteil abwarten, bevor die neue Startbahn gebaut werden kann. Kritiker befürchten, dass diese Vereinbarungen dazu führen werden, dass Kassel-Calden stillgelegt und der Ausbau von Frankfurt ungebührlich lange verzögert wird. Walter hatte den Koalitionsvertrag mitverhandelt und dem Papier im Parteivorstand auch zugestimmt. Nun aber legt er eine schroffe Kehrtwende hin.

Als ihn Reporter nach seiner Rede bestürmen, sagt Walter, er wolle keine weiteren Kommentare abgeben - und flüchtet auf die Toilette. Über Schleichwege besteigt er wieder das Podium der Versammlungshalle, er sitzt dort in einer Reihe mit Andrea Ypsilanti. Als sie ihre Eröffnungsrede auf dem Sonderparteitag gehalten hatte, hatte Walter bereits seine Ablehnung signalisiert: Er gähnte demonstrativ, nestelte an seinen Unterlagen und klatschte betont müde und gelangweilt. Damit präsentierte sich Walter einmal mehr als "Antilanti" der hessischen SPD. Nachdem er es vor einer Woche überraschend abgelehnt hatte, in Ypsilantis Schattenkabinett einzutreten, war spekuliert worden, Walter könnte die Rolle des "Heidemörders" im Kampf der hessischen SPD um die Macht spielen. Selbst ein Übertritt Walters zur CDU schien nicht mehr ausgeschlossen. Walter gilt als wichtigster Protagonist des Wirtschaftsflügels der SPD, der unter der linken Spitzenkandidatin Ypsilanti in die Defensive geraten ist.

Wie der designierte SPD-Wirtschaftsminister Hermann Scheer stern.de sagte, hatte Walter bei einer Sitzung des Parteivorstands am Freitagabend erstmals bekannt gegeben, dass er den Vertrag ablehne werde. Zugleich habe er versichert, Ypsilanti am kommenden Dienstag mit zu wählen. Walter wolle mit seiner Rede auf diesem Sonderparteitag nur in die Schlagzeilen, sagte Scheer. Er zweifle nicht daran, dass Walter Ypsilanti seine Stimme geben werde. Die SPD-Renegatin Dagmar Metzger hingegen sagte im Gespräch mit stern.de, sie werde am Dienstag definitiv nicht für Ypsilanti stimmen. Sie lehne auch den Koalitionsvertrag ab. Metzger: "Diese Kröte will ich nicht schlucken."

Unterdessen hat die hessische SPD dem Koalitionsvertrag mit den Grünen mit großer Mehrheit zugestimmt. Der Landesparteitag nahm den Vertrag am Samstag mit acht Gegenstimmen und acht Enthaltungen an. Damit machte die Partei den Weg für eine rot-grüne Minderheitsregierung in Wiesbaden mit Billigung der Linkspartei frei. Am Sonntag wollen die hessischen Grünen über den Koalitionsvertrag abstimmen.

Von Lutz Kinkel, Fulda
KOMMENTARE (10 von 24)
 
Nostradamus (03.11.2008, 10:43 Uhr)
@ganzbaf: Interessantes Verständnis
Du solltest mal an Artikel 14 Absatz 3 denken und nicht so sehr auf Absatz 2 herumreiten.
Weiterhin findet sich nichts zur Enteignung von Kapital- und Vermögen.
Es können Land, Bodenschätze und Produktionsmittel vergesellschaftet werden. Nicht jedoch Banken, Versicherungen und Privatbesitz.
Dass dies durch das deutsche Steuerrecht bereits anders ist dagegen kämpfe ich im Übrigen. Denn die deutsche Steuer- und Abgabenlast hat bereits enteignenden Character (Zitat Bund der Steuerzahler),
Absatz 15 ist zu dem Zwecke gedacht, dass für das Allgemeinwohl enteignet werden muß, also z.B. wenn eine Bahntrasse oder für die Erweiterung eines Tagebaues Raum gebraucht wird.
Enteignung in Deinem Sinne, nämlich, eher im Sinne der russischen Revolution oder des Nationalsozialismus, wo sich lediglich die Mehrheit bei den Reichen bedient hat, dann einige wenige eine neue Bonzenkultur gebildet haben und darüber entschieden, wem wieviel Wohlstand oder eine Kugel in den Kopf zusteht wird durch unser Grundgesetz definitiv nicht gedeckt.
Die Mehrheit liber GanzBaf kann gar nicht als ultima ratio der Demokratie herangezogen werden, dazu ist diese zu selbstsüchtig, egoistisch und kurzsichtig.
Was würde passieren wenn das geschehen würde? Die deutschen Sozialsysteme zeigen wohin das führt und auch die DDR zeigte dies deutlich. Die, die arbeiteten und malochten, die, die studierten, und sich für den Sozialismus ins Zeug warfen, die hatten am wenigsten davon.
Gut war, auch in der DDR, Füße hoch und gut. In der DDR wurden die "O-Ton" Assis mehr gefördert als Familien von jung Akademikern.
Wer Führung will sollte ein Interesse daran haben seine Macht zu behaupten und daher bin ich eben eher für eine Monarchie als die Demokratie. Denn genau wie mancher Manager einer AG haben auch Politiker nur kurzfristige Interessen sich selbst zu bereichern.
Frau Lügilanti hat allenfalls ihr Wohl aber nicht das Wohl der ihr anvertrauten Bürger im Sinn.
erichmonika (02.11.2008, 16:34 Uhr)
Warum geht sie nicht?
Es ist schon erstaunlich, warum Frau Metzger in dieser Partei bleibt, wo sie doch so in die Minderheit gedrängt wurde oder besser, wo sie sich doch selber so ins Abseits gestellt hat. Wenn ich sehe von wem sie und Herr Walter hier Beifall bekommenen, dann sollten sie doch mal nachdenken, ob ihre Haltung richtig ist. Auf jeden Fall schädigen sie ihre Partei die SPD.
ganzbaf (02.11.2008, 11:12 Uhr)
Für dich noch mal...
so:
Grundgesetz...
beachten! (Art. 14/15.)
.
Großkapital entmachten!
Direktdemokratie einführen!
.
WIR sind das Volk!... (-:
Nostradamus (01.11.2008, 21:40 Uhr)
@ganzbaf: Quatsch
Gescheitert ist sozialistische Plan- und Vetternwirtschaft und Korruption.
Ein Gesellschaft die sich in den Medien als Marktwirtschaft darstellt aber auf Plan- und Vetternwirtschaft basiert mußte genau so scheitern wie der real existierende Sozialismus.
Was Du schreibst ist der größte Nonsens im gesamten World Wide Web.
ganzbaf (01.11.2008, 20:16 Uhr)
Nope.

Nachdem die FDP/CDU-Ideologie des "freien Jahrmarkts" in Realita vollumfänglich gescheitert ist, haben höchstens die SPD und die Linken echte Chancen auf substanzielle Stimmengewinne bei eventuellen Neuwahlen :-)
friedolin (01.11.2008, 19:38 Uhr)
Walter hat nur eine Option
Nämlich Frau Ypsilanti die Stimme zu verweigern. Nach seinem Auftritt auf dem Parteitag wird Frau Ypsilanti ihm in der SPD keine Chance mehr lassen, egal ob er sie wählt oder nicht.
Für mich sind Herr Walter und vor allem Frau Metzger echte Helden der Gegenwart vor denen ich den Hut ziehe.
Frau Ypsilanti wird die Wahl nicht gewinnen, denn auch für die LInke ist es am klügsten ihr 2-3 faule Eier ins nestz zu legen bei der Wahl.
Die Implosion der Hessen-SPD wäre somit gewiss und die Linke hätte alle Chancen bei den Neuwahle zweitstärkste Kraft zu werden.
lutzifer (01.11.2008, 19:22 Uhr)
Bravo Herr Walter! Bravo auch Frau Metzger!
Respekt vor Ihrem Mut, dem Koalitionsvertrag nicht zuzustimmen! Es sollte doch eigentlich jedem klar sein, welche verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen dieser Koaltionsvertrag haben muß. Es muß doch einleuchten, wieviel Arbeitsplätze hierdurch verloren gehen und was das für wirtschaftliche Folgen haben muß.
Ich hoffe nur, daß in der SPD noch ein paar Aufrechte am Dienstag der Wahlbetrügerin und machtgeilen Frau Y. ihre Stimme versagen. Wir sind wahrlich keine Fans von Koch. Aber ein solch desaströses Bündnis SPD/Grüne/PDS kann man doch mit einigermaßen Menschenverstand nicht unterstützen. Viele Menschen, die im Vertrauen auf die klare Aussage vor der Wahl 'kein Bündnis mit der PDS' die SPD gewählt haben, sind doch aufs übelste betrogen worden. Wie kann man eine solche politische Lügenbaroness unterstützen?
Also: Wir hoffen inständig auf die
Nichtwahl der Dame Y.
csyas (01.11.2008, 18:37 Uhr)
@mupfeline...
...nur zu Ihrer politischen Bildung: in den 80ern und wohl auch z.T. Anfang der 90er verbuchte die CDU mehrere Millionen DM an illegalen Wahlspenden als Kredite oder auch als Vermächtnisse Verstorbener (u.a. auch verstorbener Juden) - mehrere Wahlkämpfe der CDU (auch der erste Kochs) wurden damit finanziert... Die satirische Bezeichnung "Jüdischer Schwarzgeldkassen" trifft es somit sprichwörtlich ins "SCHWARZ(-braun-)E"!
mupfeline (01.11.2008, 17:47 Uhr)
@ganzbaf
Frage: Was sind "jüdische Schwarzgeldkassen"? Hat Ihnen Großpapa das erzählt oder die Kameraden am Kameradschaftsabend ...
ziu1 (01.11.2008, 17:29 Uhr)
Reste von Anstand
Es scheint in der Hessen-SPD doch noch Abgeordnete zu geben, die auf ihr Gewissen und nicht auf die Befehle einer Möchtegern-Despotin hören.
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