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Steinbrück - was er war und was er wird

Ist die Bundestagswahl schon gelaufen? Was macht Kanzlerkandidat Peer Steinbrück eigentlich am Tag danach? Alles, was sie wissen müssen. Zehn Fragen, zehn Antworten.

Von Jens König

Die Uhr tickt, nur noch ein Tag, bis das politische Schicksal des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück besiegelt ist. Eine Bilanz.

Wie ist Steinbrück aktuell denn so drauf?

Gut, um nicht zu sagen: sehr gut. Er wirkt gelöst, geradezu befreit. Steinbrück hat, um es mal in so drastischen Worten zu sagen, die er selbst gern benutzt, voll Bock auf Wahlkampf. Er nimmt alles mit, was er kriegen kann: öffentliche Auftritte, Fernsehrunden, Twitter-Interviews. Vor ein paar Tagen war er sogar in der Spaßshow"Circus Halligalli" bei Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf. Er schlug sich wacker, hatte aber auch seine schrägen Momente. Frage an Steinbrück: "Sollte man Hashtags legalisieren?" – Er: "Nein, auf gar keinen Fall." Steinbrück ist inzwischen von sich selbst berauscht. "Ich hätte nichts dagegen, wenn der Wahlkampf noch zwei Wochen länger gehen würde", sagt er.

Wie hat er plötzlich die Kurve gekriegt? Vor ein paar Wochen wirkte er doch noch frustriert, lustlos, mürrisch.

Es gab in seiner Kampagne zwei Wendepunkte. Der erste: Mitte Juni griff Steinbrück seinen eigenen Parteivorsitzenden öffentlich an. Er warf Sigmar Gabriel, der hinter Steinbrücks Rücken über dessen lahmen Wahlkampf gemault hatte, "Illoyalität" vor. Damit hatte er klargestellt, dass im Wahlkampf der Kanzlerkandidat die Nummer eins der Partei ist - nicht der Parteichef. Der zweite Wendepunkt: Seine Auszeit Ende Juli. Steinbrück machte ein paar Tage Urlaub, fuhr aber nicht weg, sondern blieb mit seiner Frau einfach zu Hause in Bonn. Er schaltete ab, las Bücher, redete mit seiner Frau. In dieser Zeit muss er den alten Steinbrück in sich wiederentdeckt haben, den klugen, aggressiven, spöttischen Typen. Als er nach Berlin zurückkehrte, war er wild entschlossen: Egal, wie der Kampf ausgeht, ich verlasse die Arena erhobenen Hauptes.

Wie agiert er im Wahlkampf so?

Kompetent, witzig, selbstironisch. Linker, als es zu dem glühendenden Unterstützer der Agenda 2010 passt. Er redet viel von Mindestlohn, gerechter Bildung, dem Notstand in der Pflege. Trotzdem: Seine öffentlichen Auftritte in einem runden, offenen Zelt, bei denen er "Klartext" verspricht, sind frisch, unterhaltsam, rhetorisch glänzend, auch wenn er immer noch ein wenig zu schnell spricht. Er findet einprägsame Bilder. Zum Abschluss seiner Reden erzählt er regelmäßig folgende Geschichte: US-Präsident Kennedy besuchte die Nasa und informierte sich über das ehrgeizige Weltraumprogramm. Er sprach mit Offizieren, Ingenieuren, Wissenschaftlern. Plötzlich sah er in einem Gang einen alten Mann mit einem Besen stehen und fragte ihn, was er hier tue. Der Mann antwortete: "Mister Präsident, ich helfe Amerika, einen Mann zum Mond zu bringen." Dann wieder Steinbrück: "So stelle ich mir unsere Gesellschaft vor. Das Wir entscheidet." So lautet der zentrale Wahlkampfslogan der SPD.

Was war Steinbrücks bester Moment im Wahlkampf?

Ganz klar: das TV-Duell. Vor 17,6 Millionen Zuschauern zeigte sich der Herausforderer von seiner besten Seite. Er ließ Angela Merkel, die Amtsinhaberin, verunsichert zurück. Für einen Moment sah es so aus, als könnte Steinbrück der Kanzlerin doch noch gefährlich werden.

Und was war sein größter Fehler?

Auch ganz klar: Der Start seiner Kandidatur im Herbst 2012. Die Sturzgeburt, auch wenn er an ihr nicht selbst Schuld war. Sein Hochmut, er, der populäre Vortragsreisende, werde das Ding schon schaukeln. Er hatte unterschätzt, dass Welten dazwischen liegen, ob er einen vollen Saal in Verzückung quatscht oder gegen die Kanzlerin antritt. Joschka Fischer verglich den Weg ins Kanzleramt mit einem Aufstieg auf einen Achttausender – ohne Sauerstoffmaske. Steinbrück wollte den Achttausender auf seiner eigenen Route bezwingen, ohne Trainingslager und ohne Sherpas. Die Fehler seiner Anfangszeit, die zahllosen Pannen haben seine Kandidatur irreparabel beschädigt.

Hat ihm der berühmte Stinkefinger genutzt oder geschadet?

Schwer zu sagen. Wahrscheinlich beides. Die, die ihn sowieso nicht wählen, finden die Geste pubertär, selbstverliebt, gar obszön. Die, die ihn mögen oder den Wahlkampf sowieso viel zu langweilig finden, sehen in Steinbrücks Stinkefinger eine witzige, selbstironische, gar mutige Pose. Der Stinkefinger zeigt in ganz anderer Hinsicht auf Steinbrück zurück: Der SPD-Kanzlerkandidat hat es nicht vermocht, sich von Angela Merkel und der CDU inhaltlich abzusetzen. Also hat er es über sein Temperament, seinen Charakter, seinen Politikstil versucht. Rambo gegen Mutti. Stinkefinger gegen Raute. Das war zu wenig. Schon gar in einer Republik, die sich sympathische Machtpolitiker wünscht.

Hat Steinbrück überhaupt noch eine Chance, Kanzler zu werden?

Nein, eher verschwindet Australien von der Landkarte. Steinbrück wird in diesem Leben nicht mehr Kanzler. Der Abstand von SPD und Grünen auf die Union ist einfach zu groß.

Glaubt er selbst etwa noch daran?

Wohl nicht. Auch wenn Wahlkämpfer seltsame Wesen sind, nicht ganz von dieser Welt, voller Adrenalin, in einem Tunnel. "Als Spitzenkandidat müssen Sie bis zum Ende an Ihr Ziel glauben", sagt Steinbrück, "sonst verlieren Sie zwei, drei Prozent." Aber spätestens, als er vor knapp zwei Wochen intern klar machte, dass er nach der Wahl in jedem Fall "im Fahrersitz" bleiben möchte und bei möglichen Koalitionsverhandlungen dabei sein werde, hatte er den Sieg im Grunde genommen aufgegeben. Ein Kanzler in spe muss nicht betonen, dass er im "Fahrersitz" bleibt. Er hat die Kandidatur in Würde zu Ende gebracht - das belohnt seine Partei. Gerhard Schröder hat 2005, nach seiner Niederlage, auch bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union mitgemischt, zumindest offiziell. Tatsächlich war er dann nur bei zwei Verhandlungsrunden dabei.

Aber wird Steinbrück vielleicht doch noch Minister in einer Großen Koalition?

Nein, auch wenn dieses Land von einer Großen Koalition regiert werden sollte - Steinbrücks Wort, er werde nicht noch einmal unter Angela Merkel Minister, gilt. Er hat es öffentlich und intern so oft betont, dass ein Rückzieher ihn in einem neuen Amt von Anfang an schwer beschädigen würde. Nein, Steinbrück, der Politiker, ist sehr bald Geschichte.

Und was macht Steinbrück dann? Einen auf Rentner?

Ja, was sonst? Er ist jetzt 66 Jahre alt. Die Kohle hat er rein. Vielleicht schreibt er bald wieder ein Buch. Eine Abrechnung mit der SPD? Eher nicht. Der fühlt er sich zu Dank verpflichtet, weil sie ihn während der Kandidatur trotz aller Fehler getragen hat. Eine Abrechnung mit den Medien? Das könnte sein. Journalisten hat er in den zurückliegenden Monaten ganz besonders lieben gelernt. Neulich hat er in einer kleinen Runde, in der einige Journalisten ihm erklären wollten, wie die Wahl ausgeht, voller Verzweiflung gebrüllt: "Sie wissen nichts. Gar nichts wissen Sie." Vielleicht schon der Buchtitel?

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