So geht's nicht weiter. Das sagt Lothar Schruff, Wirtschaftswissenschaftler in Göttingen, der seit Jahren die Geschäftsberichte von Spenden-Organisationen untersucht. Im stern.de-Interview fordert er Unicef Deutschland auf, einen "klaren Schnitt" zu machen.

Pro Jahr sammelt Unicef Deutschland zirka 90 Millionen Euro Spenden. Aber niemand weiß, wie viel bei den Kindern ankommt© Michael Gottschalk/ddp
Offenbar hat sich niemand persönlich bereichert. Aber der Prüfbericht der KPMG dokumentiert Unregelmäßigkeiten, die der Alleingeschäftsführer zu verantworten hat.
Das ist skandalös. Diese Mitteilung wurde erst drei Wochen später auf Druck von KPMG zurückgezogen.
Das kann nur der Vorstand entscheiden.
Der Vorstand ist mit ehrenamtlichen Repräsentanten des öffentlichen Lebens besetzt, die von einer laufenden Überwachung der Geschäftsführung weit entfernt sind. Es reicht nicht aus, eine Prüfungsgesellschaft zu beauftragen, man muss dann auch die Ergebnisse zur Kenntnis nehmen.
Frau Simonis hatte verlangt, den Geschäftsführer so lange zu beurlauben, bis die Ermittlungen des Staatsanwalts gegen ihn abgeschlossen sind. Die Mehrheit des Vorstands war nicht bereit, das zu akzeptieren.
Unicef Deutschland soll rund 90 Millionen Euro besitzen. Das Geld soll hauptsächlich aus Erbschaften und Nachlässen kommen und wird von einer eigenen Stiftung verwaltet. Was mit dem Vermögen geschieht und wo die Erträge hinfließen, bleibt intransparent.
Unicef Deutschland hat sich bislang nicht an diesem Wettbewerb beteiligt. Es gibt Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen oder die Welthungerhilfe, die in ihrer Berichterstattung vorbildlich sind. Unicef ist da weit abgeschlagen.
Unicef Deutschland sammelt Geld ein und leitet es an die Unicef-Weltorganisation weiter. Der deutsche Unicef-Geschäftsbericht liefert keine Information darüber, an welcher Stelle auf internationaler Ebene weitere Verwaltungskosten hängen bleiben und was letztlich bei den Kindern ankommt. Unicef Deutschland weist auch nicht aus, was der hauptamtliche Geschäftsführer verdient.
Auf dem Spendenmarkt herrscht ein heftiger Wettbewerb. Wenn eine Institution ins Gerede kommt, hat sie ein Problem. Bei Unicef soll nach ersten Informationen das Spendenaufkommen schon im Dezember 3,7 Millionen Euro unter Plan gelegen haben – und damals waren die Schlagzeilen noch viel kleiner als heute.
Die Glaubwürdigkeit ließe sich nur durch einen klaren Schnitt herstellen.
Nichts. Das schadet nicht nur der wichtigen Arbeit von Unicef, sondern auch den anderen humanitär-karitativen Organisationen.
Professor Lothar Schruff ... lehrt an der Uni Göttingen Wirtschaftswissenschaften – mit dem Schwerpunkt Rechnungslegung und Prüfungswesen. Seit 2005 werden an seinem Lehrstuhl die Geschäftsberichte von Spenden sammelnden Organisationen geprüft. Grundlage dafür ist ein eigens entwickelter Kriterienkatalog. An jene Organisationen, die am besten abschneiden, verleiht die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers den Transparenz-Preis; Schruff sitzt in der Preisjury. Die ersten Plätze belegten bislang: Kindernothilfe (2007), Ärzte ohne Grenzen (2006 und 2005)
Unicef Deutschland ... die Landesorganisation des UN-Kinderhilfswerks, wurde 1953 mit Sitz in Köln gegründet. Jährlich sammeln rund 8000 ehrenamtliche Helfer Spenden im Wert von 90 Millionen Euro ein. Schirmherrin der Organisation ist traditionell die Frau des Bundespräsidenten, derzeit also Eva Köhler. Die TV-Moderatoren Sabine Christiansen und Joachim Fuchsberger sind ehrenamtliche Botschafter von Unicef Deutschland.