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4. Juni 2008, 18:49 Uhr

Die CDU, die Telekom und die Mammografie

Was muss auf den Telekom-Skandal folgen? Schärfere Gesetze? Eine neue Handhabung des Datenschutzes? Eine Abschaffung der Vorratsdatenspeicherung? Am Mittwoch beantworteten die Abgeordneten des Bundestags die Fragen - und ein Unionsabgeordneter verstieg sich zu gewagten Vergleichen. Von Marcus Müller

Experten diskutieren, was auf den Telekom-Skandal folgen muss© DDP

Bei manch einem Abgeordneten des Bundestages hört es sich in der eilig einberufenen Debatte um die Telekom-Bespitzelung ein wenig nach Pflichtübung an, den Daten-Missbrauch bei der Telekom zu verurteilen. Da fällt zwar schon das Wort Skandal beim Unions-Redner Jürgen Gehb, in Anlehnung an die "Spiegel-Affäre" der 1960er-Jahre sieht der SPD-Abgeordnete Michael Bürsch "einen Abgrund von Datenverrat" und schwere kriminelle Handlungen mit System.

Doch das ist es in ein paar Varianten dann fast schon, was den Abgeordneten der Großen Koalition zu den Vorfällen aus den Jahren 2005 und 2006 einfällt. Nun müsse erst einmal die Staatsanwaltschaft ermitteln und der weitere Verlauf der Affäre abgewartet werden - so ist in etwa die Linie.

CDU-Mann Gehb meint, dass es die Gefahr von Datenmissbrauch durch deren bloßes Vorhandensein immer gebe und die Forderung nach neuen Gesetzen unsinnig sei. * Vielmehr müssten die bestehenden Gesetze eingehalten werden. Das Fehlverhalten Einzelner stelle diese Gesetze nicht in Frage. Man würde ja auch nicht die Abschaffung der Mammografie (Brustkrebsuntersuchung) fordern, wenn ein Arzt einer Frau dabei in sexistischer Absicht an die die Brust gegriffen habe.*

Schwere Geschütze

Es ist also durchaus schweres Geschütz, das vor allem die Union auffährt, weil sie eine Debatte über die Vorratsdatenspeicherung vermeiden will. Diesen Gefallen tut ihr die Opposition natürlich nicht. Ganz bestimmt sei der Skandal eine Sache für die Politik, sagt die FDP-Abgeordnete Gisela Piltz, weil in den vergangenen Jahren eine grundrechtsfeindliche Politik betrieben worden sei. Linkspartei-Rednerin Petra Pau, die vom "vorsätzlichen Verfassungsbruch" spricht, bringt es auf die Formel: "Das eigentliche Problem ist nicht der Datenmissbrauch, sondern die Datenspeicherung selbst. Weil dadurch Datenberge wachsen, wächst die kriminelle Begehrlichkeit."

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast forderte als eine der wenigen Rednerinnen immerhin halbwegs konkret, das Grundrecht auf Privatheit ins Grundgesetz zu schreiben. Auch sie verlangte: "Die Vorratsdatenspeicherung muss weg, weil sie die Gelegenheit für Diebe ist." Von der SPD forderte Michael Bürsch, die Bundesnetzagentur und vor allem den Datenschutzbeauftragten mehr Befugnisse zu geben. Sein SPD-Kollege Sebastian Edathy regte an, letzteres schon für den Haushalt des kommenden Jahres im Konsens aller Fraktionen zu beschließen. Die Idee, Zugriffe auf Daten automatisch zu protokollieren und dann einen Hinweis an die Datenschutzbeauftragten des Unternehmens zu senden, fanden viele Abgeordnete gut.

Warnung vor Generalverdacht

Sichtlich bemüht, die Debatte um die Vorratsdatenspeicherung möglichst klein zu halten, warnte die CDU-Abgeordnete Martina Krogmann aber doch lieber vor einem Generalverdacht gegen alle Unternehmen. Es sei wichtig darauf hinzuweisen, dass es einzelne gewesen seien, die Daten missbraucht hätten. Ihr Fraktionskollege Laurenz Meyer mahnte, in der Folge der Affäre nicht die gesamte deutsche Wirtschaft mit "einem System der Kontrolle zu überziehen".

Trotz der vielen Hinweise der Redner auf den von stern und stern.de aufgedeckten Video-Bespitzelungs-Skandal bei Lidl, den Fall Zumwinkel, Bestechung bei Siemens oder die Sex-Affäre bei VW, Hinweisen auf erheblichen Ansehensverlust der Wirtschaft also, blieb die Debatte seltsam zahm. Vielleicht lag das auch an den üblichen kleinen rhetorischen Spielchen, die sich die Redner im Gegensatz zur behaupteten Bedeutung des Themas nicht verkniffen. So wies etwa Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit Hilfe des FDP-Abgeordneten Jörg van Essen Grünen Fraktionschefin Künast nach, dass sie für die Bezeichnung vom "Wolf im Schafspelz" fälschlicherweise den Gebrüdern Grimm zugeschrieben hatte.

Nach dem scharfen Dementi der Bahn von, ebenfalls in einen Bespitzelungs-Skandal verwickelt zu sein, blieb dieses Thema dagegen weitestgehend unbeachtet. Am Rande einer Ausschusssitzung zeigte sich allerdings der FDP-Abgeordnete Patrick Döring gegenüber stern.de leicht skeptisch über das scharfe Dementi der Bahn. "Wenn die Bahn so ein reines Gewissen hat, kann sie sicher bestätigen, dass Mitglieder des Bundestages nicht bespitzelt wurden." Mehrdeutig grinsend fügte er hinzu: "Diese Bestätigung hätte ich dann gerne auch schriftlich."

* Die zwischen den beiden Sternen stehenden Sätze wurden nachträglich anhand des Prokolls der Bundestagssitzung korrigiert. Die zuvor verwendete Formulierung war fehlerhaft. Wir bitten dies zu entschuldigen (Red.)

Von Marcus Müller
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
heiner5362 (06.06.2008, 16:12 Uhr)
oberstes gebot
sollte sein : finger weg von schüffeleien !
aber das bleibt ein märchen in einer paranoiden kriminell durchseuchten gesellschaft, in der esa nur heisst einer gegen alle.
sobald sich aus schwächen anderer vorteile ziehen lassen wird gnadenlos abgezockt. das ist die deutsche mentalität.
es wird sich keiner finden, wenn er die möglichkeit hat sozial schwächere überwachen und kompromittieren zu können, diese möglichkeit nicht zu seinen gunsten zu nutzen.
es sei denn dieses vorgehen wäre mit haftstrafen jenseits der 2-jahre-mit-bewährung zu ahnden, sozusagen ein offizialdelikt.
aber das gesetzmässig auf den weg zu bringen hiesse für schäuble rollern im quadrat, weil er als erster dran wäre.
gute nacht freiheit.
knilch_59 (05.06.2008, 13:30 Uhr)
Man kann das gar nicht hoch genug hängen
In unserer digitalisierten Gesellschaft lässt sich das Legen einer Datenspur überhaupt nicht vermeiden: Egal ob Telefon, PC oder auch das Navi, überall wird irgendwo aufgezeichnet, wer von wo aus was gemacht hat. Zu glauben, dass Datenmissbrauch nur bei Telekom vorkommt, ist naiv.
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In Call-Centern werden Telefonate mitgeschnitten, zu Beweis- oder auch zu Schulungszwecken und mit dem zwangsweisen Einverständnis der Betroffenen. Telefon-Verbindungsdaten sammelt heute jede Telefonanlage einschließlich Verknüpfungsmöglichkeiten in alle gängigen Programme. Auch in kleinen und mittleren Betrieben gibt es Netzwerk-Admins, die Zugriff auf die Daten haben, und wenn da der Chef (wenn er nicht gleich admin-Rechte hat) dem Datenvertuckeler sagt, was er braucht, dann bekommt er das im Zweifel. Von der Fernwartung / Fernsteuerung von PC-s gar nicht zu reden! Nur die Aufregung ist nicht so groß, weil keine „Bosse“ betroffen sind, die die Skandalisierung und Schaffung von Öffentlichkeit perfekt beherrschen. Telekom ist überall – teilweise vermutlich noch weit schlimmer!
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Jeder Stuhl, der im Betrieb angeschafft wird, benötigt ein Siegel der Berufsgenossenschaft. Es gibt Regeln zur „Software-Ergonomie“ und zur Käfighaltung von Angestellten in Büros. Helmpflicht auf Baustellen, an denen keiner arbeitet, … Aber Chef darf Programme einsetzen, die geeignet sind, das vom Bundesverfassungsgericht formulierte „Recht auf informelle Selbstbestimmung“ systematisch zu unterlaufen. Betriebsräte gibt es nicht überall, und wo es sie gibt, sind sie häufig nicht in der Lage, das Schnüffelpotential der betrieblichen Software richtig zu bewerten. Und übrigens – auch den Chefs ist häufig bei der Anschaffung die Leistungsfähigkeit nicht bekannt, aber wenn sich die vermeintliche Notwendigkeit ergibt, wird man nicht zögern es zu nutzen
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Lösung: In der betrieblichen Sphäre einzusetzende Software braucht ein Gütesiegel – lizensiert von einer öffentlichen Stelle, die prüft, inwieweit Schnüffeldaten erhoben werden können. Braucht Chef bei den heutigen Telekommunikationspreisen wirklich noch den Einzelverbindungsnachweis für Festnetz-Inlandsgespräche? Warum muss für jeden Einzel-PC jede Transaktion im log-file notiert werden? Zugangskontrollen für jeden Gebäudeteil - warum müssen die Daten teilweise jahrelang gespeichert bleiben? Da pervertiert der Datenschutz sich selbst!
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Programme bekommen eine Ampelkennzeichnung: grün für unkritisch, weil keine Benutzerdaten dauerhaft gespeichert werden, rot für eine Speicherung, die systematische nachträgliche Auswertungen zulässt, dazwischen gelb für wasweißichwas. Einsatz von „gelben Programmen“ bedarf der ausdrücklichen Vereinbarung mit den Arbeitnehmern / Betriebsräten, Rot darf nur für bei besonderem Schutzbedürfnis eingesetzt werden = Zustimmung der Datenschutzbehörde. Schon der unerlaubte Einsatz eines Programms wäre ein Verstoß. Problem: die heutigen Betriebssysteme hätten ein glattes Rot, und damit auch fast alle Programme, die darauf basieren. Aber es wäre bestimmt kein Fehler, das mittelfristig zu ändern.
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Und wenn wir das nicht wollen, dass könnten wir auch so ehrlich sein und es gleich richtig machen: Ab Geburt den RFID-Chip unter die Haut pflanzen, dann wird es wenigstens jedem deutlich, das wir in einer Gesellschaft angekommen sind, deren Überwachungspotential sich Orwell, Stasi und KGB niemals auch nur erträumt haben. Aber der gute Bürger hat ja sowieso nichts zu verbergen – gell Herr Schäuble?!
Is2a3bella (05.06.2008, 12:39 Uhr)
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