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23. März 2006, 20:10 Uhr

Matthias Machnig und die doppelte Botschaft

"Innovation und Gerechtigkeit", "Sicherheit im Wandel" - das hört sich vertraut an, oder? Der Kopf hinter diesen Slogans ist Matthias Machnig, Spin-Doctor der SPD, der mittlerweile - Überraschung, Überraschung - im Umweltministerium arbeitet. stern.de hat Machnig besucht. Von Lutz Kinkel

Machnig, Gabriel, Umweltminister, Wahlkampf, Gerhard, Schröder, SPD, Sozialdemokratie

Die "Zeit" nannte ihn einen "Prinzen der Dunkelheit", weil er (meist) im Hintergrund arbeitet: Matthias Machnig© Michael Kappeler/ddp

Zugegeben: Es gibt klügere Fragen, um ein Gespräch anzufangen.

Was machen Sie denn hier, Herr Machnig? Ist das ihr Platz?
Eindeutig. Das ist mein Platz.

Machnig trägt einen minimalistischen Businessdress: schwarze Hose, schwarze Schuhe, weißes Hemd, schwarze Krawatte. Das Haar ist eindeutig zu lang, Politprofis haben entweder keins oder es ist mehrheitsfähig gestutzt. Um klar zu machen, dass das Umweltministerium tatsächlich sein Platz ist, spricht Machnig über Emissionshandel. Über Strukturen, Konzepte und Termine. Seine Stimme verrät keine Emotionen, seine Mimik auch nicht, er spult einfach ab, was seine aktuelle Arbeitssituation hergibt. Irgendwie erinnert er an einen einsamen Cowboy. Einen Cowboy, dem man das Pferd geklaut hat.

Sie sind berühmt geworden als Wahlkampfstratege der SPD.
Wenn man sich exponiert hat, kriegt man irgendwann einen Stempel aufgedrückt. Aber ich habe auch immer viel Sachpolitik gemacht - angefangen mit Forschung und Technologie über Gesundheits- und Wirtschaftsfragen. Sie können sich ja mal umhören unter den Staatssekretären, wie da meine Arbeit bewertet wird.
Die Gerüchte besagen, dass Sie hier sitzen, weil sie noch etwas mit Sigmar Gabriel vorhaben ...
[Fällt ins Wort] Wir wollen hier erfolgreiche Umweltpolitik machen. Man kann nicht aufgrund der Lebensbiografie sagen: einmal Wahlkämpfer, immer Wahlkämpfer.

Also nicht. Oder doch. Es gibt keine andere plausible Erklärung. Gabriel hat sich Machnig geholt, oder Machnig hat sich an Gabriel gehängt. Gemeinsam sind sie eine sozialdemokratische Waffe. Gabriel, als niedersächsischer Ministerpräsident abgewählt und als SPD-Pop-Beauftragter zwischengeparkt, kommt politisch wieder in Fahrt, seitdem er das Umweltministerium übernommen hat. Er ist jung, talentiert, volksnah. Machnig, der Spin-Doctor des SPD-Bundeswahlkampfes 1998, der 2002 in die Privatwirtschaft auschecken musste, weiß, wie man aus Kandidaten Kanzler macht. Er ist klug, erfahren und schnell. Gemeinsam deklinieren sie derzeit Themen durch, die künftig noch mehr Bedeutung gewinnen werden: Energie, Umwelt, Mobilität.

Beraten Sie Gabriel auch im Hinblick auf sein Auftreten?
Nein. Ich konzentriere mich darauf, das Haus zu führen. Sigmar Gabriel und ich beraten uns darüber, wie wir Politik im Umweltministerium anlegen. Er braucht aber niemanden, der ihm sagt, welche Krawatte er tragen sollte.
Okay, die Krawattenfrage ist vielleicht nicht die bedeutendste aller Fragen.
Sie wissen: Es gibt immer auch eine kommunikative Dimension von Politik. Sie können fachlich noch so gut sein, wenn Sie es nicht kommunizieren können, haben Sie ein Problem.

Kommunikation. Machnig, 1960 im sauerländischen Soest geboren und während des Studiums im Stamokap-Flügel der Jungsozialisten gestählt, versteht von politischer Kommunikation vielleicht mehr als jeder andere Sozialdemokrat. Als Franz Müntefering 1995 Bundesgeschäftsführer der SPD wurde, holte er seinen politischen Ziehsohn in die Parteizentrale und übertrug ihm die Leitung der "Kampa", des "war-rooms" der Sozialdemokraten. Machnig organisierte einen derart modernen, "amerikanischen" Wahlkampf, als wollte er der alten Tante SPD einen Herzschrittmacher verpassen. Logos und Slogans wurden getestet, Storys in Umlauf gebracht, Auftritte choreografiert, Sprachregelungen verabredet, Spots gedreht. Machnig rotierte ohne Pause, nicht zuletzt, um sich gegen Schröders Buddys Bodo Hombach und Uwe-Carsten Heye durchzusetzen, die den Kandidaten an der Kampa vorbei vermarkten wollten. "Machnig ist der einzige Mann, den ich kenne, der sogar seine Jacketts durchschwitzt", sagt einer, der mit ihm in der Kampa gearbeitet hat.

Es heißt, sie hätten sich damals nur von Zigaretten und Handygesprächen ernährt.
Ach, das geht mir auf die Nerven. Ich bin Raucher, und ich habe jetzt mal eine Zigarette in Ihrer Anwesenheit geraucht. Und da kriegt man gleich wieder ein Label aufgeklebt.
Der Mann, der mit Labels arbeitet, will sich selbst nicht labeln lassen?
Sie haben, wenn Sie einen solchen Job machen, unglaublich viele Dinge zu erledigen und müssen schnell sein, das ist der Presse nicht verborgen geblieben.
Sie haben zeitweise privat nur ein Zimmer bewohnt. Würden Sie sich als Workaholic beschreiben?
Was ist schon ein Workaholic.

Machnig, Gabriel, Umweltminister, Wahlkampf, Gerhard, Schröder, SPD, Sozialdemokratie

Schröder führte den Wahlkampf 1998 am liebsten mit seinen Buddys Hombach und Heye - oder im Alleingang. Persönlich haben Machnig und Schröder keinen rechten Draht zueinander© Wolfgang Kumm/Pool/ddp

Die Antwort: Ein Mann wie Machnig. Sein Büro im Umweltministerium, vielleicht 25 Quadratmeter groß, ist rechtwinklig. Weiße Wände, grauer Teppich, die Büromöbel sind modern und funktional. An der Fensterseite zum Alexanderplatz steht ein Besprechungstisch, weiter hinten im Raum der Schreibtisch. An einer Wand hängt ein Gemälde, Typ "Junge Wilde", viel Farbe, heftiger Strich, es soll das Brandenburger Tor darstellen. Ansonsten existiert in diesem Raum nichts Persönliches. Machnig sitzt in einem schmucklosen Arbeitsgehäuse und redet in schmucklosen Sätzen. Kein Aphorismus, kein Zitat, keine Pointe. Machnig konzentriert sich auf den Gedanken, die Strategie.

Gefällt Ihnen der Begriff Spin-Doctor?
Nein.
Warum?
Ich halte ihn für falsch. Weil es diese Leute in Deutschland gar nicht gibt.
Aber das war doch genau Ihre Aufgabe: Informationen den gewünschten politischen Dreh zu verpassen.
Nein. Was wir gemacht haben ist, eine konsistente Geschichte zu erzählen - die der SPD. Ein echter Spin-Doctor, zum Beispiel Allistair Campbell, der Sprecher von Tony Blair, hat nichts anderes gemacht, als den ganzen Tag mit der Presse zu sprechen und Themen einzuordnen. Ich glaube, dass in Deutschland dieses System von Spin-Doctoren nicht funktioniert. Hier ist die Tageszeitungslandschaft sehr viel differenzierter, regionaler. Das heißt man muss mit der Vorstellung sehr vorsichtig sein, man könne in Berlin einen Stein ins Wasser fallen lassen und die Wellen würden sich über das ganze Land ausbreiten.
Ist es Ihnen trotzdem mal gelungen?
Ich glaube nicht, dass man den Wahlkampf über ein Thema gewinnt. Was wir 1998 hinbekommen haben, waren zwei Sachen. Erstens hatten wir eine Megabotschaft, und die hieß "Innovation und Gerechtigkeit". Und die war interessanterweise mit Personen verbunden. Und wir haben es geschafft, diese konsistente Linie über die einzelnen Politikfelder hinweg zu ziehen, sei es Innenpolitik, Sozialpolitik oder Wirtschaftspolitik. Das war wichtig. Zweitens haben wir es geschafft zu vermitteln, dass die SPD gewinnen will.

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