Zur mobilen Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere Darstellung
auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
Startseite

Gauck, der Mann überraschender Gesten

Ein Präsidentenanfänger ist er, und doch bewegt sich Joachim Gauck souverän auf schwierigem Terrain beim Staatsbesuch in Israel. Er überrascht - nicht nur mit Worten.

Von Jens König, Jerusalem

  An der Sonne: Bundespräsident Joachim Gauck auf der Terasse des King David Hotels in Jerusalem

An der Sonne: Bundespräsident Joachim Gauck auf der Terasse des King David Hotels in Jerusalem

Joachim Gauck steht auf der Terrasse des berühmten Luxushotels "King David" in Jerusalem, die Fernsehkameras sind aufgebaut, die Sonne scheint, der Bundespräsident soll jetzt ein paar ernste, leichte Worte sagen für die Landsleute zu Hause. Das ist so üblich, wenn das Staatsoberhaupt auf Reisen ist. Gauck wird gefragt, warum er, im Gegensatz zur Bundeskanzlerin, nicht davon spreche, dass die gesicherte Existenz Israels zur deutschen Staatsräson gehöre.

Der Präsident blinzelt kurz in die Sonne und hebt an zu einem seiner aufgeladenen, leicht umständlich formulierten Gauck-Sätze. "Nun, ich habe mir so Gedanken gemacht", sagt er, "ich will mir nicht jedes Szenario ausdenken, welches die Bundeskanzlerin in enorme Schwierigkeiten bringt, ihren Satz, dass Israels Sicherheit deutsche Staatsräson ist, politisch umzusetzen." Und, zack, schon steht Joachim Gauck, der elfte Bundespräsident, mitten im Minenfeld deutscher Israelpolitik.

Und nicht nur das. Mit diesem einen Satz wirft er, der Neuling im Amt, gleich noch ein paar Fragen zu seiner neuen Rolle auf: Darf der Präsident Gauck so reden wie der Bürger Gauck, also frei, ungezwungen? Und darf der Präsident dann auch mal mir nichts, dir nichts die Kanzlerin kritisieren?

Staatsräson? Freundschaft? Solidarität?

Denn übersetzt heißt Gaucks Aussage über Angela Merkel, Israel und die deutsche Staatsräson ja nichts anderes als das: Da hat die Frau Bundeskanzlerin in ihrer Rede vor der israelischen Knesset vor vier Jahren einen ziemlich blöden Satz gesagt, weil die Konsequenzen nicht zu tragen sind - im Fall der Fälle nämlich mit deutschen Soldaten an der Seite Israels gegen den Iran kämpfen zu müssen.

Angela Merkel hatte im März 2008 die "besondere historische Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels" beschworen und sie als "Teil der Staatsräson meines Landes" bezeichnet. Gauck hält diesen Satz für problematisch, so viel steht fest. Das hat er schon auf dem Hinflug nach Israel angedeutet. Er selbst sagte am Dienstagmorgen beim Empfang des israelischen Präsidenten Shimon Peres, das "Eintreten für die Sicherheit und das Existenzrechts Israels" sei "bestimmend für deutsche Politik" - eine diplomatisch verkleidete Abgrenzung von Merkel.

Aber wollte Gauck mit seinen ungewöhnlich offenen Worten auf der Hotelterrasse die Bundeskanzlerin tatsächlich vorführen? Oder sind sie ihm, dem Präsidentenanfänger, etwa nur herausgerutscht? Denn nur ein paar Augenblicke später sagt der Bundespräsident einen Satz, der wie eine Kompensation für ungewollt gesprochene merkelkritische Worte klingt: "Bei unserer Geschichte", so Gauck, immer noch in der prallen Sonne auf der Terrasse des "King David", "bei unserer Geschichte sollte Deutschland das allerletzte Land auf der Welt sein, dass Israel seine Freundschaft und Solidarität aufkündigt." Ja, was denn nun? Ist das etwas anderes als "Staatsräson"?

Unbeirrt und begeistert

Aber das ist das Schöne am Präsidentenberuf: Während zu Hause gedeutet und geargwöhnt und über einen selbstbewussten "Außen-Präsidenten" geschrieben wird, zieht der eisern sein Programm durch, das Protokoll will es so. Also sitzt Joachim Gauck am Mittwoch Vormittag in einem klimatisierten Saal des weltberühmten Weizmann-Institut in Rehovot und lässt sich von einer Mathematikerin aus Deutschland berichten, was die wissenschaftliche Arbeit in Israel so aufregend mache. Hier werde die Fähigkeit gelehrt, über Hierarchiegrenzen hinweg immerzu Fragen zu stellen, erzählt die junge Frau. Die menschliche Verbundenheit im Institut mache es möglich, auch die eigenen Ängste und Zweifel zu äußern. "Das macht es möglich, Großes zu denken."

Gauck ist begeistert, er stößt dem Institutsdirektor, der neben ihm sitzt, in die Seite und zeigt auf die junge Deutsche. Deren Worte sind ganz nach seinem Geschmack. Wenn er könnte, würde er die Worte in Geschenkpapier wickeln und in einem Paket nach Hause schicken. Als Beweis dafür, dass Israel die Deutschen nicht immer nur an ihren dunkle Vergangenheit erinnern muss.

Das ist so etwas wie das Unterthema von Gaucks Israel-Besuch: Holocaust, Nahostkonflikt, Irans Atombombe - alles wichtig, alles nicht aus den Augen zu verlieren. Aber der Alltag, der gegenseitige Besuch von jungen Deutschen und jungen Israelis in ihren jeweiligen Ländern ist für die Zukunft der Beziehungen ebenso wichtig. Dafür will der Präsident werben, darin sieht er eine Art Gegenprogramm zu wachsender Fremdheit auf beiden Seiten. "Es gibt zwischen Deutschland und Israel nicht nur diese Kultur der Betroffenheit, dieses Nie wieder!", hat der Präsident in seiner kleinen Begrüßungsansprache im Weizmann-Institut gesagt. "Es gibt auch einen ganz normalen Austausch von Wissenschaftlern."

Souverän auf schwierigem Terrain

"Ganz normal" - diese Worte sind für einen deutschen Präsidenten in Israel nicht normal, können sie auch nicht sein, nicht bei der deutschen Geschichte. So ist ein Israel-Besuch für jeden Bundespräsidenten eine außergewöhnliche, heikle Angelegenheit. Auch und gerade für Joachim Gauck. Er ist erst seit zweieinhalb Monaten im Amt, die viertägige Reise nach Israel und in die palästinensischen Gebiete ist sein erster Staatsbesuch überhaupt. Aber schon bei seinem ersten offiziellen Termin am Dienstagmorgen, dem Empfang beim israelischen Präsidenten, zeigte er, dass er sich selbstbewusst und angstfrei auf dem diplomatischen Parkett zu bewegen weiß. Die richtigen Worte fehlen Gauck sowieso fast nie. Er bezeichnete die Beziehung zwischen beiden Ländern als eine "auf immer besondere Partnerschaft".

Ob beim Gespräch mit Präsident Peres, mit Ministerpräsident Benjamin Netanjahu oder Außenminister Avigdor Liebermann, einem Hardliner - Gauck bewegt sich souverän auf schwierigem Terrain. Er bekennt sich klar zu Israel, tritt für eine friedliche Zwei-Staaten-Lösung im Konflikt mit den Palästinensern ein, zeigt Verständnis für die Sorgen Israel über das iranische Atomprogramms, scheut sich aber auch nicht davor, den illegalen Siedlungsbau der Israelis zu kritisieren. "Freundschaft ist Freundschaft", sagt Gauck. "Aber nicht die totale Übereinstimmung."

Der neue Präsident kann rote Teppiche abschreiten, als habe er sein Leben lang nichts anders gemacht, er beherrscht die Routine, liebt nicht immer dir politische Etikette - siehe die Kritik an Merkel. Aber er ist vor allem ein Mann überraschender, symbolischer Gesten.

Emotionalisierung der Beziehungen

Erst ein paar Tage vor seinem Israel-Besuch fiel ihm ein, dass es ein besonderes Zeichen wäre, wenn er das Grab von Ignaz Bubis, des ehemaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, besuchen würde. Er ließ bei Bubis' Witwe anfragen, zerstreute die Bedenken seines eigenen Amtes, dass dafür keine Zeit sei, und fuhr am Montagabend gleich vom Flughafen in Tel Aviv aus an das Grab. Dort stand er dann mit Dieter Graumann, einem der Nachfolger von Bubis, Hand in Hand, eine Minute lang, ohne Kameras, ohne Reporter. "Das war sehr bewegend", sagte Graumann hinterher. "Bubis war mein Lehrmeister. Und in diesem Moment am Grab war ich sehr froh, einen Präsidenten zu haben, der Gefühle zeigt."

Gauck versteht Gefühle als Verstärker von Politik. Auch den Beziehungen Deutschlands zu Israel verleiht er damit eine neue Note - er emotionalisiert sie, wo allzu oft nur Routine regiert. In der Holocaust-Gedenkstätte in Yad Vashem absolviert Gauck den für einen Bundespräsidenten obligatorischen Besuch. Das Protokoll sieht dafür nur 45 Minuten vor. Der Präsident geht durch die Ausstellung als ein Mann, der den Umgang mit der Vergangenheit zu seinem Lebensthema gemacht hat: betroffen, neugierig, gebildet. Doch dann steht er plötzlich vor einem Stehpult, vor ihm das Gästebuch der Gedenkstätte, er soll noch schnell ein paar Worte des Dankes verlieren. Gauck steht in der gleißenden Nachmittagssonne, schwarzer Anzug, weißes Hemd, er schreibt und schreibt und schreibt. Die Anwesenden stutzen. Was schreibt er so lange?

Dann liest Gauck vor. "Wenn du hier gewesen bist, sollst du wiederkommen." Seine Worte klingen wie das Selbstgespräch eines Menschen, der vor aller Öffentlichkeit sein Innerstes nach außen kehrt. Er spricht von der "Flut der Gefühle", vom "Erschrecken vor dem Ausmaß des Bösen", von "mitleiden" und "trauern". "So wirst du dann hier stehen und dein Gefühl, dein Verstand und dein Gewissen werden dir sagen: Vergiß nicht! Niemals. Und steh zu dem Land, das hier derer gedenkt, die nicht leben durften."

Es sind keine Präsidentenworte. Aber man vergisst sie nicht.

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools