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Wie Rebuy seine Story verkauft

Der Cyberdealer Rebuy präsentiert sich als coole Wohlfühloase, aber es gibt weder einen Betriebsrat noch angemessene Stundenlöhne. Ein Ortstermin.

Von Daniel Regnery

  Olivier Mackovic, Tim Fronzek, Daniel Freudenberger, Lawrence Leuschner und Marcus Börner (v.l.): die fünf Rebuy-Gründer

Olivier Mackovic, Tim Fronzek, Daniel Freudenberger, Lawrence Leuschner und Marcus Börner (v.l.): die fünf Rebuy-Gründer

Berlin-Rudow. Der südlichste Ortsteil des Bezirks Neukölln liegt recht weit ab vom Schuss. Das ist kein Szeneviertel wie Friedrichshain oder Kreuzberg. Hier reihen sich auf der einen Seite Doppelhaushälften aneinander, auf der anderen Gewerbebauten. Bagger, LKW und Betonmischer brettern die Straße entlang. Und auch das Wetter an diesem Morgen unterstreicht das Gefühl, in einer eher trostlosen Gegend gelandet zu sein. Dunkle Wolken, leichter Nieselregen. Nein, ein "Place to be", wie es neudeutsch heißt, ist Berlin-Rudow nicht.

Gleichwohl: Hier steht eines der wichtigsten Start-Ups der Stadt – Rebuy. Auf 10.000 Quadratmetern lagert das Unternehmen mehr als eine Million Gebrauchtwaren. Und direkt hinter der ersten Lagerhalle steht als Versprechen für die Zukunft schon eine zweite, die ähnlich groß ist und Anfang 2014 eröffnet werden soll.

Das Geschäft mit der Gebrauchtware

Lawrence Leuschner, 30, ist einer der fünf Rebuy-Gründer. Wer ihn nach seinem Geschäftsmodell fragt, hört einen Satz, wie ihn ein Marketingchef der Industrie nicht glatter formulieren könnte: "Wir kaufen und verkaufen Gebrauchtwaren auf unserer Plattform im Internet und versuchen damit, in Deutschland zur ersten Adresse zu werden." Konkret läuft das so: Rebuy kauft von Privatleuten Konsolen, Videospiele, Bücher, DVDs oder Handys – zu Festpreisen. Hausintern werden die Waren aufbereitet, mit einer Garantie versehen und mit einem Preisaufschlag wieder über www.rebuy.de verkauft. Die Plattform ist ein moderner Trödelladen, ein virtueller Flohmarkt, ähnlich wie Ebay oder Amazon, aber für Anbieter einfacher zu handeln.

"Im Schnitt verkaufen Kunden bei uns 20 Produkte", rechnet Leuschner vor. "Wenn jemand also richtig ausmisten will, müsste er bei Ebay 20 Artikel einstellen, ständig E-Mails beantworten, zur Post gehen und Bewertungen schreiben". Wer das Ausmisten über Rebuy macht, hat es leichter: Zeugs in Kartons packen, abschicken, fertig. Das Unternehmen kümmert sich um den Rest. Ein guter Deal, findet Leuschner, auch für die späteren Käufer: "Das Erlebnis, einen gebrauchten Film zu schauen, ist kein anderes, als würde man eine neue Scheibe einlegen."

Erst Trade-a-Game, dann Rebuy

Das lässige Auftreten, die große, braune Brille, der unvermeidliche Schal: Leuschner ist angekommen in der coolen Startup-Welt. Als er die große Rebuy-Story erzählt, duzt er seinen Besucher. Ganz normal hier: "Wir duzen uns alle." Seine Geschichte beginnt, wie sollte es anders sein, geradezu beschaulich, in einer verschlafenen Stadt – es ist Hofheim am Taunus in der hessischen Provinz. Zusammen mit seinem Freund Marcus Börner entscheidet sich Leuschner schon als Schüler, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Vorbild sind die Eltern: "Alle waren selbstständig, dadurch war das für mich total normal", sagt Leuschner. Wenn er Ferienjobs macht, Pizza ausliefert oder Versicherungen verkauft, nervt er seine Chefs mit Ideen, wie sich das alles besser organisieren lässt. Bis sie ihm sagen: "Mach doch dein eigenes Ding!"

Das erste Ding wird 2004 ein kleiner Internethandel mit gebrauchten Computerspielen, Trade-a-Game heißt das Unternehmen, das sie mit drei weiteren Freunden ins Leben rufen. Um das Geschäft auszubauen, brauchen die Youngster jedoch Geld. Das Problem: Egal ob Volksbank oder Sparkasse, niemand traut den Newcomern etwas zu. Da erbarmt sich der Vater einer Freundin, von Beruf Investmentbanker der Commerzbank. Gemeinsam mit zwei Kollegen investiert er 100.000 Euro. Es folgen: Der Umzug nach Berlin, die Umfirmierung in Rebuy, das größer angelegte Business.

Das Image – alles easy

Es soll aber nicht nach Business riechen, das Business – und schon gar nicht so aussehen. Die Lagerhalle, in der die Mitarbeiter ihre Büros haben, ist von außen grau und kastig, innen schreit alles: Wir haben Spaß! Grün gestrichene Wände, großzügige Aufenthaltsräume, die Tischtennisplatte, auch die Sitzsäcke, Flachbildschirme und Gymnastikbälle, die in jeder freien Ecke liegen – alles signalisiert: dies ist eine Wohlfühloase. Locker und cool.

Doch es gibt auch andere Zeichen. Zumindest eines. Von draußen, noch vor dem Eingang, fällt der Blick unweigerlich auf ein Fenster im ersten Stock, an dem ein überdimensionales Dollarzeichen klebt. Das habe nicht viel mit dem Spirit hier zu tun, betont Leuschner, dessen Büro nur wenige Meter von dem Fenster entfernt liegt. "Für mich persönlich zählt Geld nicht so", erklärt der Halb-Syrer, der sich mit einer Flasche Wasser in den Händen auf eine braune Couch gefläzt hat. Nachhaltigkeit nennt er als Ziel. Umweltschutz, Recycling. "Mein Bürotisch, meine Möbel zu Hause und viele andere Sachen, die ich besitze – alles ist gebraucht." Das fügt sich bestens zur großen Rebuy-Story. Es geht nicht um Zaster, sondern um Ethik, Freiheit, Spaß. Angeblich.

Die Realität – ein hartes Ringen

Rebuy hat sich optisch sein eigenes kleines Möchtegern-Silicon-Valley erschaffen, spielt aber in einer ganz anderen Liga – und ist alles andere als unabhängig. Das Startup ist vollgepumpt mit mehreren Millionen Euro Fremdkapital, zum Beispiel von SAP-Mitgründer Hasso Plattner oder Investor "Iris Capital", der kürzlich angeblich fünf Millionen Euro in das Projekt steckte. Im Jahr 2012 hat das Unternehmen nach eigenen Angaben mehr als 40 Millionen Euro Umsatz erzielt, aber immer noch keinen nennenswerten Gewinn. Verlieren die Investoren die Geduld, sieht es am Firmenstandort Rudow schnell wieder so aus, wie Rudow nun mal üblicherweise aussieht – trist.

Der wirtschaftliche Druck schlägt sich auch auf die Mitarbeiter nieder. In den Lagerhallen laufen die fleißigen Helfer von Rebuy wie die Ameisen umher, reinigen sorgsam CD-Oberflächen, verpacken im Eiltempo Waren oder brüten mit einem kleinen Schraubenzieher über zerlegten Handys. Alles für einen Stundenlohn von 7,51 Euro, sagt Verdi – und damit weit unter Tarif.

Kostenlose Getränke und Aufstocker

Chef Leuschner räumt ein, dass Rebuy keine Gehälter zahlen könne wie große Konzerne. Erklärt aber auch: "Wir zahlen momentan an unsere Mitarbeiter ein marktübliches Gehalt und versuchen darüber hinaus, für die gezeigten Leistungen durch ein Bonusmodell eine zusätzliche Vergütungsmöglichkeit zu schaffen." Zusätzlich, so Leuschner, entwickele das Gründerteam immer wieder neue Ideen, "wie zum Beispiel kostenlose Getränke, eine betriebliche Altersvorsorge, Firmenevents und Mitarbeiterrabatte". Die von Verdi angegebenen Zahlen seien zudem nicht richtig.

Dennoch: Einzelne Mitarbeiter der Firma, die keinen Betriebsrat hat, sollen, so die Gewerkschaft, trotz Vollzeitjob sogar auf das Jobcenter angewiesen sein.

Nach Spaß klingt das irgendwie nicht.

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