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Schäuble wollte Tabula rasa machen

Nichts sollte die Zukunft des wiedervereinten Deutschland belasten - auch nicht die Streitigkeiten der Vergangenheit. Wolfgang Schäuble, heute wie 1990 Innenminister, wollte deshalb kurz nach dem Mauerfall alle Stasi-Akten vernichten lassen - ebenso wie sein damaliger Dienstherr, Kanzler Kohl.

Wolfgang Schäuble hat 1990 als damaliger Bundesinnenminister dafür plädiert, die Stasi-Unterlagen im Zuge der Wiedervereinigung unbesehen zu vernichten. "Ich habe dazu - genau wie Helmut Kohl - geraten, damit die Streitigkeiten der Vergangenheit nicht zu sehr den Wiederaufbau der neuen Länder und damit die Zukunft belasten", sagte der CDU-Politiker der Zeitschrift "Super Illu".

Zur Begründung, warum die Akten doch nicht vernichtet wurden, sagte Schäuble in dem am Montag veröffentlichten Interview: "Wir haben dann aber den Wunsch der frei gewählten Volkskammer nach Aufarbeitung respektiert und eine entsprechende Regelung in den Einigungsvertrag aufgenommen. Rückblickend kann man sagen: Wir konnten uns das als größeres, vereintes Deutschland leisten." Hätte die DDR wie Polen oder Tschechien alleine den Weg in die Freiheit bewältigen müssen, wäre sie an dieser Form der Vergangenheitsbewältigung womöglich gescheitert, sagte Schäuble.

Tiefensee: Stasi-Akten für Geschichtsaufarbeitung unerlässlich

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD), erklärte, eine Vernichtung der Unterlagen hätte die Täter geschützt und die Opfer ihrer Ungewissheit und ihrem Leid überlassen. Bei der Aufarbeitung der deutsch-deutschen Geschichte komme der Stasi-Unterlagenbehörde eine entscheidende Rolle zu: "Täter konnten benannt werden, für viele Opfer gab es so, wenn auch manchmal schmerzhaft, Heilung", erklärte Tiefensee in Berlin. Nicht nur für seine Generation sei die Bildung des Geschichtsbewusstseins wesentlich, fügte er hinzu. "Viel wichtiger noch ist die Bewahrung der Geschichte für die nachfolgenden Generationen."

Schäuble sagte in dem Interview, dass trotz der Auswertung der Stasi-Akten "Verletzungen zurückbleiben". Das sei unvermeidlich. "Viele Opfer des Systems beklagen nach wie vor, ihnen geschehe keine Gerechtigkeit. Gleichzeitig fühlen sich Stützen des damaligen Systems an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Etwas so Fürchterliches wie Teilung und SED-Diktatur wirkt leider nach, so lange Menschen leben, die dieses erlebt haben", sagte Schäuble.

Der CDU-Politiker war von 1989 bis 1991 Bundesinnenminister in der damaligen Koalition aus Union und FDP unter Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). Seit der Regierungsübernahme durch die große Koalition im Jahr 2005 ist er erneut in dem Amt tätig.

AFP/AFP

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