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30. Mai 2008, 14:59 Uhr

Darf Birthler öffentlich anklagen?

Gregor Gysi und fast die gesamte Linke sind sauer auf die Birthler-Behörde: Deren Leiterin ergreife öffentlich Partei für die politischen Gegner der Linken, weil sie Gysi in einem Interview in die Nähe der Stasi gerückt hatte. Es gibt jedoch viele Politiker, die genau das für ihre Pflicht halten. Von Sebastian Christ

Marianne Birthler stellt sich der Konfrontation mit Gregor Gysi.© Jens Schlueter/ddp

Es war ein Interview im ARD-Morgenmagazin, das Gregor Gysi auf die Palme brachte. Zur besten Kaffee-und-Hörnchen-Zeit flimmerte am Mittwochmorgen Marianne Birthler in die Küchen der Nation. Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Akten war aus gutem Grund eingeladen worden: Einige Stunden später war im Bundestag eine Aktuelle Stunde angesetzt. Es sollte um Gysis angebliche Stasi-Vergangenheit gehen. Der Vorsitzende der Linken bestreitet vehement, dem Ministerium für Staatssicherheit zugearbeitet zu haben.

"Nach unseren Unterlagen sind diese Unterlagen die zu einem IM. Und der kann nach Aktenlage nur Gregor Gysi gewesen sein", sagte Birthler im Fernsehen. Inzwischen habe ihre Behörde Erkenntnisse, dass "nach diesen Unterlagen, die jetzt vorliegen, eine wissentliche und willentliche Unterrichtung des Ministeriums für Staatssicherheit stattgefunden hat - und zwar durch Gregor Gysi über unter anderem Robert Havemann". Als Gysi einige Stunden später im Bundestag seine kurze Verteidigungsrede ablas, keilte er gegen Birthler zurück. Er unterstellte Birthler, dass sie gemeinsame Sache mit den Gegnern der Linken mache, und erntete dafür viel Applaus aus der eigenen Fraktion.

Wenn man die Polemik von Gysis Redebeitrag abzieht, bleibt vor allem eine zentrale Frage: Ist die Birthler-Behörde nur Akten-Verwalterin, oder darf sie auch interpretieren - und somit aktiv an der Aufklärung von SED-Unrecht teilhaben? Hintergründig wird das schon kommende Woche wieder eine Rolle spielen: Dann muss Marianne Birthler vor dem Immunitätsausschuss des Bundestages die neue Aktenlage erklären und darlegen, warum sie von der Stasi-Tätigkeit Gysis überzeugt ist.

Was tun mit dem Wissen?

Birthler steht der Behörde seit dem Jahr 2000 vor. Ihre offizielle amtsdeutsche Funktionsbezeichnung lautet "Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik" (BStU). Hauptaufgabe der Behörde ist es, Privatpersonen, Forschern und Medienvertretern die durch das Ministerium für Staatssicherheit angelegten Akten zugänglich zu machen. Birthlers Mitarbeiter sind die einzigen Menschen in Deutschland, die einen vollständigen Überblick über den Aktenbestand haben. Allein deshalb ist ihr Wissen bei der Aufdeckung von Stasi-Verbrechen von unschätzbarem Wert. Dieses exklusive Wissen um Strukturen und Zusammenhänge jedoch ist genau das Problem, das Gysis Anschuldigungen zugrunde liegt: Wenn die Mitarbeiter und Frau Birthler nicht selbst die Aktenlage einordnen dürfen, wer soll es denn sonst tun?

Ein Sprecher des Kulturstaatsministers Bernd Neumann sagte auf Anfrage von stern.de, dass Birthler generell befugt sei, die Öffentlichkeit über "Struktur, Methoden und Wirkungsweise" der Stasi zu unterrichten. Wenn Personen der Zeitgeschichte betroffen sind, dürfe Birthler auch zu Einzelfällen öffentlich Stellung nehmen, "wie dies im Fall Gysi geschehen ist". Birthlers Behörde untersteht formal der Dienstaufsicht des Kulturstaatsministers.

"Es ist ihre Pflicht"

Auch Stephan Hilsberg widerspricht dem Standpunkt Gysis. Der SPD-Bundestagsabgeordnete war zu DDR-Zeiten kirchlicher Friedensaktivist und war in den Wendemonaten Gründungsvorsitzender der Sozialdemokraten in der DDR. Am Mittwoch forderte er Gysi und die Linke im Bundestag auf, sich intensiver mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. "Frau Birthler hat etwas getan, was ihre Pflicht ist", sagt Hilsberg. "Sie hat nicht nur eine einfache Archivarfunktion. Sie muss Fragen beantworten zu den Strukturen. Ja, das ist richtiggehend ihre Pflicht."

Es sei kein Zufall, dass es gerade in den Reihen der Linken überproportional häufig zu Stasi-Verdachtsfällen käme. "Der Zusammenhang ist klar. Es gab in der DDR viele Leute, die bewusst und sehr gerne für die Stasi gearbeitet haben", so Hilsberg. "Die Mitarbeiter der Stasi verstanden sich als Elite im Kampf für den Kommunismus. Das hat eine tiefe menschliche Dimension." Und die Linke sei "eine nahtlose Fortsetzung der SED".

Klaus Schröder, Leiter des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin, hält ebenfalls nichts von Gysis Angriffen gegen Marianne Birthler. "Das ist Quatsch", so Schröder, der als einer der schärfsten Kritiker der Behörde gilt und noch vor Monaten ihre Auflösung gefordert hat. Natürlich dürfe Birthler sich zur Aktenlage äußern, auch wenn der Inhalt politisch brisant ist. "Sie wird gefragt, wie sie das interpretiert. Und das muss sie auch erläutern dürfen." Allerdings sei Zurückhaltung geboten, so Schröder. Und das ist bei den Äußerungen Birthlers im Morgenmagazin freilich Interpretationssache.

Auch andere Birthler-Kritiker nahmen keinen Anstoß am Vorgehen der Behördenleiterin. Mit ihrer Meinung zu Birthlers Verhalten steht die Fraktion der Linken im politischen Deutschland momentan allein da.

Was die eigentlichen Stasi-Vorwürfe angeht, so hält Gysi weiterhin an seiner Version fest: Das Ministerium für Staatssicherheit habe ihn auf Tauglichkeit geprüft, letztlich aber nicht zu Spitzeldiensten verpflichtet - weil man ihn für nicht zuverlässig gehalten habe. Später sei er sogar selbst beschattet worden. Seine Mandanten hätten durch seine Tätigkeit weniger Repressalien zu erleiden gehabt als zuvor - in seiner Bundestagsrede nannte Gysi konkret das Beispiel des Dissidenten Robert Havemann.

"Anwälte haben sich einspannen lassen"

SED-Forscher Schröder glaubt nicht, dass die jetzige Diskussion um eine eventuelle inoffizielle Mitarbeit Gysis bei der Stasi den Kern der Debatte trifft. "Das eigentlich Skandalöse ist ja, dass Gysi als Anwalt von der Partei gesteuert wurde". Die ihm vorgeworfene Stasi-Tätigkeit sei da nur ein eher unwichtiger Randaspekt mit hoher Medienwirkung. Gysi prozessiere deswegen seit Jahren gegen diese Anschuldigungen, weil das Bild des Inoffiziellen Mitarbeiters in der Öffentlichkeit so negativ besetzt sei. "So aber ergibt sich ein völlig falsches Bild von der DDR", sagt Schröder. Schon mit seiner beruflichen Tätigkeit als Jurist habe er sich dem Regime angedient. "Die Anwälte und Richter haben sich alle einspannen lassen."

Von Sebastian Christ
 
 
KOMMENTARE (10 von 53)
 
Bauwicht (02.06.2008, 16:43 Uhr)
Einigungsvertrag für wen ?
Glaubt tatsächlich jemand in unserer Demokratie an Märchen im Zusammenhang mit der DDR und daran, daß man in der DDR etwas werden durfte/konnte, ohne durch Gegenleistung dieser verbrecherischen Organisation zu dienen !???
Und das gilt für sie alle, ob sie Stolpe, Gysi oder Merkel heißen !!!

Unsere liebe Frau Merkel war FDJ- Mitglied für Agitation.
Meine diesbezügliche Frage an Frau Merkel über ihr (vollkommen kostenneutrales -ha, ha ,ha!!) eingerichtetes direktzurkanzlerin- "Kommunikationsmittel für den Bürger" ist bis heute nicht beantwortet worden.

Haken Sie - die Medien - doch endlich einmal nach.
Was hat eigentlich diesen Herrn Kohl damals dazu veranlasst - ohne Not??? - eine verbrecherische Organisation in unsere Demokratie zu übernehmen und großzügigst zu entlohnen ???
Vor allem, da so etwas nun schon das Zweitemal in unserer Geschichte vorgekommen ist !!
Was ist eigentlich in diesem Vertrag enthalten, daß wir uns so etwas bieten lassen müssen.

Administrator (02.06.2008, 15:29 Uhr)
Liebe User,
vielen Dank für Ihre Diskussion.
Wir haben an dieser Stelle diverse Kommentare löschen müssen, da diese unsachlich verfasst waren und somit gegen unsere Hausordnung verstoßen haben.
Zur Kritik an unserem Autoren möchten wir zum wiederholten Male darauf hinweisen, dass wir diese gern entgegen nehmen - sofern sie sachlich formuliert ist.
Kommentare, die Unterstellungen und Beleidigungen enthalten werden gelöscht.
Herzliche Grüße,
Ihre stern.de-Admins
nightmare_online (02.06.2008, 13:04 Uhr)
Gaaaanz ruhig
Also nach meiner Kenntnis sind in der Sache Gysi Verfahren anhängig. Bevor diese entschieden sind gilt der Beschuldigte als Unschuldig. Der Rest ist künstliche Aufregung weil CDUCSUSPDFDPGRüne einen feinen Aufhänger gefunden haben, Herry Gysi mit Dreck zu bewerfen.
Äusserst interessant ist meiner Meinung nach übrigens die unterscheidliche Vorgehensweise der Birthler-Behörde bei den Fällen Kohl und Gysi.
Zu diesem Zeitpunkt ist das Thema schlicht viel Rauch um nichts.
NeoBa (02.06.2008, 09:15 Uhr)
Wer gerade nich passt
Angeklagt wird hier nach Willkür oder wie manche sagen über jemanden "informiert". Es gibt allerdings keine handfesten Beweise und das ist ganz schön peinlich, wenn man überlegt, dass man den Gisy schon seit nem Jahrzehnt versucht zu überführen.
Unsere "Außenministerin" Frau Merkel war FDJ-Leitungsmitglied, bis 1984 FDJ-Sekretärin für Agitation und Propaganda! uns studierte in Russland. Dies ist nur sehr regimetreuen Bürgern der DDR vorbehalten gewesen! Alles von Birthler und CO ist meiner Meinung nach Heuchlerei und eine Schande für Deutschland
vegefranz (01.06.2008, 21:09 Uhr)
IM Gysi wird weiter leugnen
Birthler ist die Frau der stunde. Gysi wird solange leugnen, bis es nicht mehr geht. Daher ist Birthler notwendig und wichtig. Die ganzen IMs, die Leute in die Foltergefängnisse der Stasi gebracht haben, gehören entlarvt
kralli19 (01.06.2008, 20:08 Uhr)
McCarthy
Wenn man das hier so liest, ist ja fast wie in den 50ern in Amerika zur McCarthy-Ära....
Blast zum Halali...nützen wird´s euch nix.
Preussin (01.06.2008, 17:01 Uhr)
@ chatahootchee
Ich meine wirklich alle , die in den Bereichen Anweisung gegeben haben oder im stillen noch tätig sind. Ich glaube das Bedürfnis ist nicht von der politischen Zugehörigkeit abhängig. Eher schon um was es geht und der christliche Glaube hat auch noch nicht all zuviele zurückgehalten , wenn das Ziel lockte und die Technik zur Verfügung stand.
Frdl. Gruß
Aquarius_Jedermann (01.06.2008, 16:22 Uhr)
Versuchsballon der reaktionären Kräfte.
So so, Frau Birthler braucht nicht mal eine juristische Ausbildung, um beurteilen zu können, was die von ihr vorgebrachten Materialien taugen. Sekundiert wird sie von einigen Abgeordneten, denen das Grundgesetz milde ausgedrückt am Arsch vorbeigeht.
Sind wir soweit, dass Denunziationen aufgrund von Materialien einer verbrecherischen Institution (Stasi) ausreichen, um jemanden öffentliche an den Pranger zu stellen? Das hatten wir bereits schon mal in den 60er Jahren, als Naziakten von deutschen Gerichten gegen ehemalige Widerstandskämpfer angeführt wurden, um ihnen eine Entschädigung zu verweigern.
Der Bundestag hat die Immunität des Abgeordneten Gysi nicht aufgehoben, auch hat die Generalbundesanwaltschaft kein Verfahren wegen eines begründeten Anfangsverdachtes eingeleiet. Aber Frau Birthler stilisiert sich zur Chefanklägerin und zur obersten Richterin in einer Person.
Wozu brauchen wir dann noch eine Gewaltenteilung und andere Einrichtungen des Rechtsstaates? Unschuldsvermutung, Rechtsstaatlichkeit, wozu das denn? Wenn einer nichts zu verbergen hat, kann er sich ja ruhig bloßstellen lassen, oder? Ja, unter den Nazis hatte man auch nichts zu befürchten, wenn man Arier war, gell?
Die reaktionären Hetzer freuen sich schon auf eine neue feudale Zeit, in der sie nach Herzenslust rumkommandieren und verurteilen können.
Frau Birthler und die in dem Artikel genannten Abgeordneten helfen schon eifrig den Rechtsstaat zu beseitigen.
Doch, Obacht! Es gibt immer noch den Artikel 20 des Grundgesetzes, der es den Bürgern ermöglicht sich zur Wehr zu setzten, falls der Rechtsstaat dazu nicht mehr in der Lage ist (Widerstandsrecht).
"Artikel 20
(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.
(2) Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung, der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt.
(3) Die Gesetzgebung ist an die verfassungsmäßige Ordnung, die vollziehende Gewalt und die Rechtsprechung sind an Gesetz und Recht gebunden.
(4) Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.
Das sollten auch Frau Birthler und die hinter ihr stehenden reaktionären Kräfte wissen, denn noch kann Herr Schäuble die Armee nicht gegen die Bürger einsetzen.
chatahootchee (01.06.2008, 15:18 Uhr)
@PREUSSIN
Mit den Puenktchen meinen Sie sicher die Herren Steinkuehler und Krenz?!
Preussin (01.06.2008, 11:29 Uhr)
Birthler
@ gpvoss
Von Zuammenfallen kann wohl keine Rede sein. die Regierung wurde ohne Wahl vom Volk in den Ruhestand ohne Privilegien , geschickt.
Erst die Barmherzigkeiten der BRD , setzten ihnen nach Klagen , ordentliche Bezüge hin. Das ist doch hoffentlich noch im Gedächtnis ?Sollte die Birthler Nachhifeunterricht brauchen ? Kann sie sich ja vertrauensvoll an Sommer , Zumwinkel und ..... wenden.
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