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Komik statt Symbolik

Im Kanzlerschaftsmentorenprogramm Schmidt-Steinbrück, das per "Spiegel" und "Jauch" geballt über das Land hereinbrach, präsentieren sich die beiden Genossen als Schachstrategen der Politik. Doof nur, dass ihr Buch mit einem Titelbild versehen ist, auf dem sie vor einem falsch aufgestellten Brett sitzen.

Von Florian Güßgen

Schach gilt ja gemeinhin als Spiel der Könige, als Zeitvertreib der Strategen, der Denker, vor allem der Vorausdenker. Es gewinnt der, der immer ein Stückchen weiter gedacht hat als sein Gegenüber. Es ist also kein Zufall, dass Peer Steinbrück und Helmut Schmidt ihr neues Buch mit reichlich Schachmetaphern spicken. Denn schließlich soll das Schmidtsche Mentorenprogramm für Möchtegern-Kanzlerkandidat Steinbrück auch einige qualitative Rückschlüsse auf die Tauglichkeit des Zöglings für allerhöchste Ämter ermöglichen. "Zug um Zug", lautet der Titel, den Buchdeckel ziert ein Bild, das die Genossen beim Schachspielen zeigt. Mit diesem Werk haben sich die Hanseaten am vergangenen Wochenende auf große, eitle PR-Tour begeben. Sie schmücken den aktuellen "Spiegel"-Titel (Schmidt über Steinbrück: "Er kann es"), auch die ARD hat ihnen in dem "Günther Jauch" genannten neuen Werbeformat am Sonntagabend eine Stunde geschenkt. Ab diesen Donnerstag ist "Zug um Zug" im Handel.

Komik statt Symbolik

Doof nur, dass die bedeutungsschwangere Symbolik jetzt nach hinten losgegangen ist. Denn den Herren, der Fotografin, dem Verlag ist da ein blöder Fehler unterlaufen. Eine Petitesse, sicher, aber eine, die dem ganzen schweren Duktus eine wunderbare Komik verleiht. Das Schachbrett steht falsch. Ja, echt. Falsch. Das Feld ganz rechts, man sieht das gut auf Steinbrücks Seite, ist nämlich schwarz, das Brett um 90 Grad gedreht. Ein Skandal! Denn, wie Schachkundige wissen und wie ein kurzer Blick in den entsprechenden Wikipedia-Eintrag selbst Ignoranten bestätigt, genau jenes Feld muss nämlich immer weiß sein. Enthüllt haben Schachbrett-Gate zuerst die Kollegen vom "Hamburger Abendblatt". Seltsam ist auch, das hat die Nachrichtenagentur DPA angemerkt, dass die Spieler auf dem Titel gleichzeitig Figuren bewegen. Das, so die Manöverkritik, sei doch ungewöhnlich. Schließlich warte man in der Regel ab, bis das Gegenüber seinen Zug gemacht habe. Die "Süddeutsche Zeitung" hat dann nachgesetzt und die renommierte Fotografin befragt, Ingrid von Kruse. Die bekannte sich in dem Interview freimütig zu ihrer fehlenden Schachkenntnis und berichtete stattdessen von der Zeitnot, in der die Aufnahme im Schmidtschen Heim entstehen musste.

Eigentlich eine Posse im Steinbrückschen Sinne

Hätten die Spieler den Fehler nicht bemerken müssen? Im Bundestagsbüro Peer Steinbrücks gibt man sich in der Angelegenheit etwas zugeknöpft. Nein, Steinbrück wolle zu der Causa nichts sagen, heißt es. Nur soviel: es gebe auch Fotos, etwa in der aktuellen "Zeit", in dem die Herren korrekt vor dem Spielzeug säßen. Ansonsten solle man sich doch bitte an den Verlag halten. Es ist ein leicht genervter Unterton, der da mitschwingt. Dabei handelt es sich um eine Posse, die Steinbrück eigentlich lieben müsste, entspricht sie doch seinem sarkastischen und gerne auch selbstironischen Naturell. Denn sitzt da nicht ein hoch dekorierter Staatsmann mit Ambitionen und guckt konzentriert auf das falsch aufgestellte Spiel. Saukomisch. Wunderbar. Aber zurück zum Verlag. Hier, bei Hoffmann und Campe in Hamburg, einem eigentlich sehr guten und seriösen Verlag, finden sie das scheinbar alles gar nicht so lustig. Pressesprecherin Iris Seidenstricker verwies gegenüber stern.de darauf, dass das Foto in einer Arbeitssituation entstanden sei. Schmidt und Steinbrück hätten an jenem Tag jene Gespräch geführt, die Grundlage des Buches seien. Man habe das Shooting so kurz wie möglich halten wollen. Eine Nachlässigkeit habe es sicher gegeben, sagte Seidenstricker. Noch sei nicht beschlossen, bei einem Nachdruck ein neues Foto zu nehmen - und zur Frage, ob sich denn der Verlag bei den Herren entschuldige, wollte sich die Verlagssprecherin nicht äußern. Aber sie konnte dem Fauxpas doch etwas Gutes abgewinnen. "Deutschland wird diesen Fehler jetzt kennen", sagte sie. "Und jeder, der anfängt, Schach zu spielen, wird ihn nicht mehr machen."

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