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29. Januar 2008, 10:04 Uhr

"Rattenrennen um Rendite"

Bundesfinanzminister Peer Steinbrück hat der Finanzwelt auf dem Neujahrsempfang der Deutschen Börse kräftig die Leviten gelesen. Für die derzeitige Finanzkrise machte Steinbrück in erster Linie die Börsianer und ihre "Übertreibungen und Maßlosigkeiten"verantwortlich. Von Mathias Schlosser

Bundesfinanzminister Steinbrück (SPD) redet beim Neujahrsempfang der Deutschen Börse© Martin Öser/DDP

Ein Heimspiel war es sicher nicht, dass der Finanzminister vor den rund 1000 teils hochkarätigen Gästen des Empfangs absolvieren musste. Freundlich im Ton, aber bisweilen hart in der Sache, erinnerte er die Banker und Börsenhändler an ihre Verantwortung jenseits "der legitimen wirtschaftlichen Interessen". An anderer Stelle wurde er deutlicher und sprach von einem "Rattenrennen nach Renditen", dass einige in den vergangenen Jahren gestartet hätten. "Übertreibungen und Maßlosigkeiten" seien auch an der aktuellen Krise schuld, die nichts weiter sei als die notwendige Korrektur dieser "Exzesse".

Kein Anlass für Pessimismus

Maßvolles Handeln und kühle Köpfe forderte Peer Steinbrück aber auch für die Bewältigung der Krise: "Man darf das jetzt auch nicht überbewerten", sagte er und warnte vor Hysterie. Die hohe Volatilität der Kurse, die seit Tagen die Börsen bestimmt, sei nicht hilfreich. Bei all der Hektik dürfe man nicht übersehen, dass die deutschen Unternehmen heute insgesamt besser aufgestellt sind als noch vor wenigen Jahren. "Für übertriebenen Pessimismus gibt es angesichts der robusten und gesunden Fundamentaldaten keinen Anlass."

Auch an den grundsätzlich guten Rahmenbedingungen für die Wirtschaft in Deutschland ließ er keinen Zweifel. Sicher, die rezessiven Tendenzen in den USA würden auch in Europa spürbar, doch es sei längst nicht mehr so, dass die alte Welt einen Schnupfen bekommt, wenn Amerika nur hustet. Nein, beim "Unterbietungsrennen" der Wachstumsprognosen wolle er nicht mitmachen. 1,7 Prozent für 2008 seien für Deutschland sehr realistisch und konservativ geschätzt.

Steinbrück präsentiert Sechs-Punkte-Plan

So kam der Finanzminister zu dem Schluss, dass die derzeitigen Turbulenzen gut gemeistert werden können, auch wenn sie die Wirtschaft nach seiner Meinung noch eine Weile beschäftigen werden. Vor allem von den Banken forderte Steinbrück aber eines: Die schnelle Aufarbeitung der Kreditkrise. Es müsse endlich Schluss damit sein, dass immer neue Finanzlöcher häppchenweise zugegeben werden. "Jetzt muss reiner Tisch gemacht werden."

Dann nannte Deutschlands Kassenwart sechs Punkte, mit denen Krisen künftig vermieden werden sollen: Er machte sich für mehr Transparenz an den Finanzmärkten stark, forderte eine verbessertes Risikomanagement, hinterfragte die Rolle der Rating-Agenturen und forderte ein schärferes Bilanzrecht, eine effizientere Bankenaufsicht und neue Liquiditätsregeln. Viel Applaus gab es dafür nicht.

Schwere Vorwürfe vom Finanzminister

Darüber hinaus ermahnte Peer Steinbrück die versammelte Finanzwelt, dass die eklatanten Fehler, die dieser Tage deutlich werden, die vielfach gewünschte Aktienkultur in Deutschland nicht gerade beflügelten: "Viele Menschen betrachten die Finanzmärkte als willkürlich", warnte er. Sie pflegten Ängste gegen die Banken, die Börsen und deren hochkomplizierte Finanzprodukte, was langfristig zu einer "Beschädigung des Standorts" führen könne. "Das wird mir hier zu wenig mitgekocht", rief Steinbrück in den Saal und bekam wieder keinen Beifall.

Der brandete so richtig erst ein paar Minuten später bei Reto Franconi auf. Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Börse AG dankte zwar artig für die "finanzpolitische Grundsatzrede" des SPD-Politikers Steinbrück; das Herz der Banker rührte er aber vor allem mit dem Motto, das er für sein Unternehmen ausrief: "Die Maxime lautet: Wachstum, Wachstum, Wachstum!"

Von Mathias Schlosser
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
jueck (30.01.2008, 16:02 Uhr)
bewusst blauäugiger Finanzminister
Maßhalten beim Renditemachen - ein Widerspruch in sich. Wir haben doch Wettbewerb. Entweder der Mensch im Mittelpunkt, oder der Gewinn - anders geht es nicht.
Freilich würde er sonst die Systemfrage stellen müssen.
ganzbaf (29.01.2008, 14:27 Uhr)
Genau H.P., weil...
das Geld. äh, die "Börse" hat nämlich der Teufel gemacht... ;-P
.
Hat Luther schon gewußt. Ist aber zwischenzeitlich leider vergessen worden. ;-D
H.P. (29.01.2008, 12:44 Uhr)
Gewinnemachen durch Aktiengeschäfte.
Die Aktie entbindet ihren Besitzer von jeglichen Schuld- oder Pflichtgefühlen gegenüber anderen Menschen und gegenüber der Welt an sich. Der Aktienbesitzer als anonymer Auftraggeber zur Ausbeutung ganzer Völker spielt in seinem Dorf die Rolle des liebenden Familienvaters, des sorgsamen Mitbürgers, des aufmerksamen und höflichen Zeitgenossen - kurz: die Rolle des integrierten, verantwortungsvollen Menschen.
Sein Vermögen, das sein Ansehen unter seinen Freunden und Bekannten noch steigert, beruht auf der bis in die schlimmste Kriminalität reichende Aktivität, die er mit seinen Aktienkäufen unbewusst finanziert und beauftragt. Da helfen auch keine großzügigen Spenden an den örtlichen Verein der Blindenhilfe oder die freiwillige Feuerwehr. Da hilft auch nicht die Spende für die Anschaffung der neuen Rutsche für den Kindergarten. Verbrechen bleibt Verbrechen und Auftraggeber dazu bleibt der Aktienbesitzer. Das Bewusstsein des Aktionärs endet genau an der Schwelle zum Verlust. Solange er Gewinne macht, denkt er weder über das eigene Leben noch über das anderer Menschen nach. Die Triebe das Aktienbesitzers sind auf die Aktie fokussiert. Sein ganzes animal einfaches Streben zielt auf das schnelle Gewinnemachen durch Aktiengeschäfte.
Die Börse ist die satanische Erlösung des Menschen von seinem Gewissen. Der Mensch wird mit seinem finanziellen Engagement an der Börse zum Verursacher größter menschlicher Übel und Untaten. Der große Vorteil liegt darin, dass er sich dies in keinster Weise klar machen muss. Er bleibt ganz unbelastet von dem Leid, das er entfacht, und streicht zufrieden die Gewinne ein, über deren Herkunft er nicht viel weiß und wissen will.
http://www.konzern-kritik.de/aktienbesitz-macht-frei.htm
ganzbaf (29.01.2008, 12:38 Uhr)
Wachstum, Wachstum, Siechtum...
Welcher Depp glaubt heute noch an den Segen einer dauerwuchernden Krebs-Geschwulst?
.
NACHHALTIGKEIT! NACHHALTIGKEIT!NACHHALTIGKEIT...!!
;-PPPP
AcTr (29.01.2008, 12:13 Uhr)
Rattenrennen?
Ist zwar off-topic...hat er das wörtlich gesagt?
Da müssen wir wohl noch ein bisschen üben...er hat wohl ein "rat race" gemeint...
http://dict.leo.org/ende?lp=ende&lang=de&searchLoc=0&cmpType=relaxed&sectHdr=on&spellToler=on&search=rat+race&relink=on
JoDo (29.01.2008, 11:24 Uhr)
3% sind nicht genug,
"alles für meine Enkel", 2011 wenn die Hütte auf Barbados abgezahlt ist können wir über Lockerung sprechen Steinbrück macht die Banker geil. Wachstum, Wachstum.....
Na klar, die paar Häuslebauer, die läppischen Milliarden der Landesbanken (Mehrzahl!!!!), die paar Abwanderungen (wer ist schon Nokia), gar kein Thema, alles dieser Fantomas aus Franzland.
Ein paar Subventionen hat der Finanzexperte immer noch in der Tasche, alles wird gut Deutschland.
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