Geht's jetzt los? Wenn ja: Wohin? Am Sonntag kürt die SPD auf ihrem Parteitag Peer Steinbrück nun auch offiziell zum Kanzlerkandidaten. Höchste Zeit, Antworten auf ein paar offene Fragen zu geben. Von Andreas Hoidn-Borchers

Weht derzeit ein eisiger Wind entgegen: Peer Steinbrück, der am Sonntag in Hannover zum SPD-Kanzlerkandidaten gekürt wird.
Naja, bislang hat die SPD ja noch keiner gefragt, ob sie diesen Kandidaten überhaupt will. Steinbrück hat sich quasi von selbst aufgestellt. Wollte ja sonst keiner. Dabei gab es in der Partei durchaus auch Zeiten, da haben sich die Leute regelrecht um den Herausforderer-Job gekloppt. Schröder und Scharping. Schröder und Lafontaine. Dass nur einer will oder muss - das gab es immer nur dann, wenn die Erfolgsaussichten eher überschaubar waren.
Theoretisch ja, in wirklich: Natürlich nicht. So bekloppt sind nicht mal mehr 635 versammelte SPD-Delegierte, dass sie ihren Spitzenmann zum Start ins Wahljahr in aller Öffentlichkeit demontieren. Das schafft er schon alleine.
Es gibt zwei Messlatten. Frank-Walter Steinmeier erhielt 2008 bei seiner Wahl zum SPD-Kanzlerkandidaten 95,13 Prozent der Stimmen. Angela Merkel ist gerade auf dem CDU-Parteitag fast acht Minuten bejubelt worden. Beide sind als Redner, vorsichtig formuliert, nicht ganz so gut wie Steinbrück. Also müsste er ziemlich gut abschneiden. Nur, die Welt ist nicht gerecht. Sonst bräuchte es ja keine SPD mehr. Außerdem: Da war doch noch was …
Gegenfrage: Welche nicht? Honorare, Bochum, seltsame Berater kommen und gehen, und dann wird auch noch die Schweizer Bank durchsucht, bei der er einen seiner letzten Vorträge halten wollte. Seine Zeit als inoffizieller Kandidat kann man am besten mit dem schönen Wort des Fußball-Philosophen Jürgen Wegmann zusammenfassen: Erst hat man kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu.
Nüscht. Angela Merkel genießt und schweigt. Der Name ihres ehemaligen Finanzministers kommt ihr praktisch nicht mehr über die Lippen. Abwertung durch Nichtbeachtung.
Auch nichts. Sie leiden und schweigen. Offene Kritik an Steinbrück gibt es derzeit nicht. Wie schlimm es steht, kann man aber daran erkennen, dass selbst die Jusos auf Kuschelkurs mit jenem Kandidaten gehen, von dem ihr Vorsitzender vor Jahresfrist noch sagte: "Er würde die SPD tief spalten."
Noch eine Gegenfrage: War er das je? Und noch eine: Wer wäre die Alternative? Solange diese Frage nicht beantwortet werden können, gilt für die SPD: Ich hatt' einen Kandidaten, einen bessren findst du nicht.
Die fürchten sie bei der CDU tatsächlich und nicht wenige in der SPD träumen heimlich von ihr. Aber erstens wechselt man in der reißenden Furt nicht die Gäule. Und zweitens: Kraft will nicht. Jedenfalls 2013 nicht. Man müsste sie mit großer Gewalt zu ihrem Unglück zwingen. Müsste die SPD Steinbrück doch noch ersetzen, träfe es wohl Sigmar Gabriel.
Was soll er schon sagen? Dass ihm und der SPD der Wind ins Gesicht bläst. Dass er daran auch nicht ganz unschuldig ist. Aber auch: Dass er sich wundere, welch geringe Rolle seine politischen Positionen bisher gespielt hätten in der Berichterstattung. Und dass er nicht ans Aufgeben denke: "Sie können ja nicht sagen, wenn das so ist, Herr Förster, lege ich das Reh wieder auf die Lichtung zurück."
Am besten, indem jetzt nichts mehr rauskommt. Nach den ganzen echten wie vermeintlichen Patzern, Pannen und Peinlichkeiten kann Steinbrück sicher sein: Nun wird jede Wüstenmaus zum Rhinozeros aufgepumpt. Und welchen Schaden so ein Vieh anrichten kann, sollte Nashornfan Steinbrück wissen. Oder er fragt nach bei Wulff. Bei dem begann es auch mit einem teuren Kredit und endete bei einem Bobbycar. Danach kam: der Rücktritt.

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