1. Juli 2008, 09:33 Uhr

Kein Anfangsverdacht gegen Kusch

Der Fall hat für Aufsehen in Deutschland gesorgt: Hamburgs Ex-Senator Roger Kusch hatte einer 79-jährigen Frau Sterbehilfe geleistet. Die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Würzburg hegt allerdings keinen Anfangsverdacht gegen Kusch wegen einer Straftat.

Leistete Sterbehilfe: Hamburgs ehemaliger Justizsenator Roger Kusch©

In einem aufsehenerrgenden Fall angeblicher Sterbehilfe stuft die Staatsanwaltschaft den Tod einer 79-Jährigen Frau aus Würzburg als normalen Suizid ohne Fremdbeteiligung ein. "Es gibt keinen Anfangsverdacht für eine Straftat", sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Clemens Lückemann.

Die Obduktion habe ergeben, dass die Todesursache der Frau eine Medikamenten-Intoxikation war. Es seien keine Einstichstellen vorhanden; die Frau habe die Medikamente demnach selbst zu sich genommen. Hamburgs Ex-Justizsenator Roger Kusch hatte mitgeteilt, er habe der lebensmüden, aber nicht todkranken 79-Jährigen Sterbehilfe geleistet. Damit hatte er eine Welle der Empörung ausgelöst.

"Es handelt sich um einen normalen Suizid ohne rechtlich relevante Fremdbeteiligung", sagte Lückemann. "Kusch hat aktiv nichts gemacht." Es handle sich auch nicht um unterlassene Hilfeleistung, weil ein "frei verantwortlicher Suizid" vorliege. Die Vorermittlungen seien allerdings noch nicht abgeschlossen, weil die toxikologischen Untersuchungen noch längere Zeit in Anspruch nähmen.

Kuschs Aktion hatte bundesweit Empörung ausgelöst. Eine Allianz mehrerer Bundesländer will organisierte Sterbehilfe verbieten. Über einen entsprechenden Gesetzentwurf soll der Bundesrat eventuell bereits an diesem Freitag abstimmen. Nach dem Gesetzentwurf der Länder könne "gewerbliche und organisierte Suizidhilfe" mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren geahndet werden, teilte das baden-württembergische Justizministerium am Dienstag in Stuttgart mit. Das Land hatte den Entwurf gemeinsam mit Bayern, Thüringen, Hessen und dem Saarland erarbeitet. Auch Hamburg unterstützt ihn. Deutliche Ablehnung und Kritik kam zunächst lediglich aus Rheinland-Pfalz. Mehrere andere Länder wollten sich enthalten.

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) äußerte sich zurückhaltend, bekräftigte aber ihre Ablehnung von Sterbehilfe. "Eine Strafandrohung verhindert letztlich nicht den Wunsch vieler Menschen, aus Angst vor Schmerzen oder dem drohenden Verlust ihrer Würde die Entscheidung über ihr Leben selbst treffen zu wollen", sagte sie in Wismar. Aufgabe der Politik müsse es sein, solche Bedingungen zu schaffen, dass Menschen möglichst schmerzfrei und in Würde leben könnten. Empört äußerte sich die Ministerin über den umstrittenen Politiker Kusch: "Was Herr Kusch da getan hat, halte ich für makabere Propaganda."

Nach Kuschs Angaben hatte die Würzburger Rentnerin, der er am Wochenende Sterbehilfe geleistet haben will, Angst vor einem Leben im Pflegeheim. Um ihren freien Willen für den "begleiteten Suizid" zu demonstrieren, hatte Kusch Video-Interviews mit ihr gezeigt. Sowohl die Würzburger als auch die Hamburger Staatsanwaltschaft leiteten Ermittlungen ein.

DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 26)
 
OttoB (01.07.2008, 19:29 Uhr)
Verzweifelt
Wie Verzweifelt muss ein Mensch sein, der sein Leben beenden will und dem nur Bahndamm und Brückenpfeiler bleibt um "würdig" zu sterben.Würde es eine Sterbehilfe mit Pflichtgespräch geben wie beim Schwagerschaftsabbruch, wie vielen könnte geholfen werden. So oder so.
Klaus_P (01.07.2008, 19:03 Uhr)
Komisch
Mich wundert dass sich unsere Volks(ver)treter darüber nicht freuen. Immerhin kosten die Leute dann keine Rente mehr.
guinness.1 (01.07.2008, 18:36 Uhr)
@Maria1000 ... und wieder eine ...
.....die am besten weiß, was gut für andere Menschen ist!
.
Unerträglich, sowas!
.
Nach dem Problem-Bären kommen jetzt die Belehr-Bären!
Known (01.07.2008, 16:23 Uhr)
Dammbruch ?
Jeder der sehen will wohin die Reise geht kann es bereits heute sehen. Dammbruch ist nur eine Frage der Zeit, wie bei so ziemlich allen anderen Dingen und Grausamkeiten an die wir uns gewöhnt haben, weil sie einfach lange genug auf uns eingeregnet sind wie eine niemals endene Diarrhoe
sportartmakler (01.07.2008, 15:37 Uhr)
anstatt den wunsch einer 79jährigen
zu respektieren, wobei die persönliche gründe eine untergeordnete rolle spielen( ausnahme natürlich bei geistiger unzurechnugsfähigkeit ), muß man sie natürlich zwangstherapieren, ob se will oder net.
@maria1000: warum sollten diese personen denn plötzlich einen moralischen druck empfinden? nur wegen einem gesetz welches ihnen die möglichkeit gibt? wer sterben will versucht dies mit oder ohne gesetz und scheert sich wahrscheinlich aufgrund seiner eigenen probleme einen dreck um die gesellschaft.
die bedingte legalisierung ist ja nicht gleichzusetzen mit einer "tötungswelle" ausgehend von der gesellschaft wie sie sie prophezeien. ihr moralisches gewissen welches sie hier einsetzen täte ihnen bei den von ihnen gern gescholtenen h4-empfängern viel besser.
JosefG (01.07.2008, 14:50 Uhr)
@Maria1000
"finde ich persönlich widerwärtig und höchst unmoralisch und profilierungssüchtig von Herrn Kusch (gibt z.B. viele Freiwillige sogar GRATIS-Ehrenamtliche, die solche Vereinsamten und Depressiven auf DAUER besuchen, mit ihnen was unternehmen, auch im Pflegeheim Ausflüge machen, mit ihnen reden, usw. (einige wohlhabende verheiratete Bekannte von mir machen z.B. Sterbebegleitung, Besuchsdienste in Heimen und Hospizen gratis statt für Geld zu arbeiten!)."
Solche selbstgerechte, arrogante, lebensfremde und unerträgliche "Tanten" hab ich schon als Kind gehasst wie die Pest.
Zum Glück besitze ich Alter zur Abwehr dieser Zombies einen gut gefüllten Waffenschrank.
CaptnCrunch (01.07.2008, 14:03 Uhr)
@Maria1000
na wenigstens eine einzige hats geschnallt... danke
Maria1000 (01.07.2008, 13:44 Uhr)
@insane: Falsch! Er ist eben gerade KEIN "freier Mensch" wenn er KRANK/depressiv ist!
Sie schreiben selbst, dawss Sie noch jünger sind, überlegen Sie mal, manche Jugendliche sehen in der Pubertät z.B. oft schon keinen Sinn mehr im Leben (und bringen sich ab und an sogar TATSÄCHLICH deswegen dann um) nur weil z.B. ein Freund sie verlassen hat, Eltern starben und ähnliches! Alles Dinge, bei denen man im ersten(!) Moment vielleicht in Panik gerät und seelisch an den Tiefstpunkt der Verzweiflung und Angst und Ausweglosigkeit - einige Jahre SPÄTER ist das aber schon wieder ganz anders und man hat das Tief überwunden!
Wenn Sie JEDEM, der sich töten möchte, dies "erlauben" wollen, indem man sagt, da mischt man sich nicht ein, das ist seine persönliche Freiheit", dann könnte man ja also das Geld für Behandlung seelischer Nöte also dann sich SPAREN Ihrer Ansicht nach? Ich habe in meinem anderen Beitrag eben noch geschrieben, WOHIN so eine Ansicht der Mitmenschen in Not dann FÜHRT zwangsläufig - ich weiss nicht, ob Sie sich dann in 50 Jahren in SO einer Gesellschgaft "wohl fühlen" würden....auch Sie werdne mal alt, einsam, kränklich....und sind dann FROH wenn Sie jemand ANSPRICHT oder HILFE ANBIETET anstatt nur sagen, "okay, dann bring dich halt eben um"...
Maria1000 (01.07.2008, 13:37 Uhr)
Die getötete Frau ...
Diese Frau WAR ja noch gar nicht im Pflegeheim, sie hatte nur ANGST davor!!! Und in so einem Fall, jemandem zu helfen sich zu töten anstatt ihm zunächst Therapie-/Gesprächsangebote zu machen, finde ich persönlich widerwärtig und höchst unmoralisch und profilierungssüchtig von Herrn Kusch (gibt z.B. viele Freiwillige sogar GRATIS-Ehrenamtliche, die solche Vereinsamten und Depressiven auf DAUER besuchen, mit ihnen was unternehmen, auch im Pflegeheim Ausflüge machen, mit ihnen reden, usw. (einige wohlhabende verheiratete Bekannte von mir machen z.B. Sterbebegleitung, Besuchsdienste in Heimen und Hospizen gratis statt für Geld zu arbeiten!).
Wie gesagt, sie war NICHT schwerkrank, wo man dann durchaus streiten koennte, ab wann man nachdem ALLE ÜBRIGEN "seelischen und medikamentösen Hilfen" versagt haben, den Freitodwunsch "genehmigen/hinnehmen" sollte als Mitmensch - Herr Kusch hat ihr aber allerdings geholfen sich umzubringen, BEVOR sie überhaupt im Heim war (und dann erst MERKT dass es dort "unerträglich" ist eventuell...) ! Oder BEVOR sonst eine Therapie/Betreuung versucht wurde....echt ÜBELST, meiner Ansicht nach.
Vor allem muss man sich das mal LOGISCH WEITERDENKEN: Rentner/in/Scherbehinderter/Langzeitarbeitsloser usw - wirtschaftlich unnütz/eine Bürde - vereinsamt - depressiv - ergo: Wir "erlösen" sie einfach und damit auch unsere Kassen!!! Da seh ich Scheunentore sich öffnen für MORALISCHEN DRUCK auf Alte/Arbeitslose/Kranke/Schwerstbehinderte sich zu töten bzw. töten zu LASSEN...vor allem wenn noch eine schwache Persönlichkeit, Ängstlichkeit, Minderwertigkeitsgefühle und Einsamkeit oder klinische Depression hinzukommt!
Klaus_P (01.07.2008, 13:26 Uhr)
Politker...
was ist denn von denen anderes zu erwarten? Deutschland, Deutschland, wo soll das nur hinführen...
MEHR ZUM ARTIKEL
Kommentar Roger Kusch, der Profiteur des Todes

Hamburgs Ex-Senator Roger Kusch hat eine alte Frau in den Tod begleitet. Das Thema Sterbehilfe ist plötzlich wieder in aller Munde, Politiker fordern ein Verbot. stern-Redakteur Oliver Link lässt die vergangenen Tage Revue passieren und benennt den einzigen Profiteur.

Sterbehilfe Doktor Kusch und der Tod

Es ist eine bizarre Aktion, mit der sich der im politischen Nirwana verschwundene Hamburger Ex-Senator Roger Kusch wieder ins Rampenlicht drängt: Er hat den Selbstmord einer 79-Jährigen in Würzburg begleitet. Nun erläuterte er die Umstände. Von allen Seiten prasselt Kritik auf ihn ein, die Justiz ermittelt.

Sterbehilfe Fast entspannt in den Tod

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch will künftig als Rechtsanwalt ehrenamtlich passive Sterbehilfe leisten. Dass seine Methode auch bei Hinrichtungen in den USA angewandt, aber wegen Unmenschlichkeit verboten wurde, hat er gehört. Aber Kusch vertraut seinen Ärzten.

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (21/2013)
Geht's jetzt an mein Geld?