Schröders Wahlkampf ging an die Grenze. Der Großen Koalition fehlt ein Ziel. Wir brauchen ein Grundeinkommen für alle Bürger. Arbeitnehmer müssen am Kapital beteiligt werden: Im stern-Gespräch zur Jahreswende redet Bundespräsident Horst Köhler Tacheles - und treibt die Politik.

Das Staatsoberhaupt beim Interview in seinem Berliner Amtssitz© Volker Hinz
Schröder rastet am Wahlabend aus, Müntefering schmeißt als SPD-Chef hin, Stoiber flüchtet - wie sollen die Menschen da Vertrauen in die Politik fassen?
Sie sollten es als das sehen, was es war: im Kern ein sehr menschliches Verhalten, zum Teil auch Fehlverhalten.
Kein Ausdruck kollektiven Versagens?
Nein. Keinesfalls. Ich will auch mal eine Lanze für die Politiker brechen. Sie machen Fehler, ja. Das passiert doch jedem, der handelt. Auch Politiker können nicht alles wissen, und vor allem: Auch sie können nicht zaubern. Wir sollten deshalb nicht jeden Tag die Quadratur des Kreises von ihnen verlangen.
Was haben Sie am 18. September gedacht, als Sie die ersten Hochrechnungen für die Bundestagswahl sahen?
Ich war überrascht, wie wohl die meisten.
Schockiert? Sprachlos?
Nein. Ich dachte: Ich bin mal gespannt, wie das jetzt weitergeht.
Wie erklären Sie sich, dass das Ergebnis so stark von den Vorhersagen abwich?
Da kommen verschiedene Faktoren zusammen. Vor allem hat Gerhard Schrö- der einen phänomenalen Wahlkampf geführt, der aber auch an die Grenze ging.
Sie spielen auf Paul Kirchhof an, den "Professor aus Heidelberg". Haben Sie daran gedacht, mäßigend einzugreifen?
Ehrlich gesagt, der Gedanke kam mir. Ich dachte, es darf doch nicht wahr sein, dass man einen zwar eigenwilligen, aber doch auch klugen Mann wie Paul Kirchhof als Fantasten und Anwalt der sozialen Kälte stigmatisiert. Das wird weder dem wichtigen Anliegen der sozialen Gerechtigkeit noch der Person Kirchhof gerecht. Der Mann hatte als Verfassungsrichter wegweisende sozialpolitische Urteile geprägt. Und jetzt gab es mit ihm, was es in Wahlkämpfen viel zu selten gibt: eine echte Alternative, etwas inhaltlich völlig Neues.
Warum haben Sie dann nicht eingegriffen?
Weil der Bundespräsident sich im Wahlkampf zurückhält.
Und weil Sie sonst wieder CDU-Präsident geschimpft worden wären?
Jeder kann selbst beurteilen, ob mein Lebensweg von Parteipolitik geprägt ist. Also: Der Wahlkampf war hart an der Grenze, aber noch nicht darüber.
Was bedeutet Kirchhofs Scheitern für die Zukunft?
Es wäre eine Verarmung, wenn nur noch Wahlkampf gemacht wird mit Einschüchterungs- oder Verführungsthesen, wenn nur noch gesagt wird, was Meinungsforscher und Parteistrategen festgelegt und rundgefeilt haben. Dann verlieren wir ein wichtiges Element politischer Kultur: den Streit um die Sache im besten Sinne. Wir brauchen dringend Politiker, die sich trauen, Dinge ungeschminkt zu sagen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 1/2006