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"Grass untergräbt seine Argumente"

Peter Beinart ist Politologe, orthodoxer Jude und Kritiker der israelischen Regierung. Das Gedicht von Günter Grass empfindet er dennoch als verstörend.

  Das Gedicht von Günter Grass verstört die Politikprofessor Peter Beinart. Nicht weil es israelkritisch ist, sondern weil Grass Nazi-Vokabular verwendet

Das Gedicht von Günter Grass verstört die Politikprofessor Peter Beinart. Nicht weil es israelkritisch ist, sondern weil Grass Nazi-Vokabular verwendet

Mit Kritik an der israelischen Regierung hält Peter Beinart nicht hinterm Berg. Der 41-Jährige ist Politikprofessor in New York, orthodoxer Jude und bekannt für seine scharfen Angriffe gegen die Regierung Netanjahus. Einige der Punkte, die Günter Grass unlängst in seinem Gedicht kritisiert, bemängelt auch Beinart. Dennoch beschreibt der Politologe das Prosastück als "verstörend". "Herr Grass bedient sich nationalsozialistischen Vokabulars, wenn er davon spricht, Israel wolle das iranische Volk "auslöschen". Durch die Gleichsetzung israelischer Politik mit dem Holocaust untergräbt Grass jedes seiner vielleicht richtigen Argumente." Der Nobelpreisträger säe so Zweifel an seiner Urteilsfähigkeit.

Siedlungspolitik bedroht Israel mehr als der Iran

Die Bedrohung durch den Iran hält Beinart nicht für zentral. Für ihn ist die Siedlungspolitik das entscheidende Manko. Daher fordert Beinart im Interview mit dem stern, dass Produkte aus den jüdischen Siedlungen im besetzten Westjordanland in deutschen Supermärkten besonders gekennzeichnet werden sollten. "Ich will, dass die Leute anstelle von Produkten aus den Siedlungen Produkte kaufen, die in Israel hergestellt wurden", so Beinart. Mit seinem Aufruf zum Siedlungs-Boykott will er eine Debatte über die Politik der israelischen Re-gierung anstoßen, "Juden zu subventionieren, damit sie ins Westjordanland ziehen."

Israel spielt Kritikern in die Hände

Die Besatzung der Palästinensergebiete und der Ausbau der jüdischen Siedlungen bedrohen Beinart zufolge Israels Fortbestand als demokratischer Staat. "Eine iranische Bombe wäre eine ernste, aber keine existenzielle Bedrohung. Israel ist hingegen in seiner Existenz als demokratischer Staat bedroht, wenn es sich nicht aus den besetzten Gebieten zurückzieht", sagt der Autor des gerade in den USA erschienen Buchs "The crisis of Zionism".

Israel beziehe seine Legitimität zuallererst aus seiner Demokratie, nicht so sehr aus der Funktion als Schutzmacht der Juden, so Beinart, der sich als "ziemlich gläubigen Menschen" und "überzeugten Zionisten" beschreibt. "Wenn Israel die Besatzung fortführt, spielt es seinen Feinden in die Hände. Denn dann können alle sagen: Die tun doch nur, als wären sie eine Demokratie."

Steffen Gassel
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