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Nicht ohne meine kugelsichere Weste

Promis wie Peter Maffay und Uli Hoeneß sprachen auf der stern-Podiumsdiskussion "Was tun gegen Nazi-Gewalt?". Im Gespräch wurde klar: Im Kampf gegen Rechts sind noch viele Hürden zu nehmen.

Von Sylvie-Sophie Schindler

  Im Gespräch mit Hans-Ulrich Jörges: unter anderem Peter Maffay und Uli Hoeneß.

Im Gespräch mit Hans-Ulrich Jörges: unter anderem Peter Maffay und Uli Hoeneß.

Uli Hoeneß, und man kennt ihn nicht anders, fand sofort klare Worte. "Der FC Bayern duldet keine Nazis", sagte der Präsident der Rot-Weißen entschlossen. Entsprechende Gruppierungen hätten Stadion-Verbot. "Wir wollen nicht das Geld von Leuten, die nicht bereit sind, sich in die Gesellschaft zu integrieren", so der Bayern-Boss. Damit war der Auftakt gemacht und die Marschrichtung zweifelsfrei vorgegeben: Hier und jetzt wird Tacheles geredet.

Der stern hatte am Mittwochabend zu einer Podiumsdiskussion ins Münchner Rathaus geladen. Rund 200 Leute kamen zu der vom Hauptstadt-Journalisten und Mitglied der stern-Chefredaktion, Hans-Ulrich Jörges, moderierten Veranstaltung. Das Thema: "Was tun gegen Nazi-Gewalt?".

Der Zeitpunkt war nicht zufällig gewählt, es hätte eigentlich der Tag des NSU-Prozessbeginns sein sollen. Dass es wegen des Wirbels um die Vergabe der Akkreditierungen anders gekommen ist, nannte Münchens Oberbürgermeister (OB) Christian Ude in seiner Begrüßungsrede beschämend. Juristischer Perfektionismus habe zu einem Mangel an Sensibilität geführt. Aber: Verschiebebahnhof klappt freilich nicht überall. Zwar könne man Gerichtstermine vertagen, so der SPD-Politiker weiter, Probleme jedoch nicht. "Und Neonazismus ist ein terroristisches Problem", mahnte Ude. Jedweder Versuch der Verniedlichung verbiete sich endgültig.

Frühe Gefährdungsanalysen "läppisch abgetan"

Befremdlich genug, und vor allem erschreckend, welchen Gedanken der Münchner OB da in die Runde warf. Rechtsradikalismus verniedlichen – wer bitte macht denn das? Aus den Berichten des ehemaligen Polizisten und Extremismus-Experten Bernd Wagner wurde klar: Das ist keine Seltenheit.

Wagner gehört zu den Mahnern und Warnern, die bereits im Jahr 1990 auf nationalsozialistische Strukturen in den neuen und alten Bundesländern hinwiesen. Seine Gefährdungsanalysen hätten damals schon aufschrecken müssen, doch das Bundeskriminalamt hätte die Sache laut Wagner "läppisch abgetan". Was, wenn der Staat nicht hören will? Müssen deshalb Menschen mit Migrationshintergrund fühlen? "Es gibt in staatlichen Behörden Rassisten und Antisemiten", berichtete Wagner weiter. Das sei sicher nicht die Masse, aber auch nicht von der Hand zu weisen. Und dennoch, man komme ihnen nur schwer bei. Es sei kaum möglich, Ansprechpartner zu finden, die dann entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Auch Rechtsanwalt Khubaib-Ali Mohammed, Vertreter der Opfer des Nagelbombenanschlags auf der Kölner Keupstraße, hat das erfahren. Seine Klienten hätten der Polizei gegenüber schon früh geäußert: "Das müssen Nazis gewesen sein." Doch die Beamten hätten einfach nicht hingehört und in andere Richtungen, etwa bezüglich des Verdachts auf Schutzgelderpressung ermittelt.

Jörges kritisiert Verfassungsschutz

Ob so etwas nur aus Nachlässigkeit passiere, bezweifelte Peter Maffay. Der Rocker vermutete rechtsextreme Vernetzungen "rauf bis nach oben". Einspruch von Hoeneß: "Das glaube ich nicht." Maffay ließ sich nicht beirren, es müsse endlich ein starkes Signal kommen von der Politik, namentlich ein NPD-Verbot. "Mich packt jedes Mal eine Wut, wie hinterhältig und kalt jemand sein muss, der einen Menschen tötet aus Rassismus", empörte sich Maffay. Im Dezember 2012 gab er in Jena das bislang größte Konzert gegen rechte Gewalt, vor 50.000 Menschen. In kugelsicherer Weste, wie er verriet. Eine Auflage der Sicherheitsbehörden.

War Deutschland bei Heinrich Heine noch ein Wintermärchen, so ist längst Schluss mit der Märchenstunde. Niemand denkt sich das aus, dass zig ausländische Mitbürger offenen oder heimlichen Feinseligkeiten ausgesetzt sind.

Die Journalistin Hatice Akyün, Tochter türkischer Einwanderer, berichtete, wie manche Leser auf ihre "Tagesspiegel"-Kolumne "Meine Heimat" reagiert hätten. Man habe ihr geschrieben, "sie solle sich lieber um Probleme in der Türkei kümmern und Deutschland nicht kritisieren". Sie solle besser dankbar sein, "sonst würdest du noch in einem anatolischen Ziegendorf leben". Akyün appellierte, jeder solle sich im Alltag selbst kontrollieren, ob auf einer Party oder beim Bäcker, Vorurteile begegnen einem überall, auch die eigenen.

Christian Stückl befand, man akzeptiere viel zu viel, was so ablaufe. "Nicht die Migranten müssen sich integrieren, sondern wir müssen bereit sein, sie zu integrieren", forderte der Intendant des Münchner Volkstheaters. Langer Applaus. Jörges stellte unter anderem die Frage nach dem Medienversagen und wies auf das Internet als entscheidenden Ort für Rechtsradikale und ihre Vernetzung hin. "Und was tut der Verfassungsschutz?", so Jörges. Ob es sein könne, dass der möglicherweise personell überfordert sei.

"Was ist mit diesen Meschen passiert?"

Statt Eintritt wurde eine Spende in Höhe von zehn Euro erbeten. Der Erlös kommt Exit zugute. Die Initiative für Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene wurde unter anderem auch von Geldern von stern-Leserinnen und Lesern angeschoben. Innerhalb von 13 Jahren konnte mehr als 480 Aktivisten geholfen werden. So auch Franka S., die bis 2009 in einem rechtsradikalen Projekt aktiv war, das unter anderem Bombenbau-Anleitungen verbreitete. Fern von Zuhause konnte sie sich eine neue Identität aufbauen.

Um nicht erkannt zu werden, erschien sie zur Veranstaltung mit Kopfbedeckung und Sonnenbrille. Doch fehlte sie letztlich auf dem Podium. Kreislaufprobleme. Schade, man hätte gerne von ihr erfahren, wieso sie sich für Nazi-Gedankengut begeistern konnte. Woher kommt diese Bereitschaft? Was hat ein Mensch erlebt, der dafür empfänglich ist? Mehmet Daimagüler, Rechtsanwalt im NSU-Prozess, sagte, die Fotos der toten NSU-Mitglieder würden ihm nicht aus dem Kopf gehen. Die Fotos, die sie einst als "sympathische Kinder" zeigten. "Und dann gucke ich mir die Fotos an, auf denen sie zwei Jahre älter sind und frage mich, was ist mit diesen Menschen passiert?"

Mehr Informationen und Berichte über andere Initiativen gegen rechte Gewalt finden Sie auf Mut gegen rechte Gewalt.

Sylvie-Sophie Schindler
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