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Deutsche halten USA für bedrohlicher als den Iran

48 Prozent der Bürger glauben, dass von den USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgeht als vom Iran. Nur 31 Prozent halten den Iran für gefährlicher. Das ergab eine Forsa-Umfrage für den stern. Doch auch Kurt Becks Versuch, aus der USA-kritischen Stimmung in der Debatte politisch Kapital zu schlagen, bringt die SPD nicht voran.

Von Florian Güßgen

Amerika hat einen miserablen Stand in Deutschland. 48 Prozent der Bundesbürger glauben, dass von den USA eine größere Bedrohung für den Weltfrieden ausgeht als vom Iran. Nur 31 Prozent halten Teheran für bedrohlicher als Washington. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Auftrag des stern in der vergangenen Woche durchgeführt hat. Die Forsa-Umfrage ergab auch, dass 72 Prozent der Befragten den Widerstand von SPD-Chef Kurt Beck gegen das geplante US-Raketenabwehrsystem unterstützen.

Amerikakritische Jugend

In der Umfrage sticht zudem die negative Haltung junger Deutscher gegenüber den USA hervor. In der Gruppe der 18- bis 29-Jährigen sagten 57 Prozent, sie hielten die USA für bedrohlicher als den Iran. Nur 25 Prozent sahen das umgekehrt. Wenn man nach Parteien unterscheidet, halten einzig die Anhänger der Union Teheran mehrheitlich für bedrohlicher als Washington - das Verhältnis ist hier 45 Prozent zu 36 Prozent.

Bei den anderen im Bundestag vertretenen Parteien überwiegt das Misstrauen gegenüber Amerika. 48 Prozent der SPD-Anhänger halten die USA für den Schlimmeren, 27 Prozent den Iran. Bei der FDP ist das Verhältnis 46 Prozent zu 33 Prozent, bei den Grünen 63 Prozent zu 17 Prozent, bei der Linkspartei sogar 72 Prozent zu 14 Prozent. Forsa befragte für diese Studie in der Zeit zwischen dem 22. und dem 23. März insgesamt 1003 Bundesbürger.

"Seit dem Irakkrieg gilt Bush als Kriegstreiber"

Karsten Voigt, Koordinator der Bundesregierung für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, sagte stern.de, die Beurteilung Amerikas, die in der Forsa-Umfrage zum Ausdruck komme, bereite ihm zwar Sorgen, aber sie überrasche ihn nicht. "Die jetzige amerikanische Administration hat nicht nur in Europa, sondern auch in anderen Teilen der Welt einen dramatischen Ansehensverlust erleiden müssen", sagte Voigt.

Ähnlich erklärt Forsa-Chef Manfred Güllner das Ergebnis. "Seit dem Irakkrieg hat sich das Bild von den USA als einer Macht gefestigt, die auch vor militärischen Aktionen nicht zurückschreckt und sich als Weltpolizei sieht", sagte Güllner stern.de. "Bush gilt seither als Kriegstreiber. Seiner Regierung traut man alles militärisch nur erdenklich Böse zu. Das Bedrohungspotenzial des Irans kann man dagegen nur schwer einschätzen."

Eckart von Klaeden, außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, sagte stern.de, das Amerika-Bild in Deutschland werde im Wesentlichen von den Zuständen im Irak geprägt. Dagegen würden die Gefahren, die mit dem iranischen Nuklear- und Raketenprogramm verbunden seien, in der deutschen Öffentlichkeit noch nicht ausreichend wahrgenommen, so von Klaeden.

"Das Ergebnis ist alarmierend"

Jeffrey Gedmin, bis vor kurzem Leiter des Aspen Instituts in Berlin und nun Chef des von der US-Regierung unterstützten Senders "Radio Free Europe/Radio Liberty" in Prag, hält das Ergebnis der Umfrage für alarmierend. "Schließlich handelt es sich bei den USA um eine Demokratie, bei dem Iran um eine Diktatur", sagte Gedmin stern.de. "Das eine Land hat zwar einen religiösen Präsidenten, aber das andere ist eine Theokratie. Die USA wehren sich gegen Terrorismus, Iran aber unterstützt Terrorismus und fordert die Eliminierung eines Mitgliedsstaates der Vereinen Nation, nämlich Israels. Wenn man halbwegs objektive Maßstäbe anlegt, dann ist das Ergebnis überraschend und alarmierend", sagte Gedmin.

Zwar kritisiert auch er, der lange als eloquentester Vertreter der amerikanischen Neokonservativen in Deutschland galt, die "desaströse" Selbstdarstellung der Bush-Regierung in Europa. "Bush hat nie die richtige Sprache für die Europäer gefunden, nicht einmal die richtige Körpersprache", sagte Gedmin. Aber es sei auch so, so Gedmin, dass selbst die beste "public diplomacy" die Deutschen nicht überzeugt hätte, weil sie Bushs Außenpolitik schlicht inhaltlich abgelehnt hätten.

"Viele Deutsche misstrauen den Vereinigten Staaten"

Zudem, sagte Gedmin, gebe es in der deutschen Bevölkerung einen latenten Anti-Amerikanismus - selbst wenn man den "Bush-Faktor" abziehe. "Viele Deutsche misstrauen den Vereinigten Staaten", sagte Gedmin. Das sei der Rahmen, innerhalb dessen man das Ergebnis der Forsa-Umfrage bewerten müsse.

Unterstützung erhielt Gedmin dabei von SPD-Mann Voigt sowie von dem Unionspolitiker von Klaeden. Beide sprachen ausdrücklich von einem "latenten Anti-Amerikanismus" in Teilen der Rechten und der Linken in Deutschland. Forsa-Chef Güllner bestritt dagegen, dass es diesen deutschen Anti-Amerikanismus gebe. Die negativen Umfrageergebnisse ließen sich vor allem mit der Ablehnung der Regierung Bush erklären, sagte Güllner.

Wie verfängt Becks Widerstand gegen die Raketen?

Die generell USA-kritische Stimmung in Deutschland spiegelt sich auch in der Zustimmung zum Versuch von SPD-Chef Kurt Beck wider, aus dem Widerstand gegen das geplante US-Raketenabwehrsystem politisch Kapital zu schlagen. 72 Prozent der von Forsa befragten Deutschen halten seine Ablehnung der Pläne für richtig. Nur 20 Prozent halten sie für falsch.

Dabei ist die Unterstützung für Becks Position in Ostdeutschland besonders groß. 80 Prozent unterstützen ihn, nur 14 Prozent lehnen seine Haltung ab. Bei den SPD-Anhängern ist das Verhältnis 80 zu 11 Prozent, bei den Unions-Anhängern 62 zu 30 Prozent, bei der FDP 56 zu 43 Prozent, bei den Grünen 91 zu 7 Prozent und bei der Linkspartei 85 zu 14 Prozent. Laut Forsa sind 54 Prozent der Deutschen der Ansicht, dass eine Stationierung der Raketenabwehrsysteme den Frieden in Europa bedrohen würde. Nur 41 Prozent teilen diese Ansicht nicht.

Auffallend ist jedoch, dass sich die breite Unterstützung für Beck bislang noch nicht positiv im Gesamtergebnis der SPD niederschlägt. Zwar sagen laut Forsa insgesamt 27 Prozent jener Befragten, die derzeit nicht SPD wählen wollen, dass sie sich vorstellen könnten, die Genossen wieder zu wählen, wenn diese bei ihrer Haltung zum Raketenabwehrsystem blieben. Aber bei der Frage nach der Parteienpräferenz verliert die SPD sogar einen Prozentpunkt und fällt von 27 auf 26 Prozent. Die Union liegt dagegen stabil bei 35 Prozent.

SPD kann nicht zulegen

Forsa-Chef Güllner erklärt die Diskrepanz zwischen der Unterstützung für Becks Haltung und den Werten seiner Partei mit dem allgemeinen Misstrauen der Bürger gegenüber der SPD. "Insgesamt ist das Bild der SPD negativ geprägt. Man traut ihr nicht zu, die Probleme im Lande zu lösen", sagte Güllner stern.de. Die Opposition zu dem US-Projekt allein genüge seiner Auffassung nach nicht, um das Blatt zu wenden.

CDU-Mann Eckart von Klaeden unterstellt der SPD Doppelzüngigkeit. Außenminister Frank-Walter Steinmeier verfolge eine andere Politik als Beck, sagte von Klaeden stern.de. Für diese Widersprüche habe die Öffentlichkeit ein feines Gespür. Aber selbst innerhalb der SPD gibt es vorsichtigen Widerstand gegen Becks Position. SPD-Außenpolitiker Voigt etwa ermahnt seinen Parteichef Beck indirekt - ohne diesen beim Namen zu nennen. Er hoffe, dass alle in der SPD der Versuchung widerstünden, sich im Streit um das geplante Raketenabwehrsystem der USA den latenten Anti-Amerikanismus politisch zunutze zu machen, sagte Voigt stern.de. Er beobachte jedoch, sagte Voigt, dass die Debatte in vielen Ländern eine Wiederkehr der Reflexe des Kalten Krieges hervorrufe, Reflexe aus der Zeit des Nato-Doppelbeschlusses und der SDI-Debatte unter US-Präsident Ronald Reagan.

Voigt warnt vor Fehleinschätzungen. "Die gegenwärtige Debatte über die Raketensystem findet im Vergleich zum Kalten Krieg in einer völlig veränderten geostrategischen und außenpolitischen Lage statt", sagte er. "Deshalb wäre mir sehr lieb, wenn man in der gegenwärtigen Debatte - selbst bei Kritik am amerikanischen Verhalten und an diesen Plänen - den veränderten geostrategischen Kontext deutlich beschreiben würde. Ich habe mein Leben lang immer Probleme gehabt mit Äußerungen über Außenpolitik, die ich, als jemand, der sein Leben lang hauptsächlich Außenpolitik gemacht hat, etwas differenzierter gemacht hätte", sagte Voigt.

Was, wenn Iran die Bombe hat?

Gedmin formulierte seine Kritik an Beck unverblümter als Voigt - und unterstellt diesem Populismus. "Hat Beck jemals zuvor auch nur 30 Sekunden über Raketenabwehrsysteme nachgedacht?", sagte Gedmin stern.de - und forderte eine ehrliche, offene Debatte."Wenn die Deutschen denken, dass Amerika eine größere Bedrohung darstellt als der Iran, und wenn die Deutschen glauben, das Raketenabwehrsystem sei eine dumme oder kontraproduktive Idee, dann sollte man eine Debatte in Deutschland über die Frage anregen, was a) geschieht, wenn die Iraner die Bombe in die Hände kriegen, und was b) geschieht, wenn die Amerikaner sich komplett aus Europa zurückziehen."

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