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9. Oktober 2007, 14:11 Uhr

Ist Deutschland sozial gerecht?

Die Managergehälter steigen, die Hartz-IV-Sätze bleiben - vom Aufschwung profitieren längst nicht alle. Umso intensiver wird über die soziale Gerechtigkeit in Deutschland diskutiert. Was kann die Politik tun? Was können wir tun? Beteiligen Sie sich an der stern.de-Debatte.

Massive Steigerung der Vorstandsgehälter: Bahnchef Hartmut Mehdorn© Hannibal Hanschke/ Reuters

Hartmut Mehdorn ahnte nicht, dass er gleich wie ein begossener Pudel dastehen würde. Genüßlich verfolgte der Bahnchef in der ARD-Talkshow "Anne Will" am vergangenen Sonntag, wie eine Vertreterin der Gewerkschaft Transnet dem Vertreter der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) an den Kragen ging. Die GDL-Forderung nach 31 Prozent mehr Lohn sei "unnormal", "absolut unrealistisch", plärrte die Transnet-Vertreterin. Der GDL-Vertreter konterte, eine solche Lohnsteigerung würde ein Plus von 250 Euro netto bringen. Das sei angemessen nach jahrelangen Nullrunden. Mehdorn lächelte. Wann gelingt es einem Unternehmenschef schon, die Gewerkschaften gegeneinander aufzuhetzen? Dann drehte sich die Debatte plötzlich.

Der Schauspieler und Bahnprivatisierungs-Kritiker Rolf Becker meldete sich zu Wort - und nahm Mehdorn persönlich ins Visier. "Wie viel Prozent haben Sie sich seit der Bahnreform genehmigt, seit 1994? Wollen Sie es sagen, oder soll ich?", fauchte Becker. "Es sind 300 Prozent. Ich bin fast fassungslos, dass Sie sich mit einem jährlichen Gehalt um die drei Millionen Euro so profilieren gegenüber den Kollegen." Mehdorns Gesicht erstarrte. Im Vergleich zu Unternehmen ähnlicher Größe bewegten sich die Vorstandsgehälter der Bahn im unteren Drittel, versuchte er sich zu verteidigen. Außerdem seien die Gehälter zum Teil erfolgsabhängig. Doch diese Argumente drangen nicht durch. Der Eindruck, der stehen blieb: Der Bahnchef sahnt ab. Seine Angestellten hält er kurz.

Gut- und Geringverdiener

Nach den Erhebungen des Instituts für empirische Sozialforschung der Berliner Humboldt-Uni, das sich seit Jahren mit der Frage beschäftigt, was die Deutschen als sozial gerecht empfinden, sorgt nichts für soviel Ärger und Verdruss wie die Managergehälter. In einer Umfrage, die das Institut für die Zeitschrift "Geo" gemacht hat, fragten die Forscher, welchen Managerlohn die Menschen für gerecht halten. Das Ergebnis: knapp 600.000 Euro pro Jahr. Tatsächlich kassierten die Chefs der Dax-Unternehmen im Jahr 2006 durchschnittlich knapp 4,3 Millionen Euro pro Jahr - mehr als sieben Mal soviel. "Das verbreitete Gefühl ist: Es gibt eine Kaste von Managern, die sich die Taschen vollstopft", sagt der Forscher Markus Schrenker, der an der Umfrage mitgearbeitet hat, zu stern.de. Auch für die unteren Einkommen hat Schrenker Daten erhoben. Demnach fänden es die Menschen gerecht, wenn ein ungelernter Arbeiter 1431 Euro pro Monat verdienen würde. Tatsächlich jedoch verdienen Ungelernte durchschnittlich 1130 Euro pro Monat.

Die krasse Spanne zwischen Gut- und Geringverdienern fördert eine Entwicklung, die Ende der 90er Jahre, unter dem sozialdemokratischen Kanzler Gerhard Schröder, begann: Die Armen werden immer ärmer und die Reichen werden immer reicher. Das wissenschaftliche Instrument, um die Verteilung von Einkommen und Vermögen zu messen, ist der sogenannte Gini-Index. Er sieht einen Wert von 0 für völlig Gleichverteilung und einen Wert von 1 für völlige Ungleichverteilung vor. Im Index aus dem Jahr 2004 liegen Japan, Schweden und Dänemark bei 0,25, sind also Länder, in denen der Wohlstand relativ gut verteilt ist. Deutschland kommt auf 0,3, die USA auf 0,41 und ein Land wie Chile auf 0,57. "Deutschland hat einen negativen Aufholprozess hinter sich", sagt Markus Grabka, Wissenschaftler am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin, mit Blick auf die älteren Indices. Will heißen: Während vor den 90er Jahren die Verteilung von Vermögen und Einkommen auffallend gleichmäßig war, bewegt sie sich jetzt auf dem normalen europäischen Niveau. Vermutlich wird es dabei jedoch nicht bleiben. Laut Grabka ist der Trend zu mehr Ungleichheit ungebrochen. Armut grassiert. Der Reichtum auch.

Wer soll's richten?

Heftig schlägt das Empfinden der Deutschen auch in Sachen Generationengerechtigkeit aus: Die Rentner von heute sind gut abgesichert, ihren Nachkommen wird im Alter vermutlich nur ein Taschengeld ausgezahlt. Deswegen halten 77 Prozent der Menschen zwischen 17 und 34 Jahren das Rentensystem für ungerecht. Selbst in der Altersgruppe von 60 bis 88 Jahren ist eine Mehrheit dieser Meinung. Die derzeitigen Rentner und Pensionäre wissen, dass sie von einem Sozialstaatsmodell profitieren, das in den "fetten Jahren" entworfen wurde - und inzwischen seine Gültigkeit verloren hat. Ein weiterer Punkt: die Chancengleichheit. Dass Einwanderer und sozial Schwache im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt schlechte Karten haben, hat sich dank der Pisa-Studien rumgesprochen. Eine große Mehrheit ist der Ansicht, dies sei ungerecht.

Wer soll's richten? Der Staat natürlich. Vor allem in Ostdeutschland sind die Erwartungen an die Politik hoch. Weil das so ist, überbieten sich die Parteien in der Sozialpolitik derzeit gegenseitig. Die SPD will die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes erhöhen, in der Union gibt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers den Arbeiterführer, die Grünen wollen den Hartz-IV-Regelsatz anheben, die Linkspartei die Agenda 2010 gleich ganz abschaffen. Aber: Reicht das aus? Sind das die richtigen Schwerpunkte? Was muss getan werden, damit sich in Deutschland wieder das Gefühl einstellt, dass es sozial gerecht zu geht? Ihre Meinung ist gefragt.

Was meinen Sie? Geht es in Deutschland gerecht zu? Und wenn nein: warum nicht? Was sollte die Regierung tun? Große Vermögen höher besteuern, Hartz IV abschaffen, Mindeslöhne einführen - oder endlich die Staatsverschuldung abbauen, um später noch mehr investieren zu können? Schreiben Sie ihre Meinung an stern.de, und zwar an die Adresse aktion@stern.de. Wir werden ihre Beiträge auf der Homepage veröffentlichen.

Lutz Kinkel
 
 
KOMMENTARE (10 von 33)
 
apfelbutzen (31.01.2008, 14:30 Uhr)
Ist Deutschland sozial gerecht?
Ist Deutschland sozial gerecht?
...hähähä..der war gut.---
mikefox7 (31.01.2008, 14:16 Uhr)
Antwort zu "so läuft das"
Lieber Marty_D!
Es bedarf meinerseits keiner hellseherischen Fähigkeiten, sagen zu können, dass der Tag kommen wird, an dem Typen wie Sie - nämlich die wirklichen Asis - das ganz, ganz große Schluchzen bekommen werden! Nicht, dass ich mich darüber freuen würde, aber erst dann wird Ihr geneigter Horizont um eine weitere Nouance erweitert sein! Bis dahin wünsche ich Ihnen nichtsdestotrotz alles Gute beim Beobachten der Evolution!!!!!!!
Nursery (31.01.2008, 12:29 Uhr)
SPD ,Sozial???
Ich frage allen ernstes wer diese Partei heute noch wählt ist entweder Starrsinnig oder Verblendet.Dann wenn die Mittelschicht nicht mehr da ist um dieses ganze System zu Finanzieren, Knallt es richtig.Es ist unglaublich daß in unserem Land keine Vernünftigen Löhne mehr zum Leben reichen.Es gibt gut Ausgebildete Menschen die von Ihrem Lohn nicht mehr Leben können und Aufstocker sind also noch Almosen brauchen um weiter leben zu können.
Diese ganzen besänftiger und Verharmloser haben entweder den Enst der Lage noch nicht erkannt oder wollen es nicht warhaben.Denn eines ist Klar ob Lohnerhöhungen oder Steuererleichterungen reichen nicht mehr aus um die gefährdete Mittelschicht vor Verlust Ihrer Existenz und in die Altersarmut zu stürzen.Wir haben uns lange Über die USA lustig gemacht, die drei Jobs brauchen um leben zu können.Willkommen in der Realität BRD
matthias_dilthey (10.10.2007, 21:47 Uhr)
Monetär oder sozial geprägtes Menschenbild?
Können wir es uns angesichts von Klima-Wandel und Ressourcen-Knappheit
überhaupt noch leisten, das heutige, auf monetären Erfolg ausgerichtete,
Menschenbild aufrecht erhalten?
Verstehen Sie mich bitte richtig: Ich gönne jedem "wirtschaftlichen
Leistungserbringer" den Komfort, den er glaubt zur Erbringung seiner Leistung zu benötigen.
Große Villa mit entsprechendem Garten, Hausangestellte, entsprechendes Auto und Boot ...
Alles kein Problem.
Das Problem beginnt bei Einkünften, die über einen wirklich großzügigen Lebensstil hinaus gehen. Denn spätestens da beginnt ein wirklicher Raubbau an Natur und Umwelt.
Unser heutiges Menschenbild wertet den Kontostand, unabhängig davon, ob dieses Geld dem Kontoinhaber Nutzen bringt.
Noch weniger wird der gesellschaftliche Nutzen der Arbeit berücksichtigt.
So wie bisher erreichen wie nie soziale Gerechtigkeit!
Matthias Dilthey
iovialis (10.10.2007, 20:56 Uhr)
Menschenbild
Wer fragt nach "sozialer Gerechtigkeit"? Ist es ein Mensch? Wenn ja, was ist der Mensch? Und damit landen wir beim Menschenbild. Ist der Mensch "sozial"? Im Prinzip ja, denn er hilft seinen Nächsten (z.B. seinen eigenen Kindern), um leben zu können. Was ist dann "sozial gerecht"? Vielleicht, wenn er (der Mensch) diese Hilfe nicht nur auf seinen unmittelbar Nächsten anwendet, sondern auf alle.
Jeder Mensch hat ein natürliches Gerechtigkeitsempfinden (global - vgl. Ultimatumspiel als Begriff in Suchmaschinen oder WikiPedia). Die Frage ist dabei, weshalb trotzdem Armut, Reichtum, Machtmißbrauch, Korruption und anderes auftritt - wobei wir wieder beim Menschenbild landen.
Die Diskussion über "Gerechtigkeit" wird seit tausenden von Jahren gestellt; sie "soziale Frage" (19. Jhd.) beschäftigt sich mit der Umsetzung der "sozialen Gerechtigkeit". Dabei haben wir es heute mit einer "neuen sozialen Frage" zu tun - eben der Frage, was "soziale Gerechtigkeit" sei.
.
http://www.iovialis.org
Antidemokrat (10.10.2007, 17:42 Uhr)
Thema verfehlt
@nipsild11 und andere ...
hier geht es nicht darum, ob die reichen fettere Steuern zahlen, sondern darum, daß sie auch mal den ärmeren etwas zugestehen ... und nicht jeden Mist Cent-Optimieren ... die Gier ist in diesem Land die treibende Kraft, nicht die Menschlichkeit und das ist traurig !
drachenei (10.10.2007, 17:42 Uhr)
Lasst sie doch verdienen so viel sie wollen
Wichtig ist nur, das ein Mindestlohn (wie in Resteuropa allg. üblich) eingeführt wird und sich Arbeit endlich wieder lohnt!!!
Denn das ist das eigentliche Problem!
Arbeit muß sich lohnen!
LHStarAlliance (10.10.2007, 17:31 Uhr)
Schmarotzer
"Irgendjemand muss die Leistung bringen " das ist eine richtige Schmarotzer Haltung ! So wird die harte Arbeit von diesen Menschen entwürdigt , die allgemeine Haltung .
Es wäre ja noch schöner wenn die Ärmeren mehr Steuer zahlen sollten als die Reichen ! Natürlich zahlen die Reichen mehr Erbschaftssteuer !
Die Armen haben ja Garnichts zu vererben
DooDoo (10.10.2007, 17:17 Uhr)
Empfehle Kommentar von nipsild 11 zur Lektüre ...
insbesondere Ihnen, Herr Bünger.
Lesen Sie ruhig auch mal nen Wirtschaftsteil und nicht immer nur
die Flyer der Gewerkschaftsjugend ...
Marty_D (10.10.2007, 17:15 Uhr)
so läuft das...
ja so läuft das - die reichen werden reicher und der rest guckt in die röhre - willkommen im kapitalismus.
und dieser schwachsinn von wegen chancengleichheit, ich will nicht mit den asis von der frittenbude verkehren.
ich will das die die strasse kehren, das wars.
Ich nenne das Evolution, die bessern kommen weiter der rest nicht.
Ich bin so froh das ich zu den besserverdienenden gehöre - Juhu!
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