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Willkommen im Club, Alice Schwarzer!

Mit unerträglicher Selbstgerechtigkeit inszeniert sich Alice Schwarzer als verfolgte Unschuld. Das macht ihre Steuerhinterziehung nur noch schlimmer: Eine Frau denunziert sich selbst.

Ein Kommentar von Lutz Kinkel

  Selber Schuld: Alice Schwarzer

Selber Schuld: Alice Schwarzer

Willkommen im Club, Alice Schwarzer. Im Club der Promis, die Wasser predigen, aber Wein saufen. Die sich feierlich mit dem Bundesverdienstkreuz dekorieren lassen, aber auf das Gemeinwohl, Verzeihung, scheißen, wenn es um das eigene Portemonnaie geht. Und denen keine Ausrede zu absurd ist, wenn sie erwischt werden. Die Täter sind und sich zum Opfer umdeuten wollen. Es ist: abstoßend.

Und: unsagbar blöd. Jeder, aber nun wirklich jeder Steuerhinterzieher war vorgewarnt. Am 14. Februar 2008 (!) wurde Klaus Zumwinkel, Vorstandschef der Deutschen Post und Vorzeigeunternehmer der Republik, vor laufenden Kameras in Handschellen aus seiner Villa abgeführt, weil er Vermögen in Liechtenstein gebunkert und nicht versteuert hatte. Das war eine damals hoch umstrittene Aktion. Aber auch: ein Akt staatlicher Fürsorge gegenüber den Wohlhabenden der Republik. Denn die Botschaft war unmissverständlich: Bringt Eure Steuerangelegenheiten in Ordnung. Sonst droht Euch die öffentliche Blamage.

Uli Hoeneß hat das ignoriert, Artur Brauner hat das ignoriert, Theo Sommer hat das ignoriert. Und Alice Schwarzer auch. Selber schuld.

Die Inszenierung als Opfer

Die langen Phasen der Untätigkeit in eigener Sache lassen sich nur mit der deutschen Gesetzeslage erklären: Wenn einem Steuersünder die Lage zu heikel wird, kann er immer noch Selbstanzeige erstatten. Dann zahlt er die fehlenden Beträge sowie einen kleinen Säumniszuschlag nach und geht straffrei aus. Niemand erfährt jemals davon. Damit ist Steuerhinterziehung der einzige Gesetzesbruch, der nicht ernsthaft geahndet wird, was das Ganze nach einem Kavaliersdelikt aussehen lässt. Das aber ist er nicht: Dem deutschen Staat entgehen jährlich gigantische Summen, die Steuergewerkschaft spricht von 30 Milliarden, die Hans-Böckler-Stiftung* von 100 Milliarden Euro. Der Missbrauch von Hartz-IV-Leistungen ist dagegen Peanuts.

Alice Schwarzer empört sich jetzt nicht über die bizarre Gesetzeslage, die Menschen ihrer Gehaltsklasse in Watte packt, aber jede allein erziehende Mutter, die sich fünf Euro zusätzlicher Sozialleistungen erschwindelt, unerbittlich bedroht. Nein: Alice Schwarzer empört sich über den Umgang mit Alice Schwarzer. Sie erklärt, dass die böse Gesellschaft sie geradezu genötigt habe, ein Konto in der Schweiz anzulegen, weil sie damit gerechnet habe, wegen der "Hatz" eines Tages ins Ausland fliehen zu müssen - und schämt sich nicht, in ihrer Wortwahl Parallelen zur Judenverfolgung im Dritten Reich anklingen zu lassen. Sie nennt nicht die Summe ihres Auslandsvermögens, nach "Bild"-Schätzungen mindestens 2,4 Millionen Euro, sondern nur die Höhe ihrer Nachzahlung, nämlich rund 200.000 Euro. Sie gesteht, das Konto schon seit den 80er Jahren unterhalten, aber nur für die vergangenen zehn Jahre nachgezahlt zu haben - weil, und das verschweigt sie, ein Teil der Schuld offenbar schon verjährt ist. Sie spricht nicht von Gesetzesbruch, sondern von einem "Fehler". Und sie spinnt Verschwörungstheorien, weshalb ausgerechnet über ihren Fall berichtet wird. Das sei politisch zu verstehen, wegen der Emma-Kampagnen gegen Prostitution und das Ehegattensplitting. Oder wegen ihrer Berichterstattung im Fall Kachelmann. Hier läge eine "Denunzierung" vor. Eine "Persönlichkeitsverletzung". Ein "Rufmord".

Der zerstörte Gemeinsinn

Die triefende Selbstgerechtigkeit, mit der sich Schwarzer als verfolgte Unschuld inszeniert, macht die Sache allerdings nur noch schlimmer. Sie denunziert sich damit selbst. Als Ichling, der die Verantwortung für die schlechte Tat nur bei den Anderen sucht. Willkommen im Club, Alice Schwarzer. Das ist der Club, der den Gemeinsinn der Gesellschaft zerstört.

*In der Erstfassung des Textes stand hier, dass die OECD diese Schätzung abgegeben hätte. Es war aber die Böckler-Stiftung. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen, Red.

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