21. Mai 2010, 09:46 Uhr

Röttgens politisches Roulette

Bundesumweltminister Röttgen hat so viele Parteifreunde brüskiert, dass die Energiepolitik zur Führungsfrage geworden ist: Die Kanzlerin soll ihn endlich an die Leine legen, fordern viele in der CDU/CSU. Von Hans Peter Schütz

Norbert, Röttgen, CDU, CSU, Stefan, Mappus, Bundesumweltminister, Angela, Merkel, Kanzlerin

Ehrgeiz ist "doch kein Verbrechen": Bundesumweltminister Norbert Röttgen, CDU©

Norbert Röttgen liebt den Streit. Selbst den in der eigenen Partei. Das müsse die Führung ertragen, "denn Streit ist die Bedingung der Veränderung - ein sehr demokratisches Prinzip", sagt er zu stern.de.

Tatsächlich hat Röttgen derzeit mehr als genug Möglichkeiten, seine Vorstellung von Demokratie auszuleben: Er streitet und ist umstritten. Mehr als jeder andere Bundesminister.

CDU-Regierungschef gegen CDU-Minister

CDU-Ministerpräsident Stefan Mappus hatte die Kanzlerin jüngst aufgefordert, sie möge den CDU-Bundesumweltminister in der Debatte um die Verlängerungen der Laufzeit der Atomkraftwerke "zurückpfeifen." Er sei nicht mehr bereit, "die Eskapaden des Bundesumweltministers zu akzeptieren", tobte Mappus, als attackiere er einen üblen Feind der Partei. Auf die Frage, ob er damit den Rauswurf Röttgens aus dem Kabinett gefordert hat, gibt Mappus eine klare Antwort. Ja, sagt er, das könne man so interpretieren.

Das gab es noch nie: Dass der CDU-Regierungschef eines Landes die CDU-Kanzlerin öffentlich auffordert, einen CDU-Bundesminister zu feuern.

Beinahe ebenso ungewöhnlich: Dass der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder der Kanzlerin einen Brief schreibt, in dem nach Auskunft des Kanzleramts scharfe Kritik an Röttgen geübt wird. Er, Kauder, sei stinksauer wie sich der Umweltminister in Sachen Atomkraft zu profilieren versuche. So gehe das nicht weiter.

Kampf um den NRW-Parteivorsitz

Auch abseits der Energiepolitik sorgt Röttgen für erhebliche politische Unruhe. Der Minister, der aus dem nordrhein-westfälischen CDU-Bezirksverband Mittelrhein kommt, spekuliert darauf, Vorsitzender des Landesverbandes zu werden, sollte Jürgen Rüttgers nach seiner schweren Wahlschlappe nicht Regierungschef in Düsseldorf bleiben können und dann auch den Parteivorsitz niederlegen. "Das ist doch kein Verbrechen", argumentiert Röttgens Lager.

Die innerparteilichen Gegner hingegen warnen unmissverständlich: "Der soll sich ja nicht überschätzen." Vielmehr müsse er seinen unerträglichen Ehrgeiz zügeln. Röttgens Widersacher wollen an der Spitze des größten CDU-Landesverbandes lieber Kanzleramtsminister Ronald Pofalla sehen. Weil der eher dazu neigt, zu tun, was Angela Merkel will?

Das zeigt, dass es bei der Debatte um Röttgen nicht allein um die Frage geht, ob die Verlängerung der Laufzeit der Kernkraftwerke von der Zustimmung des Bundesrats abhängig ist oder nicht. Es geht um Angela Merkel. Sie soll Röttgen, vermeintlich "Muttis Liebling", endlich auf CDU-Linie bringen.

Doppelter Druck auf Mappus

Wer Mappus unterschätzt, handelt fahrlässig. Manche Parteifreunde nennen ihn "unser Krokodil". Zuweilen auch "Schnappus" - weil er im politischen Kampf zuweilen zubeißt, ohne Rücksicht darauf, ob es einen aus der eigenen Partei erwischt. Selbst Amtsvorgänger Günther Oettinger bekam das zuweilen zu spüren. Dass das Röttgen-Lager die Mappus-Attacke als "Schuss ins eigene Knie" verniedlicht, ist gefährlich.

Denn derzeit steht der baden-württembergische Ministerpräsident, der erst 100 Tage im Amt ist, unter doppeltem Druck. Im kommenden Frühjahr tritt er zur im "Ländle" zur Wahl an. Präsentiert sich die schwarz-gelbe Koalition in Berlin weiterhin so formschwach, muss er Verluste befürchten, wie die NRW-CDU sie erlitten hat. Außerdem macht ihm die Energiebranche Druck. Die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW), mit Sitz in Karlsruhe und der Landes-CDU eng verbunden, erwartet dringend, dass die Laufzeiten ihrer Kernkraftwerke verlängert werden. Deswegen interveniert Mappus so massiv gegen Röttgen. Und hat dabei die unionsregierten Länder Bayern und Hessen hinter sich. Horst Seehofer und Roland Koch wollen wie Mappus den Umweltminister auf ihrer Linie sehen. Noch länger dürfe er die Wirtschaft nicht gegen die CDU aufbringen.

Das Zerwürfnis mit Kauder

Innerparteilich mindestens ebenso gefährlich ist für Röttgen, dass er Kauder persönlich sehr enttäuscht hat. Der hatte ihn in der Fraktion stets gefördert, ihn sogar wieder als Ersten Parlamentarischen Geschäftsführer aufgenommen, als Röttgen aussteigen wollte, um Chef des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), dann aber doch darauf verzichtete. Was Kauder ebenso schmerzt: Dass Röttgen ernsthaft versucht hat, ihn nach der Bundestagswahl aus dem Fraktionsvorsitz zu kegeln. Er schickte CDU-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers mit dieser Forderung zu Merkel. Kauder betrachtet das bis heute zornig als Akt tiefer Illoyalität. Röttgens Freunde bestreiten, dass er Kauder direkt attackiert habe - es habe nur eine Debatte um mögliche Posten in Fraktion und Regierung gegeben.

Hinzu kommt, dass Kauder und Mappus langjährige Freunde sind, weit über das politische Geschäft hinaus. Einer der neuen Spitzenbeamten in der Stuttgarter Staatskanzlei diente bisher Kauder als persönlicher Referent. Und Kauder wie Mappus beobachten mit Skepsis, dass Merkel die konservativen Werte der CDU vernachlässigt. Mappus, Koch und andere schwarze CDU-Fürsten blicken mit Entsetzen auf den Zehn-Prozent-Verlust der Partei in NRW. Jetzt müsse die Kanzlerin endlich Profil zeigen, heißt es. Soll heißen: Den Mann auf Linie bringen, den Michael Fuchs, Chef der CDU-Mittelständler, zuweilen einen "Blümchenpflücker" nennt.

Merkel selbst hat sich zum Fall Röttgen und der Atomfrage bislang nicht positioniert. Sie hält sich alle Optionen offen - wie immer. Was widerrum Mappus in seiner festen Überzeugung bestätigen dürfte: In Berlin wird nicht regiert.

 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
pitter42 (22.05.2010, 12:30 Uhr)
CDU-Regierungschef gegen CDU-Minister
Sie ALLE denken doch nur für die eigene Position! Langsam, aber immer sicherer merken die Wähler das auch! Siehe nur die erschreckend niedrigen Wahlbeteiligungen. Wo bleiben die authentischen Politiker, die die eine Idee, eine Meinung/Ansicht durchsetzen wollen, die eben n i c h t s mit der eigenen Person und Position zu tun hat!? Nur solche sind vonmir (uns?) gefragt!
tannebaum (21.05.2010, 19:21 Uhr)
@auwei
was für ein blödsinn... was sollen diese argumente? dann haften bitte auch politiker mit ihrem geld und jeder arbeitnehmer. aber auch jeder hartzIV-ler, der mal schwarz arbeitet oder einen euro erschlicht... mal schauen, wer dann schneller k.o geht
auwei (21.05.2010, 12:57 Uhr)
@tannebaum
Meinen Sie Herrn Röttgen? Oder hat Rüttgers jetzt auch Energiekompetenzen? Abe rzum Thema: Bringen wir es mal auf ein ganz einfaches Niveau. Wenn jeder Kernkraftwerk-Betreiber a) freiwillig unmittelbar neben dem Werk wohnt, b) für jeden bei Störfällen entstandenen Schaden mit seinem persönlichen Vermögen haftet und c) bereit ist, die Abfälle in seinem Garten zu vergraben - dann können wir weiterreden.
tannebaum (21.05.2010, 12:40 Uhr)
@BiffBoffo
nicht mappus steht auf der gehaltsliste von enbw, sondern ein grüner namens rezzo schlauch...

oder können sie etwas gegenteiliges behaupten? oder legen sie sich ihre welt mal so zurecht, wie sie gerne aussehen soll?

wenn herr rüttgers ein konzept vorlegen kann, dass den atomstrom überflüssig macht und durch erneuerbare energien ersetzt, wobei aber der strompreis sich nicht erhöht, dann soll er es durchziehen...

ansonsten lieber lassen, weil dann einige hier wieder schreiebn: die doofe merkel macht den strom teuer und gehört deswegen abgewählt...

die merkel ist ja auch nicht schuld, dass es keine kinder mehr gibt (obwohl milliarden schon reingepumpt werden) und daher die rentenbeiträge steiegn und das land vergreist. die merkel hat auch keine schuld, dass seit generationen migranten kein deutsch können. die merkel hat auch keine schuld, dass 500.000 jugendliche die schule wegen bockmangels abbrechen. und die merkel hat keine schuld, dass die gesundheitskassen so schief leigen, weil zu wenig einzahler da sind, aber zu viele leistungen ohne gegenleistung wollen.

das alles haben wir selbst gemacht!!!!
auwei (21.05.2010, 12:24 Uhr)
Jetzt tanzen
...alle Puppen, macht auf der Bühne Licht - freut euch auf Unions-Truppen - denn regieren können sie nicht...
BiffBoffo (21.05.2010, 11:09 Uhr)
Kauder hat recht!
Der Mappus soll doch sei Göschle halde. Mappus wird finanziert von ENbW! Klar macht er einen auf brüskiert. Alle die jetzt schreien haben ein sitz in der Lobby oder werden von dort gesponsort. Das ist ein ganz falsches spiel auf unserem Rücken.

Hier geht es um Sicherheit! Ich verstehe nicht wie Laufzeitverträge geschlossen werden können und wenn die Zeit gekommen ist dann zu sagen hey, lassen wirs doch einfach laufen bis was passiert dann sehen wir ja was läuft.

Tolle Idee! Von euch Minister futzis kann niemand solch eine Verantwortung tragen! Sollte doch was sein geht ihr mit eurer S-Klasse gemütlich in den Bunker.

Bombero (20.05.2010, 22:44 Uhr)
Der Witz des Jahres: Roland Koch
Ausgerechnet CDU-Quotenkiller Roland Koch kritisierte die Quoten der CDU in NRW


Amtlich: Bei der Landtagswahl 2009 fuhr die Wähler-Scheuche Koch folgende Quotenverluste ein
in Höhe von jeweils

a) erneut Stimmen - MINUS beim Landesergebnis
/ Koch verlor 46 012 Stimmen, obwohl die Zahl der Wahlberechtigten um 4 806 stieg
Beleg:
http://www.statistik-hessen.de/subweb/ltw2009/S12.htm

b) Am schlimmsten war die Flucht vor Roland Koch im eigenen Wahlkreis, wo er in der beschaulichen Kurstadt Bad Soden am Taunus sogar weitere 4 % verscheuchte
Beleg:
http://www.statistik-hessen.de/subweb/ltw2009/grafik-karte232.htm

Wann ist Roland Koch der Wählerschreck weg?

Michael Spreng, Politikberater u.a. von Edmund Stoiber :
?Bei den Landtagswahlen in Hessen bekam er im Jahr 2003 noch über 1,3 Millionen Stimmen. 2008 waren es nur noch rund 1 Million ? ein Minus von 24,3 %.?

Michael Spreng: ?Wenn Roland Koch eine Fernsehsendung wäre, dann würde ich mir Sorgen um die Quote machen.?
MEHR ZUM ARTIKEL
"Eskapaden des Umweltministers" Mappus drängt Röttgen zum Rücktritt

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus hat im Streit um die Atompolitik Bundesumweltminister Norbert Röttgen (beide CDU) den Rücktritt nahegelegt.

Parteiinterner Zoff Atomstreit entzweit die Union

Seit der Wahlniederlage in NRW liegen in der Union die Nerven blank. Die Mehrheit im Bundesrat ist weg, die Berliner Regierung kann nun nicht mehr nach Belieben schalten und walten. Die Verlängerung der Laufzeit von Kernkraftwerken ist damit fraglich. Doch wehe dem, der das auszusprechen wagt.

Anti-Atomkraft-Kette "Wir haben wieder einen Grund zu kämpfen"

Bei einer der größten Anti-Atom- Demonstration der vergangenen Jahrzehnte haben sich am Samstag rund 100 000 Menschen im Norden zu einer Menschenkette aufgestellt.

Suche nach Atommüll-Endlager Bundesregierung verbeißt sich in Standort Gorleben

Nach der Aufdeckung bislang unbekannter Dokumente wird wieder heftig um das Endlager Gorleben gestritten. Obwohl niemand weiß, wie es zu dem Standort kam, hält die Bundesregierung verbissen an ihm fest. Dabei müsste sie längst nach Ausweichmöglichkeiten suchen.

Kritik der CDU-Ministerpräsidenten Die Krise der Krisenkanzlerin

Das Nichtstun vor der NRW-Wahl fällt der schwarz-gelben Koalition nun auf die Füße. Kanzlerin Angela Merkel muss sparen, ihre Kritiker abwehren und Sinn stiften. Schafft sie das?

 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (26/2013)
Die Zuckermafia