Einschulung mit Fünf, Zentralabitur, Ende des Kooperationsverbotes: FDP-Vizechefin Pieper hat auf stern.de eine radikale Bildungsreform gefordert. Josef Kraus, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, kritisiert den Vorstoß scharf. Von Hans-Peter Schütz
Was sie da gesagt hat, war doch hanebüchener Unsinn. Man kann natürlich am deutschen Schulsystem einiges kritisieren. Aber jetzt so zu tun, als sei im Schulsystem der DDR alles hervorragend gewesen, wie das Frau Pieper zu, das ist eine Geschichtsklitterung, wie man das nicht einmal im SED-System der DDR zu betreiben gewagt hätte. Das ist pure DDR-Nostalgie, was da Frau Pieper macht.
Wenn das DDR-System so toll gewesen wäre, wie Frau Pieper sich zu erinnern beliebt, dann dürften Länder wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern nicht ständig bei innerdeutschen Leistungstest miserabel abschneiden. Doch die landen dabei immer am Ende der Rangliste.
Sehr hoch. Was die jungen Leute in der DDR in Fächern wie Geschichte, Geografie, Politik, Wirtschaft mitbekamen, das war natürlich marxistisch ausgerichtet. Mit dem Stand der Wissenschaft in diesen Fächern konnte die Schule überhaupt nicht mithalten. Hinzu kommt: Die Schüler in der DDR waren überhaupt nicht konkurrenzfähig, was die Fremdsprachenkenntnisse betrifft. Die Pflichtfremdsprache war Russisch und die war verhasst. Und was die Schüler dort in Englisch und Französisch nicht konnten, spürt man heute noch. Denn selbst Länder wie Thüringen und Sachsen, die sonst ganz gut dastehen, schneiden in aktuellen Fremdsprachen-Tests heute allenfalls mittelmäßig ab. Wir haben in der DDR bis zur Wiedervereinigung eine Abiturientenquote von höchstens acht Prozent gehabt. Ich mag also überhaupt nicht erkennen, wo die Qualität oder Strukturvorteile des DDR-Systems gewesen sind. Die DDR war bildungspolitisch miserabel aufgestellt. Kinder aus bürgerlichen Elternhäusern konnten nicht Abitur machen, es war ausgeschlossen für Kinder auf einem evangelischen Elternhaus Abitur zu machen.
Sie können mich nicht verleiten, etwas über die Schulbildung unserer Bundeskanzlerin zu sagen.
Das sehen wir ganz realistisch. Wir werden in Deutschland nach der Föderalismus-Reform von 2006 keine Chance mehr haben, ein solches Zentralabitur zu bekommen.
Auch sie müsste eigentlich wissen, dass man für eine Grundgesetzänderung im Bundestag und Bundesrat eine Zweidrittelmehrheit braucht. Für eine Partei, die im Moment bei fünf Prozent rumdümpelt, wird es die nicht geben. Gewiss, man wird sich zwischen den Ländern in Sachen Abitur ein bisschen stärker koordinieren müssen, aber da gibt es Grenzen: Weil die Länder unterschiedliche Ferientermine haben, gibt es auch unterschiedliche Abiturtermine. Wir sind im Übrigen ein Verfechter eines kompetitiven Föderalismus, das heißt: Die Länder sollen untereinander durchaus konkurrieren und beweisen, wer die besseren Lösungen hat. Die Schule ist in Deutschland unterschiedlich stark aufgestellt und daher müssen sich eben die schwächeren Länder anstrengen. Bei einer einheitlichen Regelung erwarte ich, dass wir lediglich eine Nivellierung auf mittlerem Niveau oder einem unteren bekommen.
Glücklich sind doch die Familien, die von Süden nach Norden umziehen, denn dann haben es die Kinder leichter. Schlimm ist es in der Tat für die, die umgekehrt umziehen müssen. Das kann aber nicht bedeuten, dass der Bund auf unterer Ebene ein Niveau festlegt. Es wird endlich Zeit, dass die Länder, die schwächer abschneiden sich an den starken orientieren. Da sehe ich aber keine Anzeichen, dass sich die Stadtstaaten, Niedersachsen oder NRW an dem orientieren, was Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen vorleben.
Eine hohle Forderung. Das ist doch mit Ausnahme von Rheinland-Pfalz ohnehin Standard. Alle anderen Länder haben umgestellt. In drei Jahren wird es in Deutschland kein gymnasiales Abitur mit mehr als 12 Jahren mehr geben.
Die FDP soll sich dafür stark machen, dass die 16 Länder wieder zu einem föderalen Wettbewerb in der Bildung antreten und dass dieser Wettbewerb auf der obersten Ebene stattfindet. Sie stellt ja inzwischen auch einige Schulminister und sollte sich dafür stark machen, dass die Kultusministerkonferenz bei ihren Beschlüssen nicht immer den Kompromiss des Kompromisses des Kompromisses beschließt, sondern sich bei ihren Beschlüssen an den deutschen Spitzenländern orientiert.
Einschulung mit fünf Jahren halte ich für falsch, weil die Vorverlagerung der Einschulung manche Kinder einfach überfordert. Ich möchte eine Vorschulerziehung oder Kindergartenerziehung, die auch Bildungselemente enthält und nicht nur Betreuungselemente. Es gibt unter den Viereinhalbjährigen unglaubliche Sprachtalente, bei denen wir uns bisher gescheut haben, diese Talente zu nutzen, um ihnen etwas beizubringen.
Sie kommt aus Sachsen-Anhalt und macht jetzt natürlich Wahlkampf und bedient daher die alten DDR-Nostalgiker. Doch die FDP sollte den Wahlkampf nicht missbrauchen zur Legendenbildung um das DDR-Schulsystem.
Unter dem Titel
FDP-Bildungspolitiker zeigen der FDP-Vize die gelbe Karte
haben auch liberale Landespolitiker Piepers Forderungen vehement kritisiert. In dem Schreiben heißt es: "Wir FDP-Bildungspolitiker werden mit aller Leidenschaft dagegen kämpfen, dass uns irgendjemand in der Bildungspolitik zu fünften sozialdemokratischen Partei machen will [...]. Deswegen sind wir auch sicher, dass weder der Bundesvorsitzende noch der Generalsekretär sich für diese zentralistischen Positionen vereinnahmen lassen, die eine radikale Abkehr von der Beschlusslage unseres Wahlprogramms wären." Zu den Unterzeichnern gehören Jörg-Uwe Hahn (Hessen), Lasse Becker, Chef der Jungen Liberalen, Patrick Meinhardt (Baden-Württemberg), Hans-Werner Schwarz (Niedersachsen), Ingrid Pieper-von Heiden (Nordrhein-Westfalen) sowie sechs weitere liberale Landespolitiker.
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