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18. September 2007, 06:46 Uhr

Merkel soll sich Jung zur Brust nehmen

Störrisch beharrt Verteidigungsminister Jung darauf, dass er im Fall der Fälle auch einen voll besetzten Flieger abschießen lassen darf. Kritiker erwarten von den Piloten die Befehlsverweigerung - und fordern ein Machtwort von Kanzlerin Angela Merkel.

Phantom F4-Jagdflugzeuge der Bundeswehr: Piloten dieser Maschinen würden einen Abschussbefehl bekommen© AP Photo/Luftwaffe

Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse angesichts der Forderungen von Franz Josef Jung klar Stellung beziehen, forderte die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger am Dienstag im WDR. Den Abschuss einer Passagiermaschine mit Unschuldigen an Bord, die für einen Terroranschlag missbraucht werden soll, könne es legal "nie geben". Die FDP habe dazu eine aktuelle Stunde im Bundestag beantragt. Jung hatte erklärt, er würde den Befehl zum Abschuss im Extremfall geben, obwohl das Bundesverfassungsgericht dies für unzulässig erklärt hat. Leutheusser-Schnarrenberger sagte, Jung müsse sich an das Verfassungsurteil halten, auch wenn es ihm politisch nicht gefalle. Jung könne das Urteil nicht einfach "wegdrücken". Die frühere Bundesjustizministerin forderte Bundeswehr-Piloten zum Widerstand auf. "Ich rate generell den Piloten, dass sie einen rechtswidrigen Befehl - und das wäre der Abschuss eines Flugzeugs mit Passagieren und Terroristen an Bord - nicht befolgen dürfen", sagte die FPD-Politikerin. Damit würden sie gegen das Soldatengesetz verstoßen und müssten sich vor Gericht verantworten.

Auch Beck übt Kritik

Auch SPD-Parteichef Kurt Beck hatte Jung zur Revision seiner Position aufgefordert. "Wenn jetzt eine Seite versucht, das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes umzuinterpretieren, dann haben wir eine schwierige Situation", sagte Beck in Berlin. Man müsse auch Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagen, dass Vorkehrungen für die Sicherheit der Bürger im rechtsstaatlichen Rahmen und im Sinne der Verfassung erfolgen müssten.

Jung selbst wies die Kritik an seinem Vorstoß zurück, von Terroristen entführte Flugzeuge notfalls von Bundeswehrmaschinen abschießen zu lassen. "Die Kritik ist völlig unberechtigt", sagte er am Montagabend in Potsdam der Deutschen Presse-Agentur dpa. "Ich argumentiere auf der Basis des Bundesverfassungsgerichts."

"Jung befindet sich auf Irrweg"

Der Chef des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sieht keine Möglichkeit, eine juristische Grundlage dafür zu schaffen, dass für Terroranschläge entführte Passagiermaschinen abgeschossen werden könnten. "Dieser Fall lässt sich verfassungsrechtlich nicht lösen", sagte Gertz der "Berliner Zeitung". Jung befinde sich "auf einem absoluten Irrweg". Piloten machten sich strafbar, wenn sie einen vom Recht nicht gedeckten Befehl zum Abschuss einer von Terroristen entführten Maschine ausführten, warnte Gertz. Bundeswehrverband und Jetpiloten hatten die Abfangjäger am Montag zur Befehlsverweigerung aufgerufen, falls Jung den Feuerbefehl geben sollte.

Nach einem Bericht der "Leipziger Volkszeitung" hat das Verteidigungsministerium schon jetzt dafür gesorgt, dass keiner der zuständigen Militärpiloten einen Befehl zu einem solchen Abschuss verweigern würde. Als Piloten für die Alarmrotten zur Luftraum- Überwachung kämen nur Offiziere zum Einsatz, "die im Fall eines übergesetzlichen Notstandes zur hundertprozentigen Befehlsausübung bereit sind", sagte ein deutscher Offizier aus einer der für Deutschland zuständigen NATO-Luftverteidigungseinsatzzentralen. Eine Befehlsverweigerung sei damit "nicht vorstellbar".

Nach einem Bericht der "Passauer Neue Presse" will die CDU-Führung in den kommenden Monaten verstärkt auf das Thema Innere Sicherheit setzen. Parteivize Roland Koch habe am Montag im CDU- Präsidium gefordert, die Partei dürfe sich das Thema nicht mehr aus der Hand nehmen lassen, berichtet die Zeitung unter Berufung auf Teilnehmerkreise. Koch und andere CDU-Spitzen hätten Jungs Äußerungen verteidigt. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe die Kritik von SPD und Opposition an Jung zurückgewiesen.

FDP-Chef Guido Westerwelle warf der Union eine "parteipolitisch motivierte Kampagne" in der Sicherheitspolitik vor. Sie wolle mit immer neuen Vorschlägen "ein solches Maß an Verunsicherung in der Bevölkerung streuen, dass man die politischen Daueranliegen der Union durchsetzen kann", sagte Westerwelle am Montagabend im Sender N24. Der Grünen-Rechtspolitiker Jerzy Montag sagte der "Thüringer Allgemeinen" , Jungs Vorstoß reihe sich in eine Vielzahl von Äußerungen Schäubles ein. Merkel habe die Aufgabe, bei einer solchen zentralen Frage "das Ruder in die Hand zu nehmen und den Minister auf die Verfassungslinie zu bringen, oder zu entlassen".

Ihre Meinung

Stellen Sie sich vor, eine voll besetzte, von Terroristen entführte Passagiermaschine rast auf ein voll besetztes Fußballstadion zu. Soll der Verteidigungsminister in dieser Situation den Abschuss befehlen dürfen - trotz aller rechtlichen Bedenken?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (57)
AP/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 57)
 
johnnybones (20.09.2007, 11:44 Uhr)
hmmm
na toll..."wenn die bevölkerung meint weiterhin diese "realpolitischen" Prteien wählen zu müssen(...)" hört sich nach einem star nach links bzw. rechtsausschlagenden pendel an. Aber eins ist wohl richtig: Diese Debatte ist wohl mehr als genug Grund für Dünnbrettbohrer jeden Parketts in die politischen Extreme abzudriften...Ein gefundenes Fressen für die Rote bzw. Braune Pampe am Rande der Gesellschaft :(
gmathol (20.09.2007, 08:45 Uhr)
Nochmals die Bitte an die Politiker! Zum Mitschreiben! Loesen Sie endlich echte Probleme?
Der diskutierte Fall wird eh so nicht eintreten. Erinnern wir uns noch an das Sportflugzeug in Frankfurt das dann letztendlich in einem Hochhaus landete. Auch damals haben die schwerbewaffneten Piloten nichts ausrichten koennen und die Mission von sich aus abgebrochen.
Ein Abschuss ueber ein stark bewohntes Gebiet wie Frankfurt, Berlin oder Muenchen waere nie zu rechtfertigen, da man hier noch zusaetzlich dann die Kettenredaktion ausloesen kann, die man damit verhindern will.
Was waere wenn z. B. eine entfuehrte Maschine gar nicht das Flughafengelaende verlaesst sondern wenn man sich dort ein Ziel sucht? Zwischen Alarm und dem Start eines Kampfflugzeuges vergeht eh zuviel Zeit!
Was Jung und Schaeuble hier diskutieren zeigt nur das sie nicht einmal eine Spur Fachwissen haben.
Wenn die Bevoelkerung weiterhin glaubt diese "realpolitischen" Parteien waehlen zu muessen, dann muss sie zumindestens mit diesen "Diskussionen" leben koennen.
Ich lach mich jedenfalls schon jetzt fast kaputt und plane von dieser Regierung Schmerzensgeld wegen Schaedigung der Lachmuskulatur einzuklagen.
papaleo2000 (19.09.2007, 21:09 Uhr)
Potentielle Massenmörder unter sich...
Diese zwei Zombiegestalten, Jung und Schäuble gehören in die Narrenanstallt. Die Paranoia diese zwei Typen erfasst hat, hat zur Folge, dass sie nicht mehr richtig ticken, sie sind vollkommend ausgebrannt (Burn-out-Syndrom). Der Heilungsprozess muß unter strengster ärztlicher Aufsicht erfolgen.
Was diese Zombies vorhaben ist glatter Mord. Deutschland breucht keinen legalisierten Mord sondern normaldenkende Politiker.
vaben (19.09.2007, 13:48 Uhr)
@johnnybones
Es gibt keine Lösung für diesen Konflikt. Man kann hierbei nur im Vorfeld versuchen Vieles richtig zu machen, durch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen an Flughäfen, durch Evakuierungspläne in Gebäuden (Stadien), meinetwegen durch eine erhöhte Anzahl an Schutzräumen, vernünften Warnsystemen, usw.
In einem solchen Fall befindet man sich in der Obhut höherer Mächte (Gläubige mögen sagen Gott, andere mögen sagen Zufall, ...). Mal ganz abgesehen davon, dass ein Abschuß des Flugzeugs praktisch sowieso kaum durchzuführen ist und somit auch keine Alternative darstellt, hat ein Minister nicht das geringste Recht über Leben und Tod Unschuldiger zu bestimmen. Das ein Staat *aktiv* (z.B. per Gesetz) unschuldige Menschen zum Tode verurteilt und tötet um andere zu retten ist schlicht unmöglich. Ganz zu schweigen davon, dass solche Entscheidungen im Zweifelsfall von einer einzigen Person unter Zeitdruck getroffen werden müssen.
Was Geheimkonten-Jung und Schmiergeld-Schäuble versuchen ist ja nur sich das Leben, unter Preisgabe der Rechtstaatlichkeit und fundamentaler Werte, einfacher zu machen. Das ist der eigentliche Skandal. Jung sagt vorab er lässt abschießen und beruft sich dann auf den übergesetzlichen Notstand obwohl das Verfassungsgericht sich bereits mit diesen Dingen befasst hat und *klar* gesagt hat, dass ein Abschuss verfassungswidrig ist.
johnnybones (19.09.2007, 11:18 Uhr)
Wie wäre es mit einer Liste attraktiver Alternativen ?
Es ist immer so verdammt einfach in der Opposition zu stehen und das bereits gesagte in der Luft zu zerreissen. Aber wo sind dann die Gegenvorschläge ?
Ein Flugzeug wird am Frankfurter Flughafen entführt und fliegt mit konstanter Geschwindigkeit auf die Frankfurter City zu. Was soll passieren ? Im Falle eines gelungenen Anschlages würde es mehrere tausend Tote. Ein Inferno. Im Falle eines frühzeitigen Abschusses des Flugzeuges würde es mehrere hundert Tote geben, zweifelsohne eine schreckliche Angelegenheit.
Man darf Menschenleben nicht gegeneinander aufwiegen. Das ist vollkommen richtig. Aber was ist dem Land nun lieber? 5000 Tote inkl. Flugzeuginsassen oder 200 Tote?
Was bei dieser Diskussion vollkommen außenvor gelassen wird ist, dass Jung von einem "Fall der Fälle" spricht. Natürlich muss die Terrorismusprävention hierzulande verschärft fortgesetzt werden. Aber wenn es zu dieser Art von Anschlag kommen sollte, stehe ich ganz klar hinter einem Abschussgesetz. Damit spreche ich laut aus was viele denken.
Ich bin bereit zerrissen zu werden...
Facti (19.09.2007, 08:52 Uhr)
Diese Offiziere, die das Gesetz brechen,
sind sie der Kader die den Putsch anführen sollen der die BRD wieder in eine Dikatur verwandelt? Die anderen Grundlagen bereitet Herr Schäuble bereits mit seiner Absolutüberwachung vor.
Midnight_74 (18.09.2007, 22:56 Uhr)
Wenn Schwachsinnige Politiker werden oder hier Kommentare schreiben...
Jeden Tag frage ich mich aufs Neue, was dieser Schwachsinn von Jung und Schäuble soll. Wir haben andere Probleme. Terroristen kann man am besten mit einer guten Polizei verhindern aber hier baut Herr Schäuble seit Jahren kräftig ab. Wenn wir keine Terroristen in Flugzeugen wollen, dann müssen wir halt am Boden alle Möglichkeiten ausschöpfen, diese am Flughafen herauszuprüfen. Ausserdem sind noch nicht alle technischen Möglichkeiten ausgereizt, z.B. ein Flugzeug im Entführungsfall per Funksignal "auf ewig" kreisen zu lassen. Stattdessen Schwachsinnsdebatten auf Kosten guter Politik und auf Kosten der Steuerzahler. Wie wäre es mal mit einer Debatte über exakt im 45°-Winkel einfliegende Terrorismuskometen, die dann von einer noch zu bildenden Bundeswehr-Spezialfliegerstaffel mit ständig im Einsatz stehenden 500 Maschinen? Warum nicht, man darf doch darüber nachdenken? Diese Gefahr gibt es schließlich! Also manchmal denke ich wirklich, bei der Vergangenheit von Jung&Schäuble ala Parteispenden und so: die Jungpolitiker, die unter deren Führung jetzt groß werden. Die Skandale in der Zukunft, die diese haben werden und der daraus resultierende Volksaufstand. Dann brauchen wir wirklich die Bundeswehr, um das eigene Volk dann wegzuballern. Ist das schon Selbstschutz für die korrupte Zucht? Diskutiert bitte über etwas Vernünftiges, aber vergesst nicht die Gefahr der Kometen im All. Es sind Milliarden, die uns bedrohen...
schlotti (18.09.2007, 22:29 Uhr)
Finaler Rettungsschuss?
Ich lese hier in einigen Kommentaren, dass die Idee des Herrn Jung gerechtfertigt sei, schließlich gebe es ja auch den "finalen Rettungsschuss".
Mal zum mitschreiben:
Der "finale Rettungsschuss" darf zum Schutze Dritter eingesetzt werden gegen den Täter. Und nur gegen den Täter. KEINESFALLS dürfen Unschuldige getötet werden!
Davon abgesehen, hat sich mal jemand die Überschrift des Artikels angesehen?
Merkel soll sich Jung zur Brust nehmen.
Ich finde ja auch, Jung gehört bestraft.
Aber so hart ;-)
MfG,
Schlotti
Strandhafer (18.09.2007, 18:03 Uhr)
C"D"U
Bei den Vorschlägen, die z.Z. von den sogenannten "Spitzenpolitkern" Schäuble und Jung kommen sollte die CDU konsequent sein und sich umbenennen. Zumindest sollte sie das "C" und das "D" streichen, denn was da so geredet wird, ist weder christlich und schon gar nicht demokratisch.
bisley (18.09.2007, 14:51 Uhr)
Hirnloses Politikergefasel
ruft hirnlose Kommentatoren im Sternforum auf den Plan.Auf diesen Nenner muss man die unsägliche Diskussion zur Abschussidee des Herrn Jung reduzieren.Andererseits darf man sich nicht wundern,wenn schon ein Minister solch abstruse Gedanken öffentlich äussert, dass die Beifallklatscher diesen Mist verteidigen. Dem Verteidigungsminister scheint weder die allseits dichte Besiedelung bekannt und die damit verbundenen verheerenden Folgen für tausende mögliche Opfer beim Abschuss eines Passagierjets, noch weniger kennt er offensichtlich die zeitlichen Faktoren, die vom Erkennen einer terroristischen Flugzeugentführung bis zum frühestmöglichen Abschusszeitpunkt gegeben sind.
Es ist immer wieder entsetzlich und unglaublich mit welcher Inkompetenz Ministerämter in Deutschland besetzt sind.
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