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20. März 2007, 14:21 Uhr

"Ein bisschen russische Propaganda"

Es kracht in der Koalition. SPD-Chef Beck warnt vor einem neuen Wettrüsten zwischen USA und Russland - die Union hält ihn für ein leichtgläubiges Opfer russischer Propaganda. Aber Becks Kritiker kommen nicht nur aus den Reihen von CDU und CSU. Auch ein prominenter Genosse hat Verständnis für die US-Pläne.

Abschuss einer Boden-zu-Boden-Rakete in Russland. Kritiker des geplanten US-Schildes warnen vor einem neuen Wettrüsten© SERGEY DOLZHENKO/DPA

Die Union hat der SPD eine Inszenierung des Raketenstreits zur Selbstprofilierung vorgeworfen. Der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Eckart von Klaeden, nannte die Sorge der SPD vor einem neuen Wettrüsten nicht nachvollziehbar. Er sagte im Deutschlandfunk, die Sozialdemokraten seien "ein bisschen auf die russische Propaganda hereingefallen". Das US-Abwehrprogramm eigene sich nicht zur Bedrohung Russlands. Die Koalition insgesamt habe sich auf effektiven Multilateralismus verständigt, sagte Klaeden. Daher sei die Forderung, die Angelegenheit in der Nato zu besprechen, richtig. Wenn das Raketensystem aber von vorneherein abgelehnt werde, dann mache es auch keinen Sinn mehr, es in der Nato erörtern zu wollen. Damit unterminiere die SPD das Ziel des Multilateralismus.

Der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion, Andreas Schockenhoff, warf der SPD vor, das Thema innenpolitisch zu instrumentalisieren. In der "Berliner Zeitung" äußerte er den Verdacht, die SPD-Führung wolle nach der umstrittenen Abstimmung über die Entsendung von Tornado-Aufklärungsflugzeugen nach Afghanistan die innerparteilichen Kritiker besänftigen.

Der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose nannte den Widerstand seines Parteivorsitzenden Kurt Beck gegen die geplante US-Raketenabwehr sachlich unbegründet. Für ein US-Abwehrprojekt gebe es gute Gründe, sagte der stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag im Südwestrundfunk. Washington bereite sich darauf vor, dass der Iran trotz der Sanktionen gegen sein Atomprogramm in den Besitz von Atomraketen gelange. Der Ausschussvorsitzende Ruprecht Polenz (CDU) plädierte im rbb-Inforadio dafür, Russland in die Diskussion um den Aufbau des Schildes einzubeziehen.

Auch von militärischer Seite wurde das Argument der SPD, das Raketenabwehrsystem könne ein neues Wettrüsten auslösen, zurückgewiesen. Der frühere Vorsitzende des Nato-Militärausschusses, Klaus Naumann, beklagte, dass die Debatte Sachkenntnis vermissen lasse. Er sagte im Deutschlandfunk, es sei nicht zwingend, das System in die Nato einzubeziehen, zwingend seien aber Konsultationen. Die habe es jedoch schon längst gegeben, auch zwischen Amerikanern und Russen, und zwar lange bevor der russische Präsident Wladimir Putin auf der Münchner Sicherheitskonferenz das Raketensystem angeprangert habe. Von Wettrüsten könne schon deshalb keine Rede sein, da die Russen mehr als 2.000 Sprengköpfe besäßen, sagte Naumann. Sollten diese in Richtung USA abgeschossen werden, würden sie nicht über Polen und Tschechien, sondern über den Nordpol fliegen.

Die geplanten zehn US-Raketen in Polen hätten zudem keine Sprengköpfe. Sie sollten mit vielmehr durch Aufprallwucht anfliegende Raketen samt Sprengköpfen zerstören. Wenn man "gutgläubigen Westlern" weiszumachen versuche, dass Russland dadurch bedroht sei, dann grenze das "schon eine unverschämte Manipulation der Öffentlichkeit".

Der Militärexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), Sascha Lange, bezweifelte im "Kölner Stadt-Anzeiger", dass der Iran ohne Hilfe Chinas oder Russlands in der Lage sein werde, solche Raketen zu bauen. Aber wenn der Iran die US-Ostküste ballistisch angreifen wolle, dann wären Polen und Tschechien als Stationierungsorte für ein Abwehrsystem geographisch sinnvoll. SWP-Gruppenleiter Oliver Thränert sagte im Westdeutschen Rundfunk ebenfalls, das System richte sich nicht gegen Russland. Ob die angenommene Bedrohung aus dem Iran real sei, könne derzeit noch nicht festgestellt werden.

AP
 
 
KOMMENTARE (6 von 6)
 
Mescaleroson (21.03.2007, 10:45 Uhr)
welche gefährdung?
Ich verstehe wirklich nicht worüber sich alle hier so aufregen. Die angesprochene Anzahl Raketen stellt doch keine Gefährdung Russlands dar, weder offensiv noch defensiv benutzt. Und was soll die Gefahr "hochgehender Sprengköpfe"? Es handelt sich ja nicht um Atomwaffen und selbst diese neigen nicht zur spontanen Explosion(mir ist zumindest kein Fall bekannt). Aber auf die Amis schimpfen ist immer so schön, man kann sagen was man will und ändern kann man ja sowieso nichts, also macht das Maulen richtig spass und man fühlt sich noch intelligent und kritisch.
AxelR. (21.03.2007, 09:20 Uhr)
Beeinflussung Russlands
Hat der geplante "Raketenabwehrschild" nicht einen ganz anderen Zweck? Nämlich der, Russland zu Sanktionen gegen den Iran zu bewegen? Wenn Russland die Raketenabwehr nicht möchte muss Russland ja gegen das iranische Atomprogramm sein. So kann man auch sein politisches Ziel erreichen, die Amerikaner sind darin geübt.
fanator72 (21.03.2007, 08:54 Uhr)
unverschämte Manipulation?
Eine wie im Text geäußerte: "unverschämte Manipulation der Öffentlichkeit" ist vielmehr die Darstellung, daß diese Raketen nicht jederzeit mit Sprengköpfen bestückt werden können, wenn die Anlagen erst einmal stehen.
Genausowenig wird nicht darauf eingegangen, inwieweit diese Raketenabschußbatterien modular bestückbar und somit vom Verteidigungs- zum Angriffspotential umfunktionierbar sind.
bR4iNST0RM (20.03.2007, 16:18 Uhr)
"Übermensch" Bush
Und wieder beweisen die USA – Außenpolitiker die Dekadenz ihrer Vorgehensweise. Alle, die nicht auf dem „neuen Kontinent“ leben, natürlich begrenzt auf die „Vereinigten Staaten“, sind potenzielle Terroristen und „Freiheitsgegner“.
Die „Freiheit“ von der hier gesprochen wird, ist natürlich Auslegungssache der USA. Wer dagegen Stimmt, fliegt raus. Das kenn ich noch aus einer anderen Zeit. Soll kein Vergleich sein, aber die Assoziation liegt auf der Hand.
Deutschland ist schon lange Zeit für die USA ein nötiges Übel, da hier zu Lande der amerikanischen Art immer zugeschustert wurde. Zumindest politisch sind unsere „Volksvertreter“ schon immer in „Uncle Sams“ Arsch gekrochen. Bis heute.
Und wenn die Amis meinen hier irgendwelche Raketensilos zu positionieren, dann machen sie es auch. Unsere Politebene ist da nur ein „kleines“ Hindernis. Und wer da meint, wir als Volk können da etwas unternehmen, der Irrt noch gewaltiger, als Menschen die behaupten, der Mensch stamme nicht vom Affen ab.
Es ist nun mal so, wenn Amerika etwas möchte, gibt man oder es wird genommen.
F.Friedel (20.03.2007, 15:20 Uhr)
Für wen halten sich die Ami's?
Wie mein Vorredner bereits sagte "Wenn Amerika meint sich schützen zu müssen, dann sollen diese es auf ihrem eigenen Grund und Boden tun.". Sollte der Iran wirklich mal ein paar Raketen nach USA schicken, so hätten Abwehrraketen auf amerikanischem Land genug Zeit, um die Flugkörper über der Arktis runterzuholen. Aber nein, machen wir das lieber über Europa. Falls doch ein Sprengkopf hochgeht, dann sind die Auswirkungen wenigstens weit, weit weg.
Sollte unsere Regierung dem Abwehrsystem zustimmen, so stelle ich einen Antrag, dass unsere Politiker entmündigt werden.
Raknarak (20.03.2007, 15:02 Uhr)
Was soll man glauben?
Das das Raketenabwehrsystem zur Vorsorge gegen Iranische Raketen installiert werden soll, liegt wohl nur an der aktuellen Debatte über das iranische Atomprogramm. Die Amerikaner möchten jedoch seit Jahren ein Raketenabwerhrsystem aufbauen, da gab es noch gar kein iranisches Atomprogramm.
Wenn Amerika meint sich schützen zu müssen, dann sollen diese es auf ihrem eigenen Grund und Boden tun.
Zudem sollten Sie etwas an ihrer agressiven Aussenpolitik ändern, dann würden sie sich auch wenigern Feine "machen".
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