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17. November 2009, 12:13 Uhr

Vielen Dank, Frau Steinbach

Erika Steinbach will bis auf weiteres nicht in den Beirat der Vertriebenen-Stiftung gehen. Gut so. Die Besinnungspause sollten jetzt alle Beteiligten nutzen, um sich der historischen Dimension des deutsch-polnischen Verhältnisses bewusst zu werden. Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

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Streitfall der schwarz-gelben Koalition: die Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach© Berthold Stadler/DDP

Vielen Dank, Erika Steinbach! Dass die CDU-Vertriebenenpolitikerin nun doch noch in letzter Minute eine ultimative Entscheidungssituation über ihre Person verhindert hat, verdient Anerkennung. So kann noch einmal neu nachgedacht werden. Vor allem bei den Vertriebenen. Aber auch in der CSU und Teilen der CDU.

Was wäre denn gewonnen gewesen, wenn der Bund der Vertriebenen darauf bestanden hätte, seine Vorsitzende sofort in den Beirat der Vertriebenenstiftung hineinzudrücken? Nichts. Der neue Außenminister Westerwelle hätte die Aktion blockiert, und dies völlig zu Recht. Den Befürwortern Steinbachs, allen voran CSU-Chef Seehofer, geht es doch gar nicht um die weitere Versöhnung von Deutschen und Polen. Die wollen vor allem eines: Dem neuen liberalen Koalitionspartner FDP eine reinreiben. Und der wie so oft taktierenden Kanzlerin endlich mal klare Positionierung abverlangen. Merkel soll mal machen, was wir CSU'ler verlangen. Soll dahin hüpfen, wohin wir wollen. Schluss. Punkt. Aus.

Bleibt zu hoffen, dass die Besinnungspause genutzt wird, um endlich im Hier und Heute anzukommen.

Wir haben zuerst geschossen

Das Gestern ist doch eindeutig. Wir Deutsche haben 1939 nicht "zurück geschossen". Wir haben Polen grundlos überfallen. Daran ist überhaupt nicht zu deuteln. Mehr als sechs Millionen Polen starben in diesem Krieg, zwei Millionen wurden zur Zwangsarbeit ins Reich verschleppt. Zwei Millionen Polen wurden aus den polnischen Ostgebieten vertrieben als Konsequenz eines Krieges, den wir Deutsche vom Zaun gebrochen haben.

Die andere Seite: Bei der Vertreibung von zwölf Millionen Deutschen starben 600.000. Die Behauptung, es seien Millionen gewesen, ist eine beschämende Lüge, denn in ihr sind unter anderem auch die im KZ von den Nazis ermordeten ostdeutschen Juden eingerechnet. Gewiss, bei der Vertreibung wurden die Deutschen ausgeplündert, hunderttausende Frauen vergewaltigt. Doch die Frage nach der Verantwortung muss bei denen ansetzen, die die Nazis an die Macht gewählt haben und ihnen in den Krieg gefolgt sind. Also bei uns Deutschen.

Schluss mit dem politischen Revisionismus

Von uns muss daher auch in erster Linie die Versöhnung ausgehen, der sich die Vertriebenenstiftung verpflichtet hat. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung bestünde darin, dass die in der Bundesrepublik geborenen Kinder der Vertriebenen nicht immer noch als Vertriebene nummeriert würden. Oder dass eine Politikerin wie Erika Steinbach, die trotz der Schuld der Deutschen sich 1990 nicht aufraffen konnte, die Oder-Neiße-Grenze anzuerkennen, nicht kandidiert. "Versöhnung" dieser Art kann nicht akzeptiert werden. Denn dahinter lauert immer noch der Gedanke, irgendwann und irgendwie die Vertreibung doch noch vermarkten zu können.

Noch beschämender ist, dass die Welt der heutigen Vertriebenenfunktionäre, von denen persönlich fast keiner mehr vertrieben worden ist, von einem beschämenden Heimat-Begriff ausgehen. Sie rühmen das vereinigte Europa, zu dem auch die Polen gehören. Sie predigen globale Achtung der Menschenrechte. Und denken in Wahrheit immer noch in den beschränkten Kategorien des politischen Revisionismus.

Warum schweigt die Kanzlerin?

Dass Angela Merkel dazu schweigt, ist unverzeihlich. Was ist ihr denn mehr wert: Die wenigen Stimmen völlig unbelehrbarer Vertriebenenpolitiker oder die deutsch-polnische Freundschaft? Guido Westerwelle hat sehr viel besser begriffen, dass die deutsche Schuld in unserer Beziehung zu Polen nachträgliche Verfälschung nicht verträgt. So gesehen ist Erika Steinbach unserem Nachbar nicht zumutbar, allein aus Gründen der historischen Wahrheit. Wir haben zuerst geschossen. Versöhnung ist daher auch zuerst unsere Pflicht.

Ein Kommentar von Hans Peter Schütz
 
 
KOMMENTARE (9 von 9)
 
Administrator (17.11.2009, 16:42 Uhr)
Liebe User,
wir schließen die Debatte an dieser Stelle.

Herzliche Grüße,

Ihre stern.de-Admins
jigglediggle (17.11.2009, 16:41 Uhr)
...
Bei aller Kritik an Frau Steinbach; dieses lästige "Deutsche haben angefangen" und die daraus resultierende "Rechtfertigung" für Kriegsverbrechen an Deutschen ist nicht zu rechtfertigen. Die Formulierung "also bei uns Deutschen" ist von Herrn Schütz ebenso miserabel gewählt. Die "deutsche Schuld" sollten Politiker oder auch Redakteure in Zukunft denen in die Schuhe schieben, die sich gerne solch einen Schuh anziehen. Für derartige Manipulationen und Eintrichterung von Schuldgefühlen der heutigen Generation sollte kein Platz mehr sein.
Schlammschwimmer (17.11.2009, 16:40 Uhr)
Unglaublich
Ich muss sagen, dass mir bei solchen "Kommentaren" regelrecht der Atem stockt. Ob mordende Nazis auf deutscher Seite, oder marodierender "Befreiungskämpfer" auf der anderen Seite, die Schlächterei, diese Unmenschlichkeit war die selbe.

Wenn jemand, wie in diesem Artikel auch noch zwischen den Zeilen äussert, die Deutschen, als Kriegstreiber hätten nichts anderes verdient, als Tod, Mord und Vergewaltigung, der billigt genau diese Handlungsweise und das will was heissen. Das ist einfach unglaublich so etwas in einer renommierten Zeitung zu lesen. Unfassbar!!!!

Hier wird nicht nur ignoriert, dass D seinerzeit unter dem unseligen Versailler Vertrag gelitten hat, sondern im Zuge der Wirtschaftskrise am Ende war und Arbeiter und Angestellte schlicht nicht mehr wussten, wovon sie leben sollten. Die wählten den Diktator und wer es nicht tat, bekam Besuch von der SA. Ich finde es unglaublich, wie den Deutschen insbesondere den Vertriebenen auch noch so etwas, wie Kriegslust untergeschoben wird.

Noch unglaublicher ist es, das Schicksal dieser Vertriebenen als Nebensächlichkeit abzutun. Die meisten Alten sind bereits tot und die, die noch da sind, schämen sich bis auf die Knochen so einem Irren nachgelaufen zu sein. Aber wenn sie einmal reden, dann bleibt einem der Verstand stehen, wenn man hört, dass sich ein Flüchtlingstross an der Bahnlinie aufstellen musste und jeder zweite, ob Frau, Mann, oder Kind einfach erschossen wurde um Platz im zug zu schaffen.

Wer so etwas, die Handlungen der sogenannten "Guten" Alliierten billigt, oder Unrecht auch noch mit Zahlen aufrechnet, der kann, entschuldigen sie bitte Herr Schulz, nicht ganz richtig im Kopf sein.
Sublucem (17.11.2009, 16:28 Uhr)
Da soll man nicht lachen...
Hier geht es nicht um Gutmenschentum oder nicht, hier geht es darum, dass Menschen Grenzen Richtung eines Landes verschieben möchten, welches vorher von ihrem Land überfallen wurde um die Grenze dort zu setzen wo jene Frau Steinbach sie wiederhaben möchte - Ursache <> Wirkung, anyone, haben wir da wieder mal was verwechselt? Das ist kein Gutmenschentum, das ist abartig. Ja mit der Logik dürften wir nämlich einige Grenzen neu ziehen in diesem und andere Länder - und wie weit zurück wollen wir denn gehen? Nur so viel wie es uns gerade passt? Wenn wir uns nicht ständig für unsere Vergangenheit schämen wollen, dann müssen wir auch ganz einen Schlussstrich ziehen anstatt nur so weit zurückzugehen und nur das einzublenden was uns gerade passt.
Und Versöhnung heißt nicht automatisch, dass jeder alles bekommt was er will - so ist es nämlich erst zum Krieg gekommen.
Munichfirefly (17.11.2009, 16:20 Uhr)
BdV- Veraltet
der BdV ist ungefähr 55 Jahre zurückgeblieben, den es ist vorbei: Die Preußischen Gebiete sind auf immer verloren, und daran sind wir Deuschen selberschuld, da lässt sich nix mehr machen. Aber leute wie Frau Steinbach werden das nie Verstehen können. es wird zeit das Die "Vereinigung" mal das zeitliche segnet.
eslipart (17.11.2009, 16:17 Uhr)
@budbundy: Wie lange noch
wollen Steinbach und einige des BdV die alten Grenzen zurück?
Noch 1990 hat Steinbach nämlich zum Oder- Neiße-Grenzevertrag erklärt: "Man kann nicht für einen Vertrag stimmen, der einen Teil unserer Heimat abtrennt."
So eine Frau steht nicht für Versöhnung.
Stony2005 (17.11.2009, 16:13 Uhr)
@Hans Peter Schütz
Danke, Danke und nochmals Danke.

Dieses dumme Geplänkel der Frau Steinbach ist hochnot peinlich und schadet dem Ansehen der Bundesrepublik Deutschland in erheblichen Maße. Und überhaupt: Schaut doch mal nach was diese CDU Politikerin (Und das muß in diesem Kontext erwähnt werden) in der Vergangenheit so alles gemacht hat und für was sie eigendlich steht.
Da frage ich mich nur noch erstaunt: Gehts eigendlich noch?????

guenni22 (17.11.2009, 16:01 Uhr)
Danke
Danke Peter Schütz für den ausgewogenen und zutreffenden Kommentar. Hoffentlich zeigt er auch Wirkungen. Angela Merkel ist sicherlich an einem guten Verhältnis zu Polen gelegen. Aber ein klares Wort in dieser wichtigen Sache, hätte der Sache noch besser getan. Verbrechen sollen nicht vergesen werden, egal wer sie begangen hat. Aber Versöhnung bedeutet auf den anderen zu zu gehen. Das ist schwer mit denen, die rückwärts gewandt sind. Das sollten beide Seiten beachten, Polen und Deutsche.
gesox (17.11.2009, 14:24 Uhr)
Westerwelle gegen Steinbach
Frau Steinbach hat eine wichtige Sache in diesem Pokerspiel nicht verstanden.

Wenn Frau Merkel durch den Bund der Enkel und Kinder der Vertriebenen vor die Wahl gestellt wird, entweder ihrem Außenminister Westerwelle oder Frau Steinbach zuzustimmen wird Frau Steinbach den Kürzeren ziehen.

Steinbach ist für die Existenz der neuen Koalition völlig unwichtig. Merkel wird die ohnehin schwierige Lage mit der FDP nicht noch weiter belasten und Steinbach opfern ohne mit der Wimper zu zucken, um ihre Macht nicht zu gefährden. Die Erfahrung haben schon weit bedeutendere Politiker gemacht.
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