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Studenten wollen keine Kriegsforschung

Ein paar Studenten fordern eine Zivilklausel, einem Professor passt das überhaupt nicht. Doch nicht nur an der Kieler Uni wird zäh verhandelt, sondern auch an vielen anderen deutschen Hochschulen.

Von Daniel Regnery

"Für Frieden und freie Forschung": Auch in Karlsruhe, am "Institut für Technologie", votieren einige Studenten für die Zivilklausel.

"Für Frieden und freie Forschung": Auch in Karlsruhe, am "Institut für Technologie", votieren einige Studenten für die Zivilklausel.

Joachim Krause schimpft, als stern.de ihn kontaktiert: "Wer unsere Arbeit als Kriegsforschung diskreditieren will, sollte sich mal auf Paranoia untersuchen lassen." Als Direktor des "Institutes für Sicherheitspolitik" an der Universität in Kiel sieht er sich mehr und mehr mit Studenten auseinandergesetzt, die sich für eine Zivilklausel aussprechen – und damit seine Hochschule dazu zwingen wollen, auf militärische Forschung zu verzichten.

Konkret fordern die Studenten, dass ihre Uni einen Passus in die Grundordnung aufnimmt, mit der sie offiziell auf Kriegsforschung verzichtet. Eine erste erarbeitete Fassung der Aktivisten lautet: "Forschung, Studium und Lehre sind zivil, dienen friedlichen Zwecken und sind frei von Kooperationen mit Rüstungskonzernen und militärischen Aktionen".

Uni Kiel: 2,7 Millionen in fünf Jahren

Krause passt das ganz und gar nicht. Von den 5,5 Millionen Euro, die alleine das Verteidigungsministerium im vergangenen Jahr an 26 deutsche Hochschulen zahlte, bekam seine Universität in Kiel einen großen Anteil, für 15 Projektaufträge, allen voran um die Abwehr der Bundeswehr zu verbessern. In den letzten sieben Jahren erhielt die Uni insgesamt gar 2,7 Millionen Euro. Aber nicht nur deshalb will Krause die Zivilklausel verhindern. Er hält sie für eine "Mogelpackung", die nur "linken und linksextremen Gruppen nutzt", als "Einfallstor", um seine wissenschaftliche Arbeit an der Uni zu stören. Den "antimilitaristischen" Gruppen, die die Klausel fordern, ginge es nur darum, Freiheit von Forschung und Lehre einzuschränken und Stimmung gegen die Auslandseinsätze der Bundeswehr zu machen. "Das ist etwas völlig anderes als ein Bekenntnis zum Frieden", erzählt der Professor.

Kriegsforschung? "Absurd"

Einmal losgelegt, ist Krause kaum mehr zu halten. Er glaubt, die Klausel führe nur zu einer Null-Toleranz-Politik gegenüber Bundeswehr und Rüstungsindustrie. Dabei sei der häufige Vorwurf, sein Institut mache Kriegsforschung "absurd". Denn: "Sowohl Universität als auch Bundeswehr halten sich ans Grundgesetz, das sehr konkret Vorbereitungen zu einem Angriffskrieg untersagt."

Die Kieler Uni, so erklärt Krause weiter, betreibe vielmehr Konfliktforschung, gebe zum Beispiel ein Jahrbuch zum Terrorismus heraus und analysiere aktuelle sicherheitspolitische Themen. Der Wissenschaftler, der mit dem Verteidigungsministerium zusammenarbeitete, um den Afghanistan-Krieg zu analysieren, glaubt vor allem junge Wissenschaftler, aber auch Studenten hinter sich: "Sie sehen nicht ein, warum sich die Universität vor den Karren derjenigen spannen lassen sollen, die glauben sie hätten mit einer radikalen, total antimilitaristischen Parole den besten Weg zum Frieden gefunden." Schnell wird klar: Der Politik-Professor hat überhaupt kein Verständnis für die Kritik der Aktivisten.

Frieden ist das höchste Gut? "Skandalös"

Einer dieser Aktivisten ist Ruben Reid. Dass "eine Universität, die sich Pax Optima Rerum – also Frieden ist das höchste Gut – ins Wappen geschrieben hat", so viel Geld vom Ministerium bekommt, hält der Student für "skandalös". Als Koordinator des "Arbeitskreises Zivilklausel" in Kiel engagiert er sich deshalb zusammen mit sechs anderen Studenten, um die militärische Forschung an seiner Uni abzuschaffen. Die Studenten treffen sich beinahe wöchentlich, diskutieren, planen Ringvorlesungen oder sammeln Infos zu Forschungsprojekten der Uni. Besonders die verschleiernde Arbeitsweise ihrer Uni stößt den Studenten sauer auf. "Bis heute wissen wir zum Beispiel nicht, ob auch private Rüstungskonzerne an der Universität aktiv sind", erzählt Reid stern.de.

Wählermehrheit für Klausel

Bei den Kieler Hochschulwahlen ließen sie deshalb alle Studenten über die Aufnahme der Klausel in die Grundordnung abstimmen. Etwa zwei Drittel der Wähler entschieden sich für den Passus – bei fast 4.000 Teilnehmern. Auch wenn wie üblich der Großteil, nämlich etwa 20.000 Studenten, der Wahl fernblieb, glaubt Reid, "dass die Befragung das Stimmungsbild der Studierenden recht genau wiedergibt."

Die Hoffnung, dass auch die Univerwaltung so überzeugt werden könnte, lebt deshalb weiter. "Wir sind optimistisch", erklärt Reid, "allerdings stehen ein langer Prozess und viel Aufklärungsarbeit vor uns." Er und seine Mitstreiter jedenfalls bleiben auch in Zukunft am Ball: Im Moment überlegen die Studenten, wie alle Fakultäten der Uni in den Diskurs eingebunden werden können. Das sei nötig, um dem Senat am Ende ein gutes Konzept vorzulegen.

Bundesweite Zivilklausel-Bewegung

Nicht nur in Kiel, sondern bundesweit tobt seit etwa vier Jahren ein Kampf darum, was Wissenschaft darf und was nicht. Viele Studenten haben ethische Probleme mit der Forschungsarbeit ihrer Institute. Sie sehen die Gefahr, dass Hochschulen sich für Zwecke hergeben, für die sie eigentlich nicht zuständig sind – weil sie das Geld brauchen. Insgesamt gibt es in ganz Deutschland etwa 30 bis 40 Arbeitskreise, die eine Zivilklausel wollen. Auch Ur-Abstimmungen wie in Kiel gab es in den vergangenen Jahren schon mehrfach – in Kassel, Karlsruhe, Köln oder Frankfurt zum Beispiel. Überall mit dem gleichen Ergebnis: Eine Mehrheit sprach sich für einen Passus in der Grundordnung aus.

Einige Hochschulen gaben dem Druck der Aktivisten bereits nach – wie zum Beispiel die TU Berlin, die im vergangenen Jahr eine Zivilklausel in ihrer Grundordnung verankerte. Auch die Hochschulen in Bremen, Tübingen, Augsburg oder Konstanz entschieden sich für die Klausel. Mittlerweile haben sich 13 Unis gegen eine militärische Forschung positioniert, die Kölner könnte die nächste sein – heute stimmt der zuständige Senat dort über die Klausel ab.

Willkommene Gelegenheit, um Haushalt aufzubessern

Andere Wissenschaftler aber, wie in Kiel, wehren sich aktiv gegen die studentischen Bestrebungen. Sie wollen ihre Arbeit in keine Richtung beschränken – weil nie ausgeschlossen ist, ob sie nun militärisch genutzt wird oder nicht. Viele Hochschulen sind zudem auf die Drittmittel angewiesen oder betrachten sie als willkommene Gelegenheit, um den eigenen Haushalt aufzubessern. Ob die Forschungsgelder wie meist an bestimmte Projekte gekoppelt sind und von externen Institutionen kommen – teilweise eben auch vom Verteidigungsministerium oder von Rüstungsunternehmen – ist da meist nicht so wichtig.

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Daniel Regnery
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