Sie engagiert sich für den Klimaschutz und gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm, er sieht beim Umweltschutz erst einmal andere in der Pflicht. Für NEON stritten sich die 31-jährige Sigrid Oberer und der 23-jährige Matthias Ziesche in Warnemünde.

Drei Wochen vor dem Treffen der mächtigen Regierungschefs lud der stern zu einem etwas anderen Gipfelgespräch. Zehn Kilometer östlich von Heiligendamm sprach der Lagerarbeiter und Webdesigner Matthias Ziesche, 23, aus Dormagen mit der Diplompädagogin Sigrid Oberer, 31, aus Ingolstadt über Klimawandel, Engagement und eigene Verantwortung. Matthias Kiesche hatte in einem Web-Blog* geschrieben, dass sich erst einmal die Industrie um den Umweltschutz verdient machen müsse, bevor er bereit sei, zum Beispiel auf Flugreisen zu verzichten. Sigrid Oberer kümmert sich seit einem halben Jahr um die Vorbereitung von Protesten gegen den G 8-Gipfel. Die gelernte Bibiliotheksassistentin streitet dafür, dass eine andere Welt möglich ist, wenn sich jeder genügend engagiert**.
Matthias: Ich denke, der Einzelne kann nicht groß was verändern.
Sigrid: Das finde ich aber total schade. Du gibst Deine Verantwortung weiter und sagst, andere sollen etwas für Dich regeln.
Matthias: So würde ich es nicht sehen. Aber außer Energiesparen kann man doch nicht viel tun. Ich kann nicht gegen die große Industrie anstinken. Und dann höre ich von den Politikern, ich soll lieber in Deutschland Urlaub machen und mehr Fahrrad fahren. Soll doch die Großindustrie erst mal bei sich anfangen.
Sigrid: Wieso wartest Du auf andere Leute? Ich will agieren, nicht reagieren. Ich will meinen Handlungsspielraum erweitern.
Matthias: Klar, Umweltschutz ist wichtig. Aber immer mit Kosten verbunden. Erst die Ökosteuer, diesen Sommer diese City-Steuerplaketten. Dann zahle ich sogar noch dafür, zur Arbeit zu fahren. Die Politiker versuchen die großen Probleme auf uns kleine Leute abzuwälzen. Und die Konzerne können weiter ihren Dreck in die Luft jagen. Der größte C02-Ausstoß kommt doch nicht von privaten Autos, sondern von der Industrie.
Sigrid: Wundert dich das in diesem neoliberalen System? Ich finde es wichtig, nicht nur zu kritisieren, sondern auch über Utopien nachzudenken.
Matthias: Meine Utopie ist, mit 30 Jahren auszuwandern.
Sigrid: Mein Traum ist, dass jeder Mensch diese Möglichkeit hätte, sein Glück dort zu suchen, wo er will. Aber das ist für die meisten nicht möglich, aufgrund von Grenzen und Aufenthaltsgenehmigungen. Ich möchte unbequem bleiben und trotzdem glücklich werden. Aber nicht nur nach egoistischem Glück streben, sondern das Glück auch mit anderen teilen können.
Matthias: Das ist ein lobenswerter Gedanke, aber es wird nie so sein, dass jeder machen kann, was er will. Oder genug Geld dafür hat. Ich denke, das bleibt eine Utopie.
Sigrid: Wenn wir uns unsere Träume nicht nur ab und zu nebenbei erzählen würden, sondern gezielter und organisierter, dann könnten wir was ändern. Aber das ist anstrengend und passiert nicht einfach so.
Matthias: Was machst Du privat so für den Umweltschutz?
Sigrid: Ach, einiges. Aber ich will da gar nicht über die bekannten Klischees reden. Ich habe mal eine Zeitlang versucht, ohne Strom zu leben. Da wohnte ich in einem Bauwagen. Ich versuche auch weniger zu konsumieren und ernähre mich vegetarisch.
Matthias: Fährst Du ein Auto?
Sigrid: Nein.
Matthias: Na, war einen Versuch wert.
Matthias: Ich muss, dafür sorgt meine Freundin. Ich würde es aber selbst nicht so konsequent durchziehen. Die Ökos sind immer so verbissen.
Sigrid: Ich glaube, das negative Image hat immer noch mit der Katastrophenpädagogik der 80er Jahre zu tun, mit den Bildern von heulenden Kindern auf Demos vor Atomkraftwerken.
Mathias: Ja, zuerst haben sie geschrieben, die Welt ist nicht mehr zu retten, sie geht in 40 Jahren unter, jetzt heißt es, wir können noch den Untergang aufhalten, wenn wir uns alle beschränken. Ich denke, in den 70er und 80er Jahren wurden die Weichen für die Vernichtung der Erde gestellt. Da war ich noch nicht auf der Welt.
Sigrid: Wenn man den Medien glaubt, ist die Welt schon öfter untergegangen als die Zeugen Jehovas es jemals vorhergesagt haben. Ich bin aber nicht so pessimistisch. Dann kommst du ja wirklich in eine Stimmung, dass man nichts mehr ändern kann. Ok, jetzt ist der G8-Gipfel in Heiligendamm und die Amerikaner haben schon gesagt, dass sie keine drastischen Schritte zum Klimaschutz unterstützen werden. Aber es geht nicht nur um diese Scheinverhandlungen, sondern dass wir uns äussern und nicht resignieren. Ich freue mich auf die Diskussionen mit Aktivisten aus aller Welt.
Matthias: Aber auf euch hört doch keiner, außer wenn vielleicht Bono singt.
Sigrid: Oh ja, ganz schlimm. Diese Leute promoten sich als Weltverbesserer und schütteln einem Tony Blair die Hand, der beim G 8- Gipfel von 2005 von einem "historischen Schuldenerlass" sprach. 40 Milliarden Dollar in vierzig Jahren, für 18 Länder. Wenn man das mal nachrechnet, dann kann man nicht einmal von einem Tropfen auf dem heißen Stein reden. Das ist so eine Augenwischerei, wenn die guten Weißen den armen Schwarzen helfen - die beruhigen doch nur ihr schlechtes Gewissen.
Matthias: Stimmt. Aber groß verschlechtern kann sich die Welt nicht mehr. Die Erde ist im Eimer: die große Katastrophe rückt immer näher. Ich weiß ja nicht, ob die Erde irgendwann explodiert.
Sigrid: Ach, die Erde hat schon viel mehr erlebt. Ich denke, es wird immer so schlimm dargestellt, weil sich Berichte darüber vielleicht auch gut verkaufen.
Mehr zum Thema... ...findet sich in der neuesten Ausgabe von NEON. Den Weblog von Matthias Kiesche finden Sie unter www.grafikworkX.de, die Homepage von Sigrid Oberer erreichen Sie unter www.gipfelsoli.org.