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26. Juni 2007, 10:02 Uhr

"Es ist falsch, Arbeit hochzujubeln"

Brauchen wir ein Grundeinkommen? stern.de hat zwei junge linke Politiker zum Streitgespräch geladen: "Linke"-Vize Katja Kipping und Juso-Chef Björn Böhning. Per Video stellen die Kontrahenten sich und ihre zentralen Argumente vor. Das ganze Gespräch können Sie lesen - und entscheiden, wer Sie überzeugt.

Juso-Chef Björn Böhning (l.) und "Linke"-Vizechefin Katja Kipping (r.): Beide bezeichnen sich selbst als links, beim Thema Grundeinkommen aber kommen sie partout nicht auf einen Nenner© Florian Güßgen

Frau Kipping, weshalb brauchen wir ein Grundeinkommen?

Kipping: Wir fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen, dessen Höhe den Menschen die Existenzangst nimmt, sie gegenüber ihren Arbeitgebern unabhängiger macht und ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilnahme gewährleistet. Deshalb soll es zwischen 800 und 1000 Euro liegen. Die Menschen sollen nicht nur nicht verhungern, sondern auch mal ins Kino gehen können. Sie sollen sich einbringen können, auch politisch. Sie sollen sich die Fahrt zur Demonstration leisten können - oder eine Tageszeitung. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich einbringen. Insofern ist das Grundeinkommen auch eine Demokratiepauschale.

Böhning: Teilhabe erreicht man doch nicht dadurch, dass man den Menschen eine Stillhalteprämie zahlt - und das Grundeinkommen ist nichts anderes. Teilhabe ermöglicht man, in dem man ihnen Arbeit gibt. Arbeit ist entscheidend für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Die politische Linke muss für mehr Arbeit kämpfen und für gute Arbeit - für Arbeit zu besseren Bedingungen. Dieses zentrale Kampffeld dürfen wir den Neoliberalen nicht überlassen.

Schön und gut. Aber in Deutschland sind immer noch rund vier Millionen Menschen ohne Job. Ist es da nicht reichlich blauäugig, Vollbeschäftigung anzustreben?

Böhning: Ich glaube nicht an das viel beschworene Ende der Erwerbsarbeit. Gesellschaften haben bislang immer genug Arbeit produziert. Und das werden sie auch in Zukunft tun. Auch jetzt haben wir ein ungeheures Arbeitsvolumen, das allerdings ungerecht verteilt ist, weil zu viele Überstunden produziert werden.

Kipping: Ich befürchte, dass es einfacher ist, den demokratischen Sozialismus einzuführen als im Kapitalismus die Vollbeschäftigung zu erreichen. Aber nichtsdestotrotz setze ich mich dafür ein, möglichst vielen Leuten Arbeit zu ermöglichen. Dem steht ein Grundeinkommen überhaupt nicht entgegen.

Böhning: Doch. Das tut es. Mehr noch: Das Grundeinkommen und Vollbeschäftigung schließen sich gegenseitig aus. Wenn das Grundeinkommen eingeführt ist, lässt der politische Druck nach, Vollbeschäftigung zu erreichen. Man muss sich nicht mehr um gute Arbeit kümmern. Unternehmen sind nicht mehr gezwungen, ausreichend Löhne zu zahlen oder sich an Mindestlöhne zu halten. Sie können immer sagen: Der Angestellte erhält ja zusätzlich ein Grundeinkommen.

Kipping: Deswegen fordern wir ja auch, dass das Grundeinkommen zusammen mit einem Mindestlohn eingeführt wird, so dass der Lohn eben nicht immer weiter heruntergesetzt werden kann.

Frau Kipping, mit dem Grundeinkommen wollen Sie auch die Arbeitnehmer gegenüber ihren Chefs stärken. Sie können nicht mehr dazu gezwungen werden, jede Arbeit zu verrichten. Aber wer erledigt dann die unbeliebten Jobs; wer putzt die Latrinen?

Kipping: In Gesellschaften mit einem Grundeinkommen wird es einen Automatisierungsdruck geben. Und ja, es gibt einige Tätigkeiten, die uns Maschinen durchaus abnehmen könnten. Die Erfindung des selbstreinigenden Toilettendeckels etwa wäre eine tolle Sache.

Herr Böhning, in Frau Kippings Welt müssen die Menschen zwar nicht zwingend arbeiten, aber sie sind so innovativ und fortschrittlich, dass sie selbstreinigende Toilettendeckel erfinden können. Teilen Sie diesen Optimismus?

Böhning: Nein, denn es sind Arbeit und Leistung, die Fortschritt und dadurch Wohlstand schaffen, der dann umverteilt werden muss. Das Grundeinkommen aber ist leistungsfeindlich - und hemmt so den Fortschritt.

Kipping: Was stimmt ist: Reichtum muss erst produziert werden. Es stimmt aber nicht, dass gesellschaftlicher Reichtum nur durch Erwerbsarbeit erwirtschaftet werden kann. Im Gegenteil: Viel Reichtum wird durch Erwerbsarbeit vernichtet. Den gesellschaftlichen Reichtum etwa, der in der Rüstungsindustrie durch die Herstellung von Landminen erwirtschaftet wird, den will ich sehen. Ich finde es falsch, Arbeit immer nur hochzujubeln.

Sie haben ein Problem mit Herrn Böhnings Leistungsbegriff?

Kipping: Was zählt denn als Leistung? Und wer bewertet sie? Bislang wird Leistung immer mit bezahlter Erwerbsarbeit gleichgesetzt. In Wirklichkeit aber ist unsere Gesellschaft auf unbezahlter Arbeit begründet, auf unbezahltem Engagement im Haushalt, in der Familie, im sozialen Bereich. Jedes Jahr werden 96 Millionen unbezahlte Stunden im Haushalt oder in der Erziehung geleistet - doppelt soviel Stunden wie in der Erwerbsarbeit. Nur: Was man für eine Arbeit bezahlt bekommt, das entscheidet allein der Markt. Nein, dieses Leistungsverständnis teile ich nicht.

Böhning: Halt! Auch die Jusos setzen sich dafür ein, den Leistungsbegriff auszuweiten. Aber bei einem Prinzip muss es bleiben: Leistung muss sich lohnen. Meine Vorstellung einer freien und gleichen Welt geht nicht davon aus, dass die Menschen unter dem Baum liegen und sich den Apfel in den Mund fallen lassen, sondern davon, dass durch Arbeit gesellschaftlicher Reichtum produziert und gerecht verteilt wird.

Kipping: Aber Reichtum hängt eben nicht von Erwerbsarbeit ab. Studien haben ergeben, dass Menschen gerade dann besonders produktiv sind, wenn sie von einer Sache überzeugt sind. Aus eigenen Antrieb heraus und ohne Druck. Wir brauchen also viel Raum, um uns besser entfalten zu können. Wer von klein auf motiviert wird, sich zu engagieren und zu tun, was er für sinnvoll hält, dem fällt es leichter als anderen, seinem Leben einen Sinn zu verleihen - auch wenn der Sprung in die Arbeitswelt mal gerade nicht gelingt.

Und faule Menschen, die sich auf Kosten aller auf die faule Haut legen, die gibt es Ihrer Ansicht nach nicht?

Kipping: Natürlich wird es auch faule Menschen geben. Die wird es immer geben - unter den ALG II-Empfängern ebenso wie unter den Millionärserben.

Zerstören Sie nicht den Sozialstaat, wenn Sie den Menschen Geld geben, aber das viel zitierte Fördern unterlassen, den Versuch, die Menschen wieder in die Arbeitswelt zu integrieren?

Kipping: In der Realität heißt Fördern heute doch, Menschen, die sich um ihr eigenes Fortkommen kümmern, zu behindern und in stupide Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen abzukommandieren. Auf diese Form des Förderns kann man getrost verzichten. Aber das Grundeinkommen alleine löst natürlich nicht alle Probleme. Es muss flankiert werden von einer anderen Bildungspolitik und öffentlicher Beschäftigung und mit dem Ausbau von Wirtschaftsdemokratie.

Böhning: Das Grundeinkommen unterläuft den Sozialstaat, weil es das Prinzip der Solidarität zwischen den verschiedenen Gruppen aushebelt. Es vertieft die Kluft zwischen denen, die arbeiten und denen, die nicht arbeiten, weil die einen für die anderen zahlen müssen, ohne eine Gegenleistung erwarten zu können. Ich bin sehr gegen die Gängelungen, die es teilweise in den Arbeitsagenturen gibt. Aber ich glaube schon, dass es eine gewisse Pflicht des Engagements geben muss.

Frau Kipping, zum Schluss die Rechnung: Wer soll das Grundeinkommen eigentlich bezahlen?

Kipping: Es gibt verschiedene Modelle. Im Kern aber läuft es darauf hinaus, dass das reichste Drittel der Gesellschaft das Grundeinkommen finanziert und die restlichen zwei Drittel mehr oder gleich viel Geld haben wie bisher. Zum anderen: Bei einem Grundeinkommen in Höhe von 800 bis 1000 Euro werden die Leute weiterhin einen Anreiz haben, arbeiten zu gehen. Jeder, der mal von 800 Euro gelebt hat, weiß das.

Stichwort Grundeinkommen Das Grundeinkommen ist ein sozialpolitisches Ìnstrument, das unter anderem vom Ökonomen Milton Friedman in den 1960er Jahren entwickelt wurde. Statt vieler einzelner Sozialleistungen zahlt der Staat jedem Bürger ein "Gehalt". Die Idee hat mittlerweile viele Anhänger gefunden, darunter auch in den Reihen der Linkspartei, der Grünen, der Union und der FDP. Nur die SPD tut sich damit schwer. Die Parteien verfolgen allerdings radikal unterschiedliche Konzepte, wie sich vor allem an der geplanten Höhe des Grundeinkommens ablesen lässt. Die Linken sehe das Grundeinkommen als existenzsichernden Lohn, der den Staat erheblich belasten darf, die Liberalen als Pauschale, die alle Sozialleistungen zusammenfasst und den Staat so entlastet. Während Teile der Partei "Die Linke" ein bedingungsloses Bürgergeld in Höhe von 800 bis 1000 Euro fordern, wollen Union und FDP deutlich weniger zahlen und zudem eine Art "Arbeitspflicht" einführen. Geld sparen durch den vermeintlichen Abbau von Bürokratie, das wollen alle.

Ihre Meinung

Katja Kipping oder Björn Böhning - wer hat Sie mehr überzeugt?

Diskutieren Sie mit! Bisherige Beiträge (38)
Moderation: Florian Güßgen und Niels Kruse
 
 
KOMMENTARE (10 von 38)
 
chka (28.06.2007, 17:28 Uhr)
Schöne Schauergeschichten.
@ Puro: Das klingt ja, als wären die genannten Finanzierungsvorschläge in Stein gemeißelt und stünden kurz vor einer TüV-Abnahme. Glaubst du nicht, dass es noch etliche Lösungsvarianten geben wird? Bürgergeld ist doch kein Schwachsinn nur weil die Finanzierungsvorschläge bisher verrückt klingen.
Und um gleich vorzubeugen: Nein - ich habe momentan keine besseren Vorschläge.
puro (28.06.2007, 13:23 Uhr)
Ja Bürgergeldanhänger sind naiv - und wie
Ich habe mir die Mühe gamacht das Buch von Werner Götz zu lesen, da ich von der Idee anfangs begeistert war. Das war ein großer Fehler, denn dem Buch mangelt es vor allem an einem: Substanz.
Hier verbreitet sich ein Sozialromantiker unter vollkommener Mißachtung jeglicher Realität.
Aber zurück zu den Fakten:
Es klingt ja gut:
-man nimmt den Menschen Existenzangst,
-jeder bekommt mal so 800 EUR 1000 EUR /Monat
-Die Steuern und Sozialhilfebürokratie wird erheblich vereinfacht
Es klingt so wie ein kostenloses Mittagessen. - und das ohne etwas dafür zu tun! -klasse
Aber wer das Kleingedruckte liest erkennt die Mogelpackung: Denn zur Finanzierung muß die MWST auf bis zu 50% erhöht werden. Außerdem trägt die Krankenversicherung der Sozialhilfeempf. selbst..
Am Ende werden die Leistungsanreize vollkommen verzerrt, und die Sozialhilfe zu einem eigenständigen Lebensstil umgedeutet. Am Ende ergibt sich eine gigantische Umverteilung zu Lasten der Kleinen Leute, deren Einkommen durch die hohe Mehrwertsteuer stark entwertet wird.
Relativ dazu gewinnen Großverdienter da die MWST wie eine "Flat-tax" wirkt.
Der Sozialismus war auch ne klasse Idee. Hat halt nur nicht so ganz funktioniert.....
chka (27.06.2007, 13:50 Uhr)
Sind Bürgergeld-Anhänger wirklich naiv?
In dieser Diskussion sieht man wieder einmal wie unmöglich es ist, neue Wege zu gehen, wenn man an alten Denkmustern festhalten will. Jeder der hier mitredet sollte mal die Ausführungen von Götz Werner, Begründer der Drogeriekette "DM", lesen (einfach über Google suchen). Götz Werner fordert schon lange das Bürgergeld und zwar pro Person weitaus höher, als alle Beträge die momentan diskutiert werden.
Fakt ist, das der Wohlstand, den wir derzeit genießen könnten, ungenießbar ist. Arbeitslose und Harzt-4-Empfänger können sich nichts leisten und 40-Stunden-Jobber haben keine Zeit dafür.
Unterstützung nur zur Existenssicherung?
Auch habe ich hier einen Kommentar gelesen, dass Sozialleistungen nur zur Existensicherung reichen dürfen. Ist das nicht ungeheuerlich? Fakt ist, das kein Hartz-4-Empfänger mit seinen Kindern ist Kino oder gar in den Tierpark gehen kann. Sie können auch keinen Wochenend-Ausflug machen um den Kindern mal ein Stückchen Deutschland zu zeigen denn selbst das Wochenend-Ticket kann für diese Menschen unbezahlbar sein. Menschen mit Grundsicherung oder Arbeitslosengeld verfallen auch regelmäßig in Depressionen, wenn Geburtstage oder Weihnachten anstehen. Das Geld reicht nicht für Geschenke und oft nicht einmal für eine kleine Feier. Tolle Wohlstandsgesellschaft!
Wer kräht am lautesten gegen das Bürgergeld?
Scheinbar das Unternehmertum. Wer seine Mitarbeiter heute noch im 50er-Jahre-Führungsstil herumkommandiert muss sich hier zu recht fürchten. Es ist nur wünschenswert, dass sich das Team eines solchen Chefs nach Einführung des Bürgergeldes in Wohlgefallen auflöst. Wer seine Mitarbeiter im 21. Jahrhundert noch immer nicht mit respekt behandelt ist selbst schuld.
Sind Bürgergeld-Anhänger wirklich naiv?
Bisher wurde so ziemlich jeder, der etwas neues auf die Beine gestellt hat, zunächst als naiv bezeichnet. Aber wer unbedingt alles verkomplizieren muss wird sich von seiner Meinung auch nicht abbringen lassen.
thaal (27.06.2007, 09:41 Uhr)
@mupfeline
Deshalb weniger Hartz IV für viele. Bei manchen geht es nicht anders, das weiß ich auch. Was mit den Menschen geschehen soll ist, dass sie sich wenigstens mal um einen Job bemühen. viele würden, da bin ich mir sicher zumindest für eine Weile arbeiten gehen können. Es wird immer Arbeitslose geben, aber der Anreiz es zu bleiben sollte verschwinden oder zumindest deutlich kleiner werden. In einem Punkt gebe ich dir teilweise recht, 1 - Euro Jobs vernichten zum Teil normale Arbeitsplätze. Aber die Jobs würden dann eher durch Überstunden, eher unbezahlte gemacht werden. Aber für eine gute Idee hielt ich diese Beschäftigungstherapie nur in einem Punkt: Wer nicht einmal diese Arbeit machen WILL, sollte weniger bekommen. Alles hat seine Schattenseiten.
FloraMacDonald (27.06.2007, 09:41 Uhr)
Grundeinkömmler-Demos
@chocochip:
Das wäre natürlich eine prima Idee! ;-)
alpamayo98 (27.06.2007, 02:08 Uhr)
Buergergeld funktioniert niemals
Ich bin entschieden gegen das Buergergeld wie es gerade diskutiert
wird und halte es fuer eine sehr schlechte Idee.
i)Einigen ist scheinbar nicht klar:
Buergergeld muss erst erwirtschaftet und vom Staat via Steuern eingenommen werden.
ii) Wenn die Kosten fuer das Buergergeld aequivalent sein sollen zu den heutigen Sozialleistungen dann wird den Leuten die tatsaechlich auf Sozialleistungen angewiesen sind (z.b. kranke, Behinderte, alte und arme Pflegebeduerftige etc.) etwas genommen und zwar von denen die es nicht brauchen da sie genuegend Einkommen haben und heute keine Transfers bekommen.
iii) Eine realistische Moeglichkeit Buergergeld zu bezahlen setzt also voraus den Sozialstaat aufrecht zu erhalten (natuerlich mit weniger Kosten als bisher). Eine weitere Voraussetzung ist eine starke Volkswirtschaft und solide oeffentliche Haushalte. Letztere haben wir nicht (siehe Punkt vi zur Moeglichkeit eines Buergergeldes).
iv) Das Wirtschaftsargument 1: Wuerde das Buergergeld taetsichlich kommen und genuegend zum Leben bieten dann wuerde dies die Wirtschaft hemmen. Wirtschaft besteht z.T. auch aus Psychologie. Viele Menschen haben Probleme mit der Selbstmotivation und Menschen neigen zur Bequemlichkeit. Ergo werden wir weniger leistungsbereite, motivierte und lernwillige Menschen in unserer Volkswirtschaft haben. Dies wird unweigerlich zu einem wirtschaftlichen Abschwung fuehren da wir in unser technologisch-wissensbasierten Zukunft immer mehr Menschen brauchen die hochmotiviert und hochqualifiziert sind und auch bereit sind den inneren Schweinehund oftmals zu besiegen. Mit wirtschaftlichem Abschwung wird in einer "Buergergeld-Gesellschaft" aber eine super-katastrophale niemals dagewesene Abwaertsspirale einsetzen:
weniger Staatseinnahmen, weniger Buergergeld, weniger Konsum, noch weniger Wirtschaftsleistung. Zudem werden die Leistungstraeger fehlen und abwandern.
v) Das Wirtschaftsargument 2: In einer gesunden und sozialen Volkswirtschaft sollte immer gelten:
Geld nur gegen eine Gegenleistung. Und Hilfe zur Selbsthilfe. Buergergeld widerspricht diesen Grundsaetzen.
vi) Waeren wir einen reicher Staat, i.e. Geld auf der Bank (wie z.b. Norwegen) zu HABEN anstatt riesiger Schulden auch dann ist die Idee des Buergergeldes Bloedsinn wegen Punkte iv und v. Anstelle von Buergergeld sollte dann das Geld in Form von Steuersenkungen an die Leistungstraeger der Wirtschaft (dazu gehoeren auch Unternehmen!) weitergegeben werden und auch z.B. in Form von Stipedien an Menschen die sich weiterbilden wollen (dem Prinzip Geld nur fuer Gegenleistung folgend).
Man muss wirklich sozial und wirtschaftlich ziemlich blind sein dieser Idee anzuhaengen.
mfg,
alpamayo98
Justizius (26.06.2007, 19:10 Uhr)
Veränderungen sind notwendig...
Die Idee eines Grundeinkommens ist nicht abwegig, wenn man sich das derzeitige "System" anschaut, welches mit dem Prädikat "miserabel" noch zu gut bewertet ist. Die Befürchtungen, dass diverse Individuen sich auf die faule Haut legen und nichts tun, halte ich für eher unwahrscheinlich, da es nicht in der Natur des Menschen liegt nichts zu tun. Für das "Nichtstun" sind hauptsächlich gesellschaftliche sowie wirtschaftliche Zwänge und Entscheidungen verantwortlich, die einen Teil der Menschen ins Abseits drängen und ins "Nichtstun" zwingen, z.B. wenn ein Mitarbeiter einer Firma gekündigt wird. Durch Mechanismen wie HartzIV wird dann dieser "Ex-Mitarbeiter" gedemütigt, stigmatisiert, dauerhaft an den Rand der Gesellschaft gedrückt und dort quasi "festgehalten". Wenn er da raus will, muss er etliche Bewerbungen schreiben und hoffen, dass ihn einer einstellt. Vorstellungsgespräche häufen sich und dort heißt es "Sie sind zu alt", "Sie sind unter/überqualifiziert", "Sie haben zu wenig Berufserfahrung" oder sonst was. Wenn er sich dann fortbilden möchte, muss dieser bei der ARGE um finanzielle Mittel betteln. Berufliche Umorientierung ist dort kaum möglich, denn seit die SPD und die Grünen mit Hilfe der CDU alle Gelder für solche Maßnahmen gestrichen haben, geht in dem Bereich nichts mehr.
Wie sich solch ein Abstieg dann privat, in Bezug auf Familie und Partnerschaft auswirkt, ist bekannt. In Zeiten von befristeten Verträgen, Lohnkürzungen (Beispiel Telekom), Firmenübernahmen, Firmenpleiten, härteren Arbeitsbedingungen und HartzIV, sind Partnerschaften und Nachwuchs zu einem unkalkulierbaren Risiko geworden, die nur Wenige eingehen möchten oder können. Über die Renten wollen wir erst gar nicht reden, denn dort sieht es auch stockduster aus. Ein Grundeinkommen würde den Arbeitssuchenden Ex-Mitarbeiter, aber auch jeden unabhängiger und entscheidungsfreudiger machen, Risiken einzugehen, sei es ein Gewerbe zu eröffnen, ein Studium anzugehen, eine Fortbildung anzustreben oder gar eine Familie zu gründen. Die psychologischen und dynamischen Auswirkungen eines solchen Grundeinkommens wären immens, da dem Bürger ein Großteil der existenziellen Angst genommen und durch Zuversicht ersetzt würde. Auf der anderen Seite würden Firmen die Einkommen ihrer Mitarbeiter stark nach unten drücken, schätzungsweise auf ein Drittel bis ein Viertel ihres heutigen Brutto-Niveaus. Gleichzeitig wird dadurch die menschliche Arbeitskraft wieder attraktiv, da sie dann günstig ist. Unterm' Strich würde für die Meisten mehr in der Geldbörse übrig bleiben. Natürlich sind noch viele Detailfragen ungeklärt, aber es wäre wünschenswert, wenn die Kluft zwischen vermögenden und unvermögenden Menschen sich etwas wieder schließt. Jeder Bürger sollte das Recht haben sich geistig und kulturell entwickeln zu können, wenn er es möchte. Mit dem jetzigen System scheint dieses eher unwahrscheinlich, da es offensichtlich für die jetzige Situation und Diskussion verantwortlich ist, siehe u. a. Studiengebühren oder HartzIV. Im Grunde genommen ist es mir egal, ob dieses System, jenes System oder eine Kombination von Beiden. Die Hauptsache ist, dass was passiert, denn so kann es für viele auf Dauer nicht weiter gehen...
inselkarl (26.06.2007, 17:15 Uhr)
Grundversorgung mit Einkommen
ich kann mich gut erinnern: eine Grundversorgung a la Kipping hatten wir doch 40 Jahre in der DDR. Da zahlte zwar nicht das obere Drittel den anderen den Unterhalt. Aber es galt die Devise wie in allen Gleichmacherstaaten: Für das bischen Geld arbeite ich noch zu viel. Die millionenfache geschickte Leistungsverweigerung und die Orientierung nach unten waren das Ergebnis. Vielleicht sollte Frau Kipping mal ihre Eltern und Grosseltern fragen, falls diese nicht gerade zur staatstragenden Funktionärsschicht gehörten, die ein paar Brosamen und Privilgeien mehr hatten. Im übrigen ist das Thema Grundeinkommen und Mindestlohn doch schon längst mit den Hartz IV Gesetzen erledigt. Die Nachhutgefechte der Linken und der SPD sind volkswirtschaftlicher Blödsinn, blinder Populismus, auf den leider 70 % reinfallen, und entsprechen nicht den ökonomischen Gesetzmässigkeiten von Adam Smith bis Marx und Keyne
erhardcoch (26.06.2007, 17:05 Uhr)
Pro Kippling
Da gibt es doch tatsächlich das Bild von dem Menschen, der durch Politiker diszipliniert werden muss - eigentlich unglaublich.
Richtig ist natürlich, dass Politik meist da versucht gestalterisch tätig zu werden, wo es ihr gelingt Macht zu entfalten, was in der Regulierung und Gestaltung von wirtschaftlichen Abläufen immer weniger der Fall ist. Was zur Folge hat, dass sich der Gestaltungswille unserer Politiker immer stärker auf die fokussiert, die sich dem nicht entziehen können.
Andererseits wird dem Bürger eine immer stärkere Eigenverantwortung in den Bereichen abverlangt, die er nicht wirklich beeinflussen kann. Ein Bürger mit einer Grundsicherung, die es ihm erlaubt sein kreatives und auch soziales Potential in die Gesellschaft zu tragen, dient der Gesellschaft in jedem Fall mehr, als ehemals motivierte Bürger die durch Zwangsmaßnahmen gedemütigt werden.
Wir erfahren neben einer unglaublichen Liberalisierung der Märkte eine dagegenstehende unglaubliche Systemverschärfung, die so vor 20 Jahren undenkbar schien. Allein in der ehemaligen DDR gab es solche rüden Methoden wie eine etwaige Arbeitsplatzzuweisung und -bindung. Die Wiederauflage dieser Methode durch 1-Eurojobs setzt nun wahrlich kein kreatives Potential frei, es sei denn bei denen, die damit gutes Geld verdienen können. Ich weiß wovon ich rede, arbeitete ich doch in einem sozialen Verein als Bereichsleiter. Hier wurden sofort nach der Einführung der HartzIV-Gesetze Maßnahmen ergriffen, einen Hausmeisterservice für den gesamten Stadtteil anzubieten, der sozial ummäntelt, auf Basis von 1-Eurojobs erfolgen sollte.
Interessenten für diese Maßnahme waren Leute, deren Traum es gewesen wäre, selbstständig einen solchen kleinen Hausmeisterservice aufzubauen, wenn man ihnen die Chance dazu gegeben hätte, und sei es durch ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Dieser zu etablierende Hausmeisterservice war natürlich darauf aus, auch da tätig zu werden, wo es einen solchen Service schon gab, nur eben privat betrieben und konkurrenzlos einem Angebot gegenüber, welches mit 1-Eurojobbern den Markt zu erobern gedenkt.
starmax (26.06.2007, 16:20 Uhr)
Vorschlag: einfach befristet ausprobieren!
Da sich viele ernst zu nehmende Wirtschaftler und Unternehmer für das Grundeinkommen aussprechen, sollte man es befristet einführen. Der Druck auf Arbeitslose mit ständig neuen Nachweisen u. Formularkrieg verschwindet, Verwaltungsaufwand auch, der Druck auf den Arbeitsmarkt genauso. Schwarzarbeit muß parallel strengstens verfolgt, von jedem zusätzlichen Einkommen müssen RV-,KV-Beiträge erhoben werden ! Ekeldienstleistungen werden sicher teurer werden, Preise werden steigen. Man unterschätze nicht den moralischen Druck der Nachbarn auf die angesprochenen "Faulenzer" ,ebenso die erhöhte Motivation der freiwilligen Arbeitnehmer. Der Beamtenapparat kann gewaltig verkleinert werden - für diese Sesselpuper gibt es dann auch nur noch Grundeinkommen plus motivierte Tätigkeit nach Leistung. Wird alles klappen !
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