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Dem Osten laufen die Frauen weg

Eine neue Studie des "Berlin-Instituts", die stern.de vorliegt, malt ein dramatisches Bild der Lebenssituation junger ostdeutscher Männer. Sie haben keinen Job, sie sind frustriert und vor allem: Ihnen laufen die Frauen davon. Denn die haben einen klaren Plan.

Von Malte Arnsperger

  Flucht aus dem Osten: Aus den neuen Bundesländern wandern mehr Frauen als Männer aus.

Flucht aus dem Osten: Aus den neuen Bundesländern wandern mehr Frauen als Männer aus.

"Blühende Landschaften". Wie kein anderer symbolisiert dieser Ausspruch von Altkanzler Helmut Kohl die Fehleinschätzung beim Aufbau der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung. Dass die schöne Vision und die bittere Wirklichkeit im Osten der Republik weit auseinander liegen, ist seit langem bekannt. Doch wie schlecht die Lebenssituation junger Menschen in den ländlichen Gebieten 17 Jahre nach dem Ende der DDR tatsächlich ist, zeigt eine aktuelle Studie des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ". Sie malt ein trostloses, ja dramatisches Bild.

"Frauendefizit ist ohne Beispiel"

Die zentrale Botschaft der Untersuchung mit dem bezeichnenden Namen "Not am Mann" lautet: Vor allem junge Männer in den strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands sind die Leidtragenden der Wiedervereinigung. Sie sind häufig ohne Ausbildung, haben einen schlechtbezahlten oder oft sogar gar keinen Job und sind frustriert. Und als wäre ihre wirtschaftliche Situation nicht schon schlimm genug, müssen sie sich auch noch mit einer schwinden Anzahl möglicher Partnerinnen begnügen. Denn im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen flüchten viele junge, gut ausgebildete Frauen in großer Zahl aus Ostdeutschland. Seit 1991 sind der Studie zufolge 273.000 unter 30-jährige Männer abgewandert, aber 400.000 Frauen. In manchen Gebieten fehlen deshalb heute bis zu 25 Prozent der jungen Frauen. Die Frauendefizite der neuen Bundesländer seien heute "europaweit ohne Beispiel. Selbst Polarkreisregionen reichen an ostdeutsche Werte nicht heran", heißt es von Rainer Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts" und Co-Autor der Studie.

Anhand von umfangreichem Datenmaterial, aber auch durch die persönliche Untersuchung der Soziologie zweier typischer ostdeutscher Kleinstädte, zeigt die Studie die Gründe und die Auswirkungen dieser Entwicklung auf. Hauptursache für die massive Abwanderung junger Menschen ist demnach die miserable Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Davon betroffen sind natürlich auch und besonders junge Menschen. Und gerade die höher Qualifizierten unter ihnen verlassen in großer Zahl ihre Heimat - vor allem Richtung Westen - da sie dort bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz haben.

Suche nach Männern im Westen

Doch es ist keineswegs so, dass Männlein und Weiblein gemeinsam ihre sieben Sachen packen und in die große weite Welt. Im Gegenteil. Während viele Frauen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, zögern und zaudern die Männer. Dafür gibt es mehrere Gründe, sagen die Autoren: Zum einen haben die Frauen insgesamt eine bessere (Schul)-Bildung und haben eine größere Erwartung an ihren künftigen Beruf. Sie absolvieren deshalb eher eine anspruchsvolle Ausbildung oder ein Studium fernab der Heimat. Zusätzlich haben die Experten des "Berlin-Instituts" für die weibliche Abwanderungswelle eine weiteren, sehr interessanten Grund ausgemacht: Die Partnerwahl spielt eine entscheidende Rolle für die Lebensplanung ostdeutscher Frauen. Konkret gesagt: Sie wollen sich nicht mit geringer gebildeten Männern abgeben, sie wollen "nach oben heiraten". Und ihre gutgebildeten, wohlsituierten Göttergatten suchen sie sich zunehmend im Westen.

Das schaffen natürlich nicht alle. Doch auch die ostdeutschen Frauen, die der Heimat die treue halten, verschaffen sich einen Lebensinhalt: Anstatt in die Arbeitslosigkeit oder in eine "Maßnahmenkarriere" abzurutschen, werden sie auch in sehr jungen Jahren immer häufiger Mutter. "Besonders in den wirtschaftlichen Krisenregionen ist der Beruf Mutter auch für Teenager wieder attraktiv", heißt es in der Studie. In sämtlichen ostdeutschen Landkreisen hätte der Anteil von Teenagerschwangerschaften zugenommen. "Alle zwei Jahre ein Kind anschaffen, das bringt auch Geld" wird die 28-Jährige U. zitiert. Und die hochschwangere 18-jährige S. meint: "Es findet sich immer ein Dummer, der den Papa macht."

Insgesamt, so das für Männer vernichtende Urteil der Studie, "reagieren Frauen klüger auf problematische Lebensbedingungen".

Rumms, das sitzt. Während das angeblich schwache Geschlecht derart für seine Tatkraft, List und Eigeninitiative gelobt wird, stellt die Studie den jungen ostdeutschen Männern in der Peripherie ein schlechtes Zeugnis aus. Neben ihrer oft geringeren schulischen Qualitäten sind vor allem private Faktoren dafür ausschlaggebend, dass sie den Frauen nicht gen Westen folgen. Zum einen kehren viele Männer nach einem Ausflug in die Arbeitswelt der ostdeutschen Großstädte oder des Westens reumütig mit Heimweh in die heimische Provinz zurück. Und die Männer, die es noch nicht probiert haben, scheuen das Abenteuer aus Angst davor, sich keinen neuen Freundeskreis aufbauen zu können.

Drei Gruppen von Zurückbleibenden

Die Männer bleiben zurück, die Frauen machen sich davon. Doch wer sind denn die Zurückbleibenden? Diese jungen Leute teilen die Autoren der Studie in drei verschiedene Gruppen ein. Da sind zum einen die "trotzigen Macher", die sich dem Abwärtsstrudel ihrer Region nicht ergeben wollen und trotz der schwierigen Bedingungen versuchen, sich durch Arbeit finanziell über Wasser zuhalten. Für sie ist vor allem die Heimatverbundenheit ausschlaggebend für den Verbleib.

Dann gibt es die "genügsamen Zurückbleiber". Sie haben geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt, haben keine Lebensziele und sich deshalb scheinbar auf ein bescheidenes Leben mit Hartz IV eingerichtet. Beispielhaft wird in der Studie der 23-Jährige H. (23) zitiert: "Ich leb' mal so dahin. Hartz IV ist nicht schlecht." Sein Ein-Euro-Job sei "nicht so nervig wie eine richtige Arbeit". Mit ihrem lokalen Netzwerk schaffen es H. und seine Genossen, sich das nötige Geld für den Alltag zu besorgen. Sie bleiben der Studie zufolge trotz ihres ärmlichen Lebens gelassen, sind nicht neidisch und haben kaum Interesse am Kontakt mit der Außenwelt.

Ganz anders die "Verbitterten und Resignierten". Die Vertreter dieser Gruppe sind häufig in verschiedenen Arbeitsmarkt-Maßnahmen regelrecht abgestellt. Ihr Leben bewältigen sie nur mühsam. Und anders als die "Genügsamen" sind sie ob ihrer Situation sehr frustriert. Eine sehr gefährliche Frustration, warnt das Berlin-Institut. Denn diese Verbitterung gegen das gegenwärtige System äußert sich in einer starken Abgrenzung gegenüber allem Ungewohntem, es sei "der Boden auf dem Fremdenfeindlichkeit gedeiht".

Zwar fördert der Männerüberschuss der Studie zufolge nicht die Kriminalität. Aber da junge Männer eher rechts wählen als Frauen erfreuen sich Parteien wie NPD, DVU oder Republikaner in den vergangenen Jahren regen Zulaufs. Vor allem in Regionen in denen die Arbeitslosigkeit hoch ist und viele junge Frauen abgewandert sind, ist ihr Wähleranteil hoch, heißt es in der Untersuchung. Die Autoren stellen die Vermutung an, dass sich die Männer durch die Benachteiligungen im Arbeitsleben und bei der Partnerwahl nach einer Aufwertung der klassischen Männerrolle sehnen. Ein Rollenbild, das vor allem die rechten Parteien propagieren.

Keine Jobs, keine Frauen, frustrierte Männer, Höhenflug der Rechten. Der Frauenmangel im Osten hat dramatische Auswirkungen, warnen die Autoren der Studie. "Mit jeder Abwanderung schwindet somit auch ein Stück Zukunft. Kinder in den peripheren, wirtschaftlich benachteiligten Regionen der neuen Bundeslände drohen zunehmend zu verwahrlosen." Um den Trend zu stoppen, schlagen Klingholz und sein Kollege Steffen Kröhnert 15 Maßnahmen vor. So sollten Ganztagesschulen eingerichtet oder die Freizeit der Jugend mit sinnvollen Inhalten gefüllt werden. Auch kritisieren sie die bisher geltenden Beschäftigungsmaßnahmen, die die Abhängigkeit der Arbeitslosen zementierten und zu Frustration führten. Vor allem aber muss etwas für die jungen Männer getan werden: Sie müssen gezielt motiviert werden und es müssten neue Rollenbilder für Männer geschaffen werden. Denn: "Spätestens seit der Wende ist klar, dass es die sozialistischen Helden der körperlich schweren Arbeit nicht mehr gibt."

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