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30. Mai 2007, 14:17 Uhr
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Dem Osten laufen die Frauen weg

Eine neue Studie des "Berlin-Instituts", die stern.de vorliegt, malt ein dramatisches Bild der Lebenssituation junger ostdeutscher Männer. Sie haben keinen Job, sie sind frustriert und vor allem: Ihnen laufen die Frauen davon. Denn die haben einen klaren Plan. Von Malte Arnsperger

Flucht aus dem Osten: Aus den neuen Bundesländern wandern mehr Frauen als Männer aus.© Colourbox

Blühende Landschaften". Wie kein anderer symbolisiert dieser Ausspruch von Altkanzler Helmut Kohl die Fehleinschätzung beim Aufbau der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung. Dass die schöne Vision und die bittere Wirklichkeit im Osten der Republik weit auseinander liegen, ist seit langem bekannt. Doch wie schlecht die Lebenssituation junger Menschen in den ländlichen Gebieten 17 Jahre nach dem Ende der DDR tatsächlich ist, zeigt eine aktuelle Studie des "Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung ". Sie malt ein trostloses, ja dramatisches Bild.

"Frauendefizit ist ohne Beispiel"

Die zentrale Botschaft der Untersuchung mit dem bezeichnenden Namen "Not am Mann" lautet: Vor allem junge Männer in den strukturschwachen Gegenden Ostdeutschlands sind die Leidtragenden der Wiedervereinigung. Sie sind häufig ohne Ausbildung, haben einen schlechtbezahlten oder oft sogar gar keinen Job und sind frustriert. Und als wäre ihre wirtschaftliche Situation nicht schon schlimm genug, müssen sie sich auch noch mit einer schwinden Anzahl möglicher Partnerinnen begnügen. Denn im Gegensatz zu ihren männlichen Altersgenossen flüchten viele junge, gut ausgebildete Frauen in großer Zahl aus Ostdeutschland. Seit 1991 sind der Studie zufolge 273.000 unter 30-jährige Männer abgewandert, aber 400.000 Frauen. In manchen Gebieten fehlen deshalb heute bis zu 25 Prozent der jungen Frauen. Die Frauendefizite der neuen Bundesländer seien heute "europaweit ohne Beispiel. Selbst Polarkreisregionen reichen an ostdeutsche Werte nicht heran", heißt es von Rainer Klingholz, Direktor des "Berlin-Instituts" und Co-Autor der Studie.

Anhand von umfangreichem Datenmaterial, aber auch durch die persönliche Untersuchung der Soziologie zweier typischer ostdeutscher Kleinstädte, zeigt die Studie die Gründe und die Auswirkungen dieser Entwicklung auf. Hauptursache für die massive Abwanderung junger Menschen ist demnach die miserable Lage auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Davon betroffen sind natürlich auch und besonders junge Menschen. Und gerade die höher Qualifizierten unter ihnen verlassen in großer Zahl ihre Heimat - vor allem Richtung Westen - da sie dort bessere Chancen auf einen Arbeitsplatz haben.

Suche nach Männern im Westen

Doch es ist keineswegs so, dass Männlein und Weiblein gemeinsam ihre sieben Sachen packen und in die große weite Welt. Im Gegenteil. Während viele Frauen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, zögern und zaudern die Männer. Dafür gibt es mehrere Gründe, sagen die Autoren: Zum einen haben die Frauen insgesamt eine bessere (Schul)-Bildung und haben eine größere Erwartung an ihren künftigen Beruf. Sie absolvieren deshalb eher eine anspruchsvolle Ausbildung oder ein Studium fernab der Heimat. Zusätzlich haben die Experten des "Berlin-Instituts" für die weibliche Abwanderungswelle eine weiteren, sehr interessanten Grund ausgemacht: Die Partnerwahl spielt eine entscheidende Rolle für die Lebensplanung ostdeutscher Frauen. Konkret gesagt: Sie wollen sich nicht mit geringer gebildeten Männern abgeben, sie wollen "nach oben heiraten". Und ihre gutgebildeten, wohlsituierten Göttergatten suchen sie sich zunehmend im Westen.

Das schaffen natürlich nicht alle. Doch auch die ostdeutschen Frauen, die der Heimat die treue halten, verschaffen sich einen Lebensinhalt: Anstatt in die Arbeitslosigkeit oder in eine "Maßnahmenkarriere" abzurutschen, werden sie auch in sehr jungen Jahren immer häufiger Mutter. "Besonders in den wirtschaftlichen Krisenregionen ist der Beruf Mutter auch für Teenager wieder attraktiv", heißt es in der Studie. In sämtlichen ostdeutschen Landkreisen hätte der Anteil von Teenagerschwangerschaften zugenommen. "Alle zwei Jahre ein Kind anschaffen, das bringt auch Geld" wird die 28-Jährige U. zitiert. Und die hochschwangere 18-jährige S. meint: "Es findet sich immer ein Dummer, der den Papa macht."

Insgesamt, so das für Männer vernichtende Urteil der Studie, "reagieren Frauen klüger auf problematische Lebensbedingungen".

Rumms, das sitzt. Während das angeblich schwache Geschlecht derart für seine Tatkraft, List und Eigeninitiative gelobt wird, stellt die Studie den jungen ostdeutschen Männern in der Peripherie ein schlechtes Zeugnis aus. Neben ihrer oft geringeren schulischen Qualitäten sind vor allem private Faktoren dafür ausschlaggebend, dass sie den Frauen nicht gen Westen folgen. Zum einen kehren viele Männer nach einem Ausflug in die Arbeitswelt der ostdeutschen Großstädte oder des Westens reumütig mit Heimweh in die heimische Provinz zurück. Und die Männer, die es noch nicht probiert haben, scheuen das Abenteuer aus Angst davor, sich keinen neuen Freundeskreis aufbauen zu können.

Drei Gruppen von Zurückbleibenden

Die Männer bleiben zurück, die Frauen machen sich davon. Doch wer sind denn die Zurückbleibenden? Diese jungen Leute teilen die Autoren der Studie in drei verschiedene Gruppen ein. Da sind zum einen die "trotzigen Macher", die sich dem Abwärtsstrudel ihrer Region nicht ergeben wollen und trotz der schwierigen Bedingungen versuchen, sich durch Arbeit finanziell über Wasser zuhalten. Für sie ist vor allem die Heimatverbundenheit ausschlaggebend für den Verbleib.

Dann gibt es die "genügsamen Zurückbleiber". Sie haben geringe Chancen auf dem Arbeitsmarkt, haben keine Lebensziele und sich deshalb scheinbar auf ein bescheidenes Leben mit Hartz IV eingerichtet. Beispielhaft wird in der Studie der 23-Jährige H. (23) zitiert: "Ich leb' mal so dahin. Hartz IV ist nicht schlecht." Sein Ein-Euro-Job sei "nicht so nervig wie eine richtige Arbeit". Mit ihrem lokalen Netzwerk schaffen es H. und seine Genossen, sich das nötige Geld für den Alltag zu besorgen. Sie bleiben der Studie zufolge trotz ihres ärmlichen Lebens gelassen, sind nicht neidisch und haben kaum Interesse am Kontakt mit der Außenwelt.

Ganz anders die "Verbitterten und Resignierten". Die Vertreter dieser Gruppe sind häufig in verschiedenen Arbeitsmarkt-Maßnahmen regelrecht abgestellt. Ihr Leben bewältigen sie nur mühsam. Und anders als die "Genügsamen" sind sie ob ihrer Situation sehr frustriert. Eine sehr gefährliche Frustration, warnt das Berlin-Institut. Denn diese Verbitterung gegen das gegenwärtige System äußert sich in einer starken Abgrenzung gegenüber allem Ungewohntem, es sei "der Boden auf dem Fremdenfeindlichkeit gedeiht".

Zwar fördert der Männerüberschuss der Studie zufolge nicht die Kriminalität. Aber da junge Männer eher rechts wählen als Frauen erfreuen sich Parteien wie NPD, DVU oder Republikaner in den vergangenen Jahren regen Zulaufs. Vor allem in Regionen in denen die Arbeitslosigkeit hoch ist und viele junge Frauen abgewandert sind, ist ihr Wähleranteil hoch, heißt es in der Untersuchung. Die Autoren stellen die Vermutung an, dass sich die Männer durch die Benachteiligungen im Arbeitsleben und bei der Partnerwahl nach einer Aufwertung der klassischen Männerrolle sehnen. Ein Rollenbild, das vor allem die rechten Parteien propagieren.

Keine Jobs, keine Frauen, frustrierte Männer, Höhenflug der Rechten. Der Frauenmangel im Osten hat dramatische Auswirkungen, warnen die Autoren der Studie. "Mit jeder Abwanderung schwindet somit auch ein Stück Zukunft. Kinder in den peripheren, wirtschaftlich benachteiligten Regionen der neuen Bundeslände drohen zunehmend zu verwahrlosen." Um den Trend zu stoppen, schlagen Klingholz und sein Kollege Steffen Kröhnert 15 Maßnahmen vor. So sollten Ganztagesschulen eingerichtet oder die Freizeit der Jugend mit sinnvollen Inhalten gefüllt werden. Auch kritisieren sie die bisher geltenden Beschäftigungsmaßnahmen, die die Abhängigkeit der Arbeitslosen zementierten und zu Frustration führten. Vor allem aber muss etwas für die jungen Männer getan werden: Sie müssen gezielt motiviert werden und es müssten neue Rollenbilder für Männer geschaffen werden. Denn: "Spätestens seit der Wende ist klar, dass es die sozialistischen Helden der körperlich schweren Arbeit nicht mehr gibt."

Berlin Institut Das "Berlin Institut für Bevölkerung und Enwicklung" ist ein unabhängiger Think tank, der sich mit Fragen globaler demografischer Veränderungen und der Entwicklungspolitik beschäftigt. Das Institut erstellt Studien, Diskussions- und Hintergrundpapiere.

Von Malte Arnsperger
KOMMENTARE (10 von 19)
 
Daniela77 (31.05.2007, 12:35 Uhr)
Als ob im Osten alles schlecht wäre
Es läßt sich sicher nicht bestreiten, dass es im Osten "noch jede Menge zu gibt". Man kann aber m.E. nicht davon sprechen, dass generell im Osten die Mädels verschwinden und die, die bleiben gleich mal schwanger werden, weil sie ja eh keine Zukunft haben. Man sollte schon ein wenig differenzieren. Es gibt - wie überall - solche und solche Beispiele. Im Westen gibts es mit Sicherheit auch genügend "faule" Jugendliche, die nicht arbeiten wollen und Hartz IV als völlig ausreichen empfinden. Und wenn man sich mal im sog. Ruhrpott umsieht, da findet man auch reichlich arbeits- und perspektivlose Leute. Im Westen ist auch längst nicht mehr alles Gold, was glänzt. Und nicht jeder, der im Osten bleibt oder wieder dahin zurückkehrt läßt sich in eine der "Drei Gruppen der Zurückgebliebenen" einteilen. Schon bei der Wortwahl dreht sich mir der Magen um. Aber ist doch immer wieder schön zu lesen, wie sich die sog. "Wessis" mal eben vorschnell ihr Urteil bilden. Vielen Dank auch.
tripex (31.05.2007, 04:35 Uhr)
erst die Frauen
Was heute (nur) in Ostdeutschland ist wird morgen im gesamten Deutschland sein. Deutschland blutet aus. Es ist normal, dass erst die Frauen abwandern, da sie besser (ihr Leben) planen koennen.
Disputator (31.05.2007, 04:17 Uhr)
Klugheit des "Frauenfreunds"
Da haben wir die 18jährige, die mit der Hoffnung, irgendein "Dummer" würde einmal die Rolle des Vaters ihres Kindes übernehmen (!), zugleich die erschreckende Verwahrlosung ihres Beziehungslebens äußert. Es wird weiter von Frauen berichtet, die, getrübt von Not und Opportunismus, zu den Abhängigkeiten fliehen, die ihnen ihre biologischen Möglichkeiten eröffnen.
Sie langen nach den längst vaterschaftsmüden Männern des Westens, von denen ohnehin kaum genug geben könnte, würde man auch die heiratswilligen westlichen Frauen in Betracht ziehen.
Wer nun darauf - wie Malte Arnsperger - einen Reim mit Klugheit, Tatkraft, List und Eigeninitiative machen kann, der muß ein ganz spezieller Frauenfreund sein.
Rosenengel (30.05.2007, 23:34 Uhr)
Die Partei,
die durch 40 Jahre Mißwirtschaft den Ruin Mitteldeutschlands verursacht hat, die dafür gesorgt hat, daß die meisten mitteldeutschen Betriebe nicht mehr wettbewerbsfähig waren und nach der Wende geschlossen wurden, diese Partei erhält heute im Wiedervereinigten Deutschland schon wieder mehr Zulauf.
Wie schnell die Menschen vergessen.
Thor67 (30.05.2007, 16:03 Uhr)
Zurückgebliebener
Ja, auch ich gehöre dazu:
arm - Ex gen Wessis durchgebrannt
dumm - Nach meinem Abitur im 2. Bildungsweg kann ich aufgrund Bafög/Alg2-Gesetzen nicht studieren
faul - aufgrund Pflegefall der hier wohnenden Großeltern keine Zeit für Bewerbungen
Vater aus Leidenschaft - zeuge immer gern wieder, bei Interesse bitte melden: Torsten_f (at) gmx net, daß meine Kinder dann 500 km etfernt wohnen, ohne finanzielle und zeitliche Chance auf eine Beziehung zueinander, kein Problem, hab mich bereits dran gewöhnt. Dafür werden sie hübsch, Referenzen vorhanden.
grölender Nazi - Nein, daß nun wirklich nicht! Frauen unter anderem aus Osteuropa oder Asien sind hier der einzig verbliebene Hoffnungsschimmer auf eine zwar arme aber neue Familie
Antidemokrat (30.05.2007, 16:01 Uhr)
jetzt mal ehrlich
was besseres als die Frauen hat der Osten doch nicht zu bieten ! Laufend tote Baby's, rechtsradikale Prügler und Verbrecher, das ... hat uns der Osten gebracht, bis auf die Frauen, die sind wenigstens nicht so arrogant und eingebildet wie die westdeutschen Frauen.
Duesseltussi (30.05.2007, 15:49 Uhr)
Eigentlich müßte jetzt jeder Feministin die Achselhaare zu Berge stehen.
Erstaunlich, erstaunlich.
Die Studie bewertet es also als klug, daß Frauen sich anschwängern lassen um der "Karriere" aus dem Weg zugehen. Ob jetzt im Osten vorort on demand schwanger zu werden (irgendeinen Spender im Suff findet frau immer) oder es im Westen mit einer Premium-Schwangerschaft zu probieren (bei einem Göttergatten mit viel Kohle brauch frau nicht mehr zu arbeiten), der parasitäre Raubzug der Frauen ist nicht wegzuleugnen. Das scheinen die neuen Softskills der Frauen zu sein, die Ihnen ermöglichen, "auf problematische Lebensbedingungen klüger zu reagieren".
JBHH (30.05.2007, 14:47 Uhr)
Zusammenhänge
Wer mag es den männlichen Zeitgenossen im Osten eigentlich noch verdenken, wenn sie grölend durch die Innenstädte ziehen auf der Suche nach der Befriedigung der Grundbedürfnisse des Mannes?
Keine Arbeit, kein Geld, keine Frauen, kein Sex und nur Fußballvereine in den unteren Ligen. Stechen darf man nur noch den Spargel und wenn man nicht will, gibt es kein Geld mehr vom Amt. Während die Frauen sich ihrer Natur erinnern und sich westlichen Alphamännchen an den Hals werfen, gibt es für die Zurückgebliebenen nur die Flucht in einen Männerbund. Der Ostmann macht nicht auf dicke Hose, er hat sie.
Es ist ganz einfach:
Wenn die Gesellschaft einen nicht mehr mitspielen lässt, dann muss man sich auch nicht mehr an ihre Regeln halten. Eigeninitiative und weniger Staat fordern doch alle Parteien, dann müssen sie aber auch mit der individuellen Interpretation leben.
Entweder man gibt allen Menschen eine gerechte Chance aus eigener Kraft am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben oder man stellt sie mit genügend Geld einfach ruhig. Ihnen beides zu verwehren ist gefährlich und dumm.
Mit ein bisschen Würde, ein bisschen Respekt und ein bisschen Sicherheit ist der Mensch doch schon zufrieden. Dann flieht weder Mann noch Frau.

Salzsteuer (30.05.2007, 14:05 Uhr)
Nur kein Neid,
irgendwann sind auch wir im Westen alle Hartz4 - Empfänger und haben unseren 1-Euro-Job bei der Telekom!
Erst dann kann die notleidende Wirtschaft die dringend notwendigen Gewinne realisieren.
Nur telefonieren können wir dann nicht mehr - ist zu teuer bei dem Einkommen.
L.Gleichmann (30.05.2007, 14:03 Uhr)
Soziale Katatstrophe
Die Entwicklung war abzusehen,vor allem dadurch,dass durch die Hetzjagd auf die ostdeutsche Intelligenz durch die sogenannten Bürgerrechtler samt dieser Gaucklerbehörde die forcierte Abwanderung massgeblich mit eingeleitet wurde. Es hat ein Tausch der Eliten stattgefunden:
Die Dummheitselite des Westens befindet sich zum Grossteil im Osten,die Intelligenzelite des Ostens zum Grossteil im Westen oder anderen zivilisierten Ländern.
Warum sollten sie sich auch von sogenannten Personalkommissionen, deren Mitglieder zumeist der dritten und vierten oder noch ranggeringeren Klasse der Leistungsträger angehörten, sich evaluieren lassen? Selbige haben ihre eigenes Unvermögen nach der Wende schnell der alten SED zugeschuldet,aber,der Aufbau OST klemmt schon seit Jahren. Nicht zulezt dadurch,dass eine mindertwertige Westelite im Osten mit einer minderwertigen im Osten verbliebenen Elite gemeinsame Sache macht. Unter diesen Prämissen ist der Osten als Fass ohne Boden eigentlich abzuschreiben.
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