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1. Juni 2010, 13:35 Uhr

Reiche Kinder spielen mit dem PC, arme mit dem Gameboy

Sag mir, wie du spielst und ich sage dir, welche Chancen du in deinem Leben hast. Zwei neue Studien beschäftigen sich mit der Lebenssituation der Kinder in Deutschland. Erschreckend: Kinder, die in schwierigen Verhältnissen leben, geben sich oftmals schon im Grundschulalter auf.

Kinder, Armut, Kinderarmut, Familienreport, World Vision Studie, Hurrelmann

Die Freizeitgestaltung der Kinder sagt viel über ihren sozialen Hintergrund aus© obs/LEGO GmbH

Kinder aus der Mittel- und Oberschicht nutzen Computer, der Nachwuchs in bildungsfernen Elternhäusern vor allem Spielkonsolen und Gameboys: Der Gebrauch von Medien hat nach den Worten des Jugendforschers Klaus Hurrelmann viel mit der sozialen Herkunft zu tun. Hurrelmann ist Autor der World-Vision-Studie "Kinder in Deutschland 2010", die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Die Untersuchung ergab, dass ein Fünftel der Sechs- bis Elfjährigen in eher prekären Verhältnissen lebt und die eigene Zukunft wenig optimistisch sieht. "Kinder in Deutschland leben in einer Vier-Fünftel-Gesellschaft", sagte Hurrelmann. Die Kluft zwischen den vier Fünfteln der Kinder, die in stabilen und geordneten Verhältnissen aufwüchsen, und dem restlichen Fünftel habe sich seit der letzten Studie aus dem Jahr 2007 noch vergrößert. Letzteren fehle der Glaube daran, sie könnten durch eigenes Handeln etwas verändern. Sie seien noch im Grundschulalter, hätten sich aber bereits aufgegeben.

Kindergeld beugt Armut vor

Auch der Familienreport 2010 der Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) stellt Zusammenhänge zwischen der Familiensituation und den Chancen der Kinder her. Dem Report zufolge ist das Armutsrisiko bei Familien besonders hoch, in denen die Kinder bei nur einem Elternteil aufwachsen. Mittlerweile wächst jedes sechste Kind in Deutschland nur bei der Mutter oder dem Vater auf. 1998 war es nur jede siebte Familie, in der ein Elternteil allein für die Erziehung hauptverantwortlich ist, 2008 war dies in jeder fünften Familie der Fall. 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Frauen. Besonders hoch ist der Anteil der Alleinerziehenden in Ostdeutschland: Hier ist fast jede vierte Familie alleinerziehend, in Westdeutschland dagegen weniger als jede sechste.

Familienministerin Schröder sieht den Report als einen Beleg dafür, dass staatliche Fördermaßnahmen unverzichtbar sind. "Familienleistungen und Sozialtransfers tragen erheblich zur Reduzierung von Armutsrisiken bei", heißt es in einer Stellungnahme ihres Ministeriums. "Ohne die staatlichen Leistungen wären in Deutschland etwa doppelt so viele Kinder armutsgefährdet." Das Kindergeld beispielsweise habe für mehr als 1,7 Millionen Kinder eine armutsreduzierende Wirkung.

Kinder aus der Unterschicht spielen viel am Computer

Ob Familien arm oder reich sind, zeigt sich auch in der Mediennutzung der Kinder und Jugendlichen. Als auffällig bewertete die World-Vision-Studie hierbei die Veränderungen im Vergleich zu 2007. Hatten damals 36 Prozent der Acht- bis Elfjährigen ein eigenes Handy, waren es diesmal 47 Prozent. Das Fernsehen stehe zwar immer noch auf Platz eins der meistgenutzten Medien, aber "Internet und Handy holen kräftig auf", sagte Hurrelmann. Dabei haben vor allem Kinder der Ober- beziehungsweise oberen Mittelschicht Zugang zum Internet - nämlich 63 Prozent. In den unteren Schichten sind es nur 41 Prozent. Hier sind nach Hurrelmanns Worten eher Medien wie Spielkonsolen, Gameboys oder auch das Fernsehen von Bedeutung. Kinder aus gut situierten Familien nutzen dagegen bevorzugt Kassettenrekorder, CD-Player oder das Radio neben Computer und Internet. "Das hat etwas damit zu tun, ob man sich nur unterhalten lassen will oder aktiv etwas aus dem Medium rausziehen will", erklärte der Jugendforscher.

Bei der Freizeitgestaltung kristallisieren sich in der Studie drei Gruppen heraus: Die normalen Freizeitler (52 Prozent), die alles Mögliche machen, die Vielseitigen (24 Prozent), die sich zusätzlich zahlreichen musisch-kulturellen Aktivitäten widmen, und die Medienkonsumenten (24 Prozent). Letztere sind vor allem Jungen und überwiegend aus unteren sozialen Schichten. In der Mehrheit der Familien gelten Regeln für die Mediennutzung. Immerhin erklärten 24 Prozent der Kinder, dass sie tagsüber fernsehen, Computer oder Spielkonsole spielen dürften, wann immer sie wollten. Darunter war der Anteil der sogenannten Medienkonsumenten höher als der der normalen Freizeitler oder der Vielseitigen. Zugleich gaben die Kinder, für die es keine klaren Regeln beim Medienkonsum gelten, häufiger als andere an, es gebe immer wieder Streit mit den Eltern über die Dauer der Mediennutzung. Auch Kinder, die ihren Eltern ein Zuwendungsdefizit bescheinigen, hatten häufiger Streit zu Hause wegen des Computerspielens oder Fernsehens.

"Zu Zuwendung gehört auch Kontrolle", erklärte Hurrelmann. "Erziehen ist eine Beziehung", in der Regeln definiert würden. Kindern keine freie Bahn zu lassen, sei für diese auch ein Signal: "Der Andere nimmt mich ernst." Dass gerade Familien aus unteren - und damit finanziell oft nicht sehr gut gestellten - Schichten viel Geld für Spielkonsolen, Gameboys etc. für ihre Kinder ausgäben, zeigt nach Ansicht Hurrelmanns die Hilflosigkeit vieler Eltern im Umgang mit der Sehnsucht ihrer Kinder nach Unterhaltungsmedien.

Zuwendung der Eltern ist dabei aus Kindersicht sehr wichtig, aber nicht ständig erwünscht - lieber zeitweise und dann intensiv. "Das dürfte alle berufstätigen Eltern erleichtern", sagen Hurrelmann und Andresen. Die Studie belegt den Trend weg von der Ein-Mann-Verdiener-Familie (40 Prozent) zur doppelten Berufstätigkeit (51 Prozent). "Das wirkt sich aber nicht auf die Zufriedenheit der Kinder aus. Im Gegenteil: Die Kinder wünschen sich Eltern, die sozial integriert sind. Über zu wenig elterliche Zuwendung beklagen sich hingegen öfter Kinder, deren Eltern arbeitslos sind und wenig Struktur im Alltag bieten."

Kinderbetreuung weiterhin problematisch

Positiv bewertete Hurrelmann, dass inzwischen mehr Kinder Ganztagsschulen besuchen und damit ganz offensichtlich auch zufrieden sind. Hier fordert er weiteres politisches Engagement: Die Gesellschaft könne es sich nicht leisten, Kinder einfach aufzugeben.

Aus dem Familienreport des Familienministeriums lässt sich ein Problem bei der Kinderbetreuung erkennen: Deutsche Großeltern verbringen laut der Studie mit der Kinderbetreuung doppelt so viel Zeit wie skandinavische Großeltern. Die Betreuung durch Oma und Opa ermöglicht vielen Müttern zum Einkommen der Familie beizutragen. Der Anteil der Frauen, die Hauptverdienerin einer Familie sind, stieg in Westdeutschland innerhalb von 15 Jahren von sieben auf elf Prozent und in Ostdeutschland von elf auf 15 Prozent. Die Berufstätigkeit beider Elternteile ist laut dem Bericht die beste Versicherung gegen Armut der Kinder. Das größte Risiko besteht naturgemäß in Haushalten mit einem Verdiener, der nur Teilzeit arbeitet.

Die Sparzwänge machen die Pläne der Familienministerin zunichte, die Betreuungssituation zu verbessern. Die geplanten zwei zusätzlichen Vätermonate werden nicht eingeführt. Jeder fünfte Vater nehme mittlerweile Partnermonate in Anspruch, darunter überproportional viele Väter in Führungspositionen. Vor der Einführung hätten nur 3,5 Prozent der Väter eine berufliche Auszeit für die Kinderbetreuung genommen. Auch auf das Teilelterngeld, das bis zu 28 Monaten gezahlt werden sollte, müssen Familien verzichten. An der derzeitigen Obergrenze des Eltergeldes von 1800 Euro dürfe nicht gerüttelt werden, so Schröder. Zudem betonte sie, sie halte an dem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz für Kleinkinder ab 2013 fest.

swd/AFP/APN/DPA
 
 
KOMMENTARE (10 von 27)
 
Onzapintada (03.06.2010, 22:00 Uhr)
@tannebaum: in Deutschland gibt es natuerlich keinen solchen Fall
. . . in dem die Staatsanwaltschaft gegen Bankster ermittelt, ausser bei subalternen Angestellten natuerlich.

Eine Ausnahme war der Fall einer grossen bayrischen Hypothekenbank, die ihre Kunden mit ueberhoehten Kaufpreisen fuer Wohnungen (Schrottimmobilien) auf Kredit uebers Ihr gehauen hatte.

Aber auch hier wurde die Bank von der Justiz gerettet, mit der Begruendung der Richter, dass die Immobilienabteilung und die Kreditabteilung der Bank schliesslich nichts voneinander wissen konnten.
:)

Die Kunden bekamen das "Recht", ihre Kreditvertraege zu kuendigen (d.h. den Kredit sofort zurueckzuzahlen), aber die Kaufvertraege rueckgaengig zu machen, war leider, leider nicht moeglich.
kb26919 (02.06.2010, 22:49 Uhr)
Eltern muessen sich
um ihren Nachwuchs kuemmern,mit ihnen reden und beschaeftigen anstatt sie vorm Fernseher zu parken .
Kinder,die immer nur vom TV,PC oder Gameboy sitzen lernen nie sich zu sozialieren und mit anderen Kindern auszukommen. Sie werden zu Einzelgaengern geformt. Wenn es stimmt dass Eltern,die arbeiten sich mehr um ihre Kinder kuemmern als Eltern die vom Staat leben ist das traurig... aber offenbar Tatsache.
tannebaum (02.06.2010, 18:48 Uhr)
@Onzapintada
soso, dann nennen sie mir mal einen fall, wo die staatsanwaltschaft ermittelt?

es fehlten gesetzte und richtlinien bei den banken. bestrafen geht da nicht. die kassieren und klagen notfalls die bini selbst ein... und bekommen recht.

Onzapintada (02.06.2010, 17:33 Uhr)
@tannebaum: Umfang der Straftaten
Wenn man allerdings Anzahl der Straftaten und Umfang des Schadens gewichtet, werden die meisten Delikte von der Geldelite und den Bankstern begangen.
tannebaum (02.06.2010, 15:11 Uhr)
elternliebe kann weder...
armut noch reichtum ausgleichen.

aber die meisten straftaten werden von kindern und jugendlichen der unterschicht begangen. scheinbar wird da nicht akzeptiert, dass papa nix verdient...
Papayu (02.06.2010, 10:57 Uhr)
Kindheit
Oh, war das schoen nach 1945.Wir hatten die Strassen und Ruinen fuer uns, es gab kaum Autos. Wir gingen gemeinsam zur Schule, alle hatten die fast gleichen Klamotten an und Mobbing war unbekannt. Wenn es eine Meinungsverschiedenheit gab, die nicht mit Worten sondern mit Verhauen beendet werden konnte, gingen die Kontrahenten nach der Schule aufeinander los, bis die Schiedsrichterschueler eingriffen und es beendeten. Neid gab es nicht.
Und doch, ein Spielkamerad bekam immer etwas besseres. Alle bekamen ein einfaches Fahrrad, dieser bekam eins mit Torbedodreigang.
Und jetzt. Meine Jungs trugen keine
Markenware, sondern billigstes. Kinderwagen war gebraucht gekauft.
Nur wenn man die Kinder zu sehr verwoehnt sind sie spaeter nicht "lebensfaehig" z.B. Wenn ich mir eine CD nicht kaufen kann, dann klaue ich sie!!!!
Arme Jugend!!
Mann kann Elternliebe nicht durch PCs und Electronic ersetzen.
Lieber in die Umgebung verreisen und dafuer "LIEBE" geben als nach Phuket.
Ach ist auch besser so als mit dem geschlechtskranken Flugzeug nach Bangkok.
tannebaum (02.06.2010, 09:56 Uhr)
@der2groeste
wann kommt der statt endlich auf die idee, dass die eltern der kinder zur verantwortung gezogen werden?!

wie kanne s sein, dass ein frau hartzIV bezieht, dann drei kinder in die welt setzt und jammert, sie sei überfordert und schafft das alles nicht...

warum spielt man in hartzIV-familien so wenig mit den kindern, wo die doch zu hause sind?

warum lesen die nie was vor?

warum leiden die kinder dort unter leibesentzug, obwohl jemand zum kuscheln ja da wäre?

hier in berlin gibt es nach der rütli-schule nun ein rütli-projekt! 24 millionen an steuergeldern, damit man zwei dutzend migranten einen höheren abschluss als die hauptschule gewöhren kann. nebst betreuer, übersetzer (!!!!!), spezilllehrer. sozialhelfer, geschulte ansprechpartner, etc... muss der steuerzahler nun jeden schulabschluss mit hunderttausenden subventionieren, damit einer die schule schafft???

sind eigentlich noch alle frisch im kopf????? wann steht mal einer von sich auf und sagt: ich will was erreichen!!!

ich kann die entschuldigeungen für faulheit und trägheit nicht mehr ertragen. dieses: ich habe nie eine chance gehabt - ekelt mich an. dieses: ich würde ja gerne, aber das geld fehlt - widert mich an.
man steht auf, ergrift eine chance und geld ist dann da, wenn ich es verdient habe. nicht vorher! diese mentalität ist unser ende!!!
Onzapintada (02.06.2010, 01:01 Uhr)
@tannebaum: 100 Prozent Zustimmung!
@tannebaum: "ich glaube bei einigen ist der faden längst gerissen. ansprüche ohne ende, aber keinerlei gegenwert."

Hier haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen; die deutschen Geldeliten und Bewohner der Erste-Klasse-Suiten sind unersaettlich.

Sie blenden offenbar aus, dass sie nicht (Wirtschafts-)Krieg gegen andere Staaten UND gleichzeitig gegen die eigene Bevölkerung führen können. Natürlich können sie das Volk kurz halten, und problemlos unten. Aber dann können sie ihre Standort- und Wirtschaftsmacht- Ambitionen vergessen.
Da sie nicht teilen wollen, werden sie scheitern.
Und deutsche Manager loben den Standort.
Meine Güte.


der2groeste (01.06.2010, 20:47 Uhr)
Die klassengesellschaft
Leute die Arbeiten müssen haben mehr Zeit für ihre Kinder als viele Harz4 Empfänger.
Das hört sich zwar komisch an, das ist aber Tatsache. Harz4 Empfänger haben zwar viele Kinder, um noch mehr Harz4 zu bekommen, aber leider keine Zeit für deren Ausbildung. Slums erzeugt Slums . Armut erzeugt Armut.
Rostlaube (01.06.2010, 17:14 Uhr)
Ja und mein Sohn ist auch grade im Schwimmbad (wäre gerne mit - geht aber nicht, hatte grade eine OP hinter mir) Familiensaisonkarte für 58 Euro, auch bezahlbar, finde ich
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