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Schwere Fehler in der Bibel?

Das wichtigste Papier für S21 bezifferte schon 2002 die Kosten auf 4,2 Milliarden Euro. Die Bahn sagt: Kleiner Fehler, gemeint seien D-Mark. Doch im Papier steht alles in Euro. Ist etwa alles falsch?

Von Ralf Klassen

Ein stern.de-Bericht zum umstrittenen Projekt Stuttgart 21 sorgt für Wirbel. stern.de hat am Mittwoch früh über ein internes Bahn-Papier berichtet, das auf den sperrigen Namen "Betriebliche Aufgabenstellung zur Umsetzung der Konzeption Netz 21" hört – kurz "BAST". Das Papier ist die Bibel für die Planer, Entwickler, Ingenieure von Stuttgart 21. Es stammt aus dem Jahr 2002, ist aber die gültige Grundlage aller Arbeiten für S21. Darin, so berichtete es stern.de, veranschlagt die Bahn die Kosten von Stuttgart 21 mit 4,2 Milliarden Euro.

Diese Zahl ist brisant, denn sie bedeutete: Die Bahn ging schon 2002 von Kosten aus, die weit höher lagen als alle seither genannten. 2003 war offiziell von 2,5 Milliarden Euro die Rede, im Juli sprach Bahnchef Rüdiger Grube von 4,1 Milliarden Euro.

Nur ein kleiner Schreibfehler in einer Tabelle?

Die Antwort der Bahn kam prompt kurz nach dem Mittag. Die Überschrift: "Bericht von stern.de über angeblich geheim gehaltene Kostensteigerungen unzutreffend." Die Kernaussage der Bahn: "In der vom stern zitierten BAST (Betriebliche Aufgabenstellung) aus dem Jahr 2002 ist in einer Tabelle über die jährlichen Kosten für das Bahnprojekt Stuttgart 21 die Gesamtsumme von 4,2 Milliarden DM fälschlicherweise in "Euro" angegeben worden. Bei der Verwechslung der Währungsangabe handelt es sich um einen redaktionellen Fehler im Zusammenhang mit der Währungsumstellung von DM auf Euro im Jahr 2002." Süffisant endet die Mitteilung: Die "vermeintliche Enthüllung" sei nichts als "die Entdeckung eines Schreibfehlers".

4,2 Milliarden DM wären gut 2,1 Milliarden Euro – und das würde sich in die offiziellen Darstellungen fügen. Das Projekt wird zwar von Jahr zu Jahr teurer, aber damals lag es offiziell eben nur bei etwas mehr als zwei Milliarden Euro. Die Bahn-Mitteilung wirkte: Prompt zog die Agentur dapd ihre Meldung zurück. Die Bahn hatte die Deutungshoheit zurück.

Nur ein kleiner Schreibfehler in einer Tabelle? Bloß ein einziges Mal DM mit Euro verwechselt?

Schauen wir doch mal nach in der BAST. Die BAST besteht aus Hunderten Seiten. Überall, in allen der vielen Tabellen, die das Werk enthält, sind die Angaben in Euro. Das Euro-Zeichen steht fast auf jeder Seite. Das Rechenwerk, aus dem sich die Gesamtsumme von 4,2 Milliarden ergibt, besteht aus 20 Seiten. Auf diesen 20 Seiten ist alles in Euro dargestellt. Das DM-Zeichen wird hier nirgendwo verwendet. Nirgendwo.

Nicht nur kompliziert, sondern auch peinlich

Die Gesamtsumme ergibt sich aus der Summe der über 20 Seiten aufgelisteten Einzelposten, die für das "Paket 3 – Stuttgart 21" für die Jahre 2002 – 2010 aufgestellt wurden. Diese wiederum sind auch in einer Tabelle zusammengefasst. Immer in Euro. Addiert man die Einzelpositionen (z.B. 293 Millionen für 2005 und 457,3 Millionen für 2006), die laut BAST samt und sonders Euro-Angaben sind, so ergibt sich 4,2 Milliarden – und was sonst als Euro? Euro + Euro = Euro.

Doch "Nein" – sagt die Bahn. Denn, so hatten die Fachleute des Konzerns in diversen Sitzungen am Nachmittag herausgefunden, auch diese Euro-Angaben müssten eigentlich DM-Angaben sein. Während man nämlich bei der Auflistung von "Paket 1" und "Paket 2" korrekterweise alles bereits in Euro umgerechnet hätte, seien die Angaben für "Paket 3 – Stuttgart 21" in DM aufgelistet worden, allerdings als Euro verbucht.

Und nun wird es nicht nur kompliziert, sondern auch peinlich - denn dieses würde, wenn die Bahn-Version stimmt, nichts anders bedeuten, als dass das gesamte Zahlenwerk der BAST mit einem grundlegenden Fehler durchzogen ist, der bei Beiträgen in dreistelliger Millionenhöhe Euro mit DM verwechselt.

Aber gibt es das: so fundamentale Fehler in der Bibel?

Umrechnungsmissverständnisse in Milliardenhöhe

Zumindest an einer Stelle hat Bahnchef Grube im Sommer diesen Jahres selbst eine Zahl genannt, die man in der BAST findet. Ausgerechnet genau in der Tabelle, die nun angeblich Euro und DM verwechseln soll. Grube bezifferte im Juli die Kosten für die Neubaustrecke nach Ulm mit 2,9 Milliarden Euro. Euro! In der Tabelle in der BAST steht, dass die Neubaustrecke nach Ulm 2,887 Milliarden Euro kostet. Euro!

Aber halt, auch diese Euro - sagt die Bahn - sind ja eigentlich Mark. Denn der Umrechenfehler würde auch für die Berechnung der Neubaustrecke gelten. Und dass der DM-Preis von damals, 2,89 Miliarden, jetzt mehr oder weniger genau dem Euro-Preis von 2010 entspreche, sei halt Folge der erhöhten Kosten und reiner Zufall.

Fehler und Umrechnungsmissverständnisse in Milliardenhöhe, acht Jahre lang unentdeckt im wichtigsten Planungsinstrument des größten Bauprojektes der Bahn AG. Darauf muss man erst mal kommen.

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