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1. Mai 2009, 21:37 Uhr

Die Revolution wurde nicht ausgerufen

Die einen orakelten von "sozialen Unruhen", die anderen fürchteten Neonazi-Provokationen: Doch zumindest bis zum frühen Abend bestätigten sich die Befürchtungen von Politik und Polizei, der 1. Mai könnte im Krisenjahr in Berlin besonders eskalieren, nicht. Von Judka Strittmatter

Walpurgisnacht, 1. Mai, Randale, Berlin, Hamburg, Friedrichshain, Schanzenviertel, Kreuzberg

Tanz als Protest: Bis zum frühen Abend blieb es bei den Demonstrationen in Berlin überwiegend friedlich© Pawel Kopczynski/Reuters

Im Vorfeld wurde viel orakelt: Würde die Krisenstimmung den relativ ruhigen Verlauf des Maifeiertags der letzten Jahren untergraben? Würden neben der linksradikalen Szene, die schon Wochen zuvor in der Hauptstadt Autos und Baustellen abgefackelt hatte, diesmal auch "Normalbürger" ihre Wut entladen über den "Raubtierkapitalismus" und das Krisenmanagement der Bundesregierung? Hatten DGB-Chef Michael Sommer und SPD-Bundespräsidentin-Kandidatin Gesine Schwan vielleicht doch recht mit ihrer Befürchtung von "sozialen Unruhen" oder würde der Deutsche anders sein als der Franzose - für weitreichende Ausschreitungen nicht gemacht?

Bis zum späten Nachmittag des 1. Mai sah es in der Hauptstadt dann doch eher danach aus, dass die befürchteten Unruhen ausbleiben. In der Nacht zuvor hatte es einzelne Randale in Friedrichshain gegeben, am Freitag selbst blockierten rund 1000 NPD-Gegner den Aufmarsch der Rechten in Köpenick. Nur am Rande kam es zu Scharmützeln mit der Polizei. Aber dass Kreuzberger Nächte lang sind, weiß man in Berlin nicht erst seit den Gebrüdern Blattschuss, auch im letzten Jahr war die zunächst friedliche Stimmung in den Nachtstunden in Kreuzberg noch gekippt. 103 Polizisten wurden verletzt. Damit dies 2009 nicht passiert, sind in diesem Jahr 6000 Einsatzkräfte unterwegs.

Auch der Hans-Christian Ströbele, kampferprobter Bundestagsabgeordneter von Bündnis90/Die Grünen wollte am Nachmittag in Kreuzberg noch keine Entwarnung geben: "Wir werden sehen, was passiert. Je höher der Alkoholspiegel, umso größer die Gefahr." Zuvor hatte Ströbele gegen 14 Uhr die friedlich motivierte Straßenparty "Myfest" auf dem Mariannenplatz eröffnet, zu dem rund 15.000 Menschen strömten. Ströbele mahnte "vor lauter Feierei politische Inhalte nicht zu vergessen".

"Nichts gegen Trinken, Essen und Scherzen", so Ströbele, aber "besonders in diesem Jahr" sei es wichtig "zu kämpfen und diesen Kampf auf die Straße zu tragen". Angesichts von Milliardenpaketen, die die Bundesregierung in marode Banken statt in soziale Maßnahmen stecke, sei das Maß an Erträglichkeit überschritten. "Da kann man, da muss man wütend sein", rief der Grünen-Politiker den Massen zu. Weil die Auswirkungen der Krise bei den meisten Menschen noch nicht angekommen sei, sehe er die Gefahr "sozialer Unruhen" momentan nicht, aber ob die auch in Zukunft ausblieben, hinge davon ab, wie "transparent und ehrlich" die Bundesregierung ihr Krisenmanagement kommuniziere. Auf dem "grünen Sofa" im Mariannenpark stellte sich Ströbele den Fragen seiner Kreuzberger Wähler, inmitten von "Kinderschminkstationen" und Ständen mit Forderungen wie "Stoppt den Mietwucher" oder "Mediaspree versenken". Später am Abend, sagte er, werde er wie jedes Jahr mit dem Rad herumfahren bis Mitternacht. "Falls es knallt, will ich mir ein Bild machen, wie es wirklich war und wer wirklich angefangen hat."

Mathias Mälzer, Attac-Aktivist aus Berlin schloss sich am Nachmittag mit Freunden der "Mayday-Parade" an, die verspätet vom Bebelplatz in Richtung Moritzplatz zog. Ihn freute, dass bei allgemeiner Politikverdrossenheit "trotzdem so viele Menschen mit so vielen Themen auf die Straße getrieben hatte". Zu einem größeren gemeinsamen Auftritt der Globalisierungsgegner kam es an diesem 1. Mai wegen fehlender Finanzen nicht.

Auch in der Nacht war es ruhig geblieben

Trotz vorausgehender Randale-Vermutungen war es auch in der Nacht zuvor am Mauerpark in Prenzlauer Berg ruhig geblieben. Anfeindungen gab es höchstens zwischen der Polizei und Gewerbetreibenden in diesem Gebiet. So hatte der Inhaber des "PKW An- und Verkauf" an der Bernauer Straße türkische Freunde und Mitarbeiter und einen Würstchengrill herangeschafft, um das Non-Stop-Wacheschieben vor dem eigenen Laden zu organisieren. Obwohl man schon im letzten Jahr die Autos weit von der Straßenkante zurückgesetzt hatte, waren acht Scheiben zu Bruch gegangen. Der Polizei, die gestern mit fast 20 Wannen am neuralgischsten Punkt im Stadtviertel Prenzlauer Berg vertreten war, traute man Beschützerqualitäten offenbar nicht zu. "Wenn ich hier gleich falsch wende, kriege ich einen Strafzettel, aber meine Autos muss ich gegen Steineschmeißer selbst verteidigen", erboste sich der Fuhrpark-Chef.

"Das hat hier seit ein paar Jahren schon eher Happeningcharakter", meinte ein Polizeibeamter vor Ort. Und voll sei der Park mittlerweile jeden Abend, weil er in jedem Reiseführer stehe. Und so ließ das alternativ anmutende Publikum friedlich sein Flaschenbier von Alba-Mitarbeitern in Plastikbecher umfüllen und sträubte sich auch nicht, wenn Polizeibeamte mitgeführte Taschen scannten: "Wat issen dit Schwere da drin?" Danach genoss es mit Kindern und Freunden diverse Kleinkunstgruppen im Mauerpark, der prophylaktisch mit dem Flutlicht des benachbarten Ludwig-Jahn-Stadions ausgeleuchtet war. Polizeioberkommissar Olaf Lünenberger lief mit Kollegen über das Gelände und sah bis in den späten Abend "anders als in den anderen Jahren nur nette Menschen".

Ein Grüppchen Berliner Studenten offerierte Pflastersteine, die sie mit Preisschildern etikettiert hatten - eine Art provozierender Gag gegen den Prenzlauer Berg, der mittlerweile "nur noch von schwäbischen Wohlstandsbürgern bewohnt ist, die dann an einem Abend wie diesem eher mit Champagnergläsern auf ihren Balkonen stehen als die Revolution auszurufen". Martin, 21, ein junger Arbeitsloser vom Alexanderplatz nutzte das Flaschenverbot im Park für aktives Gegensteuern und Stimmungsaufhellen in der Krise. Im fünften Jahr sammelte er mit seinem Bruder die umgefüllten Flaschen ein. "1000 Euro bringt mir so ein Abend, das macht mich echt froh."

Von Judka Strittmatter
 
 
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