. .
Politik in Deutschland
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
6. Juni 2007, 17:28 Uhr

Das ist die Hölle

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebt. Im siebten Teil trifft er - wieder - auf den "schwarzen Block". Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Bei Bollhagen: Die Polizei geht mit Wasserwerfern gegen G8-Gegner vor© Kay Nietfeld/DPA

"Rauchentwicklung auf drei Uhr! Das muss in der Kühlung sein, unserem heutigen Anmarschweg!" Diese Meldung meines Fahrers ließ mich von meinen Unterlagen aufschauen. Da mein Zug im Marschband vor der Hundertschaft eingesetzt war, nahmen wir es auch als erstes wahr: Eine riesige schwarze Rauchwolke stand drohend über dem Waldgebiet "Zur Kühlung" und verdunkelte den malerischen Sonnenaufgang am Horizont.

Bei einem kurzen technischen Halt holte sich unser Hundertschaftsführer die aktuellste Lagemeldung aus diesem Bereich. Und in der Tat bestätigte sich unsere Vermutung. In der Zufahrtsstraße zwischen Kröpelin und Kühlungsborn waren Barrikaden aufgebaut und angezündet worden. Da andere Einheiten bereits mit der Räumung der Barrikaden begonnen hatten war unsere Unterstützung vor Ort nicht erforderlich.

Wir nahmen eine Ausweichstrecke und erreichten ohne weitere Zwischenfälle Heiligendamm.

Randalieren, zerstören, verletzen

Eigentlich erwartete ich, dass es am heutigen Tage am Zaun ruhiger als am Vortag wird. Die friedlichen Demonstranten würden sicherlich zum Konzert nach Rostock wollen und dem "Schwarzen Block" würde das Rückzugsgebiet fehlen. Sie wissen und kalkulieren es stets eiskalt ein, dass wir nur beschränkt vorgehen können, wenn sie sich in normale Demonstrationen zurückziehen. Aber weit gefehlt. Wieder was gelernt.

Heute zeigte sich wieder die wahre Einstellung dieser Gruppierungen: randalieren, zerstören, verletzen.

Ab zehn Uhr bis in die Abendstunden erfolgen "…im Namen einer besseren Welt…" massive Angriffe auf die Polizeikräfte am Zaun zwischen Vorder- Bollhagen und der westlichen Kontrollstelle.

Funktionieren wie Maschinen

Solch unbändiger Hass, solche Einstellung zum Leben lässt sich doch nicht mit einer "schlechten Kinderstube" oder Gruppendynamik erklären.

Diese Gedanken schossen mir durch den Kopf, als ich das Anlegen der Sonderausrüstung befahl und wir innerhalb kürzester Zeit unsere Handlungsbereitschaft herstellten. Wir funktionieren nur noch wie Maschinen. Lage beurteilen, reagieren, agieren. Alles mit einer mittlerweile erschreckenden Gleichgültigkeit, Routine und Präzision. Es wird einem langsam unheimlich vor sich selbst.

Dieser Wahnsinn kann und darf doch nicht Routine werden, interessiert das niemanden, warum reagiert keiner darauf? Das ist doch die Hölle! Was ist dann Krieg?

Tagen und kämpfen

Einen krasseren Widerspruch kann es nicht mehr geben: Auf der einen Seite tagt man piekfein in "tiefsten Frieden" über Probleme, Gewalt und Kriege auf dieser Erde und nur wenige hundert Meter weiter schlagen wir uns die Schädel ein. Die sollen doch einfach mal hier herüber kommen und sich das mit anschauen. Dann würden sich viele Probleme dieser Welt von ganz alleine lösen. Versteh dass wer will, ich kann das nicht.

Steine, Mollis, Krähenfüße, Hubschrauber, …! Unsere kleine Welt beschränkt sich weiterhin auf Trinken, Schatten, Laufen, Handeln.

Letzte Lagemeldung aus Heiligendamm: Wir sollen ausgeflogen werden! (Hoffentlich auf eine Insel im Süden.) Es wird immer toller!

Bilanz des heutigen Tages: Ich will zurück zu meiner Brennnessel!

Zur Person

Zur Person Polizeioberkommissar Ingolf Boldt (POK), 34, stammt aus Schwerin. Seit 1994 ist er bei der Polizei, seit 1995 bei der Bereitschaftspolizei. Mittlerweile ist Boldt Zugführer und damit Chef von rund 35 Beamten in einer Bereitschaftspolizei-Hundertschaft. Er war bei etlichen Gorleben-Einsätzen dabei, beim Elbhochwasser, bei Mai-Demos und bei der Fußballweltmeisterschaft. In seiner Freizeit fährt er gern Motorrad, die letzte CD, die er gekauft hat, war eine von AC/DC.

Von Ingolf Boldt, Heiligendamm
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 6 Molotowcocktails, 50 Stück

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebt. Im sechsten Teil zieht er die Bilanz eines riskanten Einsatzes. mehr...

Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 5 Neue Aussichten

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im fünften Teil berichtet er von einem ruhigen Tag - mit viel Getier. mehr...

Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 4 "Vorsicht Pflasterstein!"

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im vierten Teil beschreibt er, wie er die Berichterstattung über die Rostocker Krawalle empfunden hat. mehr...

Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 3 Wir liegen nicht am Boden!

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel ab. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im dritten Teil beschreibt er seine Fassungslosigkeit nach den brutalen Straßenschlachten von Rostock. mehr...

Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 2 Stimmung sackt auf den Nullpunkt

Insgesamt etwa 16.000 Polizisten schützen den G8-Gipfel in Heiligendamm. Wie ergeht es ihnen? Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Boldt ist zur Zeit zum Schutz des Tagungsortes eingesetzt. Im zweiten Teil beschreibt er die Sorge um die Kollegen in Rostock. mehr...

Tagebuch eines Gipfel-Polizisten, Tag 1 "Wir haben keine Angst"

Insgesamt etwa 16.000 Polizisten sollen rund um den G8-Gipfel in Heiligendamm für Sicherheit sorgen. Wie ergeht es ihnen? Wie sehen sie die Demonstrationen? Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, wie er den Gipfel erlebt. Im ersten Teil beschreibt er seine Vorbereitung auf das Großereignis. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (23/2012)
Rettet die Liebe