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6. Juni 2007, 17:28 Uhr

"Lass uns das Licht ausmachen"

16.000 Polizisten sichern den G8-Gipfel. Anders als Politiker und Demonstranten kommen sie kaum zu Wort. Für stern.de schildert Polizeioberkommissar Ingolf Boldt täglich, was er erlebt. Im achten Teil erlebt er den Showdown in Heiligendamm. Von Ingolf Boldt, Heiligendamm

Heiligendamm: Ein spät eingeflogener Gipfelteilnehmer auf dem Podest für die offiziellen Fotos© Toshifumi Kitamura/AFP

Wenn ich es nicht selber gelesen hätte, würde ich es nicht glauben. Zumindest steht es so auf dem Ortseingangsschild. Und wenn ich es nicht besser wüsste würde ich meinen, das heute der 08. April ist und nicht der 08. Juni. Keine Demonstranten und nur vereinzelnd stehende Polizeifahrzeuge. Absolute Friedhofsruhe.

Gab es hier einen Knall, und wir haben ihn nicht gehört? Man hat glatt den Eindruck, dass alle abgehauen sind. "Lass' uns hier das Licht ausmachen, abschließen und nach Hause fahren!" Treffender kann der Kommentar von meinem Fahrer nicht sein, und insgeheim muss ich ihm einfach recht geben.

Gestern noch gab es schwere Auseinandersetzungen, und heute früh hat man das Gefühl, der Gipfel komme erst noch. Verrückt ist gar kein Ausdruck dafür.

Na ja, man kennt es nicht anders, und mir kommt es auch nicht ungelegen. Der Wetterbericht hat für heute tropische Temperaturen angekündigt und allein der Gedanke daran, bei diesem Wetter mit der Schutzausrüstung agieren zu müssen, treibt mir das Wasser aus allen Poren. Also ziehe ich mit meinem Zug vorsorglich im Schatten unter.

Der Vormittag verläuft mehr als ruhig. Ich versinke in Gedanken und erinnere mich an den gestrigen Abend.

Alle Zufahrtsstraßen um Heiligendamm herum waren blockiert und in der Tat mussten die Ablösekräfte ein- und wir ausgeflogen werden. Jeder, der noch nicht geflogen ist, kann sich die Aufregung vorstellen, die herrschte, als aus dem Gerücht Wirklichkeit wurde. "Unsere Hundertschaft wird mit acht Hubschraubern der Bundespolizei ausgeflogen."

Beim Anblick meines angetretenen Zuges am Landeplatz musste ich mir dann mit Gewalt ein lautes Lachen verkneifen, einem breiten Grinsen ließ ich aber trotzdem freien Lauf. Wir glichen eher einer Kindergartengruppe zur Weihnachten, als einem Einsatzzug einer Bereitschaftspolizei. Von Unbehagen und Skepsis über Neugier und heller Begeisterung spiegelten sich alle Gefühle in den Gesichtern meiner Leute wider. War es für einige doch der erste Flug in einem Hubschrauber und für viele der erste Flug überhaupt in ihrem Leben. Aber was soll's, verdammt! Das haben sie sich mehr als verdient. Wann erlebt man so etwas schon mal.

Wir bestiegen die Maschinen, und wie an einer Perlenkette aufgereiht hoben wir kurze Zeit später ab. Der Anblick von Heiligendamm aus der Luft bot ein atemberaubendes Schauspiel. Blutrot berührte die Sonne am Horizont das Mehr und tauchte alles in einen rötlichen Schimmer. Himmel, war das schön! Für sieben Minuten fiel alle Erschöpfung und Belastung von uns herab, und ich ließ mich einfach von diesem Anblick gefangen nehmen.

Ein Knacken im Funk unterbricht meine Erinnerung.

Der Wagen gleicht einem Backofen. Die Luft flimmert, und der Schweiß rinnt mir den Rücken herunter. Die Hitze scheint alle zu lähmen, Demonstranten und uns. Wenn das so weiter geht, kippen wir alle noch aus den Autos. Diese Ruhe und Hitze macht einen einfach fertig, man fährt förmlich seinen Akku runter. Und das will ich natürlich nicht. "Untätigkeit ist das Ende jeglicher Ordnung!"

Zügig lasse ich alle antreten und befehle kurzerhand die Kontrolle der Fahrzeuge und Führungs- und Einsatzmittel. Wir räumen die Fahrzeuge auf, sammeln heruntergefallene Becher weg. Nach knapp einer Stunde sind wir alle wieder "am Leben", alles aufgeräumt und das Wichtigste: Nichts fehlt.

Als dann auch noch unsere jederzeit bereiten und absolut zuverlässigen Versorger mit frischen Kaltgetränken wieder bei uns eintreffen, ist der Nachmittag schnell vorüber.

Meines Erachtens nach hat die Protestbewegung ihre Aktivitäten in Heiligendamm beendet. Die Frage, die sich für mich jetzt stellt ist die, welchen Auftrag wir wohl ab morgen erhalten werden. Lagemeldung aus Heiligendamm: ... keine besonderen Vorkommnisse.

Bilanz des heutigen Tages: Wo ist der Lichtschalter?

Zur Person

Zur Person Polizeioberkommissar Ingolf Boldt (POK), 34, stammt aus Schwerin. Seit 1994 ist er bei der Polizei, seit 1995 bei der Bereitschaftspolizei. Mittlerweile ist Boldt Zugführer und damit Chef von rund 35 Beamten in einer Bereitschaftspolizei-Hundertschaft. Er war bei etlichen Gorleben-Einsätzen dabei, beim Elbhochwasser, bei Mai-Demos und bei der Fußballweltmeisterschaft. In seiner Freizeit fährt er gern Motorrad, die letzte CD, die er gekauft hat, war eine von AC/DC.

Von Ingolf Boldt, Heiligendamm
 
 
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