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17. März 2008, 06:46 Uhr

Wer hat Angst vor Wolfgang Clement?

Haben die Hartz-Reformen, hat die Schrödersche Agenda 2010 die Mittelschicht in Deutschland an den Rand des Abgrunds gedrängt? Hat Rot-Grün das Land sozial gespalten? Das haben bei "Anne Will" unter anderem der CDU-Linke Heiner Geißler und der Agenda-Verfechter Wolfgang Clement diskutiert. Von Kristina Pezzei

Verteidigte im Talk bei Anne Will die Agenda 2010: Wolfgang Clement© Marcus Brandt/DDP

Als die Leitartikel zum Jubiläum längst gedruckt, die Bilanzen gezogen sind und nahezu jeder prominente Politiker in Deutschland seinen persönlichen Erfahrungsbericht zum Besten gegeben hat, legt Anne Will mit einem Themenabend zur Agenda 2010 nach. Gesagt war eigentlich schon alles, und die Positionen des Kontrahenten-Trios Clement, Geißler und Oettinger sind ebenfalls hinlänglich bekannt. Spannend hätte allenfalls das Aufeinandertreffen der Kontrahenten werden können.

Die Moderatorin hatte sich wohl auch einiges von der Konstellation ihrer Sonntagabend-Runde versprochen. Jedenfalls ließ sie Clement und Geißler das erste Viertel der Sendung in aller Ruhe ihren Dialog entfalten. Clement wiederholte fünf Jahre nach Einführung der Agenda 2010 wie "absolut notwendig" er diese "Weichenstellung sondergleichen" findet. Was der einstige "Superminister" als wichtigstes Programm seit den Reformen Ludwig Erhards bezeichnete, ist für Heiner Geißler selbstverständlich das Gegenteil.

Stänkereien unter alten Bekannten

Auch der 78-Jährige, seit Jahrzehnten Mitglied bei der CDU und seit einem Jahr bei den Globalisierungskritikern von Attac, durfte seine Standpunkte wiederholen. Hartz IV ist demzufolge für viele Menschen die "in Paragrafen gegossene staatliche Missachtung ihrer Lebensleistung", Hartz IV verletzt die Menschenwürde. "Das gesellschaftspolitische Problem besteht darin, dass für diese Leute, die aus der Arbeitswelt in eine Fürsorgesituation geraten sind, praktisch das ganze Leben zusammengebrochen ist." Clement sagt, der Geißler übertreibt, Geißler sagt: "Ich übertreibe überhaupt nicht", Clement stänkert nach, "ständig übertreiben Sie". Oettinger schaut derweil hochkonzentriert, die Stirn in Falten, und blinzelt. Zwischendurch darf er kurz erzählen, wie hervorragend es konjunkturell bei ihm im Schwabenland läuft und dass Qualifizierung der Schlüssel für jeglichen Aufstieg ist. Vom Sessel haut es den ermüdeten Zuschauer deswegen nicht.

Musterbeispiele des Abstiegs

Die übrigen Gäste auf dem Podium waren Platzfüller und vermochten die eingespielten Kabbeleien nicht aufzumischen; der Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, kam sowieso erst nach einer halben Stunde das erste Mal zu Wort. Aber da saß ja noch das Ehepaar Merz aus Heidelberg auf dem Sofa, Musterbeispiele des Abstiegs. Petra Merz war Leiterin eines Supermarkts, bevor sie erkrankte und ihre Stelle aufgeben musste. Seitdem ist Horst Merz mit einem Einkommen von etwa 500 Euro im Monat der Alleinverdiener für die Familie. Er erhält sein Geld aus Minijobs, manchmal geht er parallel drei Zuverdiensten nach. Die Raten für das Haus sind noch nicht abbezahlt, die Tochter findet keinen Studienplatz in der Umgebung, das Ehepaar hat trotz guter Ausbildung und Hunderten Bewerbungen bestenfalls eine Absage bekommen: Dieses Schicksal macht betroffen. Die Herren Oettinger und Clement könnten sich das bestimmt nicht vorstellen, wie das Gefühl auf so einem Abstellgleis sei, ruft Merz. Es war die Chance auf einen Ruck durch die Runde. Heraus kam allenfalls ein Anflug von Abwechslung. Clement reagierte mit konzentriertem Blick. Oettinger sagte, er werde nach der Sendung das Gespräch mit den Merzens suchen, denn in der prosperierenden Rhein-Neckar-Region könne es ein solches Schicksal nicht geben. Es gebe dort "glänzende Angebote" für ältere Arbeitnehmer wie Horst Merz.

Clement: "Veränderungen waren unausweichlich"

Zumindest ist die Diskussion einmal konkret beim Thema angelangt, der großen Angst vor dem Abstieg im Mittelstand. Clement lässt sich von Anne Wills Betroffenheits-Trumpf nicht aus der Reserve locken. Die Familie Merz sei ein Einzelfall, wiegelt er ab und will sich wieder ins Allgemeine flüchten: "Die Veränderungen waren unausweichlich." Wo Clement ist – nach eigenen Angaben ein westfälischer Sturkopf –, bleibt wenig Raum für andere. Den Parteigenossen Fritz Schösser (noch ist Clement SPD-Mitglied) nimmt er nicht wirklich ernst. Oettinger ist bei der ganzen Diskussion seltsam außen vor (nach Ansicht Geißlers ist der CDU-Regierungschef ohnehin der falsche Mann in der Runde, weil in Baden-Württemberg ja alles in Ordnung sei). Einzig Geißler, zur Rechten von Clement platziert, darf dem zehn Jahre jüngeren SPD-Mann Kontra geben. Als die zwei auf einen echten Streitpunkt kommen mit der Frage, ob ein Job zum Leben reichen muss, ist die Sendung fast vorbei. Clement wirbt für Zeitarbeit und wird damit den Vorstellungen eines seiner Arbeitgeber, dem Zeitarbeits-Weltmarktführer Adecco, gerecht. Geißler bringt die Situation auf dem deutschen Arbeitsmarkt in Verbindung mit der gestiegenen Kriminalitätsrate in den USA, und Anne Will scheint auf ihr Thema am Ende selbst keine Lust mehr zu haben. Zum Abschluss will sie von Wolfgang Clement lieber wissen, ob er Angst vor dem SPD-Ausschluss habe. Nach der Anti-Wahl-Hilfe für die hessische SPD-Kandidatin für das Amt des Ministerpräsidenten, Andrea Ypsilanti, droht ihm der Parteiausschluss. Clement hatte die Wähler indirekt aufgefordert, in Hessen nicht die SPD zu wählen. Er hat übrigens keine Angst, der Herr Clement. Sagt er zumindest. Womöglich muss auch die Familie Merz keine Angst mehr haben, denn ihr Ministerpräsident wollte ja das Gespräch suchen. Und Anne Will geht ebenfalls angstfrei in die Osterferien.

Von Kristina Pezzei
 
 
KOMMENTARE (10 von 31)
 
ganzbaf (18.03.2008, 18:36 Uhr)
Schmierlappen Clement

Ich mag das alte Faltentier nicht ;-P
Ausweisen, Pass entziehen, Pensionsansprüche streichen.
quacks (18.03.2008, 16:39 Uhr)
@LokiAsgar
Ich für meinen Teil habe eine relative hohe Ekelschwelle. Ekel empfinde ich sicherlich nicht für Menschen die in eine Notlage (selbstverschuldet oder nicht) geraten sind. Wieso bezeichnen Sie jemanden der per Abendschule sein Abi nachgemacht hat als willensschwach und weinerlich? Hartz 4 hat sicherlich nicht dazu beigetragen, dass Arbeitsunwillige wieder in Arbeit kommen – diejenigen kennen sich viel zu gut mit den Regelungen und Umgehungsmöglichkeiten aus. Es ist aber doch interessant, dass wir uns 5 Jahre nach der Agenda 2010 Gedanken über das Thema Mindestlohn, bzw. sittenwidrige Löhne machen müssen. Kann es nicht zufällig sein, dass die Einführung der Zumutbarkeitsregel in Hartz 4 die Selbstregulierung in der Wirtschaft ausgehebelt hat?
Loki-Asgard (18.03.2008, 15:42 Uhr)
@Quacks
Oje da regt sich aber jemand auf.Selbst Schwierigkeiten beim Lesen haben aber über den Bildungsgrad anderer Menschen schwafeln.
Sei es wie es will,wenn sie die Sendung gesehen haben und von der Weinerlichkeit und dem abschieben jeglicher Verantwortung Seitens der Familie Merz nich angeekelt sind,dann kann ihnen niemand mehr helfen.
quacks (18.03.2008, 12:46 Uhr)
Glückwunsch LokiAsgar
Sehr geehrter / sehr geehrte LokiAsgar! Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Erbschaft oder Ihrem Lottogewinn. Wieso ich darauf komme? Aufgrund Ihres Intellekts und Ihrer Bildung konnten Sie sicher nicht in eine solch sorgenlose wirtschaftliche Situation kommen um andere Menschen in dieser Gossenmanier anzugreifen.
Die Merzens haben nicht nach mehr Geld gebettelt, sondern nach vernünftigen Rahmenbedingungen um auch noch mit über 50 einen festen Job zu finden...
starmax (17.03.2008, 13:31 Uhr)
Clement übler Lobbyist !
Politiker von Gnaden des Volkes als Sprungbrett, läßt er sich heute gegen fürstliche Bezahlung als Sprachrohr von modernen Sklaventreibern benützen. Zeitarbeit in dieser üblen Form muß verboten werden! Nichts gegen eine einmalige Vermittlungspträmie - aber monatlich bis zu 30% von der Arbeit anderer zu schmarotzen, ist übelster Raubtierkapitalismus!!! Oder zahlen Sie Ihrem Immo-Makler auch zusätzlich zur Miete jeden Monat für das Recht,wohnen zu dürfen?
Solchen Gedanken muß sich ein Volkspolitiker stellen - und nicht dem Studium seiner Kontoauszüge! Aber die Rurpottmafia ist blind und taub....
starmax (17.03.2008, 13:22 Uhr)
Wir brauchen ein Preka-Camp für Politiker
Jeder Politiker, der beim Lügen oder einer Straftat erwischt wird, muß in ein 3monatiges Prekariats-Camp. Die Straf-Zeit kann er verkürzen, indem er bis zu 2 weitere Genossen (auch gwgen deren Willen) mitnimmt. Allein das wird schon lustig und käme dem deutschen Hang zum Denunziantentum sehr entgegen! Und wenn diese Herrschaften dann mal wirklich eine Zeit lang unter HartzIV gelebt haben, hört das dumme Geschwätz ganz von selbst auf -wetten? Die Sendung hätte wahrscheinlich Traumquoten... Bei H.Kohl würde das allerdings Dauerinternierung bedeuten, fürchte ich.
sophisticated (17.03.2008, 13:02 Uhr)
@LokiAsgar
Inhalt und Stil ihres Beitrages sind menschenverachtend. Diese Haltung kenne ich nur von Yuppis, der Westerwelle-Generation der Besserverdiener, den DINKs etc.. Souverän kann man nicht sein, wenn es einem schlecht geht, sondern nur wenn man Erfolg hat.
Tomatstern (17.03.2008, 12:29 Uhr)
Disqualifiziert
@Loki-Asgard
Eine Äußerung wie "peinliches Pack!" disqualifiziert Sie im Blick auf jegliche Diskussion deren Inhalte einen sozialkompetenten Charakter voraussetzen.
undueberhaupt (17.03.2008, 11:53 Uhr)
Was sind das für Talkshows?
In den 80er Jahren, ja, da gab es noch Talkshows so in the beginnig mit the "Grünen". Da flogen die fetzen, da ging es rund. Heute sind die fast alle schwul und doof, die haben keinen Mum mehr. Ich habe den Eindruck, alles wird vor der Sendung besprochen. Also alles nur Dreck....
Xennia (17.03.2008, 11:47 Uhr)
Arrogante Selbstdarsteller
Dass diese Sendung unerträglich war, kann ich nur bestätigen: eine Moderatorin, die kaum moderierte, sondern den selbstgefälligen Selbstdarstellungen eines skupellosen
Zeitarbeitslobbyisten (Clement) freien Lauf ließ und nicht einschritt, als die Hartz-IV- Familie durch Oettinger auch noch verbal gedemütigt wurde. (die übliche Leier, dass es doch angeblich genügend Jobs gäbe)
Die Zuschauer waren eindeutig "auf Linie" getrimmt: eine überflüssige und äusserst ärgerliche Sendung!
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