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"Umwerfend im wahrsten Sinne"

Drei Todesfälle nach dem Einsatz sogenannter Taser in Kanada heizen die Debatte um die Gefährlichkeit von Elektroschockwaffen an. Mit etwa 100 solcher Geräte ist auch die deutsche Polizei ausgerüstet.

Von Werner Mathes

Der Mann ist sichtlich erregt. Geht im Warteraum des Flughafens auf und ab, schnappt sich dann einen Klapptisch und hält ihn sich vor die Brust. "Beruhigen Sie sich", redet eine Passagierin auf ihn ein, "alles ist in Ordnung." Der Mann verschanzt sich wieder hinter der Glastür, die den Warteraum von der Sicherheitszone trennt. Als er plötzlich den Tisch wegschleudert und ein Computerterminal umwirft, nähern sich vier Polizisten, auch sie versuchen ihn zu bremsen. Doch er gestikuliert heftig weiter, dreht den Beamten den Rücken zu. Dann ein kurzes Geknatter. Der Mann fällt zu Boden, krümmt sich, zuckt und schreit. Es knattert wieder, die Polizisten werfen sich auf ihn - bis einer ruft: "Code Red!" Medizinischer Notfall. Kurz darauf ist Robert Dzienkanski, 40, tot.

Ein knapp zehnminütiges Video, aufgenommen in den frühen Morgenstunden des 14. Oktober im Flughafen der kanadischen Stadt Vancouver, hat die Debatte um eine umstrittene Elektroschockwaffe angeheizt: Der randalierende polnische Bauarbeiter war offenbar mit einem Taser beschossen worden.

Jede Attacke dauert fünf Minuten

Taser sind pistolenähnliche Plastikwaffen, die aus einer aufgesteckten Kartusche per Gasdruck zwei winzige Metallharpunen abfeuern. Diese 13 Millimeter langen Pfeilchen, durch feine Hochspannungskabel von über sieben Metern Länge mit dem Handgerät verbunden, schlagen mit einer maximalen Eindringtiefe von einem Zentimeter in die Kleidung oder in die Haut des Opfers und machen es kampfunfähig. Die Zielperson kann mehrmals unter Strom gesetzt werden, wobei eine solche Attacke jeweils fünf Sekunden dauert und das sensorische und motorische Nervensystem des Getroffenen lähmt. Die Spannung, die dabei freigesetzt wird, beträgt 50.000 Volt und wird benötigt, um den Kontakt durch dickere Kleidung zur Haut zu gewährleisten. Aber nicht die Spannung ist gefährlich, sondern die Stromstärke. Als lebensgefährlich gilt ein Wert von 50 Milliampere - beim Taser sind es gerade mal 2,1 Milliampere. Genug allerdings, "um das Ziel durch vollständige Muskelverriegelung angriffsunfähig zu machen", wie es Lars Lipke ausdrückt.

Lipke ist deutscher Generalimporteur der Herstellerfirma Taser International, die ihren Sitz im US-Bundesstaat Arizona hat. Sein Unternehmen Nonletal Ltd. ("Ihr Ansprechpartner für nichttödliche Waffen und Einsatzmittel") im nordrhein-westfälischen Wülfrath bestückt derzeit noch private Interessenten mit dem 629,95 Euro teuren Taser M 18, der nur als Kontaktschocker ohne Kartusche geführt werden darf, ab April nächsten Jahres jedoch verboten werden könnte. Mit einem etwas aufgemotzteren Gerät, dem Taser X 26 mit Laserpointer für die Zielmarkierung, versorgt Lipke die deutsche Polizei. "Um die 100" solcher Waffen habe er bislang an 13 der insgesamt 16 deutschen Länderpolizeien geliefert.

Zur Anwendung kommen die Geräte ausschließlich in den Spezialeinsatzkommandos (SEK), die bei Geiselnahmen etwa oder bei Razzien im Bereich der Organisierten Kriminalität angefordert werden. Während Taser in manchen Bundesländern schon zur festen Ausrüstung gehören, werden sie in anderen noch getestet. So in Berlin, wo Elektroschockpistolen in den vergangenen sieben Jahren neunmal aktiviert wurden - zuletzt im Februar, als am Brandenburger Tor ein Verwirrter außer Gefecht gesetzt werden musste. Martin Textor, inzwischen pensionierter Chef der Berliner SEK, hatte bereits 2004 die Einführung der Waffe befürwortet, überzeugt von ihrer Wirksamkeit: "Umwerfend im wahrsten Sinne des Wortes."

"In fast 70 juristischen Auseinandersetzungen kam es zu keinem Richterspruch gegen das Unternehmen"

Nicht selten sogar tödlich - davon jedenfalls ist Amnesty International überzeugt, die zwischen Juni 2001 und September 2007 in den USA und Kanada 291 Todesfälle nach polizeilichen Taser-Einsätzen gezählt haben will. In mindestens 20 Fällen seien die Stromstöße nach dem Urteil von Gerichtsmedizinern ursächlich oder mitursächlich für den Tod gewesen. Der US-Hersteller räumt ein, dass seine Geräte "nicht ohne Risiken", aber "insgesamt sicher und effektiv" seien. Auch Gerichtsmediziner, so die Firma, könnten irren, wenn sie kaum etwas über die Wirkung von Elektrizität wüssten - entsprechende Befunde seien in allen Fällen von Fachleuten widerlegt worden, denen Taser International die Autopsieberichte zur Überprüfung überlassen hatte. Taser- Repräsentant Lars Lipke behauptet gar, es gebe keinen einzigen Todesfall, der unmittelbar auf Taser-Beschuss zurückzuführen sei: "In fast 70 juristischen Auseinandersetzungen kam es zu keinem Richterspruch gegen das Unternehmen."

Lipke verweist auf die Studie des Notarztes und Deputy Sheriffs Jeffrey Ho aus Minneapolis, der seine Probanden unter ärztlicher Aufsicht in körperliche Extremsituationen brachte, indem er sie bis zur Erschöpfung auf einem Laufband rennen ließ, durch "Druckbetankung" (Lipke) betrunken machte oder ihnen lange Saunagänge verordnete, bis er sie mit einem Taser traktierte. Ho stellte allenfalls erhöhte Atmungs- und Herzfrequenzen fest, auch mal Verbrennungsmarken, wenn die Pfeile in die Haut eingedrungen waren.

Hos Menschenversuche waren allerdings von Taser International in Auftrag gegeben und finanziert worden - für Kritiker ein Beweis für die fehlende Unabhängigkeit des Mediziners, für Lars Lipke allerdings kein Problem: "Die Ho-Studie ist mittlerweile von zweifelsfrei unabhängigen Instituten mit ähnlichen Ergebnissen bestätigt worden." Außerdem: Taser International habe Amnesty USA angeboten, gemeinsam eine groß angelegte Studie erstellen zu lassen - Amnesty sei darauf leider nicht eingegangen. Lipke: "Wir mussten das dann allein durchziehen - auch um uns gegen mögliche Schadensersatzklagen abzusichern, die das Unternehmen vom Markt räumen könnten."

Eine weitere Taser-Studie, finanziert vom US-Justizministerium, stellte kürzlich William Bozeman von der Wake Forest University in Winston-Salem/North Carolina vor. Er hatte rund 1000 Taser-Einsätze der Polizei zwischen Juli 2005 und Juni 2007 ausgewertet und festgestellt, dass nach dem Beschuss drei Personen im Krankenhaus behandelt werden mussten. Zwei hatten sich Kopfverletzungen beim Sturz zugezogen, das dritte Opfer war erst zwei Tage nach seiner Verhaftung eingeliefert worden - unklar sei geblieben, ob dessen Behandlung wegen des Taser-Treffers erfolgte.

Hemmschwellen könnten sinken

Mathias John von Amnesty Deutschland fordert dagegen, Handel und Einsatz von Tasern und anderen Elektroschockwaffen so lange einzustellen, "bis die Ergebnisse einer umfassenden, unabhängigen und unparteiischen Untersuchung der Verwendung und Auswirkungen dieser Waffen vorliegen" - wobei auch Risikofaktoren wie Herzinsuffizienz, Drogeneinwirkung oder Behinderungen bei Probanden berücksichtigt werden müssten. John befürchtet zudem, dass solche angeblich nicht tödlichen Waffen die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung senken.

Womit er recht hat. Weil in den USA, Taser flächendeckend und auch von normalen Streifenpolizisten eingesetzt werden - bislang über 500.000-mal -, kommt es dort häufig zu Missbrauch. Getasert wird nicht nur im Notfall, sondern schon dann, wenn Menschen gefügig gemacht und zur Räson gebracht werden sollen. Ein solcher Verdacht drängt sich auch im Fall Robert Dzienkanski auf. Woran genau der Pole im Flughafengebäude von Vancouver starb, ist bislang ungeklärt. Dzienkanski hatte am 13. Oktober in Frankfurt am Main zum ersten Mal in seinem Leben ein Flugzeug bestiegen, um seine Mutter in Kanada zu besuchen. Offenbar wegen eines Missverständnisses wartete er zehn Stunden lang in einem gesicherten Trakt des Airports auf sie, während die alte Dame sich im Besucherbereich aufhielt und nach sechs Stunden wieder nach Hause fuhr. Dale Carr, Polizeisprecher von Vancouver: "Wir müssen die komplette Beweisaufnahme der gerichtlichen Untersuchung abwarten."

Inzwischen starben in Kanada zwei weitere Menschen nach Taser-Beschuss - ein 45-jähriger Häftling in Halifax und ein 36-jähriger Mann, der in einem Kaufhaus in Chilliwack randaliert hatte und zudem mit Schlagstöcken und Pfefferspray außer Gefecht gesetzt wurde. Auch in diesen Fällen dauern die Untersuchungen noch an.

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